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Stefan Siemer

Der Blick von oben

Thomas Kramer und Hilar Stadler (Hg.): Eduard Spelterini: Fotografien des Ballonpioniers. Photographs of a pioneer balloonist. Dt./engl. Mit Beiträgen von Alex Capus, Hubertus von Amelunxen, Stephan Wottreng und Henry Wydler – Zürich: Scheidegger & Spiess 2007 – 29 x 36 cm, 88 S/W-Abb., gebunden mit Schutzumschlag – 48 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 108, 2008

Als 1931 Eugen Diesel unter dem Titel Das Land der Deutschen eine Sammlung mit Luftbildern deutscher Landschaften und Städte herausgab, konnte der Blick von oben noch den Reiz des Neuen beanspruchen. Seitdem sind unzählige Bildbände mit Luftfotografien à la – aus der Luft erschienen, haben Fotografen wie Georg Gerster oder Yann Arthus-Bertrand dem Genre neue ästhetische Impulse verliehen und holt google earth den Satellitenblick aus fast jeder erdenklichen Perspektive auf den heimischen Computer.

Ein Blick auf die Anfänge des Luftbilds gewährt nun ein opulent gestaltetes Buch mit einer Auswahl von 88 zwischen 1893 und 1922 entstandenen Fotografien des Schweizer Ballonpioniers und Fotografen Eduard Spelterini. Die hier erstmals von den Glasnegativen reproduzierten Bilder sind das Ergebnis umfassender Recherchen in Schweizer Archiven, die neben Altbekanntem auch zahlreiche neue Fotografien zu Tage brachten.

Vier kurze Essays der Herausgeber stellen die Bilder in einen biografischen Kontext und erhellen fotografie- und technikhistorische Zusammenhänge. In seinem einleitenden Essay beschreibt Alex Capus das abenteuerliche Leben Spelterinis, der 1852 unter dem Namen Eduard Schweizer als Sohn eines Toggenburger Schankwirts zur Welt kam, um dann später auf dem Höhepunkt der Belle Époque zum bekanntesten Ballonfahrer seiner Zeit im wahrsten Sinne des Wortes aufzusteigen. Seit den 1870er Jahren waren die Ballonflüge Spelterinis Massenspektakel, bei denen nicht nur die Startvorbereitungen und der Aufstieg sondern auch Darbietungen einer unter dem Ballonkorb hängenden Trapezkünstlerin die Zuschauer beeindruckten. Als Spelterini 1931 verarmt bei Vöcklabrück in Oberösterreich starb, hatte er es auf die stolze Zahl von 570 Ballonflügen gebracht und nach eigenen Angaben 1237 Passagiere in die Luft befördert.

Aber der Ballonflug diente nicht allein der Massenunterhaltung, sondern schuf um 1900 ganz eigene vor allem literarisch geprägte Bildwelten. Dies beschreibt Hubertus von Amelunxen in einem kurzen aber dichten Essay, dessen Titel Eduard Spelterini. Das Licht der Fotografie und die "Runde, Blasse, Dunkle Tiefe" aus Robert Walsers 1908 entstandener Beschreibung einer Ballonfahrt zitiert. Die Fotografien Spelterinis werden erst vor dem Hintergrund poetischer Höhenerfahrungen von Jean Paul bis Robert Walser ganz verständlich. Angesichts der im Zeitalter von google earth millionenfach reproduzierter Luftbilder verweist von Amelunxen auf die Notwendigkeit sich mit Spelterini diesen eigentümlichen frühen Visualisierungen von Höhenerfahrungen zuzuwenden.

Während von Amelunxen die eigentümliche Ästhetik der Ballonblicke beschreibt, geht es Stephan Wottreng in seinem Beitrag um eine nüchtern technikgeschichtliche Einordnung der Fahrten Spelterinis, die als "komplexe Unternehmungen mit hochtechnischem Gerät, an der Grenze des damals für die Menschen erreichbaren Raums" agierten (Abb. 1). Exemplarisch hierfür sind etwa die Vorbereitungen und die Fahrt des Ballons Wega, mit dem Spelterini 1898 erstmals eine Überquerung der Alpen in Ost-West-Richtung gelang.1 Anders als bei seinen bisherigen Fahrten stand dieser Aufstieg unter wissenschaftlichem Vorzeichen. Zahlreiche an Bord befindliche Instrumente maßen Luftdruck, Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Eine umfangreiche fotografische Ausrüstung diente der Dokumentation des Fahrtverlaufs und lieferte Bilder für die kurz darauf veröffentlichte Fahrtbeschreibung.

Abgerundet werden die Textbeiträge durch eine von Henry Wydler zusammengestellte Tabelle, die Spelterinis Fahrten im Zusammenhang von Meilensteinen der Ballongeschichte darstellt.

