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Anton Holzer

Goodbey, Mr. Newhall

Joan Fontcuberta (Hrsg.): Photography. Crisis of History. Mit Beiträgen von Hubertus von Amelunxen, Joan Fontcuberta, Daniel Girardin, André Gunthert, Ian Jeffrey, Mounira Khémir, Boris Kossoy, Andrea Kunard, Vincent Lavoie, Joan Naranjo, José Antonio Navarrete, Bernardo Riego, Teresa Siza, Marie-Loup Sougez, Johann Swinnen, Carmelo Vega und Henning Steen Wettendorff, Barcelona: Actar, 2003, 16 : 12 cm, 253 S, 12 Abb., Kartoniert, 18 ", ISBN 84-95273-50-0, Bestellung: info(at)actar-mail.com

Erschienen in: Fotogeschichte 95, 2005

Noch nie hielt ich ein Buch mit derart vielen Fehlern in Händen. Die Palette reicht von einfachen Tippfehlern (praktisch auf jeder Seite, gelegentlich mehrere in einem Satz) über falsch zitierte Werke bis hin zu falsch geschriebenen Namen (etwa Allan Sekulla, Geoffroy Batchen, Beumont Newhall, Helmut Gersheim, um nur einige wenige zu nennen). Oft treiben diese willkürlichen Benennungen seltsame Blüten, etwa im Falle der beiden französischen Fotopioniere, die im Beitrag von Bernardo Riego als "Niece und Dagger" (Niépce und Daguerre) angeführt werden. Lektorat, so befürchte ich, dürfte dieses Buch wohl keines erfahren haben. Und wenn der Herausgeber Joan Fontcuberta in seinem Einleitungstext den Namen Gernsheim nicht nur einmal, sondern ständig falsch schreibt, kommen erhebliche Zweifel an Kompetenz und Können des Autors auf. Leider fällt der Schatten nicht nur auf ihn, sondern gleich auf eine Reihe weiterer Schreiber und Schreiberinnen.

"Photography. Crisis of History" heißt das Buch, das im kleinen katalanischen Verlag Actar auf Englisch erschienen ist. Aus der Einleitung des Herausgebers wird der Anlass der Publikation nicht ersichtlich, erst auf S. 225 verrät eine Fußnote, dass die versammelten Texte auf eine Tagung im Jahr 2000 zurückgehen. Die Konferenz, die im Mai dieses Jahres in Barcelona stattfand, stand unter dem Titel "The History of Photography revisited". Näheres über diese Veranstaltung erfahren wir leider nicht. Unklar ist auch, ob die Beiträge für die Publikation überarbeitet wurden, des Öfteren wurde die mündliche Rede weitgehend beibehalten, gelegentlich scheint es sich doch um überarbeitete Texte zu handeln. Die Leistung des Herausgebers bestand offenbar darin, die Referentinnen und Referenten zur Tagung einzuladen und ihre Arbeiten beim Verlag abzugeben. Der Verlag seinerseits hat Papier und Tinte zur Verfügung gestellt. Dass infolge einer derartigen "Arbeitsteilung" zahlreiche Überschneidungen und Wiederholungen unvermeidbar sind, ist klar, aber unangenehm für die Leser.

