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Margareth Otti

Zur Geschichte des Architektenberufs

Winfried Nerdinger (Hg.): Der Architekt. Geschichte und Gegenwart eines Berufsstandes, München: Prestel, 2012, 22,4 x 26,8cm, 816 Seiten, 422 Farbabbildungen,
 283 Abb. in SW, 2 Bände Hardcover im Schuber, 98 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 132, 2014

Der Architekt: 4,5 Kilogramm, 816 Seiten – die fünf Jahrtausende durchmessende Geschichte dieses Berufs bis in die Gegenwart erfordert etwas an Gewicht. Die Publikation erschien als Katalog zur Abschiedsausstellung des langjährigen Leiters des Architekturmuseums der TU München in der Pinakothek der Moderne, Winfried Nerdinger. Prachtband ist angesichts dieses Materials untertrieben, es handelt sich um zwei Leinenbände im schmucken Schuber. Den Umschlag zieren einerseits ein Porträt des ägyptischen Baumeisters Bekenchon, in der Zeit Ramses II. (1279–1213 v. Chr.) verantwortlich für Tempelbauten in Karnak; andererseits ein Porträt Le Corbusiers von 1956, der, die charakteristische Brille auf die Stirn geschoben, den Betrachter mit versteinerter Miene anblickt, wohl um die respektgebietende Bedeutung dieses Berufs augenblicklich klarzumachen (Abb. 1). Verstärkt wird dieses ernüchternde Berufsbild noch durch die großen weißen Lettern auf dem schwarz-grauen Hintergrund: DER ARCHITEKT. Es ist, diesen Bildern nach zu schließen, eine erhabene, dunkle, männliche Figur, dieser Architekt, der die Welt um uns baute und baut.

Ursprünglich als Lexikon mit mehreren tausend Einträgen geplant, wurde die Publikation in eine Aufsatzsammlung umkonzipiert, die 45 Essays von verschiedenen AutorInnen zur Geschichte und Gegenwart des Berufsstandes umfasst, gefolgt von einem Katalog der Objekte der Ausstellung und den üblichen Verzeichnissen zu Literatur, Personen und Abbildungen. Die Beiträge mit teils großformatigen Abbildungen umkreisen den Beruf des Architekten in einer geografischen und historischen Tour durch verschiedene Jahrhunderte und Kulturkreise von Europa bis Asien, Japan, Indien, ins Osmanische Reich und Nordamerika.

Allein die Abbildungen lohnen den Blick in das Buch: Die Essays sind reich bebildert, teilweise mit doppelseitigen Aufnahmen in bester Qualität. Das Bildmaterial umfasst Fotografien beeindruckender Museumsexponate jeglicher Art, die nahezu alle Kontinente, Kulturen und Epochen umfassen; von ägyptischen Reliefs, antiken Skulpturen, Kupferstichen bis zu japanischen Farbholzschnitten (Abb. 2). Ebenso entdeckt man historische fotografische Fundstücke und selten publiziertes Archivmaterial. Die eindrucksvolle Fülle an Kunstwerken und dokumentarischem Fotomaterial zum Thema macht die Bände jedenfalls zu einem Seh-Genuss; für Recherchen bieten sie einen reichhaltigen Fundus.

Der erste Band untersucht den Status des Architekten im alten Ägypten, wo der Baumeister eine der höchsten Stellen repräsentierte, während in Griechenland der architekton, der „führende Zimmermann“, eng an das Handwerk geknüpft war. In Mesopotamien übernehmen die Herrschenden selbst öffentlichkeitswirksam die Bauaufgaben, die Ausführenden bleiben ungenannt. Die dienenden Baumeister des Mittelalters ächzen einer abgebildeten Säulenfigur gleich unter der handwerklichen Last der Aufgabe, in der Renaissance wächst der Stolz der Profession bis zu den Architekten des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart, deren Drang nach Prestige unermesslich scheint. Spezifische Themen wie Architektur als öffentliche Angelegenheit oder berufssoziologische Porträts werden angesprochen: der Architekt als Sozialingenieur, als Star, als Diener der Mächtigen.

