Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Anton Holzer

40 Jahre Zeitschrift Fotogeschichte

Editorial

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 157, 2020

 

Liebe Leserinnen und Leser der Fotogeschichte,

an dieser Stelle möchte ich Ihnen ganz herzlich danken! Wofür, werden Sie vielleicht fragen. Eben dafür, dass Sie die Zeitschrift Fotogeschichte lesen, und diese vielleicht sogar abonniert haben. Denn ohne Sie, liebe Leserinnen und Leser, die Sie unsere Zeitschrift über längere oder kürzere Zeit begleitet haben, würde es diese nicht geben. Ohne Sie wäre diese Zeitschrift nicht so alt geworden wie sie geworden ist: nämlich 40 Jahre. Als Timm Starl im Jahr 1981 die Fotogeschichte ins Leben rief, war die Welt noch eine andere: Die DDR existierte noch etliche Jahre, Europa und die Welt befanden sich im Kalten Krieg, der Videorekorder war gerade dabei, die heimischen Wohnzimmer zu erobern, vom Internet war noch lange nicht die Rede.

Vier Jahrzehnte später hat sich die Welt im Großen und die Welt im Kleinen vollkommen geändert. Die Fotogeschichte ist aber immer noch da, nach wie vor im selben Format, in etwa derselben Heftstärke und immer noch gekleidet in ihren zeitlos eleganten und längst zum Markenzeichen gewordenen grauen Umschlag. Gewiss, vieles hat sich verändert in und an der Zeitschrift, ihre grafische Aufmachung wurde mehrmals behutsam modernisiert, zuletzt Anfang dieses Jahres, als wir die Fotogeschichte – endlich – auf Farbdruck umstellen konnten. Bei dieser Gelegenheit wurde auch das äußere Erscheinungsbild modernisiert.

Das Grundanliegen der Zeitschrift, Fotografiegeschichte auf der Höhe der Zeit zu schreiben, blieb in all diesen vielen Jahren gleich. Das heißt freilich nicht, dass die Fotogeschichte des Jahres 2020 dieselbe geblieben wäre wie jene aus dem Gründungsjahr 1981. Themen, Zugänge, Methoden, theoretische Grundannahmen, aber auch inhaltliche Schwerpunktsetzungen und die thematische Reichweite haben sich immer wieder geändert. Denn Tradition ohne Veränderung führt zur Erstarrung. Eine Fachzeitschrift wie die Fotogeschichte darf nicht in der Vergangenheit leben, sondern muss aus der Gegenwart heraus Fragen stellen, sie muss offen sein für das Neue und Unerwartete. Zwar kann sie als Vierteljahreszeitschrift nicht so auf rasch und flexibel auf aktuelle Ereignisse reagieren wie das andere, öfter erscheinende Medien tun, aber diese Langsamkeit hat auch Vorteile. Manche Entwicklungen in der Fotografie lassen sich aus einer gewissen zeitlichen Distanz besser und genauer beobachten.

Wie eingangs schon gesagt: Ohne den stabilen und ansteigenden Stamm an Leserinnen und Leserinnen wäre der lange Weg dieser Zeitschrift nicht möglich gewesen. Zu ihrem Erfolg beigetragen haben aber vor allem die zahlreichen Autorinnen und Autoren, die mit ihren Beiträgen die inhaltliche Breite und Tiefe der Zeitschrift begründeten und die den Blick offen hielten für neue Themen und Aspekte der Fotografiegeschichte. Auch Ihnen sei herzlich gedankt. Jede/Jeder, die/der seit 1981 einmal oder mehrmals einen Beitrag in der Fotogeschichte beigesteuert hat, ist in diesem Heft namentlich aufgeführt. Diese lange, nach Erscheinungsjahren geordnete, Liste stellt einen kleinen symbolischen Dank dar und verweist stellvertretend auf die lange Zeit des Forschens, des Schreibens und des Nachdenkens, die in den Fotogeschichte-Beiträgen Gestalt angenommen haben.

Diese lange Liste verweist aber auch auf das umfangreiche Archiv der Zeitschrift, in dem die gebündelte intellektuelle Leidenschaft all dieser Autorinnen und Autoren aufbewahrt ist: in den längeren Fachbeiträgen, in den vielen Rezensionen und Forschungsberichten. Es steht außer Zweifel, dass die die Zeitschrift ihre ersten 40 Jahre auch deshalb so gut und frisch hinter sich gebracht hat, weil ihr Stamm an Autorinnen und Autoren über die Jahre immer breiter wurde. Werfen Sie einen Blick in dieses Heft und Sie werden erstaunt sein, wie viele und wie viele unterschiedliche Schreibende der Zeitschrift über viele Jahre treu geblieben sind. Viele aus dem Kreis dieser Stammautorinnen und -autoren haben in diesem Heft einen kleinen Erinnerungsbeitrag beigesteuert. Es sind persönlich gefärbte Skizzen, Erinnerungen an den ersten Kontakt zur Zeitschrift, an die ersten Texten, die sie darin verfasst haben, Gedanken zur Rolle der Zeitschrift im Kontext der Fotoszene und der Fotoforschung. Manche dieser Erinnerungen führen Jahrzehnte zurück, andere in die jüngere Vergangenheit.

Geprägt hat diese Zeitschrift nicht zuletzt auch das verlegerische Umfeld, das für Kontinuität und Stabilität steht: insbesondere des Jonas Verlags, in dem die Fotogeschichte (nach ihrem Start im Eigenverlag) seit 1989 erscheint. Seit 2016 befindet sich dieser Verlag unter dem verlegerischen Dach von „arts + science Weimar“, einem Verlagshaus, das von Bettina Preiß gegründet wurde. Apropos Stabilität: Vielleicht gibt es noch einen Grund, der das Navigieren der Zeitschrift durch die letzten vier Jahrzehnte erleichtert hat: die personelle Kontinuität. In 40 Jahren hat sich die Herausgeberschaft nur einmal verändert, vor 20 Jahren, als Timm Starl, der Gründungsherausgeber mir die Zeitschrift übertrug.

40 Jahre Fotogeschichte: das wollen wir feiern, zusammen mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser. Wir tun das, wie es in der Natur der Zeitschrift liegt, in Texten und Bildern: Mit zwei Heften, dem vorliegenden und dem kommenden, die beide ein wenig aus der herkömmlichen Form fallen. Eben weil es für Jubiläen andere, ungewöhnlichere Formate braucht. In diesem Heft wollen wir zurückblicken auf 40 Jahre Fotogeschichte. Das sind, ganz nüchtern betrachtet: 158 Hefte (das kommende, das den 40. Jahrgang vollendet, bereits eingerechnet) oder anders ausgedrückt: weit über 10.000 Druckseiten Fotografiegeschichte. Es ist dies ein ansehnliches Archiv, das nebenbei bemerkt, über die Online-Suche der Fotogeschichte gut zugänglich und durchsuchbar ist. Und weil die weitsichtigen Fotogeschichte-Verleger und -Verlegerinnen zum Glück nie daran gedacht haben, Lagerkosten durch Verramschen einzusparen, ist ein großer Teil dieses umfangreichen Archivs immer noch lieferbar. Bis zurück zum zweiten Heft des ersten Jahrgangs, das im fernen Jahr 1981 erschienen ist und das, vier Jahrzehnte später, immer noch bestellt werden kann.

Im kommenden Heft wollen wir, ebenfalls in unkonventioneller Form, in die Zukunft blicken. Nicht im Sinne einer blinden Kaffeesudleserei, sondern indem wir Raum zur Verfügung stellen für ungeordnete und geordnete Gedanken über die Zukunft der Fotografie und der Fotografiegeschichte. Auch in diesem zweiten Jubiläumsheft kommen langjährige Autorinnen und Autoren der Fotogeschichte zu Wort: Sie gehen der Frage nach, wie die Vergangenheit und die mögliche Zukunft des Mediums miteinander verschränkt sind, welche Themen der Fotografie und welche Herausforderungen, sich analytisch mit ihnen zu befassen, auf uns zukommen könnten, welche Veränderungen anstehen, wie sich das Instrumentarium der Fotografiegeschichte schärfen und vielleicht verändern muss, um diese neuen Entwicklungen aufmerksam beobachten zu können. Und schließlich: welche Rolle eine Zeitschrift wie die Fotogeschichte künftig spielen sollte, könnte, müsste. Lassen Sie sich von diesen Gedanken in Futur und Konjunktiv überraschen!

Doch zurück zu diesem Heft: 40 Jahre Fotogeschichte sind ein guter Anlass dafür, zunächst den Blick in die Vergangenheit schweifen zu lassen. In einem Beitrag, der weit länger ist als in der Fotogeschichte üblich, lasse ich die bisherige Geschichte der Zeitschrift in einer längsschnittartigen Standortbestimmung Revue passieren. Die zentralen Fragen dieser Rückschau lauten: Welchen Weg hat die Fotogeschichte, aber auch die Fotografiegeschichte in den letzten vier Jahrzehnten zurückgelegt? Welche gesellschaftlichen Umbrüche haben ihre Spuren in all den Heften, die seit 1981 erschienen, hinterlassen? Und wie hat, umgekehrt, die Zeitschrift den Diskurs der Fotografiegeschichte aufgegriffen und (mit-)bestimmt? Um Antworten auf diese Fragen geben zu können, begab ich mich auf eine Recherchereise ins Archiv der Zeitschrift. Ich wollte die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Zeitschrift nicht nur in nüchternen Zahlen und Daten beleuchten, sondern auch einen Blick hinter die Kulissen der täglichen Redaktionsarbeit werfen. Ich wollte den Blick aber auch über das enge Umfeld der Zeitschrift hinaus schweifen lassen, um die Konturen der gesellschaftlichen, politischen und intellektuellen Szene fassen zu können, in der die das multidisziplinäre Projekt Fotogeschichte eingebettet war und ist.

Natürlich bringt es ein solcher breit angelegter Rückblick auch mit sich, über die Personen zu sprechen, die diese Zeitschrift geprägt haben. Die Autorinnen und Autoren, die Gastherausgeberinnen und Gastherausgeber wurden bereits erwähnt. An dieser Stelle aber ist vor allem eine Person zu nennen, ohne die es diese Zeitschrift nicht gäbe: Timm Starl, der die Zeitschrift im Jahr 1981 nahezu im Alleingang ins Leben gerufen und sie über viele Jahre entscheidend geprägt hat. Sein Herzensprojekt Fotogeschichte wird auf den folgenden Seiten ausführlich dargestellt werden.

Eine fotohistorische Zeitschrift, die nicht nur eine lange Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft haben will, muss, Heft für Heft, das Vertrauen, das – insbesondere die Abonnentinnen und Abonnenten – in sie setzten, rechtfertigen. Gewiss, sie darf sich manchmal irren, der eine oder andere Fehler (auch Tippfehler) wird ihr wohl verziehen, wenn die grundsätzliche Richtung stimmt: fundiert und kritisch über die Entwicklungen der Fotografiegeschichte zu berichten. Ob dieses Vorhaben auch in Zukunft gelingt, darüber entscheiden letztlich die Leserinnen und Leser, also Sie. Bleiben Sie uns bitte weiterhin gewogen!