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Evelyn Runge

Porträts als Erinnerungsarbeit

Stefan Moses: Deutschlands Emigranten. Mit Texten von Christoph Stölzl. Wädenswil am Zürichsee: Verlag Nimbus. Kunst und Bücher, 2013, 192 S., 23,8 x 28,5 cm, ca. 150 S/W-Fotografien in Duoton, kartoniert, 39 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte 129, 2013

An einen Holztisch gelehnt, den untersten und den obersten Knopf seines Jacketts geöffnet, blickt Ernst Bloch in den Spiegel. In der rechten Hand hält er einen Drahtauslöser, unscharf im Vordergrund zu erkennen. Der Philosoph und sein Spiegelbild: Dieses Porträt von Bloch gehört zu den bekanntesten Werken des Fotografen Stefan Moses.

Aufgenommen in Tübingen 1964, ist es Teil der Serie „Selbst im Spiegel“. Moses brachte deutschen Dichtern und Denkern einen Anprobespiegel mit und ließ  sie sich mit Selbstauslöser darin porträtieren. Hans Georg Puttnies schrieb 1980 in seiner Einführung zu Moses Porträtbuch Deutsche über die Serie: „Nur ein Fotograf vom Rang Stefan Moses‘ konnte dieses Experiment damals eingehen und die Spiegelbilder von Intellektuellen ernsthaft einer Publikumszeitschrift zur Veröffentlichung antragen. Am Ende zeugte gerade diese Serie, die er nicht selbst belichtet hatte, am stärksten von seiner Kunst: Die äußerst konzentrierten Selbstporträts von Theodor W. Adorno (Abb. 1) und Karl Jaspers, Alexander Mitscherlich und Ernst Jünger, bis hin zu dem vielschichtigen Doppelbildnis von Ernst Bloch und Hans Mayer, das man geradezu als eine Ikone der Fotophilosophie bezeichnen könnte – sie wirkten im Ensemble wie eine Bilderfestschrift für jenen Fotografen, der den geistigen deutschen Menschen am nächsten stand.“

Viele der Spiegelbild-Porträts finden sich in dem jüngst erschienenen Bildband Deutschlands Emigranten wieder. Unter diesem Titel hat der Schweizer Verlag Nimbus Moses‘ Porträts von 90 Menschen veröffentlicht, unter ihnen Hilde Domin, Thomas Mann, Karola und Ernst Bloch, Tilla Durieux (Abb. 2), Hans Jonas, Willy Brandt, Ellen Auerbach (Abb. 3), Teofila und Marcel Reich-Ranicki: Sie und viele mehr haben Deutschland in den 1930ern verlassen, um den Nationalsozialisten zu entgehen. Einige sind im Exil geblieben, wie Gad Granach in Israel oder Meret Oppenheim in der Schweiz, andere kehrten zurück nach Deutschland, wie die Intendantin und Schauspielerin Helene Weigel.

Wie eng Stefan Moses eigene Biografie mit Exil und (R)Emigration verknüpft ist, beschreibt der Historiker Christoph Stölzl im seinem Vorwort. Moses wurde 1928 in Liegnitz in Niederschlesien geboren,  „in eine Familie mit jüdischen wie christlichen Wurzeln“. In den 1930er Jahren verließen  enge Freunde der Familie Nazi-Deutschland, sie zogen Richtung Großbritannien, USA, Israel.Moses‘ Mutter Käte – der Vater verstarb früh – zog nach Breslau, wo Stefan bis 1943 das Zwinger-Gymnasium besuchte. Dann  vermittelten ihm Freunde eine Stelle in Grete Bodlées Fotoatelier, wo der 15-Jährige die Dunkelkammerarbeit lernte. Von 1944 bis 1945 musste Moses Panzergräben schachten und „im Niemandsland der Lager und undurchschaubaren Schikanen überleben“, beschreibt Stölzl.

