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Anton Holzer

Zwei Enzyklopädien der Fotografie

Václav Macek (Hg): The History of European Photography, Band 2: 1939–1969, in 2 Teilbänden, Bratislava: Central European House of Photography, 2014, 30 x 24 cm, 819 S., exkl. Anhang, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, gebunden, 99 Euro (+Versand); Bd. 1: 1903–1938, in 2 Teilbänden, Bratislava: Central European House of Photography, 2010, 30 x 24 cm, 802 S. exkl. Anhang, gebunden, 99 Euro (+Versand). Bd. 1 und Bd. 2: 175 Euro; Bestellung/Information: info(at)sedf.sk, www.sedf.sk


Manfred Heiting, Roland Jaeger (Hg.): Autopsie. Deutschsprachige Fotobücher 1918 bis 1945, Band 1, Göttingen: Steidl, 2012, 516 S., 29 x 26,5 cm, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, gebunden, 88 Euro; Band 2: Göttingen: Steidl, 2015, 665 Seiten, 29 x 26,5 cm, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, gebunden, 95 Euro

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 137, 2015

Große, enzyklopädische Projekte der Fotogeschichte haben es an sich, nicht zum angekündigten Zeitpunkt zu erscheinen, sondern erst später. Dies gilt umso mehr, wenn sie im Team erarbeitet wurden, wie dies bei beiden Publikationen der Fall ist, die hier vorgestellt werden. Die Arbeit am großangelegten, überaus ambitionierten englischsprachigen Projekt History of European Photography 1900–2000, das in drei Teilen konzipiert ist, wurde 2007 begonnen. 2010 (eigentlich aber erst im Januar 2011) erschien dann – nach etlichen Verzögerungen – der erste Band in zwei Teilbänden. Er umfasste die Jahre 1900 bis 1939. Der Folgeband für die Jahre 1939 bis 1969 wurde ursprünglich für 2012 angekündigt, das Erscheinen wurde aber mehrmals verschoben, schließlich erschien der Band (ebenfalls in 2 Teilbänden) Ende 2014 (ausgeliefert wurde er aber erst im Februar 2015). Für den dritten und letzten Band, der die Jahre von 1969 bis 200 umfassen soll, gibt es noch kein Erscheinungsdatum. Aber vor 2020 wird wohl nicht damit zu rechnen sein. Auch die von Manfred Heiting und Roland Jaeger verantwortete, opulent aufgemachte zweibändige Geschichte deutschsprachiger Fotobücher zwischen 1918 und 1945 hat sich verzögert. Band 1 ist schließlich 2012 erschienen, Band 2 im März 2015. Diese einleitenden Hinweise auf verzögerte Erscheinungstermine sind nicht als kritische Einwände zu sehen, sie sollen vielmehr die Dimensionen und praktischen Hürden für derartige Großprojekte illustrieren. Umso erfreulicher ist es, wenn nach langem Warten die Bücher endlich fertig gedruckt sind.

Die in Bratislava erschienene Geschichte der europäischen Fotografie, die seit etlichen Jahren unter fachlichen der Leitung von Václav Macek und der organisatorischen Betreuung von  Michaela Bosakova (Bd. 1 hatte Zuzana Lapitkova koordiniert) erscheint, ist beeindruckend. Über 50 Autorinnen und Autoren aus über 30 Ländern mussten für jeden Band gesucht, betreut und koordiniert werden. Dazu kam das Handling mit den zahlreichen Abbildungen sowie die Kontakte zu den vielen Archiven und Sammlungen, aus denen die Bildvorlagen stammen. Auch die Liste der Übersetzerinnen und Übersetzer, die die Beiträge aus den zahlreichen europäischen Sprachen ins Englische übertrugen, ist lang. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. The History of European Photography ist bereits heute, obwohl noch ein Band aussteht, das unumstrittenes Standardwerk zur europäischen Fotografiegeschichte, ja, es ist das erste Buchprojekt dieser Größenordnung, das je die europäische Fotografie in ihrer Gesamtheit darstellte.

