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Margareth Otti

Amerikanische Architekturfotografie

Richard Nickel Committee (Hg.): The Complete Architecture of Adler & Sullivan. Richard Nickel and Aaron Siskind with John Vinci and Ward Miller, Chicago: University of Chicago Press, 2010, 30,8 x 30,8 cm, 472 Seiten, ca. 800 Abb. in Farbe und S/W, Gebunden mit Schutzumschlag, 70,99 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 121, 2011

Wenn die Publikation eines Buches 54 Jahre dauert, ist das angesichts der Rasanz und Fülle der gegenwärtigen Buchproduktion ungewöhnlich und lässt auf eine besondere Entstehungsgeschichte schließen. Die erste vollständige Werkausgabe der Pioniere der amerikanischen Architektur, Louis Sullivan und Dankmar Adler, wurde als architektonische und fotohistorische Sensation Chicagos im Winter 2010 gefeiert. Das Buch ist das Produkt eines Rendezvous zweier besonderer Charaktere: Des hochbegabten, leidenschaftlichen Architekten der Jahrhundertwende, Louis Henri Sullivan (1856-1924), und des ebenso talentierten, passionierten Architekturfotografen der 1950er Jahre, Richard Nickel (1928-1972). Der gewichtige Prachtband, herausgegeben vom Richard Nickel Committee, birgt mehr als 800 historische und zeitgenössische Aufnahmen sämtlicher Bauten von Adler & Sullivan von Fotografen der Gegenwart und Vergangenheit, darunter auch von Richard Nickel. Sechs Essays zur architekturhistorischen Einbettung komplettieren die Fotografien, gefolgt von einem Catalogue Raisonnée der über 250 bis dato bekannten Kommissionen – davon mehr als die Hälfte heute zerstört – des in der Geburtsstunde der ersten skyscraper in Chicago betriebenen Architekturbüros.

Die Architekten begründeten ihre Partnerschaft 1879 zu einem günstigen Zeitpunkt: Chicago wuchs nach dem großen Feuer von 1871 in atemberaubender Geschwindigkeit und die Auftragslage für den erfahrenen Bürochef Dankmar Adler und den jungen Architekten und talentierten Zeichner Louis Sullivan, war vielversprechend: Downtown investierte man in die ersten tall office buildings, errichtet in modernster Stahlskelettbauweise. Die großzügigen, lichtdurchfluteten Konstruktionen wie die des Schlesinger and Mayer Store,1899 (heute bekannt als Carson Pirie Scott), ausgestaltet mit Fassaden in feinster sullivanesker Ornamentik in kühner Kombination mit modernistischen weissen Terrakotta-Fliessen, gelten als Meisterwerke der Architekturgeschichte und lassen Chicago bis heute als die birthtown of modern architecture glänzen. (Abb. 1) In den 50er Jahren ermöglichte frisches Geld und Technologie in der Baubranche weitaus höhere Bauten als die ersten, bis zu zwanzigstöckigen Wolkenkratzer und die City of Chicago ließ die frühen Bauten abreißen und anstelle Parkgaragen für die autogerechte Stadt errichten.

Zu diesem Zeitpunkt, 1956, initiierte Aaron Siskind, Lehrer am Institute of Design Chicago, im Auftrag des New Yorker Verlegers Ben Raeburn von Horizon Press gemeinsam mit dem Studenten Richard Nickel eine fotografische Werkdokumentation der Architekturen Adler & Sullivans. Der Publikation, die Nickel The Complete Architecture of Adler & Sullivan betitelte, sollten zwei Jahre an fotografischer und textlicher Arbeit gewidmet werden. Richard Nickel – mit Fotografie und Text beauftragt – trat damit seinen Lebensauftrag an: Die Dokumentation, Recherche, Erhaltung und Konservierung der Bauten von Louis Sullivan. Er verfolgte nicht nur den Anspruch, alle Bauten in idealem Licht zu dokumentieren, jede mögliche Recherche durchzuführen und sämtliche schriftlichen Dokumente zu den Bauten zu sammeln, sondern sicherte mit körperlichen Einsatz Ornamente und Bauteile eigenhändig vor der herannahenden Abrissbirne, um sie im Hinterhof seines Elternhauses zu lagern. Mit Feuereifer aktivierte er alle ihm bekannten einflussreichen Kräfte von Mies van der Rohe bis Le Corbusier, um die Stadt mittels Briefen, Unterschriftenlisten und Demonstrationen vom Abriss der Bauten abzuhalten. Richard Nickel personalisierte den ersten und vielleicht einzigen Architekturaktivisten, der den Mehrwert relevanter Architektur erkannte für deren Erhaltung auf die Straße ging. Sein Einsatz bewahrte viele der frühen Bauten vor dem Abbruch und formte Chicagos reiches architektonisches Erbe, das heute als Alltags-Freilicht-Architekturmuseum die Geschichte der frühen amerikanischen Moderne veranschaulicht. Im April 1972 wurde Nickel in einem desolaten Bauwerk verschüttet und erst nach 28 Tagen geborgen. Das Buchprojekt blieb unvollendet, jedoch gründeten Freunde das Richard Nickel Committee, um die Fertigstellung und die Sammlung zu sichern.

