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Fotoreportage: „Das 9. Kind der Lisa Kurzenbaum“, Arbeiter-Illustrierte Zeitung, Nr. 3, 1935

Karl Knöferle

Die Fotoreportage in Deutschland von 1925 bis 1935

Dissertation an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Referenten: Prof. Dr. Michael F. Zimmermann (Lehrstuhl für Kunstgeschichte), Prof. Dr. Klaus-Dieter Altmeppen (Lehrstuhl für Journalistik II), Abschluss: November 2013, Veröffentlichung: 2014, Kontaktadresse: karl.knoeferle(at)t-online.de

Erschienen in: Fotogeschichte 132, 2014

Die Studie befasst sich mit der Entwicklung der Fotoreportage in deutschen illustrierten Wochenzeitungen. Der Entwicklungsweg des neuen Genres der Fotografie war langwierig. Einige Jahrzehnte nach der Erfindung der Fotografie fanden sich zwar erste Rasterfotos in illustrierten Zeitungen, aber erst viel später verdrängten die Fotografien den galvanisierten Holzstich und die Lithografie. Erste Fotoreportagen sind bereits Anfang des 20. Jahrhunderts in illustrierten Zeitungen in Deutschland anzutreffen. Der Inhalt der Reportagen ist aber oft mehr berichtend als erzählend. Eine Steigerung der Anzahl von Fotoreportagen, eine ästhetische Gestaltung und eine gute narrative Struktur sind erst nach 1925 verstärkt zu registrieren. Werden zu einem Thema oder zu einer oder wenigen Personen Fotosequenzen mit kurzen Texten auf einer oder mehreren Seiten zusammengestellt, so wird in Umrissen das Genre der Fotoreportage fassbar. Nur wenige Forschungsberichte zur Entwicklung der Fotoreportage sind empirisch fundiert und befassen sich mit der Gestaltung und der narrativen Struktur.

Mit der vorliegenden Studie werden zwei in den Forschungsarbeiten existierende Hypothesen und eigene Hypothesen mittels einer quantitativen Inhaltsanalyse untersucht. Die Thesen der Forschungsberichte behaupten, dass die moderne Fotoreportage ab 1929 von Stefan Lorant entwickelt wurde und der neue Bildjournalismus in Deutschland nach 1933 zusammenbrach. Die selbst erstellten Hypothesen besagen, dass die moderne Fotoreportage in den 1920er und 1930er Jahren nicht von Stefan Lorant und der Münchner Illustrierten Presse erfunden wurde, sondern schon ab 1926 in den illustrierten Zeitungen zu finden ist und ein Gemeinschaftsprodukt von Fotografen und Redakteuren darstellt. Ebenso kam es nach der Machtergreifung 1933 durch die Nationalsozialisten nicht zu einem totalen Zusammenbruch des Fotojournalismus.

Der Materialkorpus der Studie enthält alle Ausgaben der Berliner Illustrirten Zeitung (BIZ), der Arbeiter-Illustrierten Zeitung (AIZ), des  Illustrierten Beobachters (IB) und der Münchner Illustrierten Presse (MIP) von 1925 bis 1935. Die Ergebnisse aus der Inhaltsanalyse zeigen, dass die Anzahl der Fotoreportagen ab 1927 stark anstieg. Fotoreportagen weisen ab diesem Zeitpunkt bei allen vier Medien narrative Elemente (zweiseitiges Layout, ansprechende Typografie, wechselnde Fotoformate, Schlüsselbilder, Freistellungen und Überlappungen von Fotos u. a.) auf und halten dem Vergleich mit der modernen Fotoreportage Gidals stand. Nach 1928 stieg die Anzahl der Fotoreportagen weiter an. Die narrativen Gestaltungselemente gewannen bis 1932 immer mehr an Bedeutung. Die moderne Fotoreportage, mit dem von Gidal bevorzugten zweiseitigen Layout, entstand nicht erst von 1929 bis 1931  in der MIP unter Stefan Lorant, sondern bereits ab 1927 in der MIP, AIZ und im IB (BIZ 1929). Die Analyse der von Stefan Lorant selbst erstellten Fotoreportagen in der MIP (insgesamt sechs) bestätigt die besondere Leistungen Lorants nicht. Nur drei seiner Reportagen weisen das zweiseitige Layout auf. Die ästhetische Gestaltung und der Aufbau der narrativen Struktur seiner Reportagen zeigen keine herausragenden Eigenschaften. Ab 1933 ist eine Entwicklung zur mehrseitigen Reportage mit propagandistischem Inhalt und zur großformatigen Fotografie zu erkennen, wogegen die Anzahl narrativer Elemente abnimmt. Es erscheinen im Layout veränderte, propagandistische Fotoreportagen. Die narrative Struktur und die Ästhetik der Layouts entsprechen in vielen Fällen immer noch den Kriterien der modernen Fotoreportage. Ein Zusammenbruch des Bildjournalismus in Deutschland ist nicht zu erkennen.

Die Resultate aus den 566658 erfassten Einzeldaten der empirischen Studie sind eine fundierte Basis für die umfangreichen Auswertungen. Diese liefern Informationen zur Entwicklung der Anzahl von Fotoreportagen, über die verantwortlichen Chefredakteure,  über die Fotografen, über die Berichtsthemen u.a.. Von besonderem Interesse sind die Daten bezüglich der eingesetzten ästhetischen und narrativen Gestaltungselemente in den Fotoreportagen. Anhand von ausgewählten Beispielreportagen werden die Ergebnisse diskutiert. Für viele ungelöste Fragen zur Fotoreportage gibt die Studie Antworten und liefert zudem Informationen und Anregungen für weitere Forschungen.   

Literatur: Karl Knöferle: Die Fotoreportage in Deutschland von 1925 bis 1935. Eine empirische Studie zur Geschichte der illustrierten Presse in der Periode der Durchsetzung des Fotojournalismus, Eichstätt 2014, 69,50 Euro

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