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Käthe Buchler: Zwei Schaffnerinnen, 1916, Diapositiv, Kontaktabzug (Reproduktion vom Diapositiv) [Museum der Photographie Braunschweig]

Verena Faber

 Käthe Buchler – eine Amateurfotografin zwischen Idyll und Heimatfront

Florian Ebner, Jasmin Meinold (Hg.): Käthe Buchler: Fotografien zwischen Idyll und Heimatfront, Braunschweig: Appelhans Verlag, 2012. Mit Texten von Florian Ebner, Jasmin Meinold, Hans-Ulrich Ludewig, Sabine Solf und Bodo von Dewitz, 16 x 22 cm, 200 S., ca. 115 S/W-Abb., gebunden, 19 Euro

Miriam Jung, Franziska Schmidt (Hg.): Die Welt in Farbe: Käthe Buchler – Autochrome 1913 bis 1930, Braunschweig: Appelhans Verlag, 2. Auflage 2012. Mit Texten in dt./engl. von Miriam Jung und Franziska Schmidt, 16 x 22 cm, 112 S., 68 Farbabb., gebunden, 19 Euro.

Erschienen in: Fotogeschichte 128, 2013

In einer gemeinsam organisierten Doppelausstellung präsentierten Ende 2012 das Museum für Photographie und das Städtische Museum in Zusammenarbeit mit dem örtlichen Stadtarchiv unter dem Titel »Fotografien zwischen Idyll und Heimatfront« Werke der bürgerlichen Amateurfotografin Käthe Buchler, geborene von Ramm (1876–1930). Zwei Aspekte eines Werks an zwei unterschiedlichen Ausstellungsorten: Im Falle der Braunschweiger Gegebenheiten macht dieses Konzept bereits vom organisatorischen Standpunkt aus Sinn, denn beide Museen verfügen nur über begrenzte Räumlichkeiten für Wechselausstellungen. Im Städtischen Museum, das sich in Sichtweite zur ehemaligen Buchlerschen Villa am Löwenwall befindet, stand »Die bürgerliche Fotografin« im Mittelpunkt. Vom klassischen Porträt über Schnappschüsse bis hin zu szenischen Bildern zeigte dieser Ausstellungsteil die vielen Facetten der privaten Schwarzweiß- und Autochromfotografie, die Käthe Buchler aus persönlicher Intention und künstlerischem Impetus heraus schuf. Im Museum für Photographie, dessen Ausstellungsräume sich auf zwei historische Torhäuser verteilen, ging es im zweiten Teil der Schau um »Die Fotografin an der Heimatfront«. Hier wurden Käthe Buchlers dokumentarisch geprägte Fotografien aus der Zeit zwischen 1914 und 1918 präsentiert, in der Braunschweig eine kriegswichtige Lazarettstadt war.

Im Jahr 2003 erhielt das Museum für Photographie den Nachlass Käthe Buchlers aus dem Besitz der Familie. Eine erste Ausstellung 2006 zeigte eine Auswahl ihrer Autochrome. Angesichts der überraschend zahlreich erhaltenen Glasplattendiapositive, Autochrom- und Silbergelatinetrockenplatten zeichnet sich der Nachlass Käthe Buchlers durch eine besondere Vielfalt an Sujets und fotografischen Verfahren aus. Trotz der zunächst regional wirkenden Relevanz handelt es sich in seiner Gesamtheit um ein Konvolut von tatsächlich historischem und ästhetischem Wert.

Mit der aktuellen und der wieder aufgelegten Ausstellungspublikation von 2006 liegen mittlerweile zwei umfangreiche Übersichtstexte von Franziska Schmidt und Jasmin Meinold vor, die sich im Wesentlichen der bürgerlichen Biografie Käthe Buchlers und ihrer Hinwendung zur Fotografie widmen. Angeregt durch ihren Schwager Friedrich Ritter von Voigtländer entdeckt die malerisch vorgebildete Käthe Buchler um die Jahrhundertwende die Fotografie. Sie richtet sich eine Dunkelkammer ein, hospitiert bei einem Braunschweiger Porträtfotografen und nimmt ab 1906 an Kursen der Photographischen Lehranstalt des Berliner Lette-Vereins teil.

Ein weiterführender Aufsatz von Miriam Jung zum Thema der Autochromfotografie Käthe Buchlers hält sich sodann nicht lange mit den technischen Aspekten des auf lichtempfindlichen Stärkepartikeln beruhenden Verfahrens der Gebrüder Lumière auf, sondern erläutert die verschiedenen Motivreihen, die Buchler ab 1913 damit unternimmt. Aufgrund der Materialknappheit des französischen Produkts dokumentiert sie statt der heilen Welt in Farbe die Braunschweiger Heimatfront im Ersten Weltkrieg wieder in Schwarzweiß. Miriam Jung leitet daraus eine Zuordnung von Schwarzweiß als dokumentarischem und Farbig als künstlerischem Ausdrucksmittel Käthe Buchlers ab. Angesichts des motivisch zwar heterogenen Œuvres, hinter dem im Grunde aber immer eine Fotografin steht, deren bildkünstlerische Ambitionen sich durchaus auch in den dokumentarischen Schwarzweißbildern Bahn brechen, sind solch kategorische Zuweisungen aber nicht unbedingt essentiell. Anstelle dessen wären mitunter die ersichtlich piktorialistischen Impulse Buchlers, die sich u.a. in dem bewusst eingesetzten malerischen Effekt der Stärkekörner in ihren Autochromen zu erkennen geben, einer weiterführenden Betrachtung wert gewesen.

