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Detlef Zille

Heinrich Zille und die Fotografie

Die zweifelhafte Zuschreibung von Fotografien

Erschienen in: Fotogeschichte 130, 2013

Seit 1967 wird Heinrich Zille (1858 – 1929) neben seinem grafischen Werk auch eine Tätigkeit als Fotograf zugeschrieben. An dieser These sind erhebliche Zweifel angebracht, da es keinerlei historisch belastbare Belege für eine fotografische Tätigkeit außerhalb seiner Arbeitsstelle gibt. Die Argumente für die Existenz eines fotografischen Werks Zilles werden im vorliegenden Beitrag auf ihre Plausibilität hin überprüft. Im Ergebnis muss festgestellt werden, dass die bisherigen Deutungen in höchstem Maße auf Spekulationen beruhen. Die Sachlage rechtfertigt ebenso wenig, von der Existenz eines fotografischen Werks Heinrich Zilles zu sprechen wie ihn als »Fotograf der Moderne« zu bezeichnen.

 

Als Friedrich Luft 1967 das Buch »Mein Photo-Milljöh« veröffentlichte und die darin enthaltenen Fotografien Zille zuschrieb, war dies eine Sensation. Es war wie im Märchen – plötzlich und unerwartet tauchen viele unbekannte Werke eines bekannten Künstlers auf. Die Bezeichnung Märchen ist dabei wörtlich zu nehmen, denn kaum etwas von dem, was da behauptet wurde und so schön und zauberhaft klingt, konnte bisher belegt werden.

Heinrich Zille hat, bevor er ein renommierter Künstler wurde, 30 Jahre als Lohnarbeiter in der »Photographischen Gesellschaft« gearbeitet. Dort entwickelte er sich in seinem erlernten Beruf des Lithografen vom Gesellen zu einem anerkannten Facharbeiter. Eine Zeitung spricht von einer Leitungsfunktion, die er aufgrund seiner fachlichen Qualifikation innehatte.[1] Auch er selbst berichtet, dass er eine Abteilung leitete und das Drucken beaufsichtigte.[2] Bedingt durch den technischen Fortschritt, hatte er es bald nicht mehr nur mit per Hand auf Drucksteine übertragenen Zeichnungen, sondern auch mit fotolabortechnischen Verfahren zu tun. Ausgehend von dieser gesicherten Tatsache wurde ihm eine Tätigkeit als Fotograf zugeschrieben, als mehrere Jahrzehnte nach seinem Tod in seiner Wohnung Fotografien und Negative gefunden wurden.

Allerdings war die Existenz zumindest eines Teils der Fotos zu dieser Zeit schon bekannt. Nur hatte bisher niemand behauptet, dass der Urheber Zille sei. Bereits im Jahr 1922 beschenkte Heinrich Zille das Kupferstichkabinett Dresden mit einem auf der Vorderseite mit HZ signierten Pigmentdruck eines Fotos.[3] Möglicherweise wollte sich Zille bei dem Direktor Geheimrat Max Lehrs in Erinnerung bringen, der bereits zwischen 1904 und 1908 als Direktor des Kupferstichkabinetts Berlin einige seiner Arbeiten angekauft hatte.[4] Die von Enno Kaufhold im Werkverzeichnis[5] unter Nr. 19, Nr. 81 und Nr. 307 aufgeführten Bilder wurden schon im Jahr 1930[6] und die unter Nr. 72, Nr. 91, Nr. 258 und Nr. 401 aufgelisteten Bilder sowie ein Foto, das den unter Nr. 36 und Nr. 37 im Werkverzeichnis geführten Bildern sehr ähnlich sieht, 1955 veröffentlicht.[7] Auch bei Otto Nagel findet sich 1957 unter anderem das im Werkverzeichnis unter Nr. 242 geführte Foto.[8] Hinsichtlich der aufgeführten Publikationen ist das Werkverzeichnis nicht vollständig.