Dass dieses Editionsprojekt gerade in Bratislava, und nicht etwa in Paris, Berlin oder London, gestartet wurde, mag erstaunen. Dennoch verdankt sich der Erscheinungsort Bartislava nicht dem Zufall, immerhin hat der geografische Ausgangspunkt den Zuschnitt und die Reichweite des Vorhabens entscheidend geprägt. Als 1989 die Mauer fiel, öffnete sich für westliche Fotointeressierte und Fotoforscher plötzlich eine neue Welt, die bis auf wenige Ausnahmen – etwa die Avantgardefotografie der Zwischenkriegszeit – kaum oder gar nicht bekannt war. Aber nach einer gewissen Aufbruchsstimmung in den ersten Jahren nach der Wende (und etlichen Beutezügen windiger Galeristen, die sich im ehemaligen Osten oft spottbillig mit hervorragenden Werken eindeckten) verfolg das Interesse an einer fundierte Auseinandersetzung mit der Fotogeschichte im ehemals kommunistischen Mittel-, Ost- und Südosteuropa rasch wieder. Auch die Fotogeschichte vor der kommunistischen Ära fand im Westen kein sonderliches Publikum. Und vermutlich wäre das noch jahre-, wenn nicht jahrzehntelang so geblieben, wenn nicht eine Gruppe von Fotointeressierten um Václav Macek, die sich in Bratislava rund um das Central European House of Photography zusammengefunden haben, die zunächst wahnwitzig erscheinende Idee geäußert hätten, endlich eine gesamteuropäische Geschichte der Fotografie zu schreiben. Eine Geschichte, die sich nicht nur aus den großen, bekannten (westlichen) Archiven speist und die nicht nur eine Wiederholung der altbekannten Heroen beinhaltet, sondern eine Zusammenschau, die allen europäischen Ländern, von Portugal bis nach Russland, von Finnland bis nach Albanien gebührend Platz einräumt. Wahnwitzig mutete die Idee ursprünglich auch für manchen Zaungast an, weil die Arbeit an einem solchen Projekt enorm zu werden versprach, weil in vielen Ländern eine fotohistorische Aufarbeitung erst am Anfang stand, weil die fotohistorischen Kontakte zwischen vielen Ländern unterentwickelt und weil noch viel Material zu sichten und viele Zusammenhänge erst zu recherchieren waren. Und schließlich, weil dieses Projekt einen enormen Aufwand an Koordination und nicht zuletzt viel Geld erforderte. Apropos Geld: einige Male wäre das Vorhaben fast an der knappen Finanzierung gescheitert, es ist verwunderlich, dass die EU, die allerlei gesamteuropäische Kulturprojekte fördert, die Edition bis heute nicht unterstützt (zumindest scheint sie in der langen Dankesliste und den Credits nicht auf), obwohl mittlerweile die herausragende Bedeutung und Reichweite dieses Buchprojekts längst unter Beweis steht.

Obwohl die Einzelbeiträge, die je ein Land darstellen, ähnlich aufgebaut sind, sind die Beiträge sehr unterschiedlich. Je nach Ausrichtung und Interessen der Autorinnen bzw. Autoren überwiegen kunsthistorische, medienhistorische oder stärker gesellschaftspolitische orientierte Zugänge. Generell orientiert sich die Enzyklopädie an der nationalstaatlichen Fotoentwicklung. Wie komplex diese im 20. Jahrhundert ist, darüber informieren mehrere Karten am Beginn, die die zahlreichen Veränderungen der Grenzziehungen anschaulich machen. Der deutschen Teilung wird in Band 2 mit zwei getrennten Beiträgen, einen über die westdeutsche Fotografie, einen über die ostdeutsche Fotografie, Rechnung getragen. Erklärungsbedürftig ist, dass an einigen Stellen die Orientierung an Nationalstaaten am Balkan durchbrochen wird. So gibt es Beiträge zur kroatischen, serbischen und slowenischen (nicht aber zur bosnischen) Fotografie, obwohl diese Ländern im zuletzt behandelten Zeitraum (1939–1969) zumeist in größeren politischen Einheiten zusammengefasst waren (zuerst, 1918–1941, im Königreich Jugoslawien, dann, ab 1945, in Jugoslawien). Gewiss, die starre Fokussierung auf die nationalstaatliche Entwicklung der Fotografie, verengt den Blick und blendet grenzüberschreitende Einflüsse, Zusammenhänge und Austauschbewegungen tendenziell aus. Aber das Grundschema ist in einem enzyklopädischen Projekt wie dem vorliegenden, das vielfach Grundlagenforschung aufbereitet und als Nachschlagewerk dient, gerechtfertigt. Es bietet Basisinformation, die in nachfolgende, grenzüberschreitende Projekte einfließen könnten. Wie solche übernationalen Fotoforschungsvorhaben aussehen könnten, hat vor einigen Jahren der amerikanische Fotohistoriker und Kurator Matthew S. Witovsky überzeugend vorgeführt, als er in dem wegweisenden Projekt Foto. Modernity in Central Europe 1918–1945 die vielfältigen Einflüsse sowie die künstlerischen und biografischen Verbindungen der mitteleuropäischen Fotografie recherchierte und darstellte (vgl. die Rezension des Katalogs in Fotogeschichte, Heft 108/2008).

