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Muriel Willi

Die Fotomaterialien des Ehepaars Kracauer

Maria Zinfert (Hg.): Kracauer. Fotoarchiv. Mit Fotografien von Elisabeth und Siegfried Kracauer, Zürich, Berlin: diaphanes Verlag, 2014, 22 x 28 cm, 265 S., 30 Farb- und 280 s/w Abb., geb., deutsche Ausgabe: 978-3-03734-670-9, englische Ausgabe: 978-3-03734-671-6, 40 Euro/60 CHF.

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 136, 2015

Aus einem Forschungsprojekt zu Archivfotografien deutschsprachiger Autorinnen und Autoren des 20. Jahrhunderts entwickelte sich die vorliegende Publikation, welche sich mit dem fotografischen Nachlass von Siegfried Kracauer beschäftigt. Die Herausgeberin des  Bildbandes, Maria Zinfert, die in Berlin als freie Autorin, Herausgeberin und Übersetzerin tätig ist, hat bereits einige Beiträge zu den Fotografien aus Kracauers Nachlass veröffentlicht. Im vorliegenden Band präsentiert sie nun eine umfangreiche und repräsentative Auswahl der bislang weitgehend unbekannten Fotografien, die sich im Deutschen Literaturarchiv Marbach befinden.

Durch eine enge Anbindung an die fotografischen Materialien und der Wiederherstellung deren ursprünglicher Chronologie und Strukturierung wird die fotografische Praxis des Ehepaars Kracauer rekonstruiert. Ein wesentliches Merkmal des Bildbandes ist es denn auch, dass das fotografische Material als Ausgangspunkt für Recherchen diente und nicht aus Texten gewonnene Thesen an den Fotografien überprüft wurden (S. 210). Die allermeisten Fotos wurden von Elisabeth (Lili) Kracauer-Ehrenreich gemacht, einer ambitionierten Fotoamateurin und ehemaligen Kunstgeschichtsstudentin. Sie zeichnet auch für die Ordnung der Fotografien verantwortlich. Zinferts Intention ist es nicht, eine fotografische Biografie des deutschamerikanischen Soziologen, Feuilletonisten, Foto- und Filmtheoretikers Siegfried Kracauer zu skizzieren (S. 7). Ein solches „Curriculum vitae in pictures“ lässt sich aus den Archivfotografien auch nur fragmentarisch aufzeichnen, wie aus Zinferts Versuch in der von Philippe Despoix herausgegebenen Publikation Sur le seuil du temps (Les Presses de l’Université de Montréal, 2013) ersichtlich wird. Auch Lili Kracauers Antrieb schien es nicht gewesen zu sein mit ihren Fotos Biografisches zu dokumentieren (S.93).

Dennoch sind es die Person Siegfried Kracauers und ein ikonisch gewordenes Porträt von ihm, welches nicht seine Frau fotografiert hat, die am Eingang des Bandes im Vordergrund stehen. Deutlich wird hier, wie wichtig es Kracauer war, das Bild, welches sich die Öffentlichkeit von ihm sowohl durch seine Texte als auch Fotografien machte, steuern zu können. So scheint es sehr naheliegend, dass ab den 1930er Jahren Lili Kracauer zu seiner Leibfotografin (S.15) wurde.

Das erste Kapitel fokussiert den Beginn von Lilis autodidaktischem Fotografieren im Paris der 1930er Jahre. Ein frühes, von Lili Kracauer gemachtes, zeittypisches Autorenbildnis Kracauers wird verortet und danach anhand von Strassenfotografien Bezug auf ihre fotografische Vorbilder genommen. Das weitere fotografische Werk des Ehepaars Kracauer besteht vorwiegend aus Reise- und Porträtaufnahmen, welche in den 1930er bis 60er Jahren entstanden, was auch die inhaltlich etwas eintönig erscheinende Einteilung in „Reisen und Porträts“ (der 1930er Jahre, aus den USA 1945–1959 und aus Europa 1958–1964) erklärt. Die Porträts von Siegfried Kracauer machen den weitaus größeren Teil des fotografischen Bestandes aus. Abgesehen von einigen wechselseitig voneinander gemachten Fotos „fotografischen Zwillingen“ (S. 13) wie sie von Zinfert bezeichnet werden. An diesen Zwillingsaufnahmen wird auch ersichtlich, dass Lili die geübtere Fotografin war als ihr Mann, droht sie in den von ihrem Mann aufgenommenen Porträts doch oftmals fast aus dem Bild zu gleiten (Abb. 71-90). Im Kapitel zu den Reise- und Porträtaufnahmen aus den USA geht Zinfert kurz auf die wechselseitige Beeinflussung von Theorie und Praxis im Werke des Ehepaars Kracauer ein. Hier bewertet sie jedoch die „aus dem Lot geratenen“ Fotografien Kracauers von seiner Frau als Bestätigung der Anwendung seiner fotografischen Theorie in der Praxis. Auch wenn Zinfert die Texte nur als schlichte Kommentare verstanden haben will (S. 8), bleiben die Bezüge zur Theorie Kracauers hier etwas kurz.