Nach dem Tod von Heinrich Zille wurde die Hinterlassenschaft unter seinen Kindern Margarete, Hans und Walter aufgeteilt. Dabei wurde jedes Blatt, jede Skizze und jede noch so kleine Zeichnung, die bis dahin noch nicht von Zille selbst signiert worden war, im Beisein des Direktors des Märkischen Museums, das gezielt Fotografien sammelte und ankaufte,[9] mit einem Nachlassstempel versehen, der den Namenszug von Zille trug.[10] Die Erklärung, weshalb die Fotografien nicht beachtet wurden, ist einfach: Allen Beteiligten war klar, dass diese nicht von Heinrich Zille geschaffen wurden. Und so kommt es, dass eine Quittung über eine bezahlte Unterrichtsgebühr von Heinrich Zille aus dem Jahr 1875 für Walter Zille erwähnenswert ist,[11] die Fotografien dies hingegen nicht sind. Walter Zille übernahm die Wohnung seines Vaters und blieb dort bis zu seinem eigenem Tod 1959 wohnen. Dass die Fotografien in all den Jahren bis 1966 nicht aufgefallen sein sollen, ist wenig glaubhaft. Denn schließlich wurden die erhaltenen Fotoalben nach einer Aussage von Kaufhold erst nach dem Tod von Zille von seinen Kindern angelegt.[12] Und obwohl nach 1945 aus wirtschaftlicher Not heraus ein Teil des Nachlasses zur Existenzsicherung der Familie veräußert werden musste, ist nie so etwas Authentisches wie eine Fotografie verkauft worden. Dabei ist Walter Zille in all den Jahren nicht sonderlich ehrfurchtsvoll mit dem Erbe seines Vaters umgegangen. Der Nachlassstempel oder ein Zweitexemplar war weiter im Gebrauch, sodass weitere Zeichnungen mit zumindest zweifelhafter Herkunft in den Handel gelangten. Fälschungen und Betrug können somit nicht ausgeschlossen werden, zumal Walter mit seinem Zeichentalent den Strich des Vaters erlernte. Sein Vater urteilte über ihn: »Ich kann nichts dafür, dass der Junge mit meinen Augen sieht.«[13] Heinz Zille, der die Fotos 1966 wiedergefunden haben will, war ein Adoptivsohn aus der zweiten Ehe von Walter Zille, der Heinrich Zille nicht kennenlernen konnte. Sämtliche Thesen, Heinrich Zille sei Fotograf gewesen, gehen auf diese kritisch zu betrachtende Quelle zurück.

Im Nachlass von Heinrich Zille befand sich keine Kamera. Die verschiedenen Größen der Negative lassen aber auf die Benutzung von mindestens vier verschiedenen Apparaten schließen. Deshalb wurde vermutet, dass er sich zeitweilig Kameras von Freunden, Bekannten oder in seiner Arbeitsstelle ausgeliehen habe. Das müssten dann aber gleichzeitig mehrere gewesen sein, da doch eine Aktserie im Winter 1899/1900 mit ein und demselben Modell auf verschiedene Formate aufgenommen wurde![14] Es ist schwer vorstellbar, dass in einer Zeit, als Fotoapparate aus finanziellen Gründen nur von einem verschwindend kleinen Teil der Bevölkerung angeschafft werden konnten,[15] diese so oft und auch noch in mehreren unterschiedlichen Exemplaren ohne jeden Kommentar verliehen wurden. Nicht umsonst stammt aus dieser Zeit das Bonmot: »Die drei Dinge mit dem großem F – Frau, Füller, Fotoapparat – verborgt man nicht.« Er selbst, zeitgenössischen Biografen, seine Freunde wie auch erhalten gebliebene Briefe von und an Heinrich Zille berichten über alles Möglichem – nur absolut nichts über eine fotografische Tätigkeit außerhalb seiner Arbeitsstätte.

Durch die Behauptung »Zille verwendete die Geräte seines Arbeitgebers«[16] versucht Kaufhold, aus einer Vermutung eine Tatsache zu machen. Diese Hypothese ist aber nur bei oberflächlicher Betrachtung plausibel. Denn in solchen sich als Kunstverlag[17] verstehenden Betrieben wurden hauptsächlich Reprokameras benutzt, die mit ihren zur planparallelen Ausrichtung nötigen Vorrichtungen fest installiert waren und mehr als eine Tonne wiegen konnten. Und auch beim Fotografieren vor Ort war die dabei verwendete Ausrüstung durch den Anspruch an höchste Qualität so voluminös, dass man die belichteten Platten nicht immer zum Stammbetrieb transportierte, sondern statt dessen die Negative lieber vor Ort entwickelte.[18] Geräte aus dem Amateurbereich – wie die von Zille angeblich benutzten Handkameras – konnten in dem auf Reproduktionen spezialisierten Betrieb keinerlei Verwendung finden und existierten demzufolge dort gar nicht – es sei denn, die »Photographische Gesellschaft« hat Kameras zur sozialen und kulturellen Betreuung der Belegschaft angeschafft, wie es mehr als 50 Jahre später bei den Betriebsfotozirkeln in sozialistischen Großbetrieben der Fall war. Das aber ist beim besten Willen nicht glaubhaft.