Dennoch: so sonderbar es auch klingen mag, vollkommen negativ fällt die Einschätzung trotz all der Mängel nicht aus. Die Beiträge der Tagung umreißen ein Feld, jenes der Methodologie und Theorie der Fotografiegeschichte, das, wenn überhaupt, allzu oft nur in schmalen Ausschnitten thematisiert wird. Dann geht es etwa um die Leistungen eines Autors, die Methoden einer Disziplin, die Werke eines Landes, einer Region, die Bedeutung eines Zeitabschnitts. Die Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes nehmen sich vor, diese Beschränkungen zu überwinden und Methodik und Theorie der Fotografiegeschichte fächerübergreifend und im internationalen Kontext zu analysieren. Die Befunde sind ernüchternd, wenn auch nicht immer neu. Es zeigt sich etwa, dass das Theoriegerüst, auf dem die Disziplin sitzt, immer noch äußerst fragil und oft bescheiden ist. Bis heute wird – zumindest in Westeuropa und in den USA – in gängigen Fotografiegeschichten nur auf einige wenige als Bahn brechend bezeichnete Autoren zurückgegriffen (die Linie reicht von Eder über Gernsheim bis hin zu Newhall, Frizot und anderen neueren Arbeiten). Die Autorinnen und Autoren des Bandes skizzieren – meist ausgehend vom Methodenkanon ihres Herkunftslandes – die herrschenden Modelle der Fotogeschichtsschreibung, um dann neuere Theorien und Herangehensweisen vorzustellen. Einig sind sich die meisten in der Forderung, die in die Jahre gekommenen Fundamente der Fotogeschichtsschreibung grundlegend zu erneuern. "Goodbye, Mr. Newhall" heißt der Text von José Antonio Navarrete, der bereits im Titel die Richtung vorgibt. Infrage gestellt wird die stillschweigende Orientierung an den jeweiligen Nationalgeschichten der Fotografie ebenso wie der positivistische Zug, mit dem neue Ergebnisse und gelegentlich neue Fotografen in die vorab definierte Aufstiegsgeschichte des Mediums eingepasst werden. Kritisiert wird die Ausrichtung der herkömmlichen Fotografiegeschichte am Kanon der traditionellen Kunstgeschichte, die es gewohnt ist, nicht nur gesellschaftliche und politische Bezüge auszuklammern, sondern auch technische Fragen. Kritisiert wird auch die Fokussierung auf die Geschichte der Fotografie einiger weniger Länder, die sich, zusammengenommen, gerne als Universalgeschichte ausgibt. Befragt wird schließlich die Rolle des Fotografen als Künstlers, die gerne mit anderen Künstlerfiguren überblendet wird. Dabei wird, darauf hat etwa Rosalind Krauss an anderer Stelle aufmerksam gemacht, übersehen, dass viele Fotografen – v. a. des 19. Jahrhunderts – "Parttime"-Fotografen waren. Manche haben nach wenigen Jahren aufgehört zu fotografieren oder haben nur einige wenige Jahre Bilder gemacht, andere haben hauptsächlich oder nebenher lithografiert, gezeichnet oder einen Kunsthandel betrieben. In den herkömmlichen Fotografiegeschichten tauchen diese Fotografen in der Regel ganz selbstverständlich als "Künstler" auf, ohne dass genauer geklärt würde, was ein Künstler im fotografischen Bereich ist.

Die Diagnosen zum Stand der Fotografiegeschichte sind bei einigen Autorinnen und Autoren (Marie-Loup Sougez, Carmelo Vega, André Gunthert, Daniel Girardin) überzeugend formuliert, bei anderen verlieren sich die Ausführungen leider allzu stark im Ungefähren. Nun hätte man sich, ausgehend von diesen ersten Analysen, einige gründlichere Fallstudien zu ausgewählten methodischen Positionen der Fotogeschichte gewünscht. Leider findet sich dazu im vorliegenden Band aber nichts. Auch die Antworten auf die Frage, wohin die Wege der Fotogeschichte "nach Newhall" führen, bleiben in den meisten Beiträgen recht vage. Die heikle Aufgabe, den aktuellen Stand der Disziplin im Querschnitt zu skizzieren, umgeht der Herausgeber, indem er Mariona Fernández, eine Bibliothekarin, die im Bereich Moderne Kunst in Barcelona beschäftigt ist, damit beauftragt hat, für die Publikation eine ausgewählte Literaturliste mit den "wichtigsten" Arbeiten der Fotografiegeschichte zusammenzustellen. Die Vorgangweise bei der Erstellung dieser Bibliografie ist sonderbar und verdient es kurz skizziert zu werden. Neun der Referenten wurden danach befragt, welche Bücher sie zu den wichtigsten Werken der Fotografiegeschichte zählen. Nicht aufgenommen in die Wertung wurden (wieso auch immer) Monografien, Aufsatzsammlungen, Bücher, die sich mit Ländergeschichten beschäftigen, Zeitschriften und Nachschlagewerke. Das Ergebnis ist zweiteilig. Die Liste wird von drei Spitzenreitern angeführt, jenen Autoren also, die am öftesten (wie oft, erfahren wir nicht) genannt wurden. Das sind: Michel Frizot, Beaumont Newhall und Jean Claude Lemagny/André Rouillé. Diese Siegergruppe wird gefolgt von gut 200 alphabetisch gereihten Autoren und ihren Büchern. Es entsteht der Eindruck, dass sich in der derart gewonnen Literaturliste genau das wiederholt, was zuvor kritisiert wurde: die Experten nannten jene Bücher, die sie kennen. So entsteht eine Art Abbild dessen, was in den Ländern, aus denen die Juroren kennen, "in" ist. Und wiederum fällt das unter den Tisch, was jenseits dieses Horizonts liegt. Leider wurden die inhaltlichen Kriterien, die der Auswahl zugrunde liegen, nicht offen gelegt. Die Liste ist also weniger das Ergebnis einer begründeten Auseinandersetzung mit Theorie- und Methodensträngen der Fotogeschichte, sondern eher das Resultat einer verlegenen Spielerei, die sich, versteckt hinter einer pseudodemokratischen "Abstimmung", um die Beantwortung der Frage drückt: Welche Bücher sind für welche Fotogeschichtsschreibung (nach wie vor) wichtig und brauchbar und aus welchen Gründen sind sie es"