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Anton Holzer

Ein wichtiger fotohistorischer Werkzeugkasten

Timm Starl: Bildbestimmung. Identifizierung und Datierung von Fotografien 1839 bis 1945, Marburg: Jonas Verlag, 2009, 24 x 17 cm, 183 S., 321 teils farbige Abb., 30 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 115, 2010

Seit einigen Jahren dauert nun die Debatte um die sog. „Bildwissenschaft“ an, die in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zum Teil recht heftig geführt wird. Zur Diskussion steht u.a. die Deutungshoheit einzelner akademischer Disziplinen (nicht nur der Kunstgeschichte), die sich mit Bildern beschäftigen. Die Auseinandersetzung dreht sich um Theorien und Methoden, um Begriffe und Instrumente der Analyse. Eines ist aber merkwürdig: je intensiver die Diskussion wird, je weitreichender die Grenzen und Möglichkeiten des „Bildes“ ausgelotet werden, desto unschärfer wird der Bildbegriff. In manchen Beiträgen der Bildwissenschaft können Bilder alles sein, Vorstellungsbilder ebenso wie Erinnerungsbilder, Bilder der Wissenschaft ebenso wie Gemälde oder Fotografien. Dieser unklare Bildbegriff hat zur Folge, dass in den Debatten die medialen Qualitäten der Bilder, ihre materiellen Eigenheiten in einem metaphorischen Überschwang untergehen. Bilder in einer derart weit gefassten Bildwissenschaft sind häufig entmaterialisiert und teilweise auch enthistorisiert. Es scheint, als ob man vergessen hätte, dass Bilder eine materielle Dimension haben. Es scheint, als ob man übersehen hätte, dass Fotos handhabbar sind, dass sie beschriftet und benutzt wurden, dass sie mobil sind und oft weite Wege zurückgelegt haben, dass sie einzeln und in Serien auftauchen, dass sie lose sein können oder in einem komplexen Medienverbund (etwa im Album) erscheinen können. Man könnte diese Hinweise noch fortsetzen. Scheinbar tut sich die Bildwissenschaft leicht mit der Analyse von Bildern (im großen Plural), sie tut sich aber oft schwer mit der Untersuchung konkreter Bilder in konkreten historischen Kontexten. Diese Schwierigkeit hängt auch damit zusammen, dass sich viele „Bildwissenschaftler“ scheuen, Bilder aus nächster Nähe, im Kontext ihrer Entstehung, Verwendung und Aufbewahrung zu betrachten. Die Schwierigkeit hat aber auch damit zu tun, dass der in allgemeinen Begriffen operierenden Bildwissenschaft das Handwerkszeug fehlt, um bisher unbekannte Bilder in all ihren Facetten zu untersuchen. Stattdessen greift man gern auf bekannte Bilder zurück, über die bereits geforscht wurde und die schon publiziert wurden. Man lässt sich von Bekanntem leiten und scheut die Auseinandersetzung mit neuem Material. Kein Wunder, wenn dieses Verfahren, das die Sekundärliteratur höher bewertet als das originale Anschauungsmaterial oft wenig Neues produziert.

Timm Starl hat nun ein Buch vorgelegt, das die bildwissenschaftlichen Moden der letzten Jahre durchkreuzt. Er lenkt den Blick nicht auf „das Bild“ als metaphorischen Sammelbegriff, sondern er beschäftigt sich mit konkreten Bildern, mit Fotografien der Jahre 1839 bis 1945. Sein Handbuch heißt im Untertitel Identifizierung und Datierung von Fotografien 1839 bis 1945. In der Vorbemerkung schreibt Starl: „Eine Fotografie ohne Autor, Ort und Datum ist – wie jedes Bild – ein Vortrag ohne Geschichte. Ihre Botschaft ist nicht zeit- und ortlos, sondern haltlos: wie ein Echo, das von nirgendwoher kommt und im Irgendwo verklingt.“ Daraus folgt für ihn: „Die Absicht der nachstehenden Ausführungen ist: auf Möglichkeiten hinzuweisen, unidentifizierten und nicht datierten fotografischen Werken gewissermaßen Halt zu verleihen, ihnen einen Platz in der Geschichte einzuräumen, der sie erst zu beredten Zeugnissen werden lässt.“ Dieses Vorhaben ist gelungen. Das Ergebnis ist ein Buch, das keine fertige Theorie der Fotoanalyse vorstellt, auch keinen geschlossenen Materialkorpus. Vielmehr handelt es sich beim vorliegenden Buch um einen überaus brauchbaren Handwerkskasten, der Instrumente anbietet, historische Fotografien einzuordnen, zu datieren und zu  interpretieren. Das verlangt zuallererst nähere Bestimmungen über Ort, Zeit, Sujet und Umfeld der Fotos zu erlangen. Wer je im Fotoarchiv forschend tätig war, weiß um die enormen Schwierigkeiten bei dieser Aufgabe. Vor allem im Bereich der populären fotografischen Erzeugnisse des 19. und frühen 20. Jahrhunderts – etwa anonyme Fotos von Berufsfotografen, Knipserfotos, Visitkarten, Bildpostkarten, Sammelkarten und vieles andere mehr – ist die genaue Bildbestimmung besonders aufwändig. Bisher gab es nur sehr wenige, verstreute Publikationen, die hier Hilfestellungen anboten. Mit seinem Handbuch hat Timm Starl nun Abhilfe geschaffen.

Sein Buch ist wichtiger Beitrag zur Fotogeschichte. Er räumt den Qualitäten der Bilder, ihren körperlichen Attributen, ihren historischen Ausformungen, der Gestalt, in der sie verwendet und überliefert wurden, endlich den Platz und die Aufmerksamkeit ein, die sie beanspruchen. Auf diese Weise wird aus „den“ Bildern, die für alles und jedes stehen können, wieder „das“ Bild, das – zumindest teilweise – in den Raum der Geschichte, und damit der historischen Deutung, zurückgeführt wird. Timm Starl ist ein kundiger Fotohistoriker und ein aufmerksamer Beobachter, er betrachtet die unscheinbarsten Details und bringt Bilder ohne Ort und Zeit wieder zum Sprechen. An den Oberflächen der Bilder findet er zahlreiche Haltepunkte für eine neuerliche Verortung: Hinweise auf Herstellung und Verbreitung, unterschiedliche Farben, Formate, Beschriftungen, aber auch Bildinhalte und Sujets. Parallel zur textlichen Beschreibung liefert der Autor eine umfangreiche Bildleiste, die die Eigenheiten der Bilder anschaulich macht. Schade ist nur dass der umfangreiche Bildteil auf knappem Raum untergebracht ist, weswegen sehr viele Bildbeispiele überaus klein gedruckt sind.

Fotohistoriker wissen, dass die Oberfläche der Bilder zwar einige (oft gar nicht wenige) Hinweise für eine genauere Verortung bieten, dass aber dieser phänomenologischen Herangehensweise Grenzen gesetzt sind. Ohne Einordnung in einen breiteren Kontext, ohne Vergleiche mit anderen Beispielen, ohne Hinweise auf Kontexte, führt die Analyse oft nicht weit. Und diese Kontextinformationen finden sich in aller Regel nicht im Konvolut, das man vor sich hat. Daher ist es ein großer Vorzug von Starls Handbuch, dass er über die Beschreibung des Sichtbaren weitere Raster der Einordnung liefert. Dazu gehören so unterschiedliche Informationen wie die Auflistungen technischer Entwicklungen, Hinweise zur historischen Verbreitung von Formaten, Beschreibungen und Hersteller von gängigen Untersatzkartons, Fotografenverzeichnisse und Aufschlüsselung von gängigen Abkürzungen, Fotoagenturen oder Währungstabellen. Die Zusammenstellung dieser Informationen beruht, ebenso wie die Hilfestellungen für die Identifizierung und Datierung von Fotos, auf jahrelangen Erfahrungen und Quellenstudien des Autors. Und  tatsächlich erfahren wir in der Vorbemerkung, dass erste Pläne für ein derartiges Werk bereits Anfang der 1990er Jahre entwickelt wurden. 1998 hielt der Autor Vorträge zum Thema und 2006 erschien ein Themenheft der Zeitschrift Fotogeschichte, in dem eine erste Version der Bildbestimmung vorgestellt wurde.[1] Die Tatsache, dass das Heft stark nachgefragt wurde (und bereits vergriffen ist) , zeigt, wie groß das Interesse am Thema ist. Im vorliegenden Buch hat er die Ausführungen stark überarbeitet und vor allem im Bereich der Bildinhalte deutlich erweitert.