Als einen Hauptbeweis von Zilles Urheberschaft an den Fotografien sehen sowohl Ranke[19] als auch Kaufhold[20], dass Zille angeblich mehrfach seinen eigenen Schatten mit aufnahm. Damit sind sie dem Phänomen der Pareidolie erlegen, einer an sich normalen Tendenz des Gehirns, Lücken in den vorhandenen Informationen mit Mustern und Bildern aufzufüllen. Denn ein Schatten kann nicht zweifelsfrei zugeordnet werden, wenn die schattenwerfende Person nicht selbst abgebildet ist, da sowohl Lichteinfallswinkel als auch Bodenbeschaffenheit den Schatten verzerren. Selbst wenn Heinrich Zille zur damaligen Zeit die einzige einen Hut tragende Person gewesen wäre, könnte eine solche Aussage bestenfalls als Spekulation, nicht aber als Indiz oder gar Beweis seiner Urheberschaft angesehen werden.

Ähnliches kann man an den Fotos Nr. 115 und Nr. 116 des Werkverzeichnisses beobachten, die erst seit der Veröffentlichung von 1967 bekannt sind. Diese beiden Bilder zeigen einen von unten nach oben fotografierten Hang, an dessen oberen Kante sich jeweils insgesamt neun Knaben befinden, die offensichtlich Handstand üben und dabei zum Teil umkippen und den Hang herunter fallen. Der vierte Junge von links hat auf dem ersten Foto den Oberkörper nach unten gebeugt, so dass das Gesicht nicht sichtbar ist und man lediglich den Hinterkopf sehen kann. Auch auf dem zweiten Foto hat derselbe in Vorbereitung zum Handstand die Hände auf den Boden stützend das Gesicht abgewandt. Luft sieht hier 1967 »Handstand in der Vorstadt-Sandkuhle«[21], Ranke 1985 »Acht Jungen üben Handstand«[22], Matthias Flügge 1993 »Neun Berliner Jungen …« »… üben Handstand an einer Böschung«[23] und schließlich Kaufhold 1995 »Handstand machende Jungen an der Kante eines Sandhanges, darunter Zilles Sohn Hans, vierter von links«[24]. Es ist nicht nachvollziehbar, wie Kaufhold anhand dieser unscharfen und schlecht belichteten Fotos den Akteur viele Jahrzehnte nach dessen Tod identifiziert haben kann. Selbst wenn nahe Angehörige diese kühne Behauptung ausgesprochen hätten, wären damit Zweifel nicht ausgeräumt, denn Hinweise an den Negativen existieren genauso wenig wie es diesbezügliche Bemerkungen oder Notizen in der Literatur gibt. (Abb. 1)

Den Beginn der fotografischen Tätigkeit von Zille legt Kaufhold auf 1882 fest.[25] In diesem Jahr kam der Soldat Zille in seine vorherige Arbeitsstätte zu Besuch, und dort soll er die Fototechnik für zwei Selbstbildnisse, die im Werkverzeichnis unter Nr. 1 und Nr. 2 gelistet sind, genutzt haben. Entgegen sämtlichen gesellschaftlichen Zwängen und Gepflogenheiten – so die offensichtliche Deutung von Kaufhold – ist Zille der Macher. Nicht nur diese Auslegung muss hinterfragt werden, auch die räumliche Zuordnung ist zweifelhaft. Denn allein anhand der auf dem Foto abgebildeten Fußbodendielen will Kaufhold einen Zusammenhang mit einem 10 Jahre später aufgenommenen Foto in den Räumen der Betriebsstätte am Dönhoffplatz erkannt haben.[26] Die Wand, an die sich Zille in den ersten beiden Fotos lehnt, hat keine Ähnlichkeit mit der auf dem späteren Gruppenbild. Demzufolge müssen die Fotos in verschiedene Richtungen aufgenommen worden sein. Wie aber sollen dann dieselben Dielen wiedererkannt werden können?

