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Eduardo Hernández Santos: „Mi cuerpo es mi país“ de Palabras, 2008, im Besitz des Künstlers.

Ingrid Fankhauser

Mi Cuerpo es mi país

Der Körper als Schauplatz in der aktuellen kubanischen Fotografie

Interdisziplinäre Lateinamerikastudien, Universität Wien, Dr. Daniela Ingruber. Veröffentlichungsform: Masterthese und Buch. Finanzierung: Eigen- und Drittmittel (LAF Austria, Wien Kultur). Kontakt: f_ingrid(at)gmx.at 

Erschienen in: Fotogeschichte 135, 2015

Guerillero Heroico, das Portrait Alberto Kordas von Che Guevara, gehört zu den meist zitierten Sujets in der Geschichte der Fotografie und personifiziert die kubanische Revolution 1959. Diese brachte Bilder hervor, die zu ihrem Erfolg und Mythos beitrugen: Che Guevara wurde zur Ikone. Durch die vielfältige kommerzialisierte Anwendung wird vergessen, dass Fotos im Dienste der Partei für Dokumentation und Propagandazwecke angefertigt wurden und ein wichtiges politisches Instrument waren. Die visuelle Sprache im öffentlichen Raum Kubas ist seit 55 Jahren revolutionär geprägt und in einer globalisierten Welt einzigartig – statt Werbung beherrschen großformatige Führerportraits die Straßen. Obwohl sich im Kontext künstlerischer Paradigmenwechsel um 1980 eine dynamische Kunst- und Fotoszene abseits realsozialistischer Paradigmen konstituiert hat, wurde diese kaum ins Alltagsbild der Nation integriert und hielt nur spärlich Einzug in die internationale Kunst- und Literaturwelt. Künstlerische Interventionen erfolgen mit reduzierter Sichtbarkeit nach außen und ohne nachhaltige Dokumentation – man muss sie gezielt in Universitäten und vereinzelten Galerien suchen. Die Fotografie nimmt dabei eine spannende Position ein – sie zeigt keine Heldenportraits, sondern fragmentierte Körper.

Die vorliegende Forschungsarbeit greift diesen Bruch in der fotografischen Thematik auf und reflektiert die damit zusammenhängenden gesellschafts- und kulturpolitischen Transitionsprozesse. Mit interdisziplinärem Blick auf Kunst, Geschichte, Politik und Soziales thematisiert sie vor dem Hintergrund des Verhältnisses von Kunst und Politik die Geschichte und Rolle der kubanischen Fotografie. 1961 leitete Fidel Castro mit den berühmten Worten „innerhalb der Revolution, alles; außerhalb der Revolution, nichts“ die neue Kulturpolitik ein. Kunst, Kultur und Fotografie wurden gefördert und zum Aushängeschild Kubas. Sie dienten und dienen allerdings der Bildung einer nationalen Identität und bewegen sich durch das Credo Fidel Castros in einem Spannungsfeld politischer und persönlicher Ideologien, von Zensur und Selbstzensur. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass FotografInnen den Körper als einen „Ort der Erzählung“  in den Mittelpunkt ihres Schaffens stellen, um Identitätsfragen nachzugehen und Gewohntes aufzubrechen. Während die Revolutionsfotografen die Führer in ästhetisch anmutenden Szenen heroisch inszenierten und den Mythos Mensch schufen, der sich für die kollektive Utopie aufopfert, entstand um 1980 eine Konzeptfotografie, die mit der ikonografischen Körperdarstellung und dem reinen Bild brach. Es entstand eine Fotografie intimen Charakters, die individuelle Utopien konstruierte und auf das Nicht-Austauschbare abzielte. Die Revolution als heroisches Großnarrativ spielte keine Rolle mehr, die kollektiven Ansprüche wichen persönlichen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen. Die Körperfotografie mutierte zu einem Schauplatz kubanischer Alltagsrealitäten und subversiver Botschaften.

Die Forschungsarbeit verbindet Diskussionen unter anderem mit den kulturtheoretischen Diskursen Stuart Halls, den Fototheorien Wolfgang Kemps und Susan Sontags Realitätsdebatten rund um das Medium Fotografie. Wissenschaftliche Untersuchungen zur Revolutionsfotografie gibt es ansatzweise vom Fototheoretiker Klaus Honnef, die Anfänge der Konzeptfotografie werden vom Kunsttheoretiker Luis Camnitzer in New Art of Cuba (2003) aufgegriffen. Die vorliegenden Ergebnisse füllen somit eine Forschungslücke. Sie konnten nur mittels Einbindung in institutionelle und soziale Strukturen sowie zahlreicher  Interviews und Bildanalysen mit KünstlerInnen und TheoretikerInnen gesammelt werden. Sie bieten durch das zum Teil außerhalb Kubas noch nie gezeigte Fotomaterial einen überraschenden Blick auf die Realität Kubas und erzählen über die politische Verfassung der Fotografie sowie von der sozialen Kraft der Kunst. 

Literatur: Ingrid Fankhauser: Mi Cuerpo es mi país. Der Körper als Schauplatz in der aktuellen kubanischen Fotografie, LIT Verlag, 2014.

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