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Timm Starl

Eine Stadt im Spiegel

Moï Ver. Paris. 80 Photographies. Introduction de Fernand Léger, Paris: Éditions Jeanne Walter, 1931. Nachdruck in limitierter Auflage von 1.000 Exemplaren: Göttingen: Gerhard Steidl, 2004, 29,2 : 22,1 cm, 46 ungez. Bl., 80 SW-Abb., Broschiert, "  200,-

Erschienen in Fotogeschichte 96, 2005


"Unter allen Städten ist keine, die sich inniger mit dem Buche verband als Paris." Es waren die jüngsten Veröffentlichungen der 1920er Jahre, die Walter Benjamin zu dieser Einleitung animiert haben mögen. Und er dachte insbesondere auch an die Bildbände und illustrierten Ausgaben, wenn er in dem Essay von 1929 in der Folge vermerkt: "In tausend Augen, tausend Objektiven spiegelt sich die Stadt." Jedenfalls wird das in der Reihe "Das Gesicht der Städte" erschienene Buch von Mario von Bucovich aus dem Jahr 1928 ausdrücklich erwähnt. Die literarischen und die fotografischen "Liebeserklärungen" vereint Benjamin unter dem metaphorischen Verdikt, sie würden ihren Gegenstand reflexartig "wie Spiegel [...], nur symmetrisch verschoben, zurückgeben."[1]

Zwei Jahre später tritt ein Fotokünstler auf, der den Effekt der Spiegelungen auf besondere Weise ins Bild setzt. Er sieht die Stadt wie in einem Schaufenster, deren Glasscheibe ebenso eine Durchsicht ermöglicht wie den Blick auf das sich spiegelnde Geschehen, das hinter dem Betrachter liegt. Und so es sich um eine verwinkelte Auslage mit mehreren Fronten handelt, so vermehren sich die Blickrichtungen, und die reflektierten Erscheinungen überlagern sich. Die fotografische Umsetzung einer solchen Sichtweise ermöglicht die Sandwich-Montage, bei der zwei oder mehr Negative übereinander gelegt und in ein einziges positives Bild gewendet werden.

Der Autor einer Veröffentlichung über Paris, in dem diese Technik Anwendung findet, stammt aus Litauen und wurde als Moses Vorobeichic in der Nähe von Wilna geboren. Nach einem Studium der Malerei kommt er 1927 ans Bauhaus nach Dessau und übersiedelt 1928 nach Paris, wo er sich Moï Ver nennt. 1934 wandert er nach Palästina aus, heißt von nun an Moshe Raviv und ist 1995 gestorben. Man ist geneigt, eine Analogie zwischen den wechselnden Namen, die eine bewegte Biografie widerspiegeln, und den differenzierten Beobachtungen, mit denen sich ihr Träger einzelnen Stationen seines Werdegangs nähert, anzustellen. Kurz vor dem Paris-Band war nämlich in der Reihe "Schaubücher" ein Büchlein über Ein Ghetto im Osten (Wilna) erschienen, in dem mit ausgeschnittenen Fotografien und Mehrfachbelichtungen die Synagoge und andere Gebäude in ungewohnter Perspektive vorgestellt werden.

Auch in dem vorliegenden Nachdruck werden Ausschnitte in unterschiedlichen Vergrößerungen und Drehungen bis zu 180° in- und nebeneinander gesetzt. Immer wieder muss man den Blick neu fokussieren, und zwar ebenso von Seite zu Seite wie von einem Bildfragment zum anderen und nicht zuletzt innerhalb der Bilder, die aus bis zu fünf Negativen entstanden sind. Damit überträgt sich die Unruhe, das Tempo, die Hektik der Stadt auf den Betrachter der Abbildungen, die ohne jede Legende präsentiert werden. Die Lektüre gleicht einer rasanten Fahrt durch eine Großstadt, bei der die rasch wechselnden Eindrücke sich überschneiden und verschränken. Neben der herrischen Haltung männlicher Passanten tritt die lässige Eleganz promenierender Frauen; die tänzelnden Lichter der Fahrzeuge im nächtlichen Paris vermischen sich mit den grellen Verheißungen der Leuchtreklame; die dunklen Schornsteine einer Fabrik werden von dem davor stehenden Patron beherrscht, das schräg ins Bild fallende Gerüst bedroht den schaufelnden Straßenarbeiter; kuriose Schattenwürfe von vorbeieilenden Menschen durchbrechen das strenge Muster der Pflastersteine; die starre Haltung des Voyeurs spiegelt sich in den Aktstudien, die in einem Geschäft dargeboten werden.

Wären nicht manche Hausaufschriften, Straßennamen, Werbetexte und Autonummern, könnte es sich um jede andere europäische Großstadt der 1930er Jahre handeln. Es ist ein anderes Paris, das sich lediglich an den Schriftzeichen zu erkennen gibt, nicht an Ansichten von allseits bekannten Gebäuden und Plätzen. Diese Metropole zeigt sich als Zentrum von Arbeit und Industrie, als Stätte von Müßiggang und Zielstrebigkeit, als Konglomerat von Besitz und Not. Es ist eine lebendige Stadt, voll ständiger Veränderungen und Aufregungen, die Moï Ver in vielschichtige Bilder gesetzt hat. Als hätte er sich von Paul Cohen-Portheim inspirieren lassen, der am Ende seiner Hymne auf Paris 1930 vermerkt: "Aber das Leben hält nicht still, um sich begutachten und photographieren zu lassen. Leben ist Bewegung und Wechsel und unvorhersehbar und unprogrammgemäß."[2]


[1] Walter Benjamin, Paris, die Stadt im Spiegel. Liebeserklärungen der Dichter und Künstler an die "Hauptstadt der Welt" (1929), in: ders., Gesammelte Schriften, IV.1, hrsg. von Tilman Rexroth, werkausgabe Bd. 10, Frankfurt am Main 1980, S. 356-359.

 

[2] Paul Cohen-Portheim, Paris, Berlin 1930, S. 208.