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Stefanie Diekmann

Bühnenkünstlerinnen

Susanne Holschbach: Vom Ausdruck zur Pose. Theatralität und Weiblichkeit in der Fotografie des 19. Jahrhunderts – Berlin: Dietrich Reimer Verlag, 2006 "24 x 17 cm; 296 S., 90 Abb. in S/W, broschiert – 49 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 110, 2008

Sie ließen sich sehr gerne fotografieren. Und sie ließen sich durchaus häufig fotografieren: die Theaterdiven Sarah Bernhardt, Eleonora Duse, Ada Isaacs Menken – und auch Clara Ziegler und Charlotte Wolter, mit deren Auftritten im Fotoatelier Susanne Holschbach sich in ihrer Studie zu Theatralität und Weiblichkeit in der Fotografie des 19. Jahrhunderts befasst. Vor der Erfindung des Kinos, vor der Geschichte der Screen Tests, Großaufnahmen und der Transformation von Darstellungsstilen und -ökonomien unter dem Einfluss der kinematografischen Apparatur, suchten diese Schauspielerinnen das Atelier auf, um ihr Verhältnis zu einer anderen Kamera auszutesten, indem sie sich in ihren Bühnenrollen porträtieren ließen, bisweilen auch in der Rolle der Bühnenkünstlerin oder anderen Selbstentwürfen, wie sie insbesondere von Sarah Bernhardt kultiviert wurden.

Die Fotos von Ziegler und Wolter sind Rollenporträts, i.e. Aufnahmen der 'Schauspielerinnen als' – (Messalina, Phädra, Medea, Sappho etc.). Konkurrierende Rollenentwürfe nicht selten, da Ziegler und Wolter, ebenso wie einige Jahre später Bernhardt und Duse, für ihre gefeierten Bühnenauftritte häufig dieselben Dramenfiguren wählten. Serielle Rollenentwürfe auch, sofern sie in einer ganzen Reihe von Fotos festgehalten worden sind, die nicht nur die Gestaltung von Posen, Gesten, Kostümen dokumentieren, sondern auch eine Auseinandersetzung mit den Spielräumen, die sich in der Begegnung mit dem fotografischen Medium eröffneten. (Was sie hingegen nicht oder allenfalls zitathaft dokumentieren, ist die Bühnenerscheinung der Schauspielerinnen. Theaterfotografie in den Jahren um 1870, 1880, in denen die Fotos entstehen, ist in erster Linie Atelierfotografie. Erst um 1900 wird die Entwicklung der Beleuchtungstechnik Aufnahmen im Theater und damit das Fotografieren von Bühnenszenen erlauben.)

 

Wie definierten die Schauspielerinnen die Möglichkeiten der Fotografie für sich" Wie organisierten sie ihr Verhältnis zur Kamera" Wo wurde ein bestehendes Repertoire an Posen und Haltungen durch den Wechsel von der Bühne ins Atelier modifiziert, wo verstetigt, und wo scheint die fotografische Aufzeichnung in den oft statuarischen, am Dispositiv des Tableaus ausgerichteten Darbietungen der Aktricen bereits präfiguriert" Welche Rolle spielen die Entdeckung der Fotogenität, die Momente der Serialität und der Variation, das Element des Dekorativen" Wie gestaltete sich das Verhältnis von Bild-Strecke und Erzählung" Und welche normativen Tendenzen lassen sich in den fotografisch modellierten Rollentwürfen ausmachen" Diese und andere Fragen entwickelt Holschbach in ihren überaus präzisen Analysen der Atelierfotos, die, bislang zum größten Teil unveröffentlicht, den Sammlungen des Österreichischen (Wolter) und des Deutschen (Ziegler) Theatermuseums entstammen.

Die 'Entdeckung' und Erschließung der fotografischen Konvolute ist ein erstes wichtiges Verdienst der Studie. Ein zweites ist die durchaus nüchterne Bewertung dieser frühen Foto-Performances, die von der Autorin weder als subversive noch als exzeptionelle Auftritte beschrieben werden, sondern als Zeugnisse einer "spezifischen visuellen Kultur" (S. 14), von Stereotypen und ikonografischen Formeln durchsetzt, auch wenn sie Züge eines Experimentalszenarios tragen. Diese visuelle Kultur zu rekonstruieren, ist das dritte Anliegen des Buches, denn anstatt sich auf die Analyse der Rollenporträts zu beschränken (genug Material dazu wäre vorhanden), stellt Holschbach ihnen ausführliche Erkundungen in die Bild- und Mediengeschichte der Ausdruckskonzeption voran.