In Motivserien wie den Waisenhauskindern aus dem Braunschweiger Rettungshaus von 1913 oder den Sinti bei Steterburg 1914 zeigte Käthe Buchler Einfühlungsvermögen für die sozialen Gegebenheiten ihrer Zeit bei gleichzeitigem Gespür für Ästhetik und dem Bewusstsein um die Wirkkraft ihrer Bilder. Schon zu ihrer Entstehungszeit generieren Käthe Buchlers Fotografien ein öffentliches Meinungsbild, dem sich im aktuellen Katalog ein eigener, lobenswerter Quellenappendix widmet. Ab 1913 wurde Käthe Buchler durch Lichtbildvorträge in Braunschweig und Berlin öffentlich bekannt. Um  fotohistorisch möglichst nahe an der ursprünglichen Rezeption zu sein, haben beide Häuser einige dieser Vorträge teils mit historischem Gerät für die aktuelle Ausstellung rekonstruiert.

Zu den erkenntnisreichsten Texten beider Publikationen gehört der Aufsatz von Florian Ebner, Leiter des Museums für Photographie und mittlerweile designierter Sammlungsleiter am Museum Folkwang in Essen. Ebner widmet sich dem Dokumentarischen in Käthe Buchlers Bildern. Seine Überlegungen gelten in erster Linie dem sozialen Gebrauch ihrer Fotografie. So riefen die Fotos von Sammelaktionen der neu gegründeten AVG (Abfall-Verwertungs-Gesellschaft) im Sinne einer sozialbürgerlichen Agitation zur Unterstützung des Vaterlandes in schwerer Zeit auf. Die Darstellung der Pflege von Verwundeten oder die Serie der Frauen in Männerberufen gaben Beispiele für den »Dienst an der Heimatfront« und appellierten an den Durchhaltewillen der Daheimgebliebenen.

Ebners Argumentation stützt sich auf John Bergers Aufsatz »Der Anzug und die Fotografie« von 1989. Am Beispiel von August Sanders berühmten Jungbauern von 1914 zeigt er einige interessante Parallelen zu Buchlers Fotografien – allen voran ihren Frauen in Männerberufen – auf. Anknüpfungspunkte zwischen Buchler und Sander ergeben sich im gleichen Geburtsjahrgang beider Fotografen (1876)  sowie im parallelen Entstehungszeitraum vieler Bilder, wobei Buchlers Fotografien aus der Zeit des Ersten Weltkrieges im Unterschied zu Sanders deutlich späterer Veröffentlichung im »Antlitz der Zeit« (1929) bezeichnenderweise bereits unmittelbar der zeitgenössischen Öffentlichkeit ausgesetzt waren. Soziale Akteure in neuem Gewand zu zeigen, dies ist die eigentliche gemeinsame Spezifikation, die Buchler und Sander eint. Trotz der zweifelsohne erkennbaren bildnerischen Nähe zu Sanders Typenklassifizierung, liegt Buchlers und Sanders Fotografie aber kein vergleichbares Gesellschaftskonzept zugrunde. Sanders analytische Distanz kontrastiert zu deutlich mit dem vorrangig ästhetischen Kanon, der hinter Buchlers Fotografien steckt, die doch immer ein romantisierendes, malerisches Moment aufzeigen. Denn mit den adretten Krankenschwestern, den sauberen und ordentlichen Schlafsälen und dem geschmückten Weihnachtsbaum unterm Wilhelm-II-Bildnis am Lazarettbett beinhaltet selbst die Heimatfront bei Buchler immer ein gewisses Idyll.

Trotz des fieberhaften Fotografierens, das Käthe Buchler zwischen 1913 und 1917 erfasst, demonstriert sich bei ihr keine wirklich kritische Haltung zu den sozialen Missständen ihrer Zeit. Bei aller Sensibilität blieb die Fotografin in ihrer bürgerlich-geordneten Welt gefangen. Ihr vaterländisch-nationaler Blick gebar eine sozialdokumentarische Fotografie »von oben«, die der dürren Wirklichkeit ihrer Zeit einen lediglich kurzfristig wärmenden »Mantel der Fotografie« überwerfen konnte. Ihrem Engagement fehlte letztendlich die Ebene der politischen Agitation, die den sozialdokumentarischen Fotografen der Zeit, allen voran natürlich Lewis W. Hine in den USA, zu eigen war.

Sozialpolitisch agierende Figuren wie Hine oder andere gab es selbstverständlich auch im damaligen Braunschweig: Hier waren es gerade auch Frauen aus dem Bürgertum wie die Demokratinnen Minna Faßhauer (1875–1949) oder Carla Amalie Mathilde ´Tilla´ von Praun (1877–1962), die – anders als die unter zunehmender Gehörlosigkeit leidende Käthe Buchler – im sozialpolitischen Leben der Stadt wirklich aktiv in Erscheinung traten; in dem ansonsten informativen Hintergrundtext von Hans-Ulrich Ludewig über Braunschweig im Ersten Weltkrieg finden diese Frauen jedoch leider keine weitere Beachtung. Käthe Buchler, der mit der Fotografie ein durchaus wirkungsstarkes Ausdrucksmittel zur Verfügung gestanden hätte, wagte es im Unterschied zu diesen bürgerlichen Frauen allerdings zu keinem Zeitpunkt, ein politisch wie moralisch längst überkommenes Gesellschaftssystem tatsächlich in Frage zu stellen.

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