Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Anne Vitten

Professionalisierung und Vernetzung

Berufsfotografinnen im 19. und 20. Jahrhundert

Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Geschichtswissenschaften, Lehrstuhl für Deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts mit Schwerpunkt in der Zeit des Nationalsozialismus, Betreuer: Prof. Dr. Michael Wildt, Zweitbetreuung: PD Dr. Annette Vowinckel, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, Bearbeitungsbeginn: Oktober 2016, Eigenfinanzierung, Kontakt: annevitten(at)gmail.com

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 149, 2018

 

Trotz zahlreich erschienener Arbeiten zur Geschichte der Fotografie in den vergangenen Jahren, ist noch wenig über Ausbildungswege, Professionalisierungsschübe und die soziale Vernetzung der Akteur*innen bekannt. Die substantiellen Fortschritte, die in den letzten zwanzig Jahren auf dem Gebiet der Visual History gemacht wurden, betreffen eher die Bildbestände als die Rahmenbedingungen der Bildproduktion einschließlich der wirtschaftlichen und sozialen Grundlagen sowie der Ausbildungswege von Fotograf*innen. In dieses noch recht offene Feld begibt sich das Promotionsvorhaben ausgehend vom Berliner Lette-Verein, um die Professionalisierungsgeschichte von Frauen im fotografischen Gewerbe ab Ende des 19. Jahrhunderts aufzuarbeiten.

Ausstellungen und Abhandlungen über Fotograf*innen thematisieren meist frühestens die Zeit der 1920er-Jahre, als die Fotografie populärer wurde und ihre Produzent*innen selbst stärker in das Interesse der Öffentlichkeit rückten. Zu diskutierende Ansätze wie etwa die Anregung einer öffentlichen Auseinandersetzung „mit dem weiblichen Blick ab 1925“ führten ab den 1990er-Jahren zu vermehrten Einzelausstellungen, Publikationen und schließlich 1994 zur Ausstellung „Fotografieren hieß teilnehmen“, die Fotografinnen und ihr Schaffen während der Weimarer Republik vorstellte.[1] In der gleichnamigen Begleitpublikation wurde im Aufsatz von Susanne Baumann „Der Weg über die Schulen“ die Ausbildung im Lette-Verein angerissen. Die Autorin grenzte diese zum herkömmlichen Erlernen des Fotografie-Handwerks in einem Atelier ab und sprach den Absolventinnen der Photographischen Lehranstalt selbst in wirtschaftlich schlechten Zeiten gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu, vor allem „durch die schuleigene Vermittlung“.[2] Wie eine derartige Vermittlung aussah, wie der Verein vernetzt war und welche Fähigkeiten die Fotografinnen besonders auszeichneten, blieb offen. Die 2001 im Haus der Geschichte in Bonn eröffnete Ausstellung „Frauenobjektiv. Fotografinnen 1940 bis 1950“[3] betrachtete die spannende Umbruchsphase von der Kriegs- in die Nachkriegszeit und fragte nach Kontinuitäten und Brüchen der Lebens- und Arbeitsweisen zeitgenössischer Fotografinnen, ließ aber ebenfalls die Zeit der „Wegbereitung“ außen vor. Bei diesen exemplarisch herausgegriffenen, wegweisenden Ausstellungen, die „vergessene“ Fotografinnen wieder einer Öffentlichkeit zugänglich machten, handelte es sich um klassische Epochenbetrachtungen. Das Promotionsprojekt löst sich davon und geht zu den Anfängen professioneller Ausbildung zurück. Die Gründung der Photographischen Lehranstalt am Berliner Lette-Verein ist dabei von zentraler Bedeutung. Der 1866 gegründete Verein „zur Förderung der Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts“ bildete Frauen zunächst vornehmlich in Handels- und Gewerbeberufen aus. Eine Spende wurde in das innovative Vorhaben einer Photographischen Lehranstalt investiert. In einer Erinnerungsschrift hält der Förderer fest, „dass der Charakter der Photographie, die Geschmack und Geduld erfordernde, reinliche Arbeit, […] sie mindestens in gleich hohem Grade als eine für Frauen wie für Männer geeignete Beschäftigung erscheinen liesse [sic!]. Umso erstaunter musste man sein, […] dass Frauenkräfte in diesem Berufszweige bis zu jener Zeit […] nur für untergeordnete Verrichtungen thätig [sic!] waren.“[4] 1890 wurde eine umfassende Ausbildung auf hohem naturwissenschaftlich-technischem Niveau ins Leben gerufen, die sich im Laufe der Jahre zum Hauptzweig der Frauenausbildung durch den Verein entwickelte.[5]  Unter Leitung ihres ersten Direktors Dankmar Schultz-Hencke (1857– 1913), der zuvor als Assistent des Professors für Technik der Photographie an der Technischen Hochschule Berlin gearbeitet hatte und für das neue Institut gewonnen werden konnte, entstand die weltweit erste schulische Ausbildungsstätte für bildgebende Verfahren. Frauen wurden dort im Laufe der Jahre zu Fotografinnen, Röntgenschwestern, Metallografinnen und chemischen Laborantinnen ausgebildet. Technische Entwicklungen, neue Verfahren aus dem Ausland sowie Anforderungen aus Industrie- und Wissenschaft prägten die Lehrpläne, Unterrichtsmethoden und den zeitlichen Umfang der verschiedenen Ausbildungszweige.