Etwas irreführend mag dabei der Begriff der "spezifischen visuellen Kultur" sein, insofern sich damit das Konzept einer homogenen und zeitlich begrenzbaren Kultur der visuellen Repräsentation zu verbinden scheint. Was die Untersuchung hingegen versammelt, sind verschiedene Facetten, Schauplätze, Projekte der Ausdrucksdarstellung vom Ende des 18. bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Zu den untersuchten Materialien gehören Illustrationen zu Schauspiellehrbüchern (Engel) und  Theaterstücken (Goez) um 1800, Bilder der zur selben Zeit vielfach dargebotenen 'leidenschaftlichen Attitüden', die vor allem mit der Figur der Lady Hamilton verbunden sind, erste Versuche einer Bilddokumentation schauspielerischer Einzelleistungen (die Zeichnungen der Gebrüder Henschel), aus dem 19. Jahrhundert dann die drei Bände der Iconographie photographique aus der Pariser Salpêtrière, die im Labor produzierten Ausdrucksstudien Duchenne de Boulognes, eine kleine Fotoserie, die Nadar und Tournachon um 1850 mit dem Pantomimen Debureau aufnahmen, sowie die umfangreichen 'Musterbücher' des Gesichts- und Körperausdrucks, die der Fotograf und Amateurschauspieler Karl Michel 1886 und 1910 publizierte.

Holschbach sichtet dieses Material in zwei ausführlichen Durchgängen. Im Mittelpunkt steht dabei zunächst die Rekonstruktion von Verflechtungen wissenschaftlicher und ästhetischer Ausdruckskonzeption. Erkundet werden zudem die Korrespondenzen und Affinitäten, die zwischen den verschiedenen Konvoluten zu erkennen sind, darunter Aspekte der Serialisierung und Sequentialisierung, Bild-Text-Beziehungen (vor allem Bildlegenden), Strategien der Naturalisierung von Ausdrucksdarstellung, Übergänge vom Tableau zur Skizze und damit zur Momentdarstellung etc. Der zweite Durchgang konzentriert sich auf das Moment des Gendering, das ebenfalls in verschiedenen Facetten auftritt: zum einen in Form der geschlechterdifferenten Auslegung von Gebärden, dem Ausbau eines einschlägigen Bild- und Typenrepertoires und der Einschreibung von Geschlechterstereotypen. Zum anderen in der Pathologisierung des expressiven weiblichen Ausdrucks und dem postulierten Antagonismus zwischen (unverstellter) 'echter' Weiblichkeit und (kalkulierter) Schauspielerei sowie den pygmalionesken Zügen der diversen Darstellungsverhältnisse, in denen den Akteurinnen (Modellen, Aktricen, Patientinnen, Probandinnen) immer wieder die Funktion der 'lebendigen Verkörperung' eines Konzepts zugewiesen wird.

Wenn an diesen detaillierten, sorgfältig entwickelten Beobachtungen überhaupt etwas zu kritisieren wäre, dann die relative Unschärfe des Begriffs der Pose, dessen memoriale, zitationelle und iterative Dimensionen in der Einführung der Arbeit zwar skizziert, in den Fallstudien aber nur bedingt aufgegriffen werden. (Das überrascht umso mehr, als die Autorin die theoretischen Implikationen der diskutierten Ausdruckskonzeptionen an vielen anderen Stellen sehr genau herausarbeitet.) Entsprechend offen bleibt die Auslegung des Titels Vom Ausdruck zur Pose, der als Beschreibung einer Entwicklung, als repetitives Darstellungsprinzip, aber auch als Chiffre einer spezifischen 'Rücksicht auf Darstellbarkeit' gelesen werden könnte.

Mit Blick auf Holschbachs materialreiche, informative und nicht zuletzt sehr gut zu lesende Studie bleibt dies jedoch die einzige kritische Anmerkung. Die Publikation ist hervorragend illustriert, die einzelnen Kapitel sind auch separat zu lesen, und der letzte Abschnitt, der eher den Status eines Postskriptums hat, etabliert bereits eine neue Untersuchungsperspektive jenseits der Mediengeschichte des Ausdrucks: Wo das Rollenporträt sich in einen Schauplatz der Vorführung von extravaganten Theaterkostümen verwandelt (das ist vor allem bei Charlotte Wolter der Fall), scheint in ihm bereits das Modefoto antizipiert: omnipräsentes Element der Fotokultur des 20. Jahrhunderts, mit dem sich Susanne Holschbach in einigen späteren Publikationen (u.a. Erblätterte Identitäten, Jonas Verlag 2006) beschäftigt hat.