Gemeinsam mit seiner Mutter erreichte Moses 1946 Thüringen; ein Jahr später wurde er Theaterfotograf in Weimar. Ein Visum in die USA schlug er aus, denn „[…] es war mir unmöglich, dieses Deutschland, das ich ja kaum wirklich kannte, zu verlassen. Ich wollte hier bleiben, hier reisen und Bilder von den Menschen machen, die wie ich den Krieg überlebt hatten.“

In der Nachkriegszeit kristallisierte sich dieses Interesse immer mehr heraus, und Moses‘ Arbeit als Fotoreporter beim Stern ließen ihm Freiräume, scheinbar randständige Themen zu konzipieren – und als Foto-Essay zu veröffentlichen. Während andere Fotojournalisten in ferne Länder reisten, fokussierte Moses auf Deutschland: „Er übernahm auch unscheinbare Aufträge, wenn sie ihn einem Thema näherbrachten, das wie ein Leitmotiv immer deutlicher wurde und auf das schließlich alle seine Versuche insgeheim zustrebten: Die Deutschen.“

Die Reportage verlangt dabei nach einer Haltung des Urhebers, nach Subjektivität, Nähe und einen eigenen Zugang zum Thema. Als klassischer Autorenfotograf porträtierte Moses die Deutschen in kontrastreichen Schwarz-Weiß-Aufnahmen, einfache Menschen wie Gerätetechniker, Rollmopspackerinnen und Straßenkehrer ebenso wie Schauspieler und Regisseure, Intellektuelle und Politiker.

Dem vielfach vorgebrachten Vergleich mit den Porträts von August Sander widerspricht Moses – er sieht sich vielmehr von Irving Penn und Richard Avedon inspiriert: „Ja, ich glaube, das war für alle jungen Fotografen damals Freude und Ariadnefaden. Dagegen kamen – so unglaublich es klingt – von August Sander keine Anregungen.“

Die Zusammenstellung der Porträts in Deutschlands Emigranten zeigt, dass Stefan Moses seinem Stil über Jahrzehnte treu geblieben ist. Die Porträts sind alphabetisch geordnet, von Theodor W. Adorno bis Peter Zadek. Meist steht einer Person eine Doppelseite zu; Paare teilen sich diese, so etwa Johanna Hofer und Fritz Kortner oder Katja und Thomas Mann. Kurze Biografien fungieren als Begleittexte und legen den Weg der Exilanten offen, oft angereichert mit einem prägnanten Zitat.

Das Vorwort und die Begleittexte hat der Historiker Christoph Stölzl verfasst. Nach dem Einstieg, der sich fast wortgleich in Stölzls Text zu dem umfangreichen Buch Stefan Moses. Die Monographie findet, schreibt Stölzl über das Exil und Exilantentum im Allgemeinen und verknüpft dies mit Stefan Moses‘ Biografie. Er hebt dabei  hervor, dass „die Remigration von Hitler-Flüchtlingen ein Randphänomen“ sei: „Nur etwa 30.000, das sind etwa 6%, kehrten in die beiden deutschen Staaten und nach Österreich zurück. Die absoluten Zahlen sagen freilich wenig aus über die politische und kulturelle Wirkung, die von den Remigranten ausging.“

Auf die Fotografien Moses‘ geht Stölzl kaum ein, obwohl er als Gründungsdirektor des Deutschen Historischen Museums Berlin 1991 den Standort Zeughaus mit der Ausstellung ostdeutscher Porträts von Stefan Moses eröffnete und ihn demnach nun lange kennt. Für Deutschlands Emigranten am prägnantesten ist die Beobachtung: „Stefan Moses‘ Bilder sind von dem dunklen Stoff Melancholie durchtränkt. Gedacht wird viel in diesen Begegnungen, gelächelt selten, gelacht fast nie.“

Doch über die Entstehungsgeschichte der Fotografien erfährt der Leser nichts – nicht mal, dass sie zu großen Teilen aus Moses‘ berühmtesten Porträtserien „Die Großen Alten im Wald“ und „Selbst im Spiegel“  stammen, so wie das eingangs erwähnte Porträt von Ernst Bloch. Das mag für die Kompatibilität von  Moses‘ Fotografien in unterschiedlichen Zusammenstellungen sprechen, und unterstreicht auch seinen eigenen Stil  und die oft geäußerte These seines Lebensthemas. Ärgerlich ist allerdings, dass weder dem Verlag noch Stölzl eine Erwähnung von Moses’ berühmten Serien wert gewesen ist; ebenso sind die Begleittexte mit Rechtschreibfehlern gespickt und im Bildteil geht die alphabetische Reihenfolge mitunter durcheinander (Werner Drewes, Hilde Spiel, Hilde Domin, Tilla Durieux).

Für Stefan Moses ist „das Fotografieren permanente Erinnerungsarbeit. Meine ist, Menschen festzuhalten, bevor sie verloren gehen! Und tot ist nur, wer vergessen ist. Ein Bauen mit Bildern; die Fotografie ist ein Medium der besonderen Art.“

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