Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Babett Forster

Hinter dem Bilderberg

Ulrich Pohlmann, Dietmar Schenk und Anastasia Dittmann (Hg.): Vorbilder Nachbilder. Die fotografische Lehrsammlung der Universität der Künste Berlin 1850–1930. Ausstellungskatalog mit Beiträgen von Daria Bona, Sophie-Charlotte Opitz, Texte (dt./engl.) von Ludger Derenthal, Monika Faber, Antje Kalcher, Mei-Hau Kunzi, Hubert Locher, Kristina Lowis, Paul Mellenthin, Sabina Mlodzianowski, Angela Nikolai, Helena Perez Gallardo, Dorothea Peters, Herbert Rott, Bernd Stiegler, Herta Wolf und den Herausgebern, Köln: Snoeck 2020, 28 x 24 cm, Hardcover, 450 farbige Abbildungen, 68 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 159, 2021

 

Die fotografische Lehrsammlung der heutigen Universität der KünsteBerlin umfasst 25.000 Fotografien. Bereits im Jahr 1988 wurde ein erster Vorstoß in das Innere dieses historischen „Bilderbergs“ unternommen[1], nun liegt mit dem Ausstellungskatalog Vorbilder Nachbilder eine umfangreiche und schwergewichtige Aufarbeitung der Materialbestände vor.[2] Bei diesen handelt es sich um die Fotosammlungen der Akademischen Hochschule für die bildenden Künste und die der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseum, die nach der Fusion beider Lehrstätten 1924 zusammengeführt worden sind und heute an der Universität der Künste verwahrt werden. Der zweisprachige Katalogband beginnt mit zwei Einführungstexten, gefolgt vom Hauptteil mit Beiträgen zu ausgesuchten Sammlungsobjekten und -geschichten aus den Beständen, und schließt mit einer Auswahl aus dem Archiv der heutigen Akademie.

Zuerst zeichnen Anastasia Dittmann und Dietmar Schenk die wechselvolle Institutionsgeschichte seit der Gründung der Akademie im 17. Jahrhundert nach sowie die kontinuierliche Anschaffung fotografischer Bilder und Konvolute an beiden Lehrstätten, auch im Abgleich mit den bis dato gebräuchlichen und teilweise noch weitergeführten Reproduktionsmitteln wie Grafik und Gipsabguss. Dieser Siegeszug der fotografischen Bilder, wie er in den 1860er Jahren an verschiedenen Lehr- und Ausbildungsstätten begann, wurde an der damals so genannten Königlichen akademischen Hochschule für die bildenden Künste in Berlin maßgeblich von dem 1875 eingesetzten Direktor Anton von Werner gefördert. Neben der historischen Darstellung finden aber in dieser ersten Einführung auch vermeintliche und bis heute oft vernachlässigte Nebenschauplätze, wie Zugangsgeschichte und Inventarisierungspraktiken, Beachtung. Aspekte der Aufbewahrung der Abzüge sowie die Verantwortlichkeit für die Benutzung und die Ausleihe der Objekte werden ebenso veranschaulicht wie Ordnungsprinzipien und Ablagestrukturen, die den jeweiligen Prioritäten der Lehrstätten folgen: Während die akademische Fotosammlung nach Epochen und Gattungen sortiert war, wurde am Kunstgewerbemuseum stringent nach anwendungsorientierten Rubriken wie Architektur, Dekoration und Materialien gegliedert. Eine zweite Einführung widmet sich allgemein der Frage nach dem Handel mit Fotografien und deren Erwerbungsmöglichkeiten im 19. Jahrhundert und stellt Distributions- und Verkaufswege, aber auch Plattformen zur Bewertung und Bewerbung fotografischer Bilder nach, die auf Ausstellungen, in Vereinen oder im Buchhandel zirkulierten.
Der Hauptteil ist nach Oberthemen strukturiert, unter denen jeweils ein bis zwei Einzelbeiträge und ein Katalogteil mit großformatigen Abbildungen subsumiert werden. Dabei sind die Kurztexte inhaltlich zumeist so aufgebaut, dass allgemein fotogeschichtliche Aspekte in Abgleich mit einem Sammlungsstück diskutiert werden. So schreibt Dorothea Peters unter dem Rubrum Kunstreproduktionen anhand des Prachtbandes Raffael-Werke von Adolf Gutbier, den die Akademie quasi sofort nach dem Erscheinen 1885 erworben hatte, u.a. über Herausforderungen der farbwertrichtigen Wiedergabe der Reproduktionsfotografie. Ulrich Pohlmann stellt unter dem Abschnitt Orient ein vom Afrikakenner Gerhard Rohlfs nach seiner Libyenreise 1869 geschaffenes Mappenwerk vor, das Aufnahmen des Fotografen Emil Salingré und Beschreibungen der Bilder enthält. Dabei geht Pohlmann nicht nur dem Arbeitsverhältnis der beiden Protagonisten nach, sondern verortet diese Zusammenarbeit im Aufgabenfeld der Fotografie als Dokumentationsmedium der Archäologie und Ethnologie.