Doch das Ereignis dieses Bandes sind die Bilder. Blättert man durch die hervorragend reproduzierten querformatigen Aufnahmen so ist man gefangen von ihrem Detailreichtum und ihrer Vielfalt: Man sieht die Passanten in der Züricher Bahnhofsstrasse an einem Sommertag, lässt den Blick über die Schneefelder des Matterhorngebietes schweifen, verliert sich im Häusergewirr der Großstadt Kairo, studiert das abstrakte Sandmuster der Saharawüste oder betrachtet die aufgerissenen Landschaften des Minengebiets im südafrikanischen Transvaal. Spelterini war nicht der erste der vom Ballon aus fotografierte, doch anders als sein Vorgänger Felix Tournachon, gen. Nadar, dem Ende der 1850er Jahre die ersten Ballonaufnahmen gelangen, profitierte er von verbesserten Apparaten und empfindlicheren Filmplatten. Spelterini gelangen nun Aufnahmen, die keine technisch-fotografischen Experimente und Zufallsprodukte mehr waren, sondern Ausdruck einer neuen Ästhetik des Höhenblicks. "Diese Bilder wollen als Kunstwerke gesehen und genossen werden" zitiert Alex Capus aus einem Zeitungsbericht über einen der vielen Lichtbildvorträge Spelterinis.

Spelterini machte sich vor allem als Alpenflieger einen Namen, und so bilden seine Alpenaufnahmen den Schwerpunkt des vorliegenden Bandes. Meist in Schrägaufnahmen finden sich die typischen Szenerien von hintereinander gestaffelten Alpenriesen mit dramatischen Wolkenformationen. Spelterini lehnt sich mit diesen Bildern an die seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in zahlreichen Fotografien verbreitete konventionelle Alpenästhetik an. Dennoch gelingen ihm zuweilen in Nahblicken auf zerfurchtes Gestein oder Gletschereis geradezu abstrakte Bilder von ungewöhnlicher Schönheit.

Während die Alpenaufnahmen aus der Distanz des Ballonfliegers das Bild einer urtümlichen und unberührten Natur vermitteln, lassen sich seine Luftbilder von Städten geradezu als Dokumente urbaner Expansion und Landschaftsveränderung zu Beginn des 20. Jahrhunderts lesen. So zeigt eine der Aufnahmen Umland und Industriequartier Zürichs mit seinen ausgedehnten bis in den Stadtkern vordringenden Gleisanlagen, eine andere die Minengebiete im südafrikanischen Transvaal mit seinen Gruben, Halden und Wegenetzen (Abb. 2). Es sind diese "hässlichen" Bilder von Urbanisierung und Industrialisierung, die ein notwendiges Korrektiv zu den schönen Naturbildern darstellen und damit das breite Spektrum von Luftbildern zwischen ästhetischem Naturbild und Dokumentarbild dem Betrachter vor Augen führen.

So ist ein Buch entstanden, das im Hinblick auf Auswahl, Präsentation und Reproduktion der Aufnahmen kaum etwas zu wünschen übrig lässt. Auch der Fotograf selbst wird mehr als siebzig Jahre nach seinem Tod mit seinen Leistungen in den begleitenden Essays eingehend gewürdigt. Wenngleich eine dezidiert wissenschaftliche Kommentierung der Bilder den Herausgebern fern lag, hätte man sich hier und da eine tiefer gehende Einordnung der Bilder in die Fotografie- und Technikgeschichte der Zeit gewünscht. So werden etwa die bedeutenden technisch-wissenschaftlichen Anwendungen des Luftbilds in Geografie, Kartografie und Fotogrammetrie nur gestreift. Der hohe ästhetische Reiz der reproduzierten Bilder lässt leicht vergessen, dass spätestens mit ihnen eine neue Ära von technischer Vermessung und Beobachtung der Erde begann, die unter militärischem Vorzeichen mit dem ersten Weltkrieg einen ersten Höhepunkt erreichte. Auch bleiben die Ballonbilder unter dezidiert mediengeschichtlichen Fragenstellungen – etwa im Hinblick auf Verbreitung und Rezeption der Bilder – weitgehend unerörtert. Stand Spelterini mit seinen Bildern doch keineswegs allein da, wie etwa das erst kürzlich veröffentliche umfangreiche Konvolut mit Ballonfotografien von Ernst Wandersleb oder Eberhard Guyers Buch Im Ballon über die Jungfrau nach Italien von 1908 belegen.2 Wie diese Bilder über Bücher, Zeitschriften, Postkarten und Lichtbildvorträge in eine breite Öffentlichkeit hinein wirkten, harrt immer noch einer genaueren Untersuchung, wie ja überhaupt eine umfassende Geschichte des Luftbildes bislang noch aussteht.

Doch all dies ändert nichts daran, dass der vorliegende Bildband erstmals eine wichtige Gestalt der frühen Luftfotografie eingehend würdigt. Das Buch erinnert an die Ursprünge der Luftfotografie: an den damit verbundenen Aufwand, die Gefahren und vor allem aber an die Begeisterung, die die Zeitgenossen mit einem neuen Sehen dieser Art verbanden – eine Begeisterung, die bis heute anhält.