Auf 44 Fotos, das sind fast 8 Prozent derjenigen, die man Heinrich Zille zuschreibt, ist er selbst zu sehen. Eine so hohe Anzahl von Selbstporträts ist ungewöhnlich und verwunderlich für eine Person, die sich selbst nicht gerne fotografieren ließ und statt dessen lieber zum Zahnarzt ging.[27] Weshalb sollte Zille etwas solchermaßen Ungeliebtes freiwillig tun? Nach seiner Wesensart war er kein Selbstdarsteller, sondern eher zurückhaltend. Auf die Frage von Liebermann, weshalb er keine Selbstbildnisse male, antwortete er: »Wenn ich mich früh im Spiegel gesehen habe, wenn ich mich gekämmt habe, habe ich genug von meinem Gesicht!«[28] Von einer »geistigen Vaterschaft«[29] zu sprechen, ist das Eingeständnis, nicht zu wissen, wer was getan hat. Urheber ist, wer den Knopf drückt. Als Ausnahme kann nur gelten, wenn wesentliche geistige Planungen wie die Einrichtung des Bildausschnittes und Regieanweisungen für alle Beteiligten vorausgegangen sind. Davon ist aber bei den eher zufälligen privaten Knipsbildern im Familien- und Freundeskreis nicht auszugehen.

Die Korrespondenz mit Kraus vom 17.12.1902 erschüttert die These der Selbstbildnisse weiter. Zille schreibt: »Sende Ihnen … eine Photographie von mir (Porträt) … Die photographischen Aufnahmen sind von Fräulein Quitmann.«[30] Er berichtet uns also, dass er in der Zeit als Angestellter nicht selbst fotografierte, sondern fotografiert wurde! Und auch für die Bilder Nr. 265 bis Nr. 270 existiert eine Erklärung, die der Hypothese der Selbstbildnisse widerspricht: In seinem Kegelverein wirkte ein Direktor Oettel, der sich der Amateurfotografie verschrieben hatte.[31] Hat Zille für diesen Abzüge angefertigt? Sind die Platten nur zufällig beim ihm liegengeblieben? Heinrich Zille verstand sich jedenfalls als Dienstleister gegenüber seinen Freunden und entwickelte deren Fotos.[32] Oettel und dessen Familie scheinen wenn nicht zum Freundes-, so doch zumindest zum näheren Bekanntenkreis gehört zu haben, wie eine Geburtstagsgratulation und eine Zeichnung beweisen.[33] Des Weiteren darf nicht unerwähnt bleiben, dass einige angeblichen Selbstporträts auch mit Benutzung eines Fernauslösers nicht nachvollziehbar sind. Während des Modellstehens, wie auf den Fotos mit den Nummern 241 und 242 des Werkverzeichnisses zusehen,[34] kann der zu Porträtierende nicht an der Kamera Einstellungen oder Plattenwechsel vornehmen. In solchen Fällen ist von der Bedienung der Kamera durch andere Personen auszugehen. Etwas anders verhält es sich bei den im Werkverzeichnis unter Nr. 25 und Nr. 26 aufgelisteten Fotos, die nach Ranke von einem Berufsfotografen geschaffenen wurden.[35] Durch die von Zille 1894 erfolgte grafische Bearbeitung mittels Heliogravüre und Radierung ist jetzt die Bezeichnung Selbstbildnis legitim.

Kaufhold bemerkt, dass die Negative in ihrer Dichte sehr stark schwanken.[36] Es ist schwer vorstellbar, dass Zille entgegen der ihm eigenen Art und Weise ausgerechnet beim Fotografieren nachlässig oder gar dilettantisch gearbeitet haben soll, zumal er ein erfahrener Laborant war.[37] Wahrscheinlicher ist, dass die unterschiedlichen Ergebnisse daher rühren, dass er nur unzureichende Kenntnisse über die nicht von ihm ausgeführte Belichtung hatte. Folgt man dieser Überlegung, so wäre Zille nicht der Urheber vieler ihm zugeschriebener Fotografien, sondern deren Weiterverarbeiter. Die bis zum Anfang des 21. Jahrhunderts häufig zu beobachtende personelle Trennung von aufnehmender Fotografentätigkeit und weiterverarbeitender Labortätigkeit, die zu Beginn der Fotografie noch nicht üblich war, ist hier schon Realität.

Laut Matthias Flügge sind die einzigen schriftlichen Meldungen über Zilles fotografische Arbeiten zu seinen Lebzeiten in unveröffentlichten, in Privatbesitz befindlichen Briefen an seine Cousine Helene Zwar in Löbau zu finden. Aber weder die Tatsache, dass er ihr einige Abzüge von Familienbildern schickte, noch seine Beschwerde »Die in Löbau gekauften Platten haben keine guten Bilder gegeben, werde aber trotzdem Abzüge danach machen und gelegentlich schicken«[38] sind ein Beleg dafür, dass er selbst fotografiert hat. Die Briefe berichten lediglich über Familienbilder nicht genannter Urheber wie auch über die Absicht, Tätigkeiten im Fotolabor auszuführen. Es werden hier aus einigen wenigen Bemerkungen bedenkliche Schlüsse gezogen. Auch Kaufhold verweist auf dieselbe, schon oben genannte Quelle bei Flügge, zitiert dann aber interessanterweise vollkommen anders: »Zum Photographieren komme ich jetzt gar nicht, […] Lege einige Bilder bei[,] die ich vom Woldemar Heinitz habe (er gemacht).[sic]«[39] Bedauerlich ist, dass diese Briefe nicht überprüfbar sind und Flügge als Herkunft nur »Berlin, Privatbesitz«[40] angibt. Wie dem auch sei, letztendlich belegen die Zitate nicht, dass Zille fotografiert hat.