Aus der eingangs für den Hauptteil skizzierten Struktur fällt der Beitrag zu Karl Blossfeldt heraus, der an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums  in derModelleursausbildung lehrte und dessen prominentes Werk in Form eines umfangreichen Nachlasses 1933 an die Berliner Sammlung gekommen ist und im Katalog ein eigenständiges Oberthema bildet. Auch Monika Fabers Text Inszenierung in Kairo weicht etwas vom inhaltlichen Schema der sonstigen Beiträge ab, da sie sich vor allem auf Fotografien bezieht, die während einer Studienreise Leopold Carl Müllers mit Lenbach u.a. entstanden und aus anderen Sammlungen bzw. nicht näher benannten Kontexten stammen.[3] Aufgrund dieser inhaltlichen Ausrichtung des Beitrags wird auf die Berliner Fotografien – die im Katalogteil abgedruckt sind und bei denen es sich um Abzüge einschlägig bekannter Orientfotografen handelt – nur illustrativ verwiesen; eine genauere Einschätzung dieser Bilder als Lehrmittel und eine Verortung innerhalb der Sammlung wird leider nicht vorgenommen. Der Aufsatz über ein Album mit Aufnahmen aus Spanien, das die Autorin innerhalb der Rehabilitierung Spaniens nach der leyenda negra im 19. Jahrhundert verortet, wird nicht, wie die sonstigen Beiträge, mit großformatigen Abbildungen ergänzt, sondern ist mit lediglich vier illustrierenden Bildern im Text eher karg repräsentiert.

Einen wertvollen Einblick in die Quellenlage gibt abschließend die Dokumentation zum Archivgut. In Auszügen werden Gutachten, Einschätzungen und Sitzungsprotokolle abgedruckt und kommentiert. Zudem liefert die Stempelgeschichte auf den Rückseiten der Kartonagen, auf denen die Abzüge montiert sind, lesbare Spuren zur Darstellung der Inventarisierungspraxis. Mit dieser Kompilation werden insbesondere die institutions- und sammlungsgeschichtlichen Einführungen noch einmal wesentlich unterfüttert. Damit fügt der Ausstellungskatalog Vorbilder Nachbilder der seit einigen Jahren begonnenen Aufarbeitung von Lehrmittelsammlungen einen wichtigen Beitrag hinzu. Bekannte Fotografien und Konvolute werden neu bewertet und unbekanntes Bild- und Textmaterial wird aufbereitet und vorstellt. Die hinlänglich erforschte und kommentierte Funktion der Fotografie als Reproduktions- und Dokumentationsmittel erfährt so eine wertvolle Ergänzung, insbesondere dadurch, dass nicht mehr nur die überlieferten Bilder ansichtig gemacht – was im Katalog in exzellenter Abbildungsqualität geschieht – oder Fotografenbiografien eruiert, sondern ebenso Ordnungs- und Gliederungsprinzipien, Erwerbungskontexte und Handlungen an und mit den fotografischen Lehrmitteln herausgestellt werden. Es gelingt hier vorzüglich, Leserinnen und Leser hinter den umfangreichen Bilderberg auf die beredte Anschaffungs- und Sammlungsgeschichte einer Kunsthochschule blicken zu lassen. Damit kann die vorliegende Publikation Vorbild für die Aufarbeitung der oft immer noch vernachlässigten Lehrmittelsammlungen anderer Lehr- und Unterrichtsinstitutionen sein.

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[1]Ins Innere des Bilderbergs: Fotografien aus den Bibliotheken der Hochschule der Künste und der Technischen Universität Berlin, hg. von der Hochschule der Künste Berlin und der Technischen Universität Berlin, bearbeitet von Joachim Schmid, Göttingen 1988.

[2] Alle Bestände sind inventarisiert und bald auch online zugänglich unter: www.achiv.udk-berlin.de. 

[3] Das Exponatenverzeichnis im Anhang listet die Abbildungen der Katalogabschnitte der jeweiligen Oberthemen, nicht aber die Illustrationen der jeweiligen Beiträge (mit Ausnahme Spanien) auf, so dass deren Aufbewahrungsorte nicht genau nachvollziehbar sind.