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Ferdinand Schmutzer: Sigmund Freud, 1926, Glasplattennegativ [ÖNB/Wien, LSCH0062].

Anna Hanreich

Ferdinand Schmutzer (1870–1928) – Der fotografische Nachlass

Dissertation am Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, Begutachter: Prof. Dr. Walter Krause (Universität Wien), Prof. Dr. Manfred Wagner (Universität für angewandte Kunst, Wien), Abschluss: März 2012, Veröffentlichung: in Vorbereitung für 2013, Kontaktadresse: anna.hanreich(at)gmx.at

Erschienen in: Fotogeschichte 128, 2013

Die Arbeit befasst sich monografisch mit dem fotografischen Nachlass Ferdinand Schmutzers (1870–1928). Grundlagen waren die mehr als 3.000 Glasplattennegative, die im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek verwahrt werden, über 300 Vintage Prints, die sich im Wiener Stadt- und Landesarchiv befinden, sowie private Aufzeichnungen, die sich in Schmutzers persönlichem Nachlass erhalten haben.

Schmutzer war zu seinen Lebzeiten und darüber hinaus ausschließlich als Porträtgrafiker bekannt und geschätzt. Sein fotografisches Werk war unbekannt bzw. unveröffentlicht und deswegen unbeachtet. Zwischen 1896 und 1928 hielt er eine Vielzahl an berühmten Persönlichkeiten – Wissenschaftler wie Einstein oder Freud, Politiker wie Lueger oder Seitz, Monarchen wie Erzherzog Franz Ferdinand oder Kaiser Wilhelm II., Musiker wie Richard Strauss oder Arnold Rosé, Schauspieler und Schauspielerinnen wie Josef Kainz oder Else Wohlgemuth und viele andere – in Druckgrafiken fest.

Im Jahr 2001 kam sein fotografischer Nachlass ans Tageslicht und wurde in Ausschnitten der Öffentlichkeit präsentiert. In der Dissertation wird nun erstmals ein Überblick über den gesamten Bestand gegeben, die Bandbreite von Schmutzers fotografischem Schaffen vorgestellt und aufgearbeitet. Verschiedene Schwerpunkte der Dissertation verdeutlichen dabei die Bedeutung dieses Œuvres.

So bilden Porträtfotografien den größten Teil des fotografischen Nachlasses. Neben der Identifizierung der Dargestellten galt es, Schmutzers Bildsprache zu analysieren und ihn im Zuge dessen in den Kontext der Porträtfotografie des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts zu stellen. Seine charakteristische Bildsprache behielt er während seiner gesamten Schaffenszeit bei, die Fotografien vermitteln uns einen lebhaften Eindruck seines gesellschaftlichen Umfelds.

Die zweite Hauptgruppe der Fotografien Schmutzers bilden die Privataufnahmen, die sich wiederum in Familienfotografien, Selbstporträts und Reiseaufnahmen unterteilen lassen. Dabei entstanden einerseits freiere und spontanere Bilder, andererseits sieht man, wie auch Privataufnahmen der Bildsprache seiner „offiziellen“ Porträtfotografien entsprechen.

Ein weiterer wesentlicher Punkt der Arbeit ist es, das Verhältnis zwischen Schmutzers Fotografien und seinen Druckgrafiken zu beleuchten. Dabei konnte belegt werden, dass sowohl bei den Porträts als auch bei Genrearbeiten ein enger Zusammenhang zwischen Fotografie und Grafik besteht. Ein wichtiges Ergebnis der Analyse Schmutzers Grafiken und der Arbeitsprozesse, die bis zu Fertigstellung der Grafiken abliefen, war, dass sowohl die Fotografien die Grafiken als auch die Grafiken die Fotografien beeinflussten. Auch Schmutzers Verwendung der Heliogravüre ist von Relevanz.

Neben der Arbeit direkt am Bestand enthält die Dissertation die aktuelle Forschungslage und Rezeptionsgeschichte, eine detaillierte Bestandsaufnahme und Bestandsanalyse sowie ein Werkverzeichnis aller digital erfassten Glasplattennegative.

Zusammenfassend ist festzustellen, dass Schmutzer einer jener Künstler war, die sich eigenständig mit der Fotografie beschäftigten und nicht nur bereits vorhandenes Material anderer Fotografen verwendeten. Dabei ist es keineswegs gewöhnlich, dass fotografische Werkteile von in Bezug auf die Fotografie autodidaktisch arbeitenden Künstlern durchgängig ein so hohes Qualitätsniveau halten, wie dies auf Schmutzers Fotografien zutrifft. Das hohe Niveau der Fotografien zeugt von Schmutzers ausgeprägter Beherrschung der Fotografie und einem hochprofessionellen Umgang mit ihr und ihren spezifischen Anforderungen.

Schmutzer erzeugte außergewöhnlich qualitätvolle Aufnahmen, die durch ihre Motive einen Blick auf sein Leben und seine Familie, aber auch auf bestimmte Gesellschaftskreise und Netzwerke zu Beginn des 20. Jahrhunderts ermöglichen. Diese Erkenntnisse sind ein wesentliches „Nebenprodukt“ der Forschungsarbeit zu Schmutzers Fotografien. Faszinierend ist bis heute die Prominenz der Personen, die er ablichtete und das spezifische Netzwerk, durch das er an seine Aufträge kam. Er stand mit wichtigen Vertretern des „Wien um 1900“ und der darauf folgenden Jahrzehnte in Verbindung. Seine Arbeiten bilden eine eigenständige „Galerie contemporaine“ und sind Zeugnis für die Bedeutung, die ihm als Künstler zugemessen wurde.

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