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Michael Diers

Stadt, Archiv und Utopie

Eine umfangreiche historische Ausstellung in Barcelona und Lissabon untersucht den Status der Dokumentarfotografie gestern und heute.

Die Ausstellung "Universal Archive. The Condition of the Document and the Modern Photographic Utopia" war vom 23. Oktober 2008 bis zum 6. Januar 2009 im Museu d"Art Contemporani de Barcelona (MACBA) zu sehen und wird vom 9. März bis 3. Mai 2009 im Museu Colecção Berardo-Arte Moderna e Contemporãnea, Lissabon, gezeigt. Zur Ausstellung ist ein umfangreiches Begleitheft erschienen. Publikation zum Thema: Public Photographic Spaces: Propaganda Exhibitions from Pressa to The Family of Man, 1928–1955, hg. vom Museu d"Art Contemporani de Barcelona (MACBA), Barcelona 2009 (Mit Beiträgen von Benjamin Buchloh, El Lissitzky, Herbert Bayer, Vanessa Rocco, Edward Steichen, Roland Barthes, Margaret Mead u.a.) www.macb.es

Erschienen in: Fotogeschichte 111, 2009

Ende 2006 hat das Museum für zeitgenössische Kunst in Barcelona (MACBA) eine Gruppe von 17 Fotografen und Künstlern, darunter David Goldblatt, William Klein, Allan Sekula, Lothar Baumgarten und Hans Peter Feldmann beauftragt, den strukturellen und kulturellen Wandel der katalanischen Hauptstadt zu dokumentieren. Die Idee dieses Projektes, das an die Tradition prominenter Kampagnen wie die französische Mission Héliographique von 1851 oder das DATAR-Projekt von 1980 anknüpft, war es zu prüfen, inwieweit sich heute noch mittels Fotografie der im wesentlichen ökonomisch bedingte Umbruch einer in Neuerfindungen traditionsreichen Stadt in Bildern fixieren lässt. Was sagen Aufnahmen der Industriearbeit, des Hafenausbaus und der Flughafenerweiterung, was die Porträts politischer und ökonomischer städtischer Eliten oder des Tourismusstroms, was die Darstellungen von Industriebrachen oder Shopping Malls, was die Dokumentation des Lebens in sozialen Brennpunkten oder einer privaten Business School über die Ursachen und die veränderten Grundlagen unseres globalisierten Alltags aus" Wird angesichts des rasanten Tempos des Stadtumbaus überhaupt noch etwas sichtbar von diesen Prozessen" Reicht das fotografische Bild an die neuen Wirklichkeiten einer in jeder Hinsicht expandierenden Metropole noch heran" Ist die Realität, wie es bereits bei Brecht und Benjamin hieß, nicht in die Funktionale gerutscht, so dass die Fotografie als Medium der Dokumentation auf der einen und Instrument der Kritik auf der anderen Seite in der Gegenwart längst ausgedient hat"

Um diese Fragen zu beantworten, hat sich das Museum parallel zu den aktuell in Auftrag gegebenen Projekten, die Aufgabe gestellt, das Thema in einer enzyklopädisch ausgreifenden Ausstellung historisch aufzuarbeiten. Unter dem frei übersetzten Titel "Das universelle Archiv. Die Rolle des Dokuments und die utopische Moderne der Fotografie" wird anhand von rund 2000 Exponaten – Fotografien, Alben, Illustrierten, Büchern und Filmen – die Geschichte und Funktion der Fotografie unter dem Aspekt des Dokumentarischen und insbesondere im Blick auf den Beitrag der Formung eines Stadtbildes untersucht. Auf Barcelona und den urbanistischen Wandel, wie er sich im Zuge der Weltausstellungen von 1888 und 1929 sowie in der Ära nach Franco und von den Olympischen Spielen 1992 bis in die Gegenwart vollzogen hat, geht die ambitionierte Schau in ihrem zweiten Teil ein. Der erste und weitaus größere Teil widmet sich in der Art eines großen Bildessays dem Prozess der Herausbildung und Wandlung des dokumentarischen Selbstverständnisses der Fotografie auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern, darunter jenem von Politik und Propaganda, Journalismus und Kultur sowie Wissenschaft und Forschung.

