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Elfriede Reichelt: Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Hermine, undatiert (um 1925), Sammlung Fotografie im Münchner Stadtmuseum.

Verena Bader

Elfriede Reichelt – eine Breslauer Fotografin zwischen Berufs- und Kunstfotografie

Veröffentlichungsform: Dissertation – Institution: Ludwig-Maximilans-Universität München, Institut für Kunstgeschichte, Lehrstuhl für Mittlere und Neuere Kunstgeschichte, Prof. Dr. Hubertus Kohle – Beginn: Dezember 2007 – Art der Finanzierung: privat – Kontaktadresse: verena-bader(at)gmx.de

Erschienen in: Fotogeschichte 111, 2009

Das Forschungsprojekt hat sich eine erstmalige monografische Überblicksdarstellung zu Leben und Werk der Breslauer Fotografin Elfriede Reichelt (1883-1953) zum Ziel gemacht. Reichelts "uvre, das sich stilistisch zwischen Piktorialismus und Neuer Sachlichkeit bewegt, ist bis auf die Nennung in einigen wenigen Publikationen zur Fotografiegeschichte der Weimarer Republik  bis dato nicht eingängiger von der fotohistorischen Forschung behandelt worden. Bisherige biografische Recherchen konnten indes bereits wichtige Eckdaten liefern und frühere biographische Angaben korrigieren.

Elfriede Reichelt studierte in den Jahren 1907–1908 bei Frank Eugene Smith in dessen Klasse für malerische Fotografie an der Münchner "Lehr- und Versuchsanstalt für Photographie" und macht sich anschließend mit einem Atelier für künstlerische Portraitfotografie in ihrer Breslauer Heimat selbstständig. Die Berufsfotografin fertigte Porträts namhafter Breslauer Persönlichkeiten, häufig aus dem Umfeld der Akademie (Hans Poelzig, Theodor von Gosen, Oskar Moll) und ortsansässiger Sammler- und Adeligenkreise (Albert Neisser) sowie nationaler Prominenz aus Kunst (Wassily Kandinsky), Musik (Elly Ney, Alfred Cortot), Politik und Adel (Kaiser Wilhelm II.). Erfolg und überregionale Anerkennung belegen über diese Prominentenporträts hinaus zahlreiche Veröffentlichungen in zeitgenössischen Fotomagazinen und ihre Beteiligung an etlichen Fotografieausstellungen angefangen von  der "Internationalen Photographischen Ausstellung Dresden 1909" bis hin zur Münchner Ausstellung "Das Lichtbild" 1930. Elfriede Reichelts fotografisches Werk ist breit gefächert: neben den zahlreichen Porträts teilweise prominenter Zeitgenossen gehören Stillleben, Landschaften und Aktaufnahmen, möglicherweise Werbezwecken dienende Industrieaufnahmen, Kinder-, Tier- und Reisefotografien zum umfangreichen Oeuvre der Künstlerin. Anhand dieses breiten Motivspektrums und zahlreicher Studien erkennt man Reichelts kunstfotografischen Impetus, der über die reine Berufs- und Gesellschaftsfotografie hinausgeht und von einer fortlaufenden Weiterentwicklung in Technik und Stil gestützt wird. So stehen Reichelts frühe Fotografien noch deutlich unter dem Einfluss der bildmäßigen Fotografie nach Vorbild ihres Münchner Lehrers Frank Eugene Smith. Ihre Porträts sind bis in die beginnenden 20er Jahre von einer piktorialistischen Bildauffassung geprägt, so arbeitet sie mit typischen Weichzeichnungseffekten und Edeldruckverfahren. Dem konservativen Bildgeschmack des Atelierklientels entsprechend wendet sich Reichelt anscheinend erst relativ spät einer neusachlichen Bildsprache zu, benutzt Gelatineentwicklungspapiere, experimentiert mit neuen Bildperspektiven und Mehrfachbelichtungen und widmet sich zumindest privat neuen Bildthemen wie der Industrie- und Produktfotografie. Die produktive Schaffenszeit des Werkbund- und G.D.L.-Mitglieds endet Mitte der 30er Jahre, eine letzte Veröffentlichung erfolgt 1934 in "Das Deutsche Lichtbild". Elfriede Reichelt zieht sich ins Private zurück und gibt nach der Heirat mit dem Ulmer Industriellen Hans Wieland das Breslauer Atelier Anfang der 30er Jahre auf, zieht nach Ulm und nach der Trennung von ihrem Mann 1936 nach Grünwald bei München wo sie 1953 stirbt.

Das Promotionsvorhaben beinhaltet die Erstellung eines vollständigen Werkverzeichnisses, dessen Grundlage der rund 800 Originale umfassende Fotobestand im Fotomuseum des Münchner Stadtmuseums bildet. Da es sich dabei jedoch um keinen abgeschlossenen Nachlass handelt, wird das im Fokus stehende Werkverzeichnis mittels Quellen- und Archivrecherche in deutschen und polnischen Sammlungen ergänzt werden. Eine kritische historische Aufarbeitung des Gesamtoeuvres der Fotografin, gerade im Vergleich mit Kolleginnen,  und der Blick auf den soziologischen Aspekt einer Berufsfotografinnenbewegung im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts schließen das Projekt ab.

Literatur:

Verena Faber: Elfriede Reichelt (1883-1953). Atelierfotografie zwischen Tradition und Moderne: Mit einem Verzeichnis der Werke. Dissertation, LMU München: Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften, 2011 (online unter: Hochschulschrift LMU München)