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Ludovico Tuminello: Mosesbrunnen, Rom Kalotypie, um 1875

Dagmar Keultjes

Die fotografische Retusche und ihre Bedeutung in Fotografien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts

Veröffentlichungsform: Dissertation – Institution: Kunsthistorisches Institut der Universität zu Köln, Prof. Dr. Herta Wolf – Beginn: 2008 – Art der Finanzierung: Privat – Kontaktadresse: keultjes@khi.fi.it

Erschienen in: Fotogeschichte 118, 2010

Umgeben von digitalen Bildern ist uns heute bekannt, wie einfach diese manipulierbar sind. Die Ausübung der fotografischen Retusche ist aber keine Erfindung digitaler Bildbearbeitung, sondern setzt bereits unmittelbar nach der Entwicklung der neuen fotografischen Verfahren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. In der Frühzeit der Fotografie müssen sich die Fotografen mit der Schwierigkeit, die Farbwerte in tonwertrichtige Grauwerte umzusetzen, konfrontieren, denn erst zur Jahrhundertwende kommen fotografische Platten auf den Markt, die aufgrund ihrer chemischen Sensibilisierung bis ins rote Farbspektrum aufnahmefähig sind. Während Forscher wie etwa Hermann Wilhelm Vogel (1834-1898) oder James Waterhouse (1841-1922) versuchen, dem Dilemma mit chemischen Lösungen beizukommen, entwickelt sich im Dunkel der Fotolabors eine regelrechte Industrie der manuellen Retusche. Es werden Handbücher publiziert und Apparate sowie Werkzeuge zu ihrer Anwendung produziert.

Im Rahmen des Dissertationsprojektes soll der Entwicklungsgeschichte der Retusche nachgegangen werden. Anhand von ausgewählten Bildbeispielen wird ein möglichst umfassender Katalog der unterschiedlichen Retuscheverfahren im Zusammenhang mit der Entwicklung fotografischer Neuerungen erarbeitet. Im Zentrum der Recherche soll zunächst die Negativretusche stehen. Im Unterschied etwa zur Kolorierung ist sie auf den Abzügen kaum identifizierbar. Sie ist ein „verstecktes“ Eingreifen und ihr Einsatz wird mitunter von den Fotografen negiert.[1] Folglich birgt die Suche nach den ersten Retuscheuren einige Schwierigkeiten, denn aufgrund der fehlenden Akzeptanz der manuellen Eingriffe im fotografischen Entwicklungsprozess zeichnen sich die Spuren der „Pioniere der Retusche“ nur undeutlich am Rande der Fotogeschichte ab. Nach Gaspard-Félix Tournachon (1820-1910), bekannter unter Nadar, wird die „abscheuliche und doch unentbehrliche Neuerung“[2] der Retusche von dem Münchner Fotografen Franz Hanfstaengl (1804-1877) erfunden. Er gewinnt auf der Pariser Weltausstellung im Jahr 1855 eine Goldmedaille für die Vorführung retuschierter Fotografien. Dem gelernten Lithografen Hanfstaengl gebührt wohl die Ehre, die Retusche der Öffentlichkeit präsentiert zu haben, doch widmet er sich der Fotografie erst nach 1851, als auf Glasplatten das nasse Kollodiumverfahren zur Verfügung steht. Die ersten Negative werden hingegen auf Papier belichtet. Wurden auch sie schon manipuliert? Das Positiv-Negativ-Verfahren auf Papier wird von William Henry Fox Talbot (1800-1877) entwickelt und 1841 unter dem Namen Kalotypie patentiert. Talbot betont, die Bilder seiner 1844 herausgegebenen Publikation „Pencil of Nature“, seien allein durch die Einwirkung von Licht, ohne jedes Eingreifen seiner Hand entstanden.[3] Larry J. Schaaf verweist aber auf eine Notiz, in der Talbot, seinen Assistenten Nicolaas Henneman (1813-1898) bittet, die Abbildung II „Boulevards of Paris“ im „Pencil of Nature“ von Flecken zu reinigen, die auf das Negativ gefallen seien.[4] Schaaf beschreibt überdies wie virtuos die Retusche in den Kalotypien David Octavius Hills (1802-1870) und Robert Adamsons (1821-1848) zum Einsatz kommt. Die Analyse der Kalotypien aus der Sammlung Ludovico Tuminello (1837-1903), beherbergt im Museo Archivio di fotografia storica in Rom, zeigt hingegen, wie die Retusche eher aus praktischen Gründen erfolgt. In der Sammlung von 602 Kalotypien, datiert in die Jahre 1848 bis 1895, wird in Landschaftsbildern wiederholt der Himmel mit schwarzer Gouache oder roter Tempera abgedeckt (Abb. 1). Überdies tritt Bleistiftretusche auf, die etwa in einem Porträt zur Aufhellung der Augenpartie eingesetzt wird (Abb. 2).

Die Erforschung der unterschiedlichen Retuscheverfahren sowie die Motivation ihres Einsatzes könnte neben Informationen über technische Entwicklungen, wie etwa in der Sensibilisierung, Auskunft über bildästhetische Konzepte liefern. Gefragt werden soll infolgedessen, wann ihre Ausübung auf einem Kunstanspruch basiert, und ob sie tatsächlich stets negativ konnotiert ist. Damit soll die Arbeit auch in die zeitgenössische Diskussion über Fotografie eingebunden werden, in der auf der einen Seite die Fotografie als neutrales, objektives Aufnahmemedium im Sinne der Wissenschaft steht, auf der anderen Seite aber ihr Kunstwert diskutiert wird.[5]


[1] André Gunthert beschreibt in seinem Artikel „Sans retouche“ wie die Bildunterschrift „ohne Retusche“ offenbar die Qualität einer Fotografie steigert. André Gunthert : „Sans retouche“, Études photographiques, 22, September 2008, online gestellt am 18. September 2008, URL: http://etudesphotographiques.revues.org/index1004.html, S. 4.

[2] Nadar: Das goldene Zeitalter der Photographie, 1900, in: Wilfried Wiegand (Hg.): Die Wahrheit der Photographie – Klassische Bekenntnisse zu einer neuen Kunst, Frankfurt am Main 1981, S.131.

[3] „The plates of the present work are impressed by the agency of Light alone, without any aid whatever from the artist’s pencil. They are sun-pictures themselves, and not, as some persons have imagined, engravings in imitation.” Zitiert aus der Einleitung Beaumont Newhalls in: William Henry Fox Talbot: The pencil of nature, Nachdruck der Ausgabe London 1844, New York, 1969, S. 5.

[4] Ob er in diesem Fall eine Ausnahme macht, da das Negativ durch einen Unfall verunreinigt wurde, bleibt nur zu vermuten. Bis auf gelegentliche Bleistiftanmerkungen auf den Negativen, scheinen aus seiner Feder tatsächlich keine ins Bild eingreifende Maßnahmen erfolgt zu sein, hätten sie doch seinem Konzept der Fotografie widersprochen. Larry J. Schaaf: Science, Art and Talent – Henry Talbot and Hill & Adamson, in: History of Photography, Volume 27, Issue 1, Spring 2003, S. 13-24, hier die Anmerkung 8 auf S. 23.

[5] Wolfgang Kemp (Hg.): Theorie der Fotografie I – 1839-1912, Band I, München 1980