Rudolf Danke berichtet: »… Zille ist bekannt als Sammler hunderterlei Raritäten. Ein halbes Dutzend Schränke birgt die Chronik eines Jahrhunderts …«[41] und »Nun holt Zille aus seinem altväterlichen Schreibtisch eine Schublade mit Photographien, Abbildungen, Briefsachen aus jenen Tagen.«[42] Die Bewertung dieser Erzählung als ein frühes, vorher übersehenes Indiz für die fotografische Tätigkeit von Heinrich Zille durch Kaufhold[43] ist nicht schlüssig. Denn man kann aus der Anwesenheit eines Geldstücks in den Erinnerungsstücken auch nicht das Fazit ziehen, dass dessen Besitzer früher Münzen geprägt hat. Gesichert ist hingegen durch den Briefverkehr mit Hermann Frey, dass ihm Fotografien geschenkt wurden.[44] Es ist somit nicht verwunderlich, dass sich in seinem Nachlass eine ganze Kollektion fremder Fotografien befunden hat.[45]

Auch die nach Fotografien angefertigten Zeichnungen reichen nicht als Beweis seiner fotografischen Tätigkeit. Zille hat immer zusammentragend gearbeitet: »Aus verschiedenen Quellen der Wirklichkeit trug er sein Bildmaterial zusammen und fügte es am häuslichen Arbeitstisch zu Zeichnungen, die den Willen zur charakteristischen Zuspitzung verraten.«[46] Postkarten und Pressefotos, die zweifelsfrei nicht von ihm stammen, verarbeitete er weiter.[47] Somit ist die Vermutung nicht abwegig, dass auch all die anderen Fotos, nach denen er gezeichnet hat, andere Urheber als ihn selber haben können. Dabei lies er sich nicht erst nach Beendigung seiner angeblichen Tätigkeit als Fotograf von fremden Fotos inspirieren, wie Matthias Flügge erklärt.[48] Schon für seine um 1900 entstandene Radierung von Karl Marx benutzte er offensichtlich eine Fotografie von Pinkau & Gehler in Leipzig als Vorlage, die in dem fünfbändigen Porträtwerk »Das neunzehnte Jahrhundert in Bildnissen« der »Photographischen Gesellschaft« erschien.[49]

Es gibt lediglich ein Indiz dafür, dass Heinrich Zille auch fotografiert haben könnte. Auf dem Foto Nummer 71 des Werkverzeichnisses sieht es – so die Deutung von Kaufhold – aus, als ob er sich mit seiner Familie selbst porträtieren würde. Auf diesem Bild steht Zille am linken Bildrand und hält in der zusammengepressten rechten Hand einen Gegenstand. Möglicherweise ist es ein pneumatischen Fernauslöser. So stichhaltig diese Argumentation im ersten Moment erscheint, so bleibt es doch eine unbewiesene These, weil man nicht erkennen kann, was sich in einer geschlossenen Hand befindet. (Abb. 2)

Problematisch ist, dass die Hypothesen von Ranke, Kaufhold und anderen immer wieder neu erzählt und mit gesteigerter Bedeutung versehen werden, ohne das es neue Erkenntnisse geben würde. So nennt zum Beispiel Miriam Paeslack Zille einen leidenschaftlichen Amateurfotografen,[50] bleibt uns aber schuldig, woran sie die Leidenschaft erkennt. Etwa am nur sporadischen Fotografieren? Daran, dass er sich keine eigene Ausrüstung angeschafft hat? Oder weil er sein Hobby so geheim hielt, dass weder seine Freunde noch seine Familie davon Kenntnis hatten?[51] Auch dass sie nur wenige Zeilen später die Arbeitsweise Zilles als zufällig, fast nachlässig bezeichnet, zeugt nicht für die von ihr propagierte Hingabe. Später spricht sie Zille ein Gespür für Komposition zu und meint, dass sich dieses bei Zille in spontanen Aufnahmen äußere.[52] Zu belegen versucht Paeslack Letzteres ausgerechnet anhand von zwei Aufnahmen, deren Urheber – wie sie uns selbst mitteilt – Heinrich Zille ganz gewiss nicht ist.[53]