Die biografische Skizze Lili Kracauers entlang eines selbst verfassten Lebenslaufs und diverser Dokumente ihres Nachlasses, welcher ein Teil des Kracauer-Nachlasses darstellt, wird im ersten Drittel des Buches eingeschoben. Dieser Exkurs, dem kein Bildteil folgt, verdeutlicht, was sich schon in den fotografischen Aufnahmen widerspiegelt: Die Tatsache, wie sich Kracauers Frau über den Tod ihres Ehemannes hinaus privat und beruflich in dessen Dienst stellte.

Den Kapiteln zu „Reise und Porträt“ folgen als Abschluss einige von Dritten fotografierte Bilder. Aus der Vielzahl nicht identifizierbaren und namentlich nicht zuordenbaren Fotografien wurden von Zinfert einige ausgewählt, die sich im biografischen Kontext lesen lassen (S. 165). Es sind dies vor allem Fotografien, welche Lili und Siegfried Kracauer selbst, Familienmitglieder oder Freunde zeigen. In Kracauers theoretischer Abhandlung über die Fotografie hatte dieser festgestellt, dass ein unmittelbarer Bezug auf das Original kaum mehr möglich ist, sobald eine Fotografie gealtert ist. Die anonymen Abbildungen im letzten Teil des Buches lassen diese These sehr naheliegend erscheinen. Die Vermittlerdienste, welche eine gegenwärtige Fotografie zu leisten mag, verflüchtigen sich mit zunehmendem Zeitabstand. Ohne Gedächtnis zerfällt eine Fotografie in ihre Einzelteile als Raumerscheinung und kann bald gar gespenstisch wirken.

Der Bildband von Maria Zinfert richtet sich sowohl an ein breites interessiertes Publikum wie auch an die Fachwelt. Äußerst lobenswert ist die Berücksichtigung sämtlicher Fotomaterialien (also nicht nur der Papierabzüge, sondern auch der Kontaktstreifen sowie der als misslungen bezeichnete Fotografien und schriftlichen Notizen), erlauben es diese Materialien und Angaben es doch, Chronologien zu rekonstruieren, die historische Verortung und die Entstehungsgeschichten der Fotografien aufzuzeigen. Es ist das Gesamtmaterial der Bilder, das den Blick auf die fotografische Praxis des Ehepaars Kracauer eröffnet. Die Schneedecke, unter der die Geschichte der Kracauer-Fotografien begraben liegt, konnte, um in Kracauers Worten zu sprechen, ein gutes Stück gelüftet werden. Interessant ist auch, dass Zinfert in den Nachbemerkungen Einblick gibt in ihr Vorgehen beim Aufarbeiten des Fotonachlasses.

Die ansprechende Gestaltung des Bandes und die gute Bildqualität, durch welche die verschiedenen fotografischen Trägermaterialien beinahe taktil zur Geltung kommen, unterstreichen die Treue zum Archivmaterial zusätzlich.

Durch das vorhandene Archivmaterial bedingt ist das Übergewicht der Porträts von Siegfried Kracauer. Wären allerdings die Textpartien zu Lili Kracauers Leben und Arbeiten und die Fotos, welche sie zeigen, jeweils vor die Diskussionen dieser Porträts gestellt worden, hätte das Vorhaben, nicht eine fotografische Biografie der Kracauers, sondern das gemeinsame Arbeiten des Ehepaars aufzuzeigen, noch etwas besser eingehalten werden können. So hätten die beiden Eheleute, wie in der gemeinsamen Chronologie (S. 221), wenn doch nicht im wahren Leben, so doch in der Analyse und Betrachtung auf gleiche Höhe gestellt werden können.

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