Die Photographische Lehranstalt des Berliner Lette-Vereins bildet nicht nur den Ausgangspunkt des Promotionsvorhabens, sondern auch dessen Schwerpunkt. Der bis jetzt noch nicht systematisch ausgewertete, 2016 digitalisierte Quellenkorpus, der u.a. Rechenschafts-/ Jahresberichte, Zeitschriften, Erinnerungen und Fotografien enthält, gibt Aufschluss über die Frequentierung des Instituts, die Zusammensetzung von Kommissionen sowie die Statuten und Programme in Bezug auf die fotografische Ausbildung. Die Quellen geben außerdem einen Einblick in das gemeinsame Arbeiten vor Ort, die Beziehungen zwischen Lehrenden und Auszubildenden und bezeugen enge Verflechtungen mit anderen Institutionen im In- und Ausland, für die die Lehranstalt Vorbild gewesen zu sein scheint. Schultz-Hencke bezeichnete diese in einer Erinnerungsschrift als „[eine] den Frauen [gewidmete] Musteranstalt für Photographie“. Wiederholte „Besuche von Vertreterinnen gleichartiger Bestrebungen im Auslande und Projekte, welche auf Grunde unserer Einrichtungen an verschiedenen Stellen des Auslandes für ähnliche Institute aufgestellt worden sind“[6], scheinen diese Aussage zu bestätigen. Es bieten sich im Laufe der Bearbeitung Vergleiche mit der 1900 gegründeten und ab 1905 für Frauen zugänglichen Münchener „Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie“, der Folkwangschule in Essen und der „Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt“ in Wien an, die ab 1908 Frauen zur Ausbildung im fotografischen Gewerbe zuließ. Schon jetzt lassen sich verschiedene Schwerpunktsetzungen innerhalb der Lehrpläne feststellen. Wodurch diese allerdings im Einzelnen begründet wurden, gilt es noch herauszufinden.