Durch ständige Wiederholung haben sich diese Fotos inzwischen im kollektiven Gedächtnis und Verständnis vieler Interessierter so festgesetzt, dass sie gewissermaßen qua »Gewohnheitsrecht« Zille zugeordnet werden. Ein Exempel für dieses Weitererzählen finden wir bei Ulrich Hägele, der an mehreren Stellen im Vergleich mit Fotografen wie Eugène Atget, John Heartfiel, Helmar Lerski, Jacob Riis, August Sander und anderen den Namen Zilles nur noch anführt und damit wie selbstverständlich von der Mutmaßung ausgeht, Zille wäre ein fotografischer Sozialdokumentarist gewesen.[54]

Der wesentlichste Grund aber, Heinrich Zilles Urheberschaft dieser Fotos infrage zu stellen, liegt in seiner Arbeitsweise und in seinem künstlerischen Ausdruck begründet. Auf der einen Seite findet man die unverwechselbare Handschrift, die sich über Jahrzehnte in tagtäglicher Übung herausgebildete hatte, auf der anderen Seite eine unstete Arbeitsweise beim Fotografieren, das zudem nur spontan ausgeführt wurde. Hier avantgardistisch anmutende Reportagefotografie mit einem auf Schnelligkeit getrimmten Wechselmagazin,[55] dort stereotypes Vorgehen beim Fotografieren von bekannten Personen und Familienmitgliedern.[56] Einerseits die an Geiz grenzende Sparsamkeit, bei der selbst die Innenseiten von Briefumschlägen nach Glätten und Umkippen noch genutzt wurden,[57] (Abb. 3) andererseits Serien auf ein Material, das erhebliche finanzielle Mittel erforderte. Dabei ist bemerkenswert, dass Serienaufnahmen nicht nur von sich bewegenden Menschen, sondern auch von statischen Motiven wie z.B. Müllkippen gemacht wurden, die genauso gut auch in aller Ruhe hätten skizziert werden können. Übereinstimmend wird von gesicherten, aber bescheidenen Verhältnissen berichtet, die zusammen mit der Zille eigenen Wesensart die Verschwendung von Material ausschloss. An die 120.000 RM, die er seinen Kindern vererbte, war zur Zeit seiner angeblichen Tätigkeit als Fotograf noch nicht zu denken.[58]

Die reine Lithografie zur Herstellung von Druckvorlagen wurde Ende des 19. Jahrhunderts von der Fotolithografie verdrängt. So hat auch Heinrich Zille in der »Photographischen Gesellschaft« mit fotolabortechnischen Mitteln gearbeitet. An seiner Arbeitsstelle hatte er wohl auch Kontakt zu Fotografen und Künstlern,[59] die ihm Aufträge und Arbeiten vor Ort übergaben. Ist es – rechnet man seine Sammelleidenschaft ein und sein Unvermögen, Gegenstände mit Erinnerungscharakter zu entsorgen – denkbar, dass er nicht mehr gebrauchte Negative weiter verwendet hat? Es darf nicht übersehen werden, dass er als Reproduktionstechniker offenbar keine Probleme mit dem für den Kunsthandel zentralen Begriff des Originals hatte, wie Matthias Flügge schreibt.[60] Zwar ist das genauso wenig beweisbar wie eine geduldete Überlassung der Negative oder die Ausleihe von Fotoapparaten, aber es ist eine einfache und einleuchtende Erläuterung für die unterschiedlichen Negativformate und die abweichenden Arbeitsweisen. Es ist eine nachvollziehbare Interpretation für Bilder wie etwa das der niederländischen Marktszene,[61] deren Herkunft vollkommen ungeklärt ist. Und es macht verständlich, weshalb das Ende seiner angeblichen fotografischen Tätigkeit mit seiner Entlassung bei der »Photographischen Gesellschaft« zusammenfällt, da ihm von da an kein Labor mehr zur Verfügung stand. Hingegen kann es als sicher gelten, dass Zille als Laborant zahlreiche Bilder anderer Fotografen bearbeitet hat.

