Deutsch
English

Ja, ich möchte informiert werden, wenn ein neues Fotogeschichte-Heft erscheint!

Ihr Name:

Email:

Wolfgang Ganter: „Untitled (Zentrum)“, gegossener Kunststoff auf Echtpigmentprint auf Holz, 2012

Kathrin Schönegg

Nicht(s) Zeigen. Zur Abstraktion in der Fotografie

Dissertation an der Universität Konstanz, Fachbereich Kunst- und Medienwissenschaft, Prof. Dr. Bernd Stiegler, Beginn: April 2010, Kontakt: kathrin.schoenegg(at)uni-konstanz.de

Erschienen in: Fotogeschichte 126, 2012

„Fotografien“, schrieb die Kunsthistorikerin Carol Armstrong, „sind immer repräsentativ (trotz aller Bemühungen sie herzustellen kann es tatsächlich keine abstrakte Fotografie geben)“[1]. Ihre Argumentation steht exemplarisch für eine Theorietradition, die die Fotografie aufgrund ihrer chemisch-physikalischen Bildgenese als Medium versteht, das per se mit der Wirklichkeit verbunden ist: Sie weist eine Kausalrelation zum ‚Realen’ auf, daher ist das einzelne Bild, ungeachtet dessen was es zu sehen gibt, notwendig repräsentativ. Die(se) Medientheorie der Fotografie schließt die Möglichkeit abstrakter Fotografie aus. „Das Bild“, so liest man schon 1945 bei André Bazin, „mag verschwommen sein, verzerrt, farblos, ohne dokumentarischen Wert, es gründet durch die Art seiner Entstehung im Dasein des Modells [...] Das ästhetische Wirkungsvermögen der Fotografie liegt in der Enthüllung des Wirklichen.“[2]

Gleichwohl entstehen im frühen 20. Jahrhundert nicht nur in Malerei, Skulptur, Film und Musik abstrakte Werke – auch in der Fotografie findet sich zeitnah ein steigendes Interesse an der Herstellung abstrakter Bilder. Etwa regte der amerikanische Fotograf Alvin L. Coburn im Jahr 1916 an, eine Ausstellung zum Thema zu veranstalten. Diese wurde zwar nicht umgesetzt, Coburns Forderung, endlich auch mit fotografischen Mitteln abstrakte Bilder herzustellen, steht jedoch paradigmatisch für die Zäsur der Zeit, die den Piktorialismus als dominante Strömung beendet und die Fotografie in die Avantgarde führt. Seitdem stellen verschiedene Künstler – der klassischen Avantgarde, der subjektiven fotografie, der generativen Fotografie bis hin zu zeitgenössischen Ansätzen – neben figurativen Aufnahmen abstrakte Bilder her, die sich augenscheinlich von ihrer Funktion der Repräsentation lösen. Damit liegt es nahe auch für die Fotografie einen ‚abstract turn’ (Sabine Flach) zu postulieren, der bislang nur sehr vereinzelt im musealen Kontext ausgerufen wurde.

Das Dissertationsprojekt verfolgt das Ziel, die Abstraktion in der Fotografie aus der Fotografiegeschichte herzuleiten. Anstatt die Diskurse der Malerei auf das technische Medium zu übertragen, wird die These verfolgt, dass abstrakte Darstellungen in der Fotografie einer anderen Logik folgen, als vergleichbare Bilder der abstrakten Kunst. Um diese eigenen Gesetzmäßigkeiten der abstrakten Fotografie aufzuzeigen, wird das Untersuchungskorpus für Arbeiten jenseits des ästhetischen Bereichs geöffnet: Im wissenschaftlichen und spiritistischen Bereich entstehen bereits im 19. Jahrhundert formalästhetisch abstrakte Bilder, die die Repräsentation zu nivellieren scheinen, jedoch gerade dazu eingesetzt werden die Wirklichkeit zu analysieren. Ausgehend von den zugrunde liegenden Verfahrensweisen, wie der Langzeitbelichtung oder der kameralosen Bildherstellung, zeichnet sich eine ‚Vorgeschichte’ des Phänomens ab, das sich unter neuen Konzeptionen in den Praktiken der ästhetischen Fotografie des 20. Jahrhunderts wieder findet. Es wird geprüft, inwiefern die Abstraktion, die in der Kunstgeschichte eine historische Schwelle markiert und Kategorien wie (Selbst-)Reflexion, Medienautonomie und Form/Inhalt-Problematik als neue Denkmodelle aufruft, für die Fotografie fruchtbar gemacht werden kann. Damit wird zum einen die Historisierung der Abstraktion, deren Beginn in der Kunstgeschichte meist auf das frühe 20. Jahrhundert datiert wird, für das technische Medium hinterfragt. Zum anderen wird die These verfolgt, dass sich an abstrakten Fotografien eine grundlegende Problematik des Mediums äußert, die über die Konstitution ‚des Fotografischen’ im historischen Wandel Aufschluss geben kann. Nicht zuletzt wird damit ein neues Licht auf die Einbindung der Fotografie in den ästhetischen Diskurs geworfen.

Es werden Fotografien von William H.F. Talbot, August Strindberg, Étienne-Jules Marey, Hippolyte Baraduc, Louis Darget, Alvin L. Coburn, Erwin Quedenfeldt, Laure Albin-Guillot, Chargesheimer, Carl Strüwe, Pierre Cordier, Heinrich Heidersberger, Kilian Breier, Floris Neusüss, Gottfried Jäger, Alisson Rossiter, Wolfgang Ganter und Michael Flomen untersucht. Hinweise auf weitere Repräsentanten der abstrakten Fotografie sind sehr willkommen.


[1] Carol Armstrong: Scenes in a Library. Reading the Photograph in the Book. 1843-1875, Cambridge, London 1998, S. 3, Übers. Der Autorin.

[2] André Bazin: Ontologie des fotografischen Bildes, in: ders., Was ist Film?, Berlin 2009, S. 33-42, hier S. 37-39.

Zuletzt erschienen: