Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Vera Marstaller

Irritierende Bilder aus dem Zweiten Weltkrieg

Martin Dammann (Hg.): Soldier Studies. Cross-Dressing in der Wehrmacht, Texte von Martin Dammann und Harald Welzer, Berlin: Hatje Cantz 2018 (dt./engl.), 128 S., 18,50 x 25,50 cm,, 118 farbige Abb. von S/W-Fotografien, gebunden, 28 Euro

 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 152, 2019

Den Umschlag des Bildbandes, der deutsche Privatfotografien aus dem Zweiten Weltkrieg zeigt, ziert die Schwarz-Weiß-Fotografie eines Mannes in leichter Untersicht (siehe Coverabb.). Halbkreisförmig rahmen ihn ein Weihnachtsbaum und eine Gruppe weiterer Männer mit Zigaretten und geöffneten Weinflaschen ein. Der Mann, dessen Gesicht von einem mit Tannenzweigen umwundenen Bild nochmals eine Rahmung erhält, blickt mit halb geschlossenen Augen in die Kamera, sein bartloser Mund ist verführerisch geöffnet, ohne zu lächeln. Die Oberarme sind trainiert und geben durch ihre angewinkelte Haltung den Blick auf den flachen, nackten Bauch frei. Auf der Höhe seines Geschlechts prangt in weißen Kapitälchen der Titel Soldier Studies, darunter steht in violettroter Farbe der Untertitel des Bandes: Cross-Dressing in der Wehrmacht.

Der abgebildete Körper irritiert den Blick durch das Nebeneinander seines muskulösen Oberkörpers und seiner grazilen Körperhaltung. Die Männer im Hintergrund irritieren den Blick, da sie nicht auf die aufreizend nach außen gestreckten, sexualisierend aufgeladenen Körperteile Hintern und Brust gerichtet sind, sondern sich gegenseitig oder den Kameramann anvisieren. Und – wer weiß – vielleicht ist der Blick auf das Bild eigentlich nur irritiert, da Titel und Untertitel des Bildbandes sagen: Die Person mit dem bauchfreien Neckholder und dem langen weißen Rock ist ein Soldat der Wehrmacht. Die Fotografie, so ließe sich mit Roland Barthes sagen, weist durchaus Potenziale eines punctumim Bild auf, das den Blick nicht loslässt, die Verwunderung steigert und zur Versenkung und zum Nachdenken anregen könnte – wenn nur die Schrift nicht versuchte, des Rätsels Lösung zu verraten und an dessen Stelle das Roland Barthsche studiumzu setzen, das den Blick durch kulturelles Vorwissen und Konventionen lenkt.[1]

Damit zeigt die Gestaltung des Umschlages die Tendenz des gesamten Bildbandes an. Der Begriff des „Cross-Dressing“ figuriert als Kategorie, die über ihre mitschwingende Bedeutung subversiver Geschlechterrepräsentation dazu tendiert, ein anderes Sehen, das etwa typologische Spielarten homosozialer Räume begründen könnte, von vorneherein auszuschließen. So bemerkt der Berliner Künstler und Herausgeber des Bandes Martin Dammann, dass die vorliegenden 118 Fotografien eine überraschende Offenheit mit Themen wie Trans- und Homosexualität trotz drohender Konzentrationslager zur Zeit des Nationalsozialismus zeigten (S. 4). Zwar gibt Dammann selbst an, dass seine Faszination für Amateurfotografien darin liege, dass sie „chaotisch, ungerichtet [sind] und die eindrücklichsten von ihnen sich oft nur schwer kategorisieren [lassen]“ (S. 2). Doch dass beispielsweise das Bild von zwei miteinander tanzenden Soldaten keineswegs Ausdruck sexueller Orientierung sein muss, sondern auch einfach nur der Lust am Tanzen und einem vertieften Zwiegespräch entsprungen sein könnte, wird durch die sprachlichen Bezugnahmen auf die Unterwanderung gängiger Männlichkeitsanforderungen überlagert (Abb. 2). Denn nicht nur dort, wo – wie bei dem Großteil der abgebildeten Fotografien – der theatrale oder kabarettistische Aufführungscharakter als Grund für die Verkleidung offensichtlich ist, kann ein Spiel mit dem geschlechtlichen Rollenwechsel heteronormative Maskulinitätsvorstellungen durchaus stärken (Abb. 3). 