Nachdem sich die von Luft vorgenommene erste Deutung, Zuordnung und zeitliche Einreihung schnell als fehlerhaft herausstellte – beispielsweise bezeichnete er die Münzgasse und Frauenkirche in Dresden als Motive aus Altberlin[62] –, wurden später gründlichere Untersuchungen durch Ranke durchgeführt. Dabei setzte dieser wie auch schon Richard Hiepe[63] vor ihm die Echtheit des Fundes sowie die Urheberschaft Heinrich Zilles als eine unumstößliche Tatsache voraus und hinterfragte die eigenartigen Umstände des Fundes nicht. Auch später wurde die Glaubwürdigkeit des Fundes nicht angezweifelt, obwohl es an historisch nachprüfbaren Belegen für die Urheberschaft fehlt und diese somit in keinem einzigen Fall sicher belegt werden kann. Die bisherigen Deutungen sind Spekulationen, nicht beweisbar und vor allem nicht in sich stimmig.[64]

Es scheint so, als ob bei den Zuschreibungen lediglich nach Beweisen gesucht wurde, die diese These stützen – eine zweifelhafte Herangehensweise. Das bloße Auffinden von Fotografien aus seinem Besitz kann die Aussage, Heinrich Zille wäre auch Fotograf gewesen, keineswegs hinlänglich belegen. Daran ändert auch das eine oder andere im familiären Kreis aufgenommene Foto nichts, zumal alle Zuschreibungen auf unsicheren Indizien, eher eigenwilligen und unter Ausblendung jeglicher »Unschuldsvermutungen« interpretierten Hinweisen beruhen.


[1] Hans Ostwald: Zille’s Vermächtnis, unter Mitarbeit seines Sohnes Hans Zille, Berlin 1930, S. 276.

[2] Otto Nagel: H. Zille, Veröffentlichung der deutschen Akademie der Künste, Berlin 1957, S. 153.

[3] Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kupferstich-Kabinett, Inv. Nr. D 1922-11.

[4] Winfried Ranke: Heinrich Zille vom Milljöh ins Milieu, Frankfurt am Main, Wien, Zürich, Hannover 1979, S. 126.

[5] Enno Kaufhold: Heinrich Zille – Photograph der Moderne, München 1995, ab Seite 177.

[6] Ostwald, (Anm. Nr. 1), S. 279, 451 und 277.

[7] Gerhard Flügge: Mein Vater Heinrich Zille, nach Erinnerungen von Margarete Köhler-Zille, Berlin 1955, S. 79, 208, 71, 112 und 97.

[8] Nagel, (Anm. Nr. 2), S. 78.

[9] Susanne Gänshirt-Heinemann: Der Krögel Eine Gasse im alten Berlin, Berlin 2000, S. 34.

[10] Lothar Fischer: Zille, Reinbek bei Hamburg 1979, S. 121.

[11] Walter Zille: H. Zille. ... und sein Berlin, persönliche Erinnerungen an den Meister, Berlin 1950, S. 8 und 9.

[12] Kaufhold, (Anm. Nr. 5), S. 12.

[13] Fischer, (Anm. Nr. 10), S. 121.

[14] Kaufhold, (Anm. Nr. 5), S. 220, Werkverzeichnis Nr. 283 bis 286.

[15] Timm Starl: Knipser. Die Bildgeschichte der privaten Fotografie in Deutschland und Östereich von 1880 bis 1980, München, Berlin 1995, S. 95.

[16] Enno Kaufhold: Zille und Zola. Zwei Protagonisten reiner Fotografie, Professional Camera, München 1980, S. 23

[17] Ranke, (Anm. Nr. 4) S. 78 und 79.

[18] Rudolf Danke: Heinrich Zille erzählt …, Dresden, 1931, S. 182.

[19] Winfried Ranke, Heinrich Zille Photographien Berlin 1890–1910, München 1985, S. 16.

[20] Kaufhold, (Anm. Nr. 5), S. 181.

[21] Friedrich Luft: Mein Photo-Milljöh, Hannover 1967, Tafel 90/91.

[22] Ranke, (Anm. Nr. 19), Tafel 161 und 162.

[23] Heinrich Zille, Berlin um die Jahrhundertwende, Photographien, München 1993, Tafel 57 und 58.

[24] Kaufhold, (Anm. Nr. 5), S. 199 Nr. 115.

[25] Ebenda, S. 15.

[26] Ebenda, S. 15, S. 184 Nr. 1 + 2 sowie S. 186 Nr. 18 + 19.

[27] Flügge, (Anm. Nr. 7), S. 184.

[28] Hans Ostwald: Das Zillebuch, unter Mitarbeit von Heinrich Zille, Berlin 1929, S. 28.