Der zweite Band spiegelt das vielseitige und sich wandelnde Bild des Architekten; die Liste der vielen Gesichter der Zunft wird länger und länger: der Architekt als Konstrukteur, Künstler, Organisator, Beamter, visionärer Baukünstler, Dienstleister, Theoretiker, Lehrer. Auch Klischees, die immer auch ein bisschen Wahrheit beinhalten, tauchen auf: der Opportunist, der Eitle, der Schwarzgekleidete. Der Essay mit dem erheiternden Titel nach einem Zitat von Cedric Price, „It´s not a house you need, it´s a divorce“, beleuchtet das Konfliktpotential der Beziehung Bauherr und Architekt. Gleich zwei Texte widmen sich den Arbeitswerkzeugen für die Herstellung von Modell, Zeichnung, Plan und baulichen Details. Leider bleiben sie inhaltlich im Historischen und thematisieren die größte Veränderung der letzten Jahrzehnte nicht: jene weg vom Tuschestift zur Computermaus. Die Titel „Kunstakademien und Architektenausbildung“ und „Der Architekt als Erzieher fokussieren auf die Geschichte und Bedeutung der Ausbildung, die starren Systeme, das Dilemma der Trennung von Planung und Ausführung und die gegenwärtigen Möglichkeiten und Probleme an den Hochschulen, wo die ProfessorInnen, zugleich auch praktizierende ArchitektInnen, jeweils ihre eigene Entwurfsphilosophie als unhinterfragbar absichern. Lösungen für die Zukunft werden keine vorgeschlagen. Die folgenden Artikel präsentieren weitere Facetten des sich ständig wandelnden Berufsbildes: der Global Player, der Gartengestalter, der Stadtplaner, der Ingenieur.

Gewissermaßen als Quotenessay fungiert der Text „Aller Anfang sind wir – Wege von Architektinnen im 20. Jahrhundert, kaum überraschend bebildert mit einem Proträt von Zaha Hadid am Umschlag der Zeitschrift L´Uomo Vogue (Abb. 3). Der inhaltlich sehr gut recherchierte Text erschreckt am Beginn mit Sätzen wie: „Nicht erst seit der Verleihung der Pritzker-Preises an Zaha Hadid 2004 haben Architektinnen – entgegen vieler Vorbehalte – gezeigt, dass sie Kreativität, Intellektualität und Praxis sehr wohl miteinander verbinden können. Längst haben Planerinnen unter Beweis gestellt, dass sie nicht nur begnadete Künstlerinnen und Entwerfernaturen sind, sondern es eben auch verstehen, ihren Job selbst zu machen.“ Solche Sätze im 21. Jahrhundert noch lesen zu müssen lässt nicht nur Feministinnen, sondern jeden aufgeklärten Menschen erblassen. Oder ist vielleicht der ArchitektInnenberuf gerade hinsichtlich einer selbstverständlichen Gleichberechtigung besonders rückständig? Dass sich die Architektur und deren VertreterInnen nicht von gesellschaftlichen und politischen Strukturen trennen lässt, demonstriert auch der Artikel zu den ArchitektInnen in der NS-Zeit „Entlassen, vertrieben, eingesperrt, ermordet, im Widerstand“.

Äußerst lesenswert sind die Essays zu den Ausflügen der Architekten in andere Erzählformen wie die Musik, den Film und Bühne; es scheint, dass der ephemere Charakter dieser Medien zu besonders mutigen Entwürfen anspornt. Einprägsam und vielleicht sogar noch heute Wunschfigur der ArchitekturabsolventInnen angesichts der Arbeitslosenrate in der Branche ist die Pose von Gary Cooper im Film The Fountainhead von 1949: Der einsame, elegante, der Welt entrückte, unerreichbare Meister vor dem modernen Wolkenkratzer (Abb. 4).

Die Essays der Publikation wirken durch die verschiedenen Schreibstile der AutorInnen unterschiedlich in Niveau, Struktur und Sichtweise, teilweise treffen sie nicht das Thema des Buches oder halten nicht, was ihr Titel verspricht. Die Gegenwart und Zukunft des ArchitektInnenberufs bleibt unterrepräsentiert: Wie planen angesichts der Arbeitslosigkeit, der inhaltsleeren Icon-Buildings, der grässlichen Star-Architekturen, der Baukrisenruinen, der delogierten Familien neben leerstehenden Wohnbauten in Bankenbesitz? Dennoch bietet das Buch ein abwechslungsreiches Lesevergnügen und ist ein üppiges Nachschlagewerk für alle, die noch ausreichend Platz in der Bibliothek haben. Trotz Fülle und Gewicht eignet es sich hervorragend als Geschenk für die lesenden VertreterInnen der besprochenen Zunft.

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