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Anton Holzer

John Heartfield, der Künstler mit der Schere

 

Freya Mülhaupt (Hg.): John Heartfield: Zeitausschnitte. Fotomontagen aus der Kunstsammlung der Akademie der Künste,1918–1938, Ostfildern, Berlin: Hatje Cantz, Berlinische Galerie, Akademie der Künste, 2009, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Berlinischen Galerie, Berlin, 29. Mai bis 31. August 2009, mit Beiträgen von Thomas Friedrich, Sabine Kriebel, Roland März, Freya Mülhaupt, An Paenhuysen, Rosa von Schulenburg, Andrés Mario Zervigón und Peter Zimmermann, 27,7 x 23,9 cm 176 S., 230 Abb., davon 144 in Farbe, 35 Euro

 

 

Erschienen in Fotogeschichte 114, 2009

 

Im Sommer 2008 zeigte Bodo von Dewitz, der Leiter der Fotografischen Sammlungen des Kölner Museum Ludwig, eine viel beachtete Ausstellung über einen bisher unbekannten Montagekünstler namens Marinus (siehe dazu die Rezension von Nicola Hille in Fotogeschichte, Heft 110, 2008)[1] Hinter dem Pseudonym verbirgt sich der Däne Jacob Kjeldgaard (1884–1964). Die Schau stellte ihn, gut begründet, dem berühmten Zeitgenossen John Heartfield gegenüber, der mit seinen Montagen für die Arbeiter Illustrierte Zeitung bekannt wurde. Nun, ein Jahr später, kommt die Berlinische Galerie mit einer Ausstellung zu John Heartfield auf dessen Montagearbeiten zurück. Vorgestellt werden ca. 140 Arbeiten, die im Nachlass des Künstlers in der Akademie der Künste aufbewahrt werden. Freya Mülhaupt, die Leiterin der Grafischen Sammlung der Berlinischen Galerie, hat als Kuratorin der Ausstellung und Herausgeberin des Katalogs, versucht, im über weite Strecken bekannten und gut erforschten Werk von Heartfield Neuland zu entdecken. Dieses Vorhaben ist gelungen.

Nach einer umfassenden, sehr informativen Einleitung der Herausgeberin folgen zahlreiche Fallstudien, etwa zum Verhältnis von Heartfield und Grosz (Rosa von Schulenburg), ein interessanter Beitrag von Andrés Mario Zervigón zu Heartfield als Buchgestalter, der weniger bekannte Aspekte der grafischen Arbeit vorstellt oder zu Tucholsky und Heartfield (An Paenhuysen). Schade, dass die einzelnen Texte sich inhaltlich immer wieder überschneiden, ein wenig ärgerlich werden diese Verdoppelungen es dann, wenn sie geradezu in Parallelabhandlungen ausarten (so wird etwa vieles aus dem einleitenden Beitrag von Mülhaupt und anderer Autoren im Text von Thomas Friedrich wiederholt). Ein ordentliches Lektorat hätte hier Abhilfe schaffen können. Gewöhnungsbedürftig ist auch das ziemlich unruhige Layout des (ansonsten gut gedruckten) Bandes, das Bildtexte und Anmerkungen teilweise auf derselben Seite bringt, was hie und da eine wenig zur Verwirrung beiträgt.

Spannend und faszinierend ist der Katalog dort wo, neue, wenig(er) bekannte Arbeiten des Künstlers präsentiert und untersucht werden (etwa die von Heartfield in den 1920er Jahren gestaltete Buchumschläge vor allem des Malik-Verlags aber auch anderer Verlage oder die Arbeiten für heute weniger geläufige Zeitschriften (etwa die Neue Jugend, Rote Fahne, Der Knüppel oder Volks-Illustrierte). Überzeugend sind auch die Detailstudien zu Einzelarbeiten, etwa die genaue Interpretation der Klebemontage „Auferstehung“ (1932) durch Roland März. Im abschließenden biografischen Beitrag Mülhaupts werden auch einige neue Erkenntnisse zur Lebensgeschichte und Rezeption Heartfields in der DDR präsentiert, die teilweise erst jetzt aufgrund von jüngsten Archivstudien bekannt geworden sind.

Als der Künstler im Spätsommer 1950 zusammen mit einer Frau von London kommend über Prag in die DDR einreiste, war er noch voller Zuversicht, wohlwollend empfangen zu werden. Aber es sollte anders kommen: Dem „Westemigranten“ begegnete man mit Misstrauen, „aus Sicherheitsgründen“ wurde ihm die Aufnahme in die SED verweigert, er musste sich statt dessen einer peinlichen Befragung durch die „Zentrale Parteikontrollkommission“ stellen, eine bereits geplante Ausstellung zu seinem 60. Geburtstag, die für das Jahr 1951 vorgesehen war, wurde abgesagt. Am 2. Mai 1951 erlitt er einen schweren Herzinfarkt.

Erst 1956 kam es zur politischen und künstlerischen Rehabilitierung, 1957 wurde in Berlin (Ost) die Ausstellung „John Heartfield und die Kunst der Fotomontage“ gezeigt. Im Zuge der Rehabilitierung wurde Heartfield zum Mitglied der Deutschen Akademie der Künste in Ostberlin. Hier wird, seit seinem Tod im Jahr 1968, auch sein Nachlass aufbewahrt. Heartfield selbst war es in der Periode des nachstalinistischen „Tauwetters“ bei einer Moskaureise 1958 gelungen, eine Reihe von Arbeiten zurückzubekommen, die 1931 dort verblieben waren. Nach Heartfields Tod setzte ein wahrer Ausstellungsboom ein. Sowohl in der DDR also auch in der Bundesrepublik (bald aber auch in anderen Ländern) wurden ihm seit den 1970er Jahren zahlreiche Ausstellungen mit ganz unterschiedlicher Ausrichtung eingerichtet. Der politische Monteur wurde in ganz unterschiedliche ideologische Systeme eingepasst. Diese unterschiedliche Rezeption und Deutung des Werkes von John Heartfield in Ost und West wäre ein neues, spannendes Thema für eine weitere Ausstellung.


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[1]<//span><//span> Bodo von Dewitz (Hg.): Hitler blind, Stalin lahm. Marinus und Heartfield. Politische Fotomontagen der dreißiger Jahre, Göttingen, Steidl Verlag, 2008.<//font><//font><//span><//span><//span><//span><//span><//span><//span><//span><//span><//span><//span>