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Heike Wetzig

Murnau privat – Eine Lebensgeschichte in Fotografien

Guido Altendorf, Werner Sudendorf, Wolfgang Theis (Hg.): Friedrich Wilhelm Murnau. Die privaten Fotografien 1926–1931. Berlin, Amerika, Südsee. Mit Texten von Ruth Landshoff-Yorck und Berthold Viertel, München: Schirmer/Mosel, 2013. Nach einer Idee von Thomas Zeipelt. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinemathek, Berlin, dem Filmmuseum Potsdam und der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung, Wiesbaden, 22,3 x 24,3 cm, 120 S., 84 Tafeln in Duotone, geb., 34 Euro.

Erschienen in: Fotogeschichte 132, 2014

Der berühmte Filmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau (geboren in Bielefeld 1888, gestorben 1931 bei einem Autounfall in der Nähe von Los Angeles) lebte der Überlieferung nach diskret. Mit der Erstveröffentlichung privater Aufnahmen aus dem Nachlass begleiten die Herausgeber seinen Weg von Berlin über New York und Los Angeles (er ging 1926 in die USA) bis in die Südsee, wo er seinen letzten Film, Tabu, drehte. Gerahmt wird der "kleine Fundus zusammenhängender Fotos" (S. 7) durch bereits bekannte Portraitaufnahmen seiner Person und zwei kurze Erinnerungstexte. Das Buch erscheint aus Anlass von Murnaus 125. Geburtstag. Ein Band mit Fotografien zu seinem Filmwerk soll folgen.

Das buch ist eine dankenswert behutsame Annäherung an das "Mysterium" (S. 7) seiner Persönlichkeit. Unvermeidbar dabei: Murnaus – wie man inzwischen sagen darf: tatsächliche – Homosexualität. Symbolisiert erscheine sie im Dornauszieher, damals "fester Bestandteil homophiler Wohnkultur" (S. 14), dessen Pose für den oder die Fotografen nachgestellt wurde. Ein Topos jedoch des unerlösten Menschen, der den 'Stachel aus dem Fleische' zu ziehen sich müht. Murnaus Berühmtheit und sein Wirken in der Stummfilmära mögen, wie bisher, zu der Fokussierung auf seine – letztlich weiterhin unbekannte – Person beigetragen haben, während diese Aufnahmen auch Zeugen der Zeit sind. Naturgemäß ist die "Erklärungsfähigkeit" (Wolfgang Kemp) von Aufnahmen begrenzt, die, leichthin, bevölkerte, alltägliche Straßen und Gebäude zeigen (New York), von einem niedrigen Blickpunkt, vom Boot aus aufgenommene, grandiose Panoramen vor den Inseln (der Genuss ihrer Betrachtung ist durch den Buchfalz etwas beeinträchtigt) und Einzelstudien eingeborener Schauspieler für Tabu. Die Bildlegenden beschränken sich auf ein absolutes Minimum, etwa die Ortsbestimmung, die Forschungseinsatz verlangte und angenehm genau genug wirkt. Ohne weitere Nachweise überlässt sich das Buch dem Augensinn des Betrachters. Reizvoll daran ist, dass es sich zunächst nicht um immanent bildhafte Fotografien handelt. Vielmehr ist es der bloße Gestus, der sich dem fast ausschließlich männlichen Körper, Strukturen und Architektur am Wege zuwendet. Da stört denn auch etwas die Mahnung der Herausgeber, man möge die Fotografien "mit Bedacht" (S. 13) ansehen.

Mit diesem Band wird die deutsche Murnau-Forschung publikumsfreundlich weitergeschrieben; "neue Präzisierungen" (S. 13), nicht mehr als das, sind möglich. Die tödliche Unfallfahrt wird noch einmal nacherzählt; aus dem kolportierten 14jährigen Philippinen am Steuer ist, wohl endgültig, ein 30jähriger Diener geworden.

Tatsächlich ist ungewiss, welche der Aufnahmen von Murnau selbst stammen. Der Untertitel soll diesen Umstand entschuldigen (S. 13), suggeriert aber doch – der Klappentext behauptet es – seine Autorschaft. Die Herausgeber legitimieren als authentisch die das bewegte Wasser mittels sehr langer Belichtungszeit einfangenden Panoramafotos wegen ihres "offenbar filmischen Sehens" (S. 13, 14). Zum größten Teil handle es sich um Heinrich Gräfensteins Fund (1993), inzwischen restaurierte stereometrische Negative.

Der Blick streift über Aufnahmen bei Segeltörns in der Umgebung von Berlin, die Gelegenheit boten, den befreundeten Hans Jahnke mit und ohne die damals skandalös knappe Badehose (S. 14) aus der Nähe zu fotografieren, zu Fotografien strahlend lächelnder junger Männer – meist ist es derselbe Mann – in Pool und Garten der Villa Murnaus in Los Angeles (die Adresse ist  nicht bekannt; S. 15). Dazwischen Freunde, Kollegen, Gäste, Berühmtheiten. Vor allem in den späteren Aufnahmen deutet der Fotograf das phänomenale natürliche Licht an – gleißend; zwei Zeitungsjungen auf der gewölbten, zum Horizont hin abfallenden Straße in Los Angeles. Bei aller "ganz außerordentlichen Nüchternheit" (wie Lotte H. Eisner Murnau charakterisierte) fehlen weder Atmosphäre, Sinn für Abenteuer noch fotogeschichtliche Reminiszenzen, die man von dem ehemaligen Kunsthistoriker, Schauspieler und schließlich Filmemacher erwarten könnte.

Unklar bleibt, ob Bali, wie die Herausgeber meinen (S. 15) oder die Südsee zu Beginn des 20. Jahrhunderts das vielberufene Sehnsuchtsland von Homosexuellen war. Die ungestellte Landschaftlichkeit in der Welt schafft zarte und kraftvoll lebendige Eindrücke. Nichts zeugt von der tatsächlichen Situation der Südseebewohner (S. 13), deren Gewohnheiten und Riten unter französischer Kolonialherrschaft seit dem 19. Jahrhundert zerstört wurden und die ihrerseits Murnaus Plantage nach seinem Tod verfallen ließen. (Wenig später dokumentierten Dorothea Langes Fotografien das soziale Elend, das die Westküste der USA erreicht hatte.)

Murnau schilderte die quälende Zivilisation zuletzt in Tabu. Das Scheitern unter einem bösen Gott, der Priester- oder Elterngestalt, lässt sich deuten (Léon Wurmser). Imagination und Schicksal halten sich die Waage. Die Darstellung der unentrinnbaren Krankheit der Zivilisation mag Verbrämung der eigenen Homosexualität (Pädophilie?) gewesen sein, die zu Aufnahmen von "äußerster Harmlosigkeit" (Gisèle Freund) genötigt haben müsste, die Murnau aber zu verleugnen nicht gezwungen war. Die Rezensentin vergleicht lieber eine mit dem Begriff des "Erhabenen" nur unzureichend verständliche Bemerkung Senecas in den Briefen an Lucilius, der "ununterbrochene Schatten" des Waldes wecke "den Glauben an göttliches Walten".

Gab es (noch) Gestalten wie Hiti? Das andere Leben als das eigene, auch das erinnert an den Tod in Venedig, auf den die Herausgeber hinweisen (S. 14). Fotografie und Film, das Medium – mehr noch: das eigene Leben – sei "Instrument der Selbstfindung" (Franziska Lamotte). Worte sind dafür nur im Vorübergehen verfügbar.

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