Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Reinhard Matz

Im Westen wenig Neues

August Sander: Verfolgte / Verfolger. Menschen des 20. Jahrhunderts, Göttingen: Steidl, 2018. französisch-, deutsch-und englischsprachiges Katalogbuch, hg. vom Mémorial de la Shoah [Paris], mit Texten von Barbara Becker-Jäkli, Gabriele Betancourt-Nuñez, Johann Chapoutot, Alfred Döblin, Werner Jung, Olivier Lugon, Sophie Nagiscarde, Gerhard Sander und Alain Sayag, 240 S., 30 x 23 cm, zahlreiche Abb. in S/W, gebunden, 30 Euro

 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 152, 2019

Vorweg die etwas kleinteilige Grundlage: Die ursprüngliche Mappeneinteilung von August Sanders Hauptwerk »Menschen des 20. Jahrhunderts« wird auf 1925/27 datiert. Es ist ein zweiseitiges, undatiertes Typoskript, das 40 Mappen in sieben Gruppen aufführt (abgebildet im sogenannten Studienbuch von 2001 und in der einbändigen Werkausgabe von 2010, beide herausgegeben von der SK-Stiftung in Köln). Spätere Differenzierungen und Erweiterungen durch handschriftliche Ergänzungen im Typoskript, vermutlich von 1947, bringen die Mappenzahl auf 45 – üblich seit Ulrich Kellers Ausgabe von 1980, wobei seit der siebenbändigen Ausgabe der Kölner SK-Stiftung von 2002 Sanders spätere Einschübe durch Mappenkennzeichnung a und b wieder aufgegriffen wurden … Kurzum, die endgültige Kodifizierung des Werks ist noch nicht gefunden. Das muss nicht erstaunen. Welcher Fotograf hinterlässt sein Lebenswerk schon in einer für alle Zeiten festgelegten Form für spätere Publikationen? Zumal, wenn es sich um ein Porträtwerk handelt, dessen Grenze zwischen Auftrags- und selbstinitiierter Arbeit, Zugehörigem und Nebenstehendem durchaus fließend ist, zudem, wenn verschiedene Personen und Institutionen sich um das Erbe kümmern …

Jedenfalls findet sich unter der vierten Gruppe »Die Stände« in Sanders Typoskript zur »Mappe 21 – Der Soldat« die handschriftliche Ergänzung »u. Nationalsozialist«. Heute getrennt in »Mappe 23 – Der Soldat« und »Mappe 23a – Der Nationalsozialist«. Und die Gruppe sechs »Die Großstadt«, erfährt heute ihre Erweiterung durch »Mappe 44 – Verfolgte«, »Mappe 44a – Politische Gefangene« und »Mappe 44b – Fremdarbeiter«; bei Sander noch Mappen 39 a bis c.  Auf diese vier Mappen und ihr Umfeld stützt sich die vorliegende Publikation des Mémorial de la Shoah, der zentralen französischen Gedenkinstitution des Holocaust in Paris. Aus deutscher Sicht hat es den Anschein, als müsste Sanders Werk in Frankreich erst noch vorgestellt werden, was durchaus nicht so ist. Gabriele Betancourt Nuñez, die über Sanders Arbeit promoviert hat, liefert eine knappe Einleitung, durchsetzt mit ein paar bekannten Abbildungen aus Sanders beruflichem und privatem Umfeld. Dann wird an Sanders erste Publikation Antlitz der Zeitvon 1929 erinnert (Titelbild, Alfred Döblins Einleitung im Auszug und 21 Abbildungen), bevor die vier Mappen als großformatige Tafelabbildungen wiedergegeben werden. Dabei kommen – anders als im Titel – die Täter vor den Opfern. Und – anders als in den Werkausgaben und entsprechend dem Alphabet – schließt die Mappe 44a: »Politische Gefangene« die Tafelabbildungen ab; vermutlich weil die Fotografien alle von Sanders Sohn Erich aus dessen eigener Gefangenschaft stammen und dem Vater zugeschrieben werden – ein bis in die Nachkriegszeit übliches Verfahren mit Sohnesarbeiten für erfolgreiche Väterateliers, das heute immerhin kenntlich gemacht wird.

Inhaltlich folgen diese 40 Tafelabbildungen exakt den Mappenzusammenstellungen der SK-Stiftungspublikationen. Wir bekommen also nichts Neues zu sehen, auch keinen Versuch, das jeweilige Personal zu erweitern, was durchaus möglich wäre, denn selbst Kellers kürzere Fassung des Werks zeigt beispielsweise einen » Angehörige[n] der H.J. Kuchhausen/Westerwald, ca. 1941« – später aus dem Canon entfernt – sowie zwei verfolgte Jüdinnen, die für die späteren Ausgaben ausgetauscht wurden. In der Vorliegenden Publikation findet man die beiden – »Frau Marcus« und »Adele Katz« – sowie 26 weitere Juden und Jüdinnen in einem grau abgesetzten Anhang, wiedergegeben als Kontaktabzüge im Format der erhaltenen, aber von August Sander wohl nicht ausgearbeiteten Negative (S. 106–140). 

Wozu nun aber diese thematische Beschränkung von Sanders Hauptwerk auf Verfolgte und Verfolger? Sander selbst hat diese Konfrontation nie angelegt, zwischen Verfolgern und Verfolgten liegen bei ihm 19 Mappen mit Portraits aus anderen gesellschaftlichen Teilbereichen. Soll dieser zugespitzte Extrakt aus Sanders Arbeit nun „einen unverstellten Blick auf die Geschichte“ ermöglichen, wie es in dem kaum eine halbe Seite langen Vorwort von Sophie Nagiscarde heißt (S. 4/5)? Gewiss, das Werk ist groß genug, um Teilaspekte genauer zu betrachten. Was für eine Vorstellung von Großstadt artikuliert sich in Sanders Porträtzusammenstellung? Wie kommt Arbeit in seine Bilder? Welches Familienbild wird vorgestellt … Jedes Buch hat seine Zeit. Wo aber heute die Gesellschaften ohnehin weniger von Ausgleich und Kompromiss als eher von Abweisung und Ausgrenzung geprägt sind, mutet die Verkürzung von Sanders ja durchaus komplexem Gesellschaftsbild auf eine simple Konfrontation doch merkwürdig bestätigend und nicht gerade produktiv an. Ein solcher Ansatz fällt ja auch gesellschaftstheoretisch weit zurück, als gäbe es hier die Guten und dort die Bösen!

Dabei wirkt die Druckqualität der Abbildungen sehr edel und zunächst überzeugend. Doch im direkten Vergleich mit anderen Wiedergaben bedingt das Werkdruckpapier eine Aufsteilung der Grauwerte; Entdifferenzierung also auch hier. Der Lichterzeichnung kommt die Aufsteilung sogar erstaunlicherweise zugute, doch wo in den Gesamtausgaben die Tiefen gemeinhin noch Zeichnung wiedergeben, verläuft das Schwarz hier eher zu einer undifferenzierten Fläche. Interessant für die Arbeitsweise von Sander und spannend in seinem Variantenreichtum kann ein 12er-Block Negativkontakte zur Bildhauerin Ingeborg von Rath angesehen werden, der hier den Beitrag von Olivier Lugon »Die Arbeit des Modells: das Porträt« illustriert (S. 167); er findet sich allerdings auch schon in der einbändigen Ausgabe von 2010. Ein lokalgeschichtlicher Beitrag von drei Seiten »Zur Geschichte der Juden in Köln« hat hier zweifellos seine Berechtigung; allerdings hat die Autorin Barbara Becker-Jäkli dazu bereits 1993 ein stadtbekanntes Buch veröffentlicht. Neu hingegen und von lokalhistorischem Interesse sind »Biografische Elemente über die fotografierten Personen«. Wenngleich ohne Autorenangabe, entstammen sie der gediegenen Arbeit des Kölner NS-Dokumentationszentrums. Sie bilden – blau abgesetzt – den Abschluss des Buches (S. 210–231). Allerdings wird diese Würdigung nur den Juden und politisch Verfolgten zuteil. Die von Sander fotografierten Nazis und die Fremdarbeiter bleiben unbefragt.

Rundheraus, das Buch zeigt Kennern von August Sander wenig Neues, verkürzt seinen Ansatz und Werk auf nicht unproblematische Weise, vermeidet aber auch, die Arbeit trotz üppiger Gestaltung größer zu machen, als sie ist. Und wenn die Publikation Sanders Gesamtwerk in Frankreich und anderswo noch weiter popularisieren sollte, mag sie als gelungen gelten.