Die thematische Einteilung der Fotografien in die Kapitel „Rekrutenzeit“, „Kompaniefeste, „Front“ (mit 70 Seiten und 77 Fotos die mit Abstand umfangreichste Auswahl) und „Kriegsgefangenenlager“ folgt dem Ansatz, durch den Quellencharakter der Fotografien einen Teil zu geschichtswissenschaftlichen Soldier Studiesbeizutragen. Martin Dammann, der für das Londoner Archive of Modern Conflict private Kriegsfotografien ankauft, verweist im Vorwort darauf, dass die Motivgruppe der Soldaten in Frauenpose in allen Ländern und Konflikten in Privatfotografien auftauche, mit ein bis zwei Fotos in 20 bis 30 Fotoalben allerdings im Vergleich erstaunlich häufig bei Wehrmachtsfotografien vorkomme. Als historische Quellen zeigten gemäß dem Begleittext des Sozialpsychologen Harald Welzer, dass auch in der Wehrmacht sexuelle Bedürfnisse nach dem gleichen Geschlecht oder danach, selbst Teil des anderen Geschlechtes zu sein, vorkamen. Wer genau welcher sexuellen Orientierung folge, ließe sich aus den Fotos nicht erschließen. Dafür aber, so schreibt Welzer, könnten die Fotografien helfen, „das Handeln von Soldaten in den psychologischen Normalbereich zurückzuholen und jener Exotisierung zu entreißen, die von Daniel Goldhagens wilder Theorie der ‚willing executioners‘ oder Klaus Theweleits immer noch beliebter Mythologie der ‚Männerphantasien‘ inspiriert ist.“ (S. 124). In solchen Bemerkungen wird übersehen, dass weder die hier gezeigten Bilder noch sexuelle Neigungen der Abgebildeten Aussagen über die Beteiligung an Gewaltverbrechen treffen können. Als historische Quellen ist der Aussagewert der Fotografien durch die fehlende Kontextualisierung letztlich fraglich: Zu rund einem Viertel der Fotos sind die Bildunterschriften der Zeitgenoss*innen (und damit auch manchmal Ort und Zeit der Entstehung) angegeben, zu den Fotografen, den Fotoalben oder anderen Fundorten fehlen die Angaben vollständig. 

Der Bildband gewinnt, nimmt man den eigenen, persönlichen Blick auf die Fotografien sowie ihre Auswahl durch Dammann als eine künstlerische Zusammenstellung in unserer Gegenwart wahr. Wer sich ganz auf das, was zu Sehen gegeben wird, einlässt, gibt den Fotos die Möglichkeit, gegenwärtige Vorwegannahmen über heteronormative Maskulinität und nationalsozialistische Bildwelten während des Zweiten Weltkrieges zu hinterfragen. Was geschieht mit uns, blicken wir auf ein Foto, das die Marine der Wehrmacht mit männlicher Weiblichkeit verbindet? Was im Bild lässt einen fotografierten Körper in Frauenkleidung als biologisch männliches Geschlecht erscheinen (Abb. 4)? Die Fotografien im Verbund mit der (ebenfalls im Englischen vorhandenen) zweiten Bedeutung des Wortes „Studie“ werden darüber zu künstlerischen Skizzen, die durch den Wechsel der Perspektiven sich ihrem Gegenstand – männliche Soldaten in Frauenpose – annähern, ohne dabei Anspruch zu erheben, eine vollendete Darstellung zu sein. Dann erhält auch die Kapiteleinteilung eine andere Bedeutung. Statt historisch zu präzisieren, ordnen sie die Fotografien nach Fragen aus gegenwärtiger künstlerischer Sicht: Was kann es bedeuten, in Kriegszeiten als Mann Frauenkleidung anzuziehen? Lassen sich Unterschiede ausmachen zwischen dem Rekruten, dem Soldaten und dem Kriegsgefangenen? Denn – selbst wenn die Bilder vielleicht „nichts weiter als eine Projektion unseres eigenen, heutigen Blicks“ sind (S. 8), wie Dammann schreibt, so können sie doch auch sicher geglaubte Gewissheiten der Gegenwart hinterfragen.

Wer sich von den textlichen Rahmungen nicht davon abhalten lässt, sein punctumin den Fotos zu finden, dem ist dieser Bildband, der gängige Vorstellungen visueller Welten in Bezug auf den Nationalsozialismus wie auch die Dichotomie der Geschlechter untergräbt, herzlich empfohlen. Wer allerdings nach Einsichten in Bezug auf das Zusammenspiel von Sexualpolitik und -praxis oder sozialpsychologische Täterprofile zur Zeit des Zweiten Weltkrieges sucht, der sei auf einschlägige Fachliteratur verwiesen. Es ist das Verdienst Martin Dammanns, irritierende Bildwelten zu sammeln und zu zeigen, und des Verlags, sie durch die nun vorliegende Veröffentlichung einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Denn diese Fotografien vermögen es, um noch einmal mit Roland Barthes zu sprechen, die Konventionen der Blicke zu durchbrechen, die Betrachter*innen auf je individuelle Weise mit kleinen Verletzungen zu punktieren und zu Veränderungen der Sehgewohnheiten beizutragen.[2]

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[1] Roland Barthes: Die helle Kammer, Frankfurt a.M. 1985, S. 33-36 u.a.

[2] Ebenda., S. 35 f.