Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Claudia Lillge

Tiere sehen. Editorial

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 148, 2018

 

Von November 2017 bis März 2018 zeigte das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe eine Ausstellung zum Thema „Tiere. Respekt – Harmonie – Unterwerfung“. Letztere präsentierte eine Vielzahl an Exponaten, die speziell auf Tiere als Motiv, Thema oder Inspiration der künstlerischen Gestaltung zugreifen. In historischer und welt(en)kultureller Breite reihten sich in den Museumsräumen u.a. Schmuck aus Ägyptens vorpharaonischer Zeit („Amulett in Form eines Pelikans“, 4. Jtd. v. Chr.), Otto Pilz’ Neuinterpretation der „Affenkappelle“ aus Meißner Porzellan (1908–1912) sowie eine Serie in Schmetterlingsschaukästen aufgespießter Kakerlaken, deren Flügel der japanische Künstler Akihiro Higuchi mit urushi-Lack, Gold- und Silberstaub filigran bemalte und so das Bild des Ungeziefers und Schädlings auf unerwartete Weise verfremdete („Collection-Kakerlaken“, 2017). Die Ausstellung führte vor: Die künstlerische Aneignung von Tieren ist so alt wie die Kunst selbst. Sie findet sich in religiös-mythologischen Kontexten („Horusfalke“, 4. Jh. v. Chr.) ebenso wie in der Mode (Jean Paul Gaultier: „Bolero mit Papageienfedern“, 1997). Sie erscheint als Kunst (Paul Klee: „Der Goldfisch“, 1925) oder Kitsch (Johann Gottfried Becker: „Eberkopfterrine mit Untersatz“, um 1748/53), als Illustration in naturkundlichen Abhandlungen (Albrecht Dürer: „Rhinocerus“, 1515), aber auch als populäres Comic oder Zeichentrickfilm (Walt Disney: „Mickey Mouse“, 1928).[1] Ziel der Hamburger Ausstellung war es indes nicht allein, einen Eindruck von der Vielfalt an Formen und Kontexten zu geben, in denen Tiere Gegenstand menschlicher Darstellung wurden und werden. Vielmehr flankierte die Kuratorin und Museumsdirektorin Sabine Schulze ihre Zusammenschau mit dem provokant imperativisch formulierten Appell, die Koexistenz von Menschen und Tieren sowie ihre diversen Beziehungsformen im widersprüchlichen Feld von „Respekt“, „Harmonie“ und „Unterwerfung“ erneut zu überdenken: „Das Verhältnis von Tier und Mensch muss neu verhandelt werden! Tiere sollen endlich zu ihrem Recht kommen, ihr subjektives Empfinden, ihre Individualität und Verletzlichkeit verlangen Respekt.“[2] Schulze artikuliert damit ein Anliegen, das in den wissenschaftlichen Disziplinen die Diskussion über Tiere bereits soweit angeregt hat, dass ein animal turn ausgerufen und sich eine eigene Forschungsrichtung, nämlich die sogenannten Cultural Animal Studies mit ihrer interventionistischen Facette der Critical Animal Studies,formiert hat.

Die in den 1980er Jahren zunächst in den USA entstandene und mittlerweile auch im deutschsprachigen Raum zunehmend an Bedeutung gewinnende Forschungsformation der Cultural Animal Studies rückt Tiere, die zuvor jenseits der Naturwissenschaften (d.h. in Zoologie, Ökologie, Tiermedizin und Agrarwissenschaften) in frappanter Weise übersehen oder allenfalls marginal behandelt wurden, ins Zentrum kulturwissenschaftlichen Interesses.[3] Ihr wesentliches Erkenntnisziel ist ein zweigeteiltes: „Cultural Animal Studies wollen“, wie Roland Borgards vermerkt, „mittels Tierstudien etwas über Kulturen sagen und mittels Kulturstudien etwas über Tiere sagen“,[4] methodisch reflektierend, dass jedes Denken und Sprechen über Tiere grundsätzlich aus anthropozentrischer Perspektive erfolgt und daher zugleich ein Denken und Sprechen über die Relation von Menschen und Tieren ist. Mit Blick auf die historische Dynamik des Tierwissens lässt sich daher schlussfolgernd pointieren: ‚Bewegt‘ sich das Tier, ‚bewegt‘ sich der Mensch. Auch für tiertheoretische Positionen, die sich in den Cultural Animal Studies in den letzten drei Jahrzehnten sukzessive etabliert haben, gilt, dass sie nicht zuletzt Verhältnisbestimmungen zwischen Menschen und Tieren vornehmen: Unter Rekurs etwa auf Michel Foucaults historische Diskurs- und Machtanalyse,[5] Gilles Deleuzes und Félix Guattaris Subvertierung des menschlichen Subjekts im sogenannten „Tier-Werden“,[6] Giorgio Agambens Konzept der Anthropologischen Maschine sowie Jacques Derridas ‚Anerkennung‘ des Verunsicherung stiftenden tierlichen Blicks konterkarieren sie bekannte Oppositionen wie Menschen versus Tiere, Subjekt versus Objekt, Verhalten versus Handeln und ‚nobilitieren‘ Tiere – dies wiederum vor allem unter Bezug auf Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie sowie Donna Haraways Modell der Companion Species – als handlungsmächtige Akteure und Beteiligte an speziesübergreifenden Gemeinschaften.[7]

Dass in den Cultural Animal Studies mediale Repräsentationen von Tieren (etwa in Literatur, Film, Fotografie, Fernsehen, den Bildenden Künsten und digitalen Medien) als fundamental bedeutsam angesehen werden, ist leicht verständlich. Schließlich sind sie es, die in nicht selten weit höherem Maße noch als die realen Tiere unsere Sichtweise auf Letztere prägen, was wiederum für die realen Tiere reale Auswirkungen mit sich bringt – erinnert sei in diesem Zusammenhang etwa an die Angst schürende Berichterstattung über die ‚Rückkehr der Wölfe‘, deren ‚Image‘ nicht zuletzt aufgrund ‚wolfsfeindlicher‘ Literatur wie den verschiedenen Variationen der Fabel „Der Wolf und das Lamm“ sowie Jacob und Wilhelm Grimms „Rothkäppchen“ nachhaltig gelitten hat.

In der Fotografie sind Tiere quasi omnipräsent.[8] Ob in der Wissenschaftsfotografie, in der Werbung, ob als Motiv von Kalendern, Postkarten, Fotobänden und Fotobüchern – mal stehen Tiere im Fokus der Kamera, mal begleiten sie den Menschen. Mal sucht die Kamera das ‚Tierliche‘, mal das ‚Menschliche‘ in Tieren. Dabei ist bekannt, dass Tiere keineswegs leicht zu fotografieren sind. Die richtige Pose, der entscheidende Moment ist meist schwer einzufangen – viele Tiere müssen, um fotografiert werden zu können, erst aufwändig aufgespürt, manchmal sogar erst getötet werden. Häufig befriedigt Tierfotografie Seh(-n)süchte, die einem Bewusstsein für Bedrohung und Verlust bestimmter Tierarten geschuldet sind. Aber auch das Gegenteil kann der Fall sein, wenn etwa Jagd- und Trophäenfotografie menschliche Überlegenheit und Unterwerfung von Tieren dokumentieren und beglaubigen soll. Fotografien aus dem Kontext der Tierrechtskunst hingegen entstehen, um Tierleid zu bezeugen; sie arbeiten Tierwohl und Tierschutz explizit zu. Das Beispiel der Brieftaubenfotografie, die im Ersten Weltkrieg zur Luftspionage eingesetzt wurde, zeigt, dass Tiere indes nicht zwangsläufig Objekt des fotografischen Blicks sein müssen, sondern unter bestimmten Vorausaussetzungen auch in den Besitz der Kamera gelangen können.

Die nachfolgenden Beiträge untersuchen die Rolle der Tierfotografie in unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Diese reichen von der Landwirtschaftsausstellung über das Museum, den Safaritourismus, die Haustierhaltung, das Tierheim, die Tötungsstation, den Straßengraben bis hin zur Forschungseinrichtung. Im Zuge dieser historischen, vom 19. bis zum 21. Jahrhundert reichenden tour d’horizon werden zugleich ganz unterschiedliche Funktionen erkennbar, die Tierfotografien erfüllen können: Bernd Stiegler stellt die Fotos des französischen Fotografen Adrien Tournachons (Pseudonym: Nadar jeune) vor, der auf Landwirtschaftsausstellungen des 19. Jahrhunderts in einem ‚mobilen Fotostudio‘ nach bestimmten Inszenierungsregeln Porträts von Rindern anfertigte. Späteren Züchtungen sollten diese Fotos als Modelle dienen, sprich: dazu beitragen, reale Rinder nach typisierten Vorbilden zu formen. Der Blick von Dörthe Wilke-Kempf hingegen richtet sich auf ‚museale Bühnen‘ wie Tierpräparationen und Habitatdioramen. Ähnlich wie Fotografien arbeiten diese Praktiken mit bestimmten Posen und Inszenierungsregeln, vor allem aber mit der Arretierung und Fixierung alles Bewegten. Gerade die Fotografie, die in der Geschichte der Taxidermie häufig auch die Entstehung von Tierpräparaten begleitete, bringt das ausgestopfte und posierte Tier wieder in Kontakt mit seinem Davor (reales Tier) und seinem Danach (verdinglichtes Objekt). Auch Claudia Lillge folgt mit ihrer Vorstellung von David Chancellors Fotobuch Hunters einem Vorgang der Transformation, und zwar konkret von Tier zu Trophäe im Kontext des afrikanischen Safaritourismus. Dabei erinnert sie an die u.a. von Susan Sonntag aufgeworfene und bisher unbeantwortet gebliebene Frage, warum Tierjagd, gerade mit Blick auf das fortschreitende Aussterben afrikanischer Wildtiere, eigentlich nicht durch Fotojagd ersetzt werden könne? Jessica Ullrich lotet mit ihrem Beitrag, in dessen Zentrum zeitgenössische Fotoarbeiten von Julia Schlosser, Yun-Fei Tou, Maria Ionova-Gribina und K49814 stehen, die ethischen Dimensionen und Potenziale des Mediums aus. In den vorgestellten Fotoserien werden tierliches Leben und tierlicher Tod bildwürdig gemacht sowie Tiere als betrauerbare Individuen markiert, denen Respekt und Wertschätzung gebührt. Roland Borgards schließlich präsentiert das Besteller-Fotobuch Koko’s Kitten, das vor dem Hintergrund der New Ethology die scheinbar unglaubliche Geschichte eines Gorillas erzählt, der ‚sprechen‘ lernte.

Die diesen einleitenden Text begleitende Fotografie zeigt den Tierfilmer und Naturforscher Sir David Attenborough in Augenhöhe mit dem kenianischen Rhinozeros Nicky. David Chancellors Aufnahme gibt die inhaltliche Stoßrichtung dieses Heftes vor: Manchmal sind Perspektivwechsel nötig, um Tiere zu sehen.

 


[1] Bei den hier genannten Beispielen beziehe ich mich auf Exponate, die im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe gezeigt wurden und auch im bebilderten Katalog zur Ausstellung ausführlich besprochen werden. Vgl. dazu: Sabine Schulze, Dennis Conrad (Hg.): Tiere. Respekt – Harmonie –Unterwerfung, München 2017.

[2] Sabine Schulze, Vorwort, in: ebenda, S. 10-25, hier S. 12.

[3] Vgl. lediglich in Auswahl: Hartmut Böhme, Franz-Theo Gottwald, Christian Holtorf, Thomas Macho, Ludger Schwarte und Christoph Wulf (Hg.): Tiere. Eine andere Anthropologie,Köln, Weimar und Wien 2004; Chimaira Arbeitskreis (Hg.): Human-Animal Studies. Über die gesellschaftliche Natur von Mensch-Tier-Verhältnissen, Bielefeld 2011;
 Roland Borgards (Hg.): Tiere. Kulturwissenschaftliches Handbuch,Stuttgart 2016.

[4] Roland Borgards: Cultural Animal Studies, in: Gabriele Dürbeck und Urte Stobbe (Hg.): Ecocriticism. Eine Einführung, Köln, Weimar und Wien 2005, S. 68-80, hier 76.

[5] Michel Foucault: Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt am Main 1974 [1966].

[6] Gilles Deleuze und Félix Guattari: Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie II, Berlin 2005 [1980].

[7] Vgl. Giorgio Agamben: Das Offene. Der Mensch und das Tier, Frankfurt am Main 2003 [2002]; Jacques Derrida: Das Tier, das ich also bin, Wien 2010 [2006]; Bruno Latour: Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie, Frankfurt am Main 2001 [1999]; Donna J. Haraway: When Species Meet, Minnesota 2008.

[8] Einen ausgezeichneten Überblick bietet: Hans J. Lechtreck, Museum Folkwang und Ute Eskilden (Hg.): Nützlich, süss und museal –Das fotografierte Tier, Göttingen 2005. Blickregien und Blickökonomien zwischen Tieren und Menschen diskutieren einschlägig: John Berger: Why Look at Animals? In: John Berger: About Looking. Writers and Readers, New York 1980 sowie Hans Wollschläger: Tiere sehen dich an. Essays, Reden, Göttingen 2002.

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