Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Anna Feldhaus

Salvador Dalí und Philippe Halsman – das gemeinsame Werk

Dissertation – Universität Hamburg, Kunstgeschichtliches Seminar, Prof. Dr. Wolfgang Kemp – Art der Finanzierung: Promotionsförderung der Universität Hamburg – Kontaktadresse: feld+haus(at)feld-haus.com

Erschienen in: Fotogeschichte 113, 2009

Dalí gehört zu den Künstlern, die eigentlich jeder kennt. Diesen ‚Celebrity’-Faktor hat er jedoch nicht mit seiner Kunst allein erreicht. Gekonnt inszenierte er sich über seine extravagante Selbstdarstellung zu einem der ersten Popstars. Dabei spielten seine Fotografen eine entscheidende Rolle. Einige davon dokumentierten seine Selbstinszenierung nicht nur, sondern gestalteten sein Image kreativ mit.

Ein Fotograf sticht mit seinen Bildern von Dalí besonders hervor: Philippe Halsman (Riga 1906 − 1979 New York). Er war einer der erfolgreichsten und einflussreichsten Starfotografen der 1940er und 50er Jahre. Seine klaren, einfühlsamen Porträts internationaler Stars und Berühmtheiten landeten Hunderte Male auf den Titelblättern der großen Illustrierten.

Halsman und Dalí trafen sich erstmals 1941 in New York. Eine über 37 Jahre hinweg andauernde konzeptuelle Zusammenarbeit zwischen Künstler und Fotograf folgte. Sie war geprägt von einer sehr spielerischen Auffassung von Künstlerporträt, Surrealismus und Fotografie. Es war eine Freundschaft unter Gleichgesinnten, die ein fotografisches Werk hervorbrachte, das in vielerlei Hinsicht seiner Zeit voraus war. Für Halsman sind es die einzigen Arbeiten ohne direkten Auftrag und für Dalí eine Art Raum unbegrenzter Möglichkeiten. Diese jahrzehntelange Zusammenarbeit des Multitalents Dalí und des Cover-Fotografen Halsman ist Gegenstand der Dissertation.

Es ist bemerkenswert, dass dieses umfangreiche und vielfältige Werk Halsman/Dalí bislang nur zu Bruchteilen veröffentlicht worden ist. Mindestens genauso erstaunlich ist, dass diese Kooperation in ihrer Ganzheit nie wissenschaftlich aufgearbeitet wurde und auch in der Dalí-Forschung kaum Beachtung gefunden hat. Die Dissertation hat zudem auszugleichen, dass auch das Einzelwerk Philippe Halsmans bisher keine wissenschaftliche Aufarbeitung erfahren hat. Das spielt vor allem dann eine Rolle, wenn es darum geht, den ganz besonders gearteten Experimentalismus von Halsmans Fotografie einzuordnen. So besinnt sich diese Dissertation der Sachforschung und bezieht ihre Grundlagen aus dem Philippe-Halsman-Privatarchiv in New York, in dem das Gesamtwerk Halsman sowie die über 400 Werke, die mit Dalí entstanden sind, von der Familie bewahrt werden. Es ist bisher kein zweites Beispiel für eine so tiefgreifende Zusammenarbeit zwischen Fotograf und Künstler bekannt. Der Aufwand, den Halsman und Dalí in ihre gemeinsamen Projekte steckten, kommt oft Filmaufnahmen gleich. Jede einzelne Fotografie war ein Konzept, dem ein intensiver Denkprozess vorausging. In der Ausführung übernahm Halsman Koordination und Regie. Damit griff er einer fotografischen Strömung vor, die als directorial mode erst sehr viel später wirksam werden sollte. Eindrucksvollstes Beispiel ist vielleicht das Tableau Dali Atomicus (1948), das die in Dalís Gemälde Leda Atomica (1948−1949) thematisierte Teilchenlehre zum Gegenstand hat. Bis die erwünschte Komposition erzielt war, musste Dalí einen ganzen Nachmittag lang, 26 Mal, mit einem Pinsel und seiner Palette in der Hand immer wieder in die Luft springen, während drei Katzen durch die Luft geworfen wurden, begleitet von einem Eimer voll Wasser. Die Konzeption wurde abgerundet durch das nachträgliche Einfügen einer Zeichnung Dalís, für die von vornherein eine weiße Leinwand auf der Staffelei vorgesehen war. Hier spiegelt sich die Aktion der Katzen wieder, die niemals vorhergesehen hätte werden können. Der Zufall wird zum Plan.     

Um das vielfältige Werk Halsman/Dalí in seiner Essenz und Wirkung erfassen zu können, ist es in Werksgruppen zu gliedern. Allgegenwärtig sind die Fragen nach dem Anteil der beiden Künstler am jeweiligen Projekt, die künstlerische Entwicklung innerhalb der Gemeinschaft, aber auch die Wirkung der Zusammenarbeit auf das Einzelschaffen. Ein Kernstück bildet der Kurzfilm Chaos and Creation, in den Halsman und Dalí im Grunde das übertragen, was sie vor der Fotokamera schon unendlich oft praktiziert haben: Das Zusammenspiel von explosivem Genie und einem Regisseur, der in der Lage war, Dalís Energien zu bündeln. Halsman war in jeder Hinsicht mehr als ein Hilfsmittel und ausführendes Werkzeug für Dalí. Kein anderer Fotograf reflektierte Dalís spielerischen Leichtsinn so gut wie er. Kein anderer hat ein treffenderes Gesamtporträt dieses Meisters der Masken erschaffen als Philippe Halsman.

Literatur: Anna Feldhaus. Salvador Dalí und Philippe Halsmann - das gemeinsame Werk, Heidelberg, Berlin: Kehrer Verlag, 2015. Informationen zum Buch

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