Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Eva Tropper

Das Fotoalbum, ein Ordnungsraum

 Verna Posever Curtis: Photographic memory. The album in the age of photography – New York: The Library of Congress, Aperture Foundation, 2011, 29,8 x 24,8 cm, 288 Seiten, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, gebunden, 62,99 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 125, 2012

Fragen nach der Materialität und Objekthaftigkeit der Fotografie haben in letzter Zeit eine gesteigerte Aufmerksamkeit erfahren. So hat das Interesse an den Verwendungsweisen fotografischer Bilder innerhalb unterschiedlicher Praxisfelder, etwa in Bezug auf Foto-Bildbände, eine Fülle an Publikationen entstehen lassen. Dagegen ist das Interesse an einem anderen paradigmatischen Objekt des Verwendens, Auswählens und Arrangierens fotografischer Bilder, am Album nämlich, vergleichsweise gering geblieben; der Kontext des Privaten oder Familiären, die vielfach gegebene Anonymität standen dabei wohl einem breiteren Interesse entgegen. Vielleicht bedurfte es aktueller Veränderungen, so wie sie sich derzeit im Zusammenhang mit der digitalen Fotografie vollziehen, um das Phänomen Album mit einer neuen Relevanz auszustatten. Das jedenfalls ist der Ausgangspunkt eines Bildbandes über das Album „im fotografischen Zeitalter“, den die Library of Congress 2011 herausgegeben hat.

Für Verna Posever Curtis, die die Auswahl aus den reichhaltigen Beständen verantwortet hat, ist damit bereits ein Akt der Historisierung verbunden. Denn das Album als ein buchähnliches Format mit seinen blanken, erst noch zu füllenden Seiten, so wie es über Generationen in Verwendung gewesen ist, macht derzeit zusehends neuen Ordnungsformen Platz. So erfolgt das Zusammenstellen digitaler Bilder zu „Alben“ einerseits immer öfter ohne materiellen Bildträger, vielmehr mithilfe neuer Software wie iPhoto oder in sozialen Netzwerken wie Facebook oder Flickr. Andererseits gibt es den Trend zum gedruckten Album, für das digitale Bilddateien mithilfe von Vorlagen kompiliert und von professionellen Anbietern produziert werden.

Aus dieser Perspektive also will der Band so etwas wie einen historischen Rückblick leisten, der seinen Gegenstand gewissermaßen aus der Diagnose seines Verschwindens konstituiert. Die Alben werden dezidiert als „personal photographic narratives from before the digital age“ präsentiert. Gemeinsam ist ihnen also nicht ein kategorialer Rahmen (wie etwa das Familienalbum, das Kriegs- oder Reisealbum), sondern ihr Status als „Singuarität“, als von Hand gemachtes, materielles Ding.

Damit ist ein weites Feld eröffnet. Unter einen solchen Albumbegriff fallen nicht nur Erinnerungsalben, wie das des Schriftstellers William Burroughs, sondern etwa auch Vorstudien zu Bildbänden, wie jene von Hand komplilierten Hefte, die Walker Evans im Vorfeld zu Let us now praise famous men gestaltet hat, um Bilderfolgen und Komposition zu testen. Aber auch Auftragsalben zu Repräsentationszwecken, wie das Portfolio eines Staudammprojekts, das die amerikanische Regierung in den 30er Jahren anfertigen ließ, oder Themenalben wie das „Locust-Album“, das eine Heuschrecken-Invasion dokumentiert, die den Nahen Osten im Jahr 1915 heimsuchte. Während der Großteil der Auswahl die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts abdeckt und einige wenige Beispiele aus seiner zweiten Hälfte integriert, kommen aktuelle Alben vorwiegend aus dem Kontext künstlerischer Produktion (wo, wie Posever Curtis nahe legt, das Format Album als manuell gefertigtes Objekt noch „überlebt“).

Der Band besticht durch die Fülle, die Vielfalt und die Besonderheit des Materials, das er präsentiert und dem er breiten Raum lässt: Insgesamt 27 Alben werden versammelt, wobei als Präsentationsprinzip jeweils mindestens vier, zum Teil aber bis an die 30 Doppelseiten abgebildet sind. Die in unterschiedlichem Maßstab abgebildeten Reproduktionen sind so aufgenommen, dass der Eindruck von aufgeschlagenen Alben erhalten bleibt, das heißt: es wird tatsächlich so etwas wie ein „Blättern“ in deren Seiten nachvollziehbar. Die Struktur der Alben – sei sie gebunden oder spiralisiert, durch Kordeln zusammengehalten oder lose – , ihr Volumen und die Seitenränder sind Teil der Abbildung. Die Reproduktionen leiten den Blick also ganz bewusst – und der Programmatik des Bandes entsprechend – auf die Materialität der ausgebreiteten „Dinge“.

Dabei hat sich die Autorin für eine thematische Strukturierung entschieden, innerhalb derer die einzelnen Alben wiederum chronologisch angeordnet sind. Unter den Schlagwörtern „Souvenirs and Mementos“, „Presentations“, „Documents“, „Memoirs“ und „Creative Process“ werden allerdings zum Teil relativ willkürliche Zuordnungen vorgenommen, was vor allem deshalb irritiert, weil diese Zuordnungen in keiner Weise kommentiert werden. Warum ein Album mit Fotos einer philippinischen Gefängnisanstalt unter „Presentations“ firmiert, während eines mit französischen Luftschiffen unter „Documents“ gereiht wird, erschließt sich durchaus nicht. Handelt es sich nicht gleichermaßen um narrative Bilderfolgen, die in ihrer Gemachtheit interessieren? Ähnlich fragwürdig erscheint im Vergleich die Zuordnung von Max Waldmans New Yorker Straßenszenen des ärmlichen Brooklyn von 1947 unter die Rubrik „Creative Process“, während Jack Delanos Fotos von Kohlearbeitern in den 30er Jahren zu den „Documents“ zählen. Hier wäre eine genauere, theoretische Definition der getroffenen Zuordnungen notwendig gewesen – oder aber der Verzicht auf sie.

Am auffälligsten an der getroffenen Auswahl ist das Fehlen der gesamten Frühzeit, also der Steckalben der carte-de-visite-Ära, was immerhin, wenn man vom Album „im Zeitalter der Fotografie“ spricht, als Lücke erklärungsbedürftig erscheint – und auch nicht am Mangel an Material gelegen haben kann: Die Albenbestände der Library gehen auf 1850 zurück. Dieser Ausschluss hätte einen Kommentar erfordert. Doch insgesamt ist der Vorstoß der Library of Congress, dem unterbelichteten Genre Fotoalbum mit einem pfundschweren Bildband Aufmerksamkeit zu verschaffen, wichtig und nachahmenswert. Auch der einleitende Essay, der zwar streckenweise nicht ganz nostalgiefrei bleibt, unternimmt eine wichtige kulturhistorische Situierung des Albums, und nimmt Aspekte aktueller Forschungszusammenhänge auf – etwa Fragen nach den semiotischen Prozessen und Transfers, die sich zwischen Einzelbildern im Album ergeben. Die Verknüpfung mit dem Bildteil macht die Einführung besonders lesenswert. Vor allem aber ermöglichen die vielen in Serie abgebildeten Seiten ein eigenständiges Navigieren in den vorgestellten Alben und der Logik ihrer Bilderordnungen.

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