Durch die Gründung der Photographischen Lehranstalt an einer nur für Schülerinnen zugänglichen Institution, verfolgt die Arbeit zunächst eine exklusive Betrachtung weiblicher Auszubildender. Es wird sich dabei lohnen, den Blick auch nach außen auf die Reformpolitik des 19. und 20. Jahrhunderts zu richten. Wer unterstützte Institutionen wie den Berliner Lette-Verein und hatte Interesse an einer gesellschaftlichen Einbindung und wirtschaftlich erstarkenden Stellung des weiblichen Geschlechts? Und im Gegenzug: Wer wollte diese Entwicklung eindämmen? 1910 trat beispielsweise das Ministerium für Handel und Gewerbe an den Lette-Verein heran und forderte die Öffnung der Photographischen Lehranstalt für Männer. Waren die gut ausgebildeten Frauen zu einer „unbequemen Konkurrenz“[7] für männliche Fotografen geworden? Hatte eine Emanzipation durch Professionalisierung stattgefunden? Die Zeitgenossin Marie Kundt (1870–1932), die als eine der ersten Schülerinnen die Photographische Lehranstalt besuchte, bereits 1891 Assistentin von Schultz-Hencke wurde und die Lehranstalt nach dessen Tod 1913 als Direktorin leitete, hielt in einem Manuskript fest, dass sich durch die moderne Ausbildung im Lette-Verein für Frauen ein großer Vorsprung ergeben hätte. Es hätten sich neue Arbeitsfelder herausgebildet, „die heute lediglich von der Frau behauptet [würden].“[8](Abb. 4 und 5) Diese Besonderheit begründete Kundt damit, dass „[d]as photographische Gewerbe […] von Anfang an eigene Wege gegangen [sei]. Entgegen der üblichen Entwicklung, bei der lediglich der Mann im Berufe berücksichtigt wurde und die Frau den vom Manne geschaffenen Pfaden folgte, ist in der Photographie zuerst eine regelrechte Ausbildung und ein sachgemäßer Unterricht für die Frau eingeführt worden.“[9]

Marie Kundt war nicht nur Vordenkerin und Wegbereiterin eines neuen Tätigkeitsfeldes für Frauen, sondern auch Gründerin des „Clubs ehemaliger Schülerinnen der Photographischen Lehranstalt“. Dieser 1895 gegründete Zusammenschluss stellt wahrscheinlich eines der ersten, wenn nicht das erste Netzwerk von ausgebildeten Fotografinnen dar. Kundt kam laut eigener Angabe dem Wunsche der Absolventinnen nach, die während der Ausbildung entstandenen Beziehungen in einer festen Organisation aufrechtzuerhalten: „Die ehemaligen Schülerinnen der photographischen Lehranstalt des Lette-Vereins haben schon jahrelang das Bedürfnis gefühlt, auch nach dem Verlassen der gemeinsam besuchten Schule die Verbindungen, die sie dort angeknüpft haben, zu gegenseitiger Förderung und Anregung sowohl, wie gegebenen Falles zur gemeinsamen Wahrung ihrer Interessen, festzuhalten.“[10] Die am 5. Oktober 1897 während einer Mitgliederversammlung festgelegten Statuten geben einen Einblick in die praxisnahe Ausrichtung der Vereinigung. So wurden nicht nur Fachvorträge pro Sitzung festgelegt, sondern auch eine Stellenvermittlung eingerichtet, „die […] den zur Selbstständigkeit gelangten Damen die Möglichkeit [bot], eventuell Hilfskräfte zu engagieren, über deren Vorbildung sie sich genau informieren [konnten].“[1] Der Club, der 1895 mit 16 Schülerinnen gegründet wurde, zählte 1912 bereits 360 Mitglieder aus dem In- und Ausland.[12] Die Dokumentation dazu ist nur lückenhaft vorhanden. Ob es Zusammenschlüsse dieser Art auch an anderen Ausbildungsstätten gab, ist noch unklar. Auch ist unklar, ob sie sich systemübergreifend hielten, sich zeitweise auflösten und/oder neuformierten. Aus dem Club heraus entstand 1919 der „Bund der Organisationen Technischer Assistentinnen“ (BOTAWI), dem die Direktorin Kundt ebenfalls vorstand und der 1930 in den „Reichsverband der Technischen Assistentinnen“ (REVETA) überführt wurde. In einer ab 1921 monatlich erscheinenden Fachzeitschrift wurden Leser*innen u.a. über neue Fachkurse, technische Entwicklungen, wissenschaftliche Neuerscheinungen und gesetzliche Bestimmungen und Verordnungen informiert. Die systematische Auswertung dieser Fachzeitschrift liefert Informationen zu tariflichen Situationen sowie Lebens- und Arbeitsbedingungen von Fotograf*innen. Statistiken zu Berufsangehörigen in Kammerarchiven, Dokumente in Gewerkschaftsarchiven und Personalakten Berliner Kultur- und Wissenschaftseinrichtungen werden diese Ergebnisse ergänzen.