Die Schwerpunkte der Publikation liegen in der Zeit zwischen 1939 und dem Ersten Weltkrieg, aus dieser Zeit stammt ein guter Teil des Materials, das so Starl, „vielen Historikern, Archivaren und Publizisten nach wie vor die größten Schwierigkeiten bei der Identifizierung und Datierung bereitet“. Ausdrücklich stellt der Autor massenmediale Äußerungsformen der Fotografie, die bislang von der kunsthistorisch orientierten Fotogeschichte vernachlässigt wurden, ins Zentrum. Denn diese anonymen Massenprodukte (von den Visit- und Stereokarten bis hin zu den Bildpostkarten, von den Automatenfotos bis zu den Knipserbildern, um nur einige Aspekte zu nennen) bilden das Gros der Fotos in kleinen und großen Archiven. Diese Fotos bilden besonders interessantes Quellen- und Studienmaterial, wenn es darum geht,  in historischer Absicht kollektive Wahrnehmungen zu rekonstruieren. Der Autor geht von den Endprodukten des fotografischen Prozesses aus, den konkreten Fotos. Die Herstellungsformen und fotografischen Techniken werden indirekt, über die Phänomenologie der Bilder, erschlossen. Damit geht Starl anders vor als etwa Richard Benson, der in seinem vor kurzem erschienen, ebenfalls vorzüglichen, Band The printed Picture ausgehend von der Geschichte der Herstellungsweisen ein umfangreiches Handbuch der Bildbestimmung vorgelegt hat.[2] Während letzterer die Fotografie als ein Bildmedium unter anderen vorwiegend unter dem Aspekt der technischen Produktion untersucht, präsentiert Starl die Bilder im Kontext ihrer gesellschaftlichen Erscheinungsweisen. Er kommt damit an den populären Äußerungsformen des Fotografischen viel näher als Benson das vermag.

Timm Starl hat also ein Handbuch vorgelegt, das bald zum Standardwerk werden wird. Nicht alle Leser werden diesen Band von Anfang bis zum Schluss lesen, denn seine intendierte Handhabung ist die des Nachschlagwerks. Es handelt sich um einen fotohistorischen Werkzeugkasten, der Instrumente für weitere Recherchen bereitstellt. Daher werden viele Leser ihre Suche wohl im Anhang beginnen, der sehr gut aufbereitet ist: ein ausführliches Literaturverzeichnis bietet Anregungen zum Weiterlesen, ein umfassender Index erschließt Begriffe und Bildbeispiele, über die man schnell zum gesuchten Eintrag gelangt. Es ist diesem Buch zu wünschen, dass es in möglichst vielen Bibliotheken, Archiven, Sammlungen, aber auch in privaten Bücherregalen zu stehen kommt. Sowohl professionelle Fotoforscher wie Laien, die sich zum ersten Mal mit dem Medium auseinandersetzen, werden davon profitieren.


[1] Timm Starl: Hinter den Bildern. Zur Identifizierung und Datierung von Fotografien der Jahre 1939 bis 1945, Fotogeschichte, Heft 99, 2006.

[2] Richard Benson: The printed picture, New York: Museum of Modern Art, 2008.