Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Teresa Losonc

Die Fotografin Elly Niebuhr

Dissertation – Universität für angewandte Kunst Wien, Kunstsammlung und Archiv, Prof. Dr. Patrick Werkner – Beginn: Oktober 2009 – Art der Finanzierung: Unterstützung der Oskar Kokoschka Sammlung – Kontaktadresse: teresa.losonc(at)gmx.at

Erschienen in: Fotogeschichte 115, 2010

„Ohne Herz geht es nicht!“, sagt die heute 96jährige Wiener Fotografin Elly Niebuhr über ihre Arbeit. Bekannt wurde sie durch Mode- und Produktfotografie in den 60er und 70er Jahren in Wien. Sie arbeitete für Modesalons, Kaufhäuser und Boutiquen wie Faschingbauer, Farnhammer, Adlmüller, Höchsmann, Havas, Dobyhal, Haider-Petkov, Resi Hammerer, Gazelle oder Palmers und viele andere. Sie fotografierte Produkte für Unternehmen wie Interform, Grabner, Ostrovic, Slama, Rasper, Thonet, Schwäbische Jungfrau etc. Sie arbeitete aber auch für Tageszeitungen (Volksstimme, Neues Österreich, Kurier, Presse etc.) und Wochenzeitschriften (Brigitte, Für Sie, Die Frau, Die Neue etc.).

Elly Niebuhr wurde 1914 in Wien als Tochter von Erich und Paula Prager-Mandowsky geboren. 1932 beendete sie die Mittelschule des Frauen-Erwerbs-Vereins, anschließend belegte sie einen Ausbildungskurs in der „Gewerblichen Privatanstalt für Miedernähen, Schnittzeichnen und Zuschneiden“. Noch vor Abschluss dieser Handwerksausbildung entschied sie sich an der Universität Wien Physik und Chemie zu studieren. Nach drei Semestern brach sie ihr Studium ab und begann eine Ausbildung als Fotografin bei der bekannten Wiener Fotografin Hella Katz, die am Stubenring 18 ihr Atelier hatte. Parallel zu ihrer praktischen Ausbildung besuchte sie die Grafische Lehr- und Versuchsanstalt in Wien. 1937/38 entstanden ihre ersten Sozialreportagen.

Nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland im Frühjahr 1938 musste Elly Prager-Mandowsky, die jüdischer Herkunft war, ihre Fotoausbildung abbrechen. Anfang 1939 flüchtete sie zusammen mit ihrer Schwester nach England, später nach Amerika. In New York heirate sie und nahm den Namen Niebuhr an, den sie auch nach ihrer Trennung als Fotografin beibehielt. Sie fand Arbeit als Porträtfotografin im Fotostudio Lorstan und begann sich politisch innerhalb der kommunistischen Bewegung zu engagieren. 1947 kehrte sie nach Wien zurück und versuchte ihre Sozialreportagen vor dem Krieg anzuschließen. Mitte der 1950er Jahre wechselte sie zur Modefotografie und hatte in diesem neuen Metier bald Erfolg.[1]

Am 1. Oktober 2009 übergab Elly Niebuhrs Sohn, der Architekt Dipl. Ing. Thomas Gellert, der Universität für angewandte Kunst Wien, Kunstsammlung und Archiv, das Fotoarchiv von Elly Niebuhr. In den fünf Boxen befinden sich Fotonegative, Pressematerial und Fotografien von Frau Niebuhr. Die ältesten Negative stammen aus den Jahren 1937/3, die jüngsten Aufnahmen nahm Elly Niebuhr in den frühen 1980er Jahren auf.

Die Dissertation setzt sich zum Ziel, das das fotografische Œuvre von Elly Niebuhr wissenschaftlich aufzuarbeiten. Dazu ist es notwendig, weitere Kontextinformationen zusammenzutragen, etwa über  die Unternehmen, mit denen sie gearbeitet und die Fotomodelle, die sie fotografiert hat. Geplant ist neben Archivstudien eine Reihe von Gesprächen mit Zeitzeugen. Die wichtigste Quelle für diese Arbeit ist aber Elly Niebuhr selbst, die in einem Wiener Seniorenheim lebt. Sie spricht gerne über ihre Arbeit, die Inspiration, die Zusammenarbeit mit den Fotomodellen und ihren Aufenthalt in New York.


[1] Vgl. Anton Holzer: Elly Niebuhr – Fotografin aus Wien. Alltag und Haute Couture, Wien 2009, S. 12 – 44.

 

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