Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Valentin Groebner, Thomas Steinfeld

Kann man das wegwerfen? Editorial

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 149, 2018

Wer heute über zwanzig Jahre alt ist, besitzt aller Wahrscheinlichkeit nach Fotos, die ihn als jungen oder sehr jungen Menschen zeigen. Genauer: er besitzt Abzüge. Diese Bilder werden in dreißig Jahren zum allergrößten Teil verschwunden sein. Konventionelle Farbfotos auf Papier, Dia oder als Negative verblassen und zerfallen, unwiderruflich. Jeder kennt dafür Beispiele aus den eigenen Schubladen, aus den Kartons, die im Keller oder auf dem Dachboden verwahrt sind. Aber dieses Verschwinden der Bilder ist in der Wahrnehmung einer breiteren Öffentlichkeit nicht angekommen – das Reden von der digitalen „Bilderflut“ steht in eigenartigem Kontrast zu diesem unkommentierten stillen Verschwinden von Bildermassen. Zugleich aber hat das Ende der Analogfotografie in den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts aus allen ihren Produkten Zeugnisse einer unwiderruflich vergangenen Epoche gemacht. Die unendlich vervielfältigbaren digitalen Bilderströme haben ältere Fotos, die früher alltäglich, selbstverständlich und sogar banal waren, in potentiell knappe Güter verwandelt: kostbare Augenblicke, Fragmente einer verschwundenen Welt, Sammlerstücke. Müssen wir also alles aufheben, für immer?

Wer über ein gegenwärtiges Verhältnis zur analogen Fotografie nachdenkt, wird bei dieser Frage ansetzen müssen: bei der Frage nach einem Begriff der Vergänglichkeit, nach einer Epistemologie von Zufall und Zerfall. Ein kleiner Teil dieser vielen Bilder wird publiziert oder zumindest einer rudimentären Öffentlichkeit gezeigt. Gerettet vor der drohenden Zerstörung, werden die Fotografien aber dadurch neuen ästhetischen und ökonomischen Auswahlkriterien unterworfen. Sie beginnen in neuen Umlaufbahnen zu zirkulieren, die mit ihren ursprünglichen Herstellungszwecken und Gebrauchskontexten häufig wenig zu tun haben. Aus privaten Ansichtskarten werden unter Umständen Museumsobjekte, Negative werden komplexe Archivgüter, und banale Pressefotos und nüchterne Industrieaufnahmen Kunstwerke: An dieser Verwandlung haben auch die digitalen Fotografien teil, indem sie eine Art Bildwerdung des Universums zu befördern scheinen.

In den vergangenen Jahrzehnten haben die Kulturwissenschaften, die Philosophie und die Geschichtsforschung, zuvor notorisch textzentriert, die gewaltigen Bild- und Fotobestände vor allem des 19. und 20. Jahrhunderts als Gegenstände neu entdeckt. Bildwissenschaft, „visual studies“ und „visual history“, so das Versprechen, erlaubten mittels der alten Bilder neue Zugänge zu vergangenen Wirklichkeiten. Dieser Gedanke lässt sich umkehren. Oft ist bemerkt worden, dass der Fotografie schlechthin eine eigentümliche Melancholie, wenn nicht sogar Trauer innewohnt: Sie verwandelt das von ihr Erfasste im Augenblick ihres Zustandekommens in eine Gewesenes und Abwesendes. Wohnt daher der Fotografie schon als solcher ein Element der Trauer inne, so muss sich dieses Element der Trauer im Ablegen, Archivieren, Lagern, Fortschaffen, Entsorgen von Fotografien verdoppeln, wenn nicht sogar vervielfachen: Dem Wegwerfen oder gar Zerstören von Bildern scheint etwas prinzipiell Pietätsloses, Grausames zugehören – weshalb fast alle Menschen zumindest zögern, wenn sie Fotografien „ausmisten“.

Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden Bilder immer schneller und billiger reproduzierbar. Im 20. Jahrhundert beschleunigt sich diese Entwicklung, bis es im frühen 21. Jahrhundert nur noch eine Frage von Augenblicken ist, beliebig viele Exemplare eines Bildes herzustellen und in die Welt zu schicken. Gleichzeitig werden die Bilder als materielle Objekte zunehmend fragil – oder durch technischen Wandel unerreichbar. Während Schwarz-Weiß-Abzüge auf Fotopapier über viele Jahrzehnte haltbar sind, gilt das weniger für Farbdias und Polaroids (letztere gelten manchmal als überraschend haltbar), von Laserprints und JPGs ganz zu schweigen. Was aber geschieht dann mit den vielen Bildern: Werden sie verwahrt? Werden sie, wenn sie verwahrt werden, nach einiger Zeit wieder hervorgeholt, um erneut oder auch um ersten Mal angesehen zu werden? Oder werden sie fortgelegt, um nie wieder hervorgeholt zu werden, werden sie vergessen, durch den Medienwechsel der Unbrauchbarkeit überantwortet, gar vernichtet? Darüber ist, so scheint es, nie systematisch nachgedacht worden. Das ist bei privaten Bildern nicht anders als bei den Bildern, die für den Gebrauch von Medien, Institutionen oder Unternehmen gemacht wurden.

Auf zwei Tagungen, von der Stiftung Lucerna in Zusammenarbeit mit der Universität Luzern ausgerichtet, wurde im Herbst 2015 und im Frühjahr 2016 versucht, auf diese Fragen eine Antwort zu finden. Einige der zentralen Vorträge dieser Veranstaltungen, die Ergebnisse der Tagungen berücksichtigend und zu Essays umgearbeitet, werden im Folgenden dokumentiert. Die beiden Organisatoren der Tagungen sind dabei vielen Menschen zu Danke verpflichtet: einem aufgeschlossenen, neugierigen Publikum, das zu großen Teilen aus Kuratoren und Praktikern der Fotografiegeschichte bestand, den Stiftungsräten der Lucerna und der Sozial- und Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Luzern. Tatsächlich möglich aber wurden Tagung und Dokumentation aber erst durch Silvia Cavelti, die das Sekretariat besorgte, Peter Limacher, der die Technik zur Verfügung stellte, und Mounir Badran, der umsichtig und souverän die Beiträge für die Veröffentlichung vorbereitete. Glücklich vollendet wurde dieses Unternehmen schließlich, wie wir hoffen, durch Anton Holzer und die Zeitschrift Fotogeschichte, der wir die Ergebnisse dieser Tagung zur Publikation übergeben durften.

 

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