[29] Kaufhold, (Anm. Nr. 5), S. 181.

[30] Ostwald, (Anm. Nr. 1), S. 282.

[31] Ebenda, S. 42.

[32] Matthias Flügge, in: Heinrich Zille, Berlin um die Jahrhundertwende, Photographien, München 1993, S. 15.

[33] Hans Ostwald: Zille’s Hausschatz, unter Mitarbeit seines Sohnes Hans Zille, Berlin 1937, S. 319.

[34] Kaufhold, (Anm. Nr. 5), S. 215 Nr. 241+242.

[35] Ranke, (Anm. Nr. 4), S. 154 und 155.

[36] Kaufhold, (Anm. Nr. 5), S. 179.

[37] Ranke, (Anm. Nr. 19), S. 15.

[38] Flügge, (Anm. Nr. 32), S. 16.

[39] Kaufhold, (Anm. Nr. 5) S. 32, Anmerkung Nr. 13.

[40] Flügge, (Anm. Nr. 32) Anmerkung Nr. 13, S. 20.

[41] Rudolf Danke: »Vater Zille« in Heinrich Zille: Zwischen Spree und Panke, Dresden 1925, S. 19.

[42] Danke, (Anm. Nr. 18), S. 110.

[43] Kaufhold, (Anm. Nr. 5), S. 9.

[44] Ostwald, (Anm. Nr. 1), S. 334.

[45] Kaufhold, (Anm. Nr. 5), S. 26.

[46] Flügge, (Anm. Nr. 32), S. 17.

[47] Ebenda, S. 232 und 233.

[48] Matthias Flügge, Der publizierte Zille, in: Heinrich Zille, Zeichner der Großstadt, Dresden 1997, S. 54.

[49] Ranke, (Anm. Nr. 4), S. 157 bis 159.

[50] Miriam Paeslack: Fotografie Berlin 1871 – 1914. Eine Untersuchung zum Darstellungswandel, den Medieneigenschaften, den Akteuren und Rezipienten von Stadtfotografien im Prozeß der Großstadtbildung, Dissertation Freiburg 2002, S. 186.

[51] Matthias Flügge: Heinrich Zille, Fotografien von Berlin um 1900, Leipzig 1987, S. 8.

[52] Paeslack, (Anm. Nr. 50) S. 241.

[53] Ebenda, S. 230 bis 233 und 239 bis 241.

[54] Ulrich Hägele: Foto-Ethnographie, Tübingen 2007, S. 9, 24, 130, 208, 240, 269 und 281.

[55] Ranke, (Anm. Nr. 19) S. 16 und 18.

[56] Ebd., S. 20.

[57] Ostwald, (Anm. Nr. 1) S. 64.

[58] Fischer, (Anm. Nr. 10) S. 121.

[59] Ranke, (Anm. Nr. 4) S. 150.

[60] Flügge (Anm. Nr. 49) S. 56.

[61] Winfried Ranke, Heinrich Zille Photographien Berlin 1890-1910, München 1975, Tafel 111.

[62] Luft, (Anm. Nr. 21) Tafel 4 und 16.

[63] Richard Hiepe: How The Other Half Lives – wie die andere Hälfte lebt, in: tendenzen 1972, Nr. 86, S. 11 bis 13.

[64] Das auch weiterhin nicht ausreichend recherchiert wurde, lässt sich an der Aussage von Kaufhold »Woldemar Heinitz war ein Vetter von Zille, der in Zittau lebte« (Kaufhold, [Anm. Nr. 5] S. 32, Anmerkung Nr. 13), belegen, denn in der fraglichen Zeit ist in Zittau keine Person mit dem Namen Heinitz nachzuweisen (Mitteilung der Leiterin des Stadtarchivs Zittau Frau Jutta Rothmann per E-Mail am 28.01.2013). Der 1874 geborene Woldemar Heinitz lebte bis 1896 in seinem Geburtsort Potschappel, dann bis 1904 als Mechaniker und Fabrikbesitzer in Dresden (Stadtarchiv Dresden, Adreßbuch für Dresden und seine Vororte, Jahrgänge 1897 bis 1904) und anschließend bis zu seinem Tod 1946 als wohlhabender Fabrikdirektor in Chemnitz (schriftliche Mitteilung des Stadtarchiv Chemnitz vom 20.02.2013, Recherche in Melde- und Standesamtsunterlagen, u. a. Polizeimeldebuch Chemnitz I, Buchstabe He 540b und verschiedene Jahrgänge des Adreßbuch Chemnitz).

 

 

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