The History of European Photography ist weit mehr als ein ambitionierter Anfang, er bildet eine solide Grundlage für weitere Fotorecherchen vor allem in Ländern, zu denen es bisher keine oder kaum englischsprachige Überblickswerke gab oder gibt. Es entspricht der Benutzung von enzyklopädischen Werken, dass sie nicht zur Gänze gelesen, sondern als Nachschlagewerk verwendet werden. Für gezielte Suchen biete sich ein Fotografen-Register im Anhang an, auch zeitgenössische Zeitschriften und Bücher, die im Werk genannt werden, sind hier aufgelistet. Wünschenswert wäre auch ein umfangreicher Sachindex gewesen, der die gezielte thematische Suche in dem umfangreichen Werk deutlich erleichtert hätte.

Anders als das Projekt einer gesamteuropäischen Geschichte der Fotografie ist das Publikationsprojekt Autopsie geografisch auf Deutschland eingeschränkt. Hätte man ein derartiges Vorhaben vor 15 Jahren realisiert, hätte es wohl auf 200 Seiten Platz gefunden. Nun sind – in zwei dicken Bänden – weit über 1000 Seiten daraus geworden und gewiss haben die Herausgeber das Gefühl, künftig noch wichtige Aspekte besteuern zu können. Vor eineinhalb Jahrzehnten stand die Fotobuchforschung noch in den Kinderschuhen, Fotobücher wurden noch selten als eigenständiges Bild- und Text-Medium analysiert. Das hat sich inzwischen gründlich geändert. Das Fotobuch hat nicht nur Einzug in die Sammlerszene gefunden, es wurde zum Gegenstand intensiver Forschungen und schließlich wurden auch Ausstellungen veranstaltet, die sich ausschließlich mit Fotobüchern beschäftigten (vgl. Fotogeschichte, Heft 122, 2011). Dass sich die deutschsprachige Fotobuchforschung in den letzten Jahren in großen Schritten von oberflächlichen best of-Edition wegbewegte und an ihre Stelle fundierte medien- und gesellschaftshistorische Untersuchungen traten, ist nicht zuletzt das Verdienst der beiden Herausgeber, Manfred Heiting und Roland Jaeger. Wer die beiden Bände von Autopsie genauer unter die Lupe nimmt, merkt rasch, wie erhellend es ist, wenn Fotobücher nicht nur als kunsthistorisches Sammelgut betrachtet werden, sondern als komplexe mediale Ensembles, die zu fotoästhetischen, politischen oder mediengeschichtlichen Exkursen einladen. Es gelingt den beiden Herausgebern, entlang der untersuchten Fotobücher eine spannende und in vielen Facetten neue Fotogeschichte der Zwischenkriegszeit vorzulegen. Und das ist nicht wenig. Nicht hoch genug ist den ihnen anzurechnen, dass sie wesentliche Forschungen zur Verlags- und Publikationsgeschichte des Fotobuchs beigesteuert haben, Forschungen, die für Nichtspezialisten oft nicht naheliegend sind, da die sich die Quellenbestände in diesem