Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Gisela Parak

As time goes by

Zur Neuauflage von Robert Franks The Lines of My Hand

Robert Frank: The Lines of My Hand, Göttingen: Steidl Verlag, 2017, 22,7 x 30,4 cm, 102 Seiten, 160 Abb. In S/W, gebunden, 30 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 150, 2018

 

Nun also eine weitere Ausgabe. Nach den drei komplett voneinander verschiedenen Versionen von Robert Franks The Lines of My Hand hat der Steidl Verlag 2017 ein „update“ der 1972 veröffentlichten „Lustrum“-Ausgabe vorgenommen. Hierbei handelt es sich um die amerikanische Erstausgabe des von Kohei Suigiura für den japanischen Verlag Yugensha 1972 gestalteten Bildbandes, den Verleger Toshia Hataya initiert hatte.[1] 1989 erschien eine komplett neu überarbeitete Ausgabe im Verlag von Walter Keller Parkett/Der Alltag in Zürich, die vom Pantheon Verlag für den amerikanischen Markt übersetzt wurde. Die Steidl Ausgabe von 2017 sei leicht revidiert worden, die Abstimmung jedoch „in close cooperation“ mit dem Fotografen erfolgt.[2]

Robert Frank (geboren 1924) ist einer der faszinierendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Nach seinem Fotoessay The Americans (1958), der die Stimmung der zutiefst gespaltenen amerikanischen Gesellschaft einfing, handelt es sich bei The Lines of My Hand um Franks zweites, einflussreiches Fotobuch. Kurz nachdem The Americans erschienen war, wandte sich Frank von der Fotografie ab- und dem Film zu, um erst in den 1970er Jahren zur Fotografie zurückzufinden. Dabei hatten die experimentellen filmischen Erzählformen von Pull My Daisy (1959), oder Me and My Brother (1969) ihre Spuren hinterlassen. Als Frank sich mit The Lines of My Hand, in der Lustrum-Ausgabe mit einer Zeichnung seiner zweiten Frau June auf dem Cover, fotografisch zurückmeldete, hatten die filmischen Narrationen sein Verständnis der Fotografie verändert: Der Band, als visuelle Autobiografie angelegt, zeigte zwar noch Einzelbilder, hinzugekommen waren aber die Abbildungen ganzer Negativstreifen, collagierter und übereinander gelegter Einzelbilder, Bildpostkarten oder persönlicher Notizzettel und Brieffragmente, die Zitate ihm naher stehender Persönlichkeiten wiedergaben, oder Kommentare Franks. Der Band zeigte einen knappen, überblickshaft und chronologisch gehaltenen Einblick in Franks fotografisches Schaffen. Aufgrund der persönlichen gehaltenen Einblicke in Leben und Werk wurde er „a diary“ oder sogar als eine „confession“ bewertet.[3] Hierbei wird die intime Note der Erzählstruktur insbesondere von den Kommentaren des Fotografen getragen, die auch schmerzhafte Erinnerungsmomente aufgriffen.  

Diese eingestreuten Erinnerungen erlauben zum einen Einblicke in das private Leben Franks, zum anderen verbürgen sie aber auch den gedanklichen Austausch zwischen Frank und der Subkultur der 1960er Jahre über sein persönliches Umfeld. Der bildlich-narrative Kosmos zeigt die Nähe Franks zu den Beat Poeten Allen Ginsberg und Jack Kerouac, der das Vorwort zu The Americans verfasste, zum Schriftsteller Norman Mailer, oder den Malern Franz Kline und Willem de Kooning, die der fotografische stream of consciousness persönlich würdigt. Die Tate London hat hier 2004 eine Ausstellung ausgetragen, die Franks Bedeutung und seinem Einfluss auf andere, heute nicht weniger bekannte Künstler, Musiker und Intellektuelle nachging.[4] Die Verknüpfung handschriftlicher Notizen und Kommentaren und die Auflösung des Einzelbildes in der Sequenz hat einen filmisch-fotografischen Zeitfluss geschaffen, der im Moment verhaftet ist. Ein Text von Sarah Greenough rekonstruiert, wie Frank „‘über all diese belichteten Erinnerungen‘“ nachdachte, und erachtet seine „in lässigem und anekdotischem Ton“ gehaltenen textlichen Einfügungen für seine Erzählweise als charakteristisch.[5] Die Winterthurer Ausstellung Robert Frank – Storylines führte 2005 den Transfer filmischer Erzählweisen in die Fotografie, bzw. die Wechselwirkungen zwischen Fotografie und Film im Oeuvre des Fotografen weiter aus und nahm so eine gelungene Würdigung Franks anlässlich seines 80. Geburtstages vor.

Greenough verwies zudem auf den Symbolcharakter der Schlusssequenz der Lustrum-Ausgabe von 1972. Die beiden Doppelseiten zeigen collagierte Panoramen, die Landschaft und Horizont von Franks Haus in Mabou, Nova Scotia zeigen. Frank fixierte seine Stimmung wie folgt: „Yes, it’s later now… the ice is breaking up, the water will be warm and blue. The boat will be out there. The hills will look green again. Will we go back to New York? Just stay here and watch the weather and television. June is looking through the microscope. I will do something. Isn’t it wonderful just to be alive?”[6] In der Steidl-Ausgabe wurde auch dieser Abschluss übernommen, wirkt aber –  ins Jahr 2017 übertragen – etwas aus der Zeit gefallen.

Trotz aller Begeisterung für den Fotografen irritiert die von Steidl vorgenommene Wiederauflage eines mittlerweile kanonisierten Werkes. Franks Bildsprache und Erzählstruktur speist sich aus ihrer besonderen Unmittelbarkeit oder „Authentizität“. Diese Unmittelbarkeit entstand in einer bestimmten Zeit und brachte eine bestimmte persönliche Gefühlslage zum Ausdruck. 45 Jahre später wieder aufgelegt und neu performt scheint die Spontanität und Echtheit der Erinnerungen porös geworden. Wie oft lässt sich ein tagebuchartiger Erzählstil „aktualisieren“, „editieren“, „updaten“ oder neu editieren? Unterläuft die Wiederholung nicht die Privatheit des tagebuchhaften Einblicks? Der Rezensentin wäre ein unvorbelastetes Format lieber gewesen, das beispielsweise Einblicke in unbekannte Werkgruppen des Fotografen geboten hätte statt seine Wiederholung als „Klassiker“. Vermutlich darf man es Robert Frank als einem der prägenden Fotografen des 20. Jahrhunderts aber zugestehen, dass der Verlag ihm mit dem „update“ als Würdigung die Erinnerung an einen schmerzlichen, zugleich aber auch einen der glücklichsten Momente seines Lebens neu aufgelegt hat. Play it again, one more time.

...........................

[1] Sarah Greenough: The Lines of My Hand. Robert Frank, in: Peter Pfrunder (Hg.): Schweizer Fotobücher. 1929 bis heute. Eine andere Geschichte der Fotografie, Baden 2012, S. 304.

[2] Pressetext Steidl, https://steidl.de/Books/The-Lines-of-My-Hand-3547495156.html, abgerufen am 3.8.2018.

[3] Martin Parr und Gerry Badger (Hg.): The Photobook: A History Vol. I, London 2004, S. 261

[4] Vgl. Six reflections on the photography of Robert Frank, Tate London, 2004.

[5] Vgl. Greenough, (Anm. 1), S. 304.

[6] Robert Frank: The Lines of My Hand, Göttingen 2017.

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