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Ulrike Matzer

Lieven Gevaert Research Centre for Photography

Katholieke Universiteit Leuven und Université Catholique de Louvain, Belgien

www.lievengevaertcentre.be

Erschienen in Fotogeschichte 110, 2008

Während Belgien durch den Jahrzehnte dauernden Konflikt zwischen den beiden größten Sprachgemeinschaften innerlich zerrissen ist, demonstriert das in der flämischen Kleinstadt Leuven und an der Sprachgrenze gelegene Lieven Gevaert Research Centre for Photography (LGC) einen anderen Weg (freilich ohne deswegen als Problemlösungsmodell der nationalen Politik verstanden werden zu wollen): In den letzten Jahren machte es mit Publikationen, internationalen Tagungen und Kooperationsprojekten auf sich aufmerksam, die die gegensätzlichen nationalen Interessen dezidiert konterkarieren. Als Forschungszentrum, das Fotografie in einem breiten interdisziplinären Feld begreift und in vielfacher Weise Theorie mit Praxis zu verbinden sucht, kann es darüber hinaus in ganz Europa als nach wie vor einzigartig gelten.

Benannt nach dem belgischen Fotopionier und Gründer der Agfa-Gevaert-Gruppe wurde es 2004 auf Initiative von Jan Baetens und Hilde Van Gelder gegründet, die es bis Anfang 2008 gemeinsam leiteten. Beide haben Professuren an der Katholieke Universiteit Leuven inne, wo das Zentrum auch verankert ist. 2006 schloss der erste Doktorand, Maarten Vanvolsem, sein künstlerisches Promotionsstudium am LGC ab – als erster in Belgien überhaupt (The experience of time in still photographic images); aktuell leitet er selbst vor Ort ein Forschungsprojekt. Praxisorientierte Studienvorhaben zur Fotografie auf Graduierten- und PhD-Niveau wie dieses werden besonders unterstützt. Die Organisation von Konferenzen, Lectures, Vorlesungen und Workshops bildet einen weiteren Schwerpunkt des LGC, wobei für letztere bevorzugt Gäste mit künstlerisch-theoretischer Ausrichtung geladen werden: so Allan Sekula 2005, der im Rahmen einer vom LGC mit initiierten Ausstellung in Leuven Constantin Meunier auf die Aktualität seines sozialkritischen Denkens hin befragte. Die umfassenden Kooperationsprojekte münden nach Möglichkeit in eine Publikation; zum erwähnten sind sogar zwei Bücher erschienen. Die Nachfrage nach den in der Reihe des LGC erschienen Titeln ist groß; einer von Sekula ist derzeit vergriffen, die englische Übersetzung des Klassikers von Henri Van Lier, Philosophy of Photography, ist es beinah. Zusätzlich zur Dokumentation künstlerischer Projekte und Re-Editionen bzw. Übersetzungen maßgeblicher Texte sind die Herausgabe von Promotionsschriften, Monografien und Konferenzbeiträgen Schwerpunkte der Lieven Gevaert Series, die durch die amerikanische Cornell University Press vertrieben wird. Neben angewandter und Auftragsforschung zu spezifischen Projekten mit Bezug zur Fotografie ist dem Zentrum weiters die Konzipierung von Ausstellungen ein Anliegen.

Durch die philologische Forschung und Lehre von Jan Baetens war bislang semiotischen Zugängen, narrativen Gebrauchsweisen der Fotografie und Visual Studies größeres Augenmerk gewidmet. Unter seiner Co-Direktion bis Frühjahr 2008 wurden u. a. die internationalen Tagungen The Semiotics of Photography (Urbino, 2006) und Culture and Communication (Leuven & Louvain-la-Neuve, 2007) durchgeführt und das online-Journal Image & Narrative initiiert. Mit Alexander Streitberger, der seit April des Jahres mit Hilde Van Gelder das Zentrum leitet, wird eine kunstwissenschaftliche Ausrichtung forciert. Streitberger, gebürtiger Deutscher, ist Professor an der Université Catholique de Louvain in der wallonischen Nachbarstadt Louvain-la-Neuve, und wie Van Gelder hat er über Konzeptkunst der 60er Jahre promoviert. Das neue DirektorInnenteam strebt nicht nur eine Öffnung in Richtung des französischsprachigen Bereichs von Belgien an, in dem es bislang keine Plattform für Studierende und Researchers gab. Die Kooperation mit internationalen Partnern soll enger werden, auch der Austausch mit dem deutschsprachigen Raum. Demnächst erscheinen die Tagungsbände Photography between Poetry and Politics und Time and Photography; die Arbeit an einer Publikation, die erstmals eine chronologisch und thematisch geordnete Auswahl-Edition der theoretischen Schriften Victor Burgins bietet und diese in Dialog mit seinem künstlerischen Schaffen treten lassen wird, ist im Gang.

Sich von außen kommend mit Forschungs- und Projektvorhaben im LGC einzubringen ist dezidiert erwünscht. Angebote für Visiting Fellows und Scholars werden ausgebaut, wobei Austauschstudien vom jeweiligen Herkunftsland aus zu organisieren sind (Erasmus, DAAD). Neben exzellenter Betreuung und Vernetzungsmöglichkeit am LGC bieten Leuven & Louvain-la-Neuve als Studienort zudem eine hohe Dichte an fotografie- und kunstspezifischen Institutionen in relativer Nähe: Antwerpen, Brüssel, Charleroi, Köln, London und Paris.