Eine beeindruckende Zahl hervorragender Zeugnisse aus internationalen Sammlungen ist zusammengetragen worden, um diesen historischen Diskurs mit seinem Schwerpunkt im 20. Jahrhundert zu rekonstruieren. Der These des Kurators Jorge Ribalta, dass der Fotografie der Status des Dokuments vor allem erst in den sozialen Auseinandersetzungen der Zwanziger Jahre zugewachsen sei, als es vor allem galt, von politisch linker Seite aus Kritik an den Lebensverhältnissen der in Not geratenen Klassen zu üben, muss man nicht zustimmen; sie ist vielleicht zu einseitig von einem überholten marxistischen Weltbild geprägt. Richtig aber ist ohne Frage, dass das Medium der Fotografie in dieser Zeit stark politisiert wird ("Fotografie als Waffe") und für Zwecke kritischer Anklage und  Propaganda kreativ und innovativ genutzt wird: Von Lewis W. Hine und seinen frühen Kampagnen als Special Agent des National Child Labor Committee über die deutschen und sowjetischen Arbeiter-Illustrierten bis hin zu amerikanischen Großprojekten wie der in den dreißiger Jahren von der Farm Security Administration (FSA) bestellten Dokumentation des Lebens der Landarbeiter, an dem Fotografen wie Walker Evans, Dorothea Lange oder Ben Shahn beteiligt waren. Bereits dieser erste Abschnitt der Schau ist mit so zahlreichen und großartigen Bildern und Dokumenten bestückt, darunter neben den Genannten unter anderem Aufnahmen von Paul Strand, Aaron Siskind, Weegee, August Sander, Eugen Heilig, Walter Ballhause, Umbo, Wols oder Robert Doisneau, dass man von den Möglichkeiten der Gattung eindringlich überzeugt wird und im Gang durch die Ausstellung neu zu begreifen lernt, welche Vielzahl kritischer, ästhetischer und epistemologischer Facetten die Idee des fotografischen Dokuments, die als Leitthema dient, in sich einbegreift.

Gestreift wird auch die publizistische und ideologische Rolle der Fotografie im öffentlichen Kontext von der Kölner "Internationalen Presse-Ausstellung" (1928) bis zu der von Edward Steichen konzipierten internationalen Wanderschau "The Family of Man" (1955) im Museum of Modern Art. Im Nachbau rekonstruiert wird El Lissitzkys Präsentation für die "Pressa", um das ebenso moderne wie didaktische Konzept der dritten Dimension, sprich der raumgreifenden, betretbaren Fotografie zu verdeutlichen, ein immersives All-over, das den Betrachter mit seinen Bildbotschaften geradezu medial umhüllt.

Bevor die Ausstellung sich anschließend dem Thema Landschaft, Topographie und Urbanistik zuwendet, fragt sie nach der Rolle der Fotografie im Kontext wissenschaftlicher, speziell anthropologischer, kunsthistorischer und künstlerischer Forschung. Der Gebrauch von Fotografie und Film im ethnographischen Zusammenhang wird anhand der Bali-Forschungen von Margaret Mead und Gregory Bateson illustriert, für das kunstgeschichtliche Feld wird auf Warburgs Reise zu den Hopi im Jahr 1896 sowie auf den Bilderatlas "Mnemosyne" als einen Versuch einer kulturhistorisch globalen Zusammenschau "ohne Worte" verwiesen und im Bereich der künstlerischen Ambitionen auf die von Georges Bataille und Carl Einstein 1929/1930 edierte Zeitschrift "Documents", in welcher dem fotografischen Bild ein elementarer Erkenntnisstatus, der weit über die Illustration hinausreicht, zugeteilt wird. Das fotografische Archiv, zugleich erwachsen aus dem historiographischen Bewusstsein wie dem Positivismus des 19. Jahrhunderts, spielt in allen Fällen eine entscheidende Rolle als Vergleiche provozierender und produzierender Bildervorrat und Wissensspeicher.