Die Ausstellung Looking after Louis Sullivan: Photographs, Drawings, and Fragments (Juni bis Dezember 2010) im Art Institute of Chicago zeigte Blätter der Entwurfsbücher zu The Complete Architecture of Adler & Sullivan. Nickels und Siskinds lose, nach ästhetischen anstelle wissenschaftlicher Kriterien angeordnete Fotomontagen neben fragmentarischen Bildtexten und poetischen Kommentaren Nickels wirken eher wie ein konzepthaftes Kunstwerk der Sechziger Jahre als eine programmatische Vorlage für eine wissenschaftliche Publikation. Nickel formulierte 1959: „It is the hope of the writer that the material brought to light by this study will prompt a reappraisal of the work and tought of Adler and/or Sullivan by some qualified architectural historian“. Gewünscht war eine zeitgemäße wissenschaftliche Neubewertung des Gesamtœuvres der Architekten aufgrund der fotodokumentarischen Arbeit. Wird dem in der vorliegenden Publikation Folge geleistet?

Dem Richard Nickel Committee gebührt Respekt für die Ausdauer und die qualitätsvolle Finalisierung des Buches, es entspricht der gängigen Vorstellung einer vollständigen fotografischen Werkausgabe mit hohem textlichen und reproduktionstechnischen Anspruch. Die sechs Essays, die die Abbildungen rahmen, verfasste John Vinci, Architekt, Begleiter Nickels und Kopf des Komitees. Sie beschreiben sorgfältig die Partnerschaft und das Werk von Adler und Sullivan, die Einflüsse auf die Entwurfsarbeit (Richardson Romanesque), die Wolkenkratzerentwürfe des Büros und die zeitgenössischen Herstellungsmethoden der Ornamente. Diese historischen Betrachtungen sind in ihrer Systematik ordentlich, aber nicht zeitgemäß. Eine kulturwissenschaftliche Analyse der urbanistischen und gesellschaftlichen Szenarien Chicagos oder Amerikas zur Entstehungszeit der Bauten bis in die 50er Jahre und die Gegenwart hätte das Buch um wesentliche Aspekte aktualisiert und die inhaltliche Erscheinung entstaubt. Die Vergabe der Texte an verschiedene ExpertInnen, universitär verankerte ArchitekturtheoretikerInnen, -historikerInnen, FotohistorikerInnen,  KulturwissenschafterInnen oder StadtforscherInnen hätte die Publikation vom imposanten Coffee-Table-Book in einen interdisziplinären wissenschaftlichen Diskurs zu heben vermocht und eine aktuelle wissenschaftliche Neubewertung oder einen kritischen Kommentar ermöglicht. Richard Nickel war zudem ein exzellenter Vielschreiber zeitgenössischer Kommentare und Briefe, seine Manuskripte sind eine zeitgeschichtliche Quelle, die nicht genutzt wurde. Seine korrekte Herangehensweise als Nicht-Wissenschaftler an Recherchearbeit lassen die Herausgeber zudem bei Zitaten und Quellen vermissen: Verweise auf die Bildautoren und Fotodatierung bei den Abbildungen im Hauptteil und im Catalogue Raisonnée sollten gerade in einer exquisiten architekturhistorischen Publikation eine Selbstverständlichkeit sein.