Die beispielhafte Ausbildung am Berliner Lette-Verein führte zu einer Reihe berühmter Absolvent*innen, die die Anfang des 20. Jahrhunderts neu entstehende visuelle Öffentlichkeit mitgestalteten und prägten. Die geplante Forschungsarbeit knüpft an die Methoden der Visual History, der historischen Netzwerkforschung und der Mediengeschichte an, um ein realistisches Bild der Ausbildung, Professionalisierung und der Vernetzung von Fotografinnen im ausgehenden 19. und 20. Jahrhundert zu gewinnen.

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[1] Christin Müller: „Charakterköpfe“ – Frauen und Fotografie, in: Museum Folkwang (Hg.): Unsere Zeit hat ein neues Formgefühl. Fotografie der zwanziger Jahre, Göttingen 2012, S.39.

[2] Susanne Baumann: Der Weg über die Schulen, in: Ute Eskildsen (Hg.): Fotografieren hieß teilnehmen. Fotografinnen der Weimarer Republik, Düsseldorf 1994, S. 34-40.

[3] Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.), Frauenobjektiv. Fotografinnen 1940 bis 1950, Köln 2001.

[4] Richard Stettiner: Zur Vorgeschichte, in: Die Photographische Lehranstalt. Eine Erinnerungsschrift 1890-1900, Berlin 1901, S. 5-9, hier S.5f.; Archiv Lette-Verein, LV_Archiv_A_101_03_01.

[5] Vgl. Doris Obschernitzki: „Der Frau ihre Arbeit!“ Lette Verein. Zur Geschichte einer Berliner Institution 1866 bis 1987, hier besonders S. 129-134.

[6] Dankmar Schultz-Hencke: Die Entwicklung der Anstalt, in: Die Photographische Lehranstalt. Eine Erinnerungsschrift 1890-1900, Berlin 1901, S. 10-18, hier S. 18; Archiv Lette-Verein, LV_Archiv_A_101_03_01.

[7] Friedrich W. Schroeder, „Photograph für Industrie und Architektur, Heim-, Sport- und Landschafts-Aufnahmen“ aus Hamburg, in: Glückwunschbuch zum 60. Geburtstag von Marie Kundt am 4. Februar 1930; Archiv Lette-Verein, LV_Archiv_A_0_27_02_001.

[8] Siehe: Marie Kundt: Reden und Aufsätze 1900-1914, hier: Aufsatz zur Ausstellung „Die Frau in Haus und Beruf“ 1912, Berlin 1914; Archiv Lette-Verein, Archiv_A_228_02.

[9] Siehe: Marie Kundt: Reden und Aufsätze 1900-1914, hier: „Die Photographin“ 1912, Berlin 1914, Archiv Lette-Verein, Archiv_A_228_02.

[10] Siehe: Marie Kundt: Reden und Aufsätze 1900-1914, hier: Aufsatz „Der Klub der ehemaligen Schülerinnen“ 1900 (Statuten Punkt IV und V), Berlin 1914; Archiv Lette-Verein, Archiv_A_228_02.

[11] Ebenda.

[12] Siehe: Marie Kundt: Reden und Aufsätze 1900-1914, hier: „Die Photographin“ 1912, Berlin 1914, Archiv Lette-Verein, Archiv_A_228_02.

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