Die Möglichkeiten der Fotografie, das kulturelle Erbe der Menschheit zu dokumentieren, werden bald nach Erfindung des Mediums erkannt und genutzt. Eines der ersten Großunternehmen auf diesem Gebiet ist die in der Mitte des 19. Jahrhunderts staatlicherseits initiierte "Mission héliographique", die es sich zur Aufgabe gemacht hat, das architektonische Patrimonium der französischen Nation durch fünf Fotografen, darunter Gustave Le Gray, Hipolyte Bayard und Édouard Baldus, im Sinne kulturhistorischer Sichtung und Überlieferung dokumentieren zu lassen. Zahlreiche verwandte Inventarisierungsprojekte in Frankreich, England oder Spanien folgten, darunter die Aufträge an Charles Marville, den Pariser Stadtumbau unter Baron Haussmann im Bild festzuhalten oder das ab 1890 von Eugène Atget in Eigeninitiative gestartete Programm, das Vieux Paris zum Zeitpunkt seines Verschwindens zu fixieren. Ähnliche topographische Projekte, die zugleich auch immer Versuche einer Weltbeschreibung en miniature sind, lassen sich bis in die 1980er Jahre ausmachen, sei es von klassischen Dokumentaristen wie im Fall des bereits erwähnten DATAR-Projektes (Délégation à l"aménagement du territoire et à l"action régionale), sei es von Künstlern wie Dan Graham, Robert Smithson, Martha Rosler, Hilla und Bernd Becher oder Ed Ruscha kritisch in Bezug auf das Medium wie den dargestellten Gegenstand ins Werk gesetzt.

Auf die historische Fallstudie Barcelona, deren Ergebnisse die Ausstellung im zweiten Teil präsentiert, kann hier hier nicht näher eingegangen werden. Hingewiesen sei aber noch einmal auf den aktuellen Teil, der nicht in allen Beispielen, aber doch in vielen Fällen davon zu überzeugen vermag, dass die Fotografie auch in der postfotografischen, die Idee des Dokumentarischen durch Digitalisierung und Photoshop in Frage stellenden Epoche noch zur visuellen Analyse der Gegenwart taugt. Man sehe sich nur die Aufnahmen von David Goldblatt aus dem Sommer 2007 an. Sie sind unter anderem dem Ausbau des Flughafens von Barcelona gewidmet und halten auf ebenso prägnante wie amüsante Weise den absurden Versuch der Planer fest, das geschäftige Treiben auf den Landebahnen im Delta del Llobregat mit dem benachbarten Strandleben zu versöhnen oder Ökonomie und Ökologie dadurch zu vereinbaren, daß man in der unmittelbaren Nachbarschaft des Terminals zahlreiche Falken hält, damit diese ihren in Scharen vorbeiziehenden Artgenossen rechtzeitig einen drastischen Wink geben, sich hier flugs aus dem Staub zu machen, um weder sich noch die Menschen in ihren fliegenden Käfigen zu gefährden.

Angesichts der inhaltlichen Bedeutung und des hohen qualitativen Rangs der sehenswerten Ausstellung, ist es sehr bedauerlich, dass sie nicht auch in Deutschland zu sehen war; bedauerlich darüber hinaus, dass es keinen Katalog gibt, der es erlauben würde, sich die einzelnen Bilder und Bilderreihen und die damit im Zusammenhang stehenden Thesen intensiver vor Augen stellen und durch den Kopf gehen zu lassen.

Der Text ist unter dem Titel "Ohne Worte" in leicht variierter Fassung zuerst erschienen in Süddeutsche Zeitung Nr. 298 vom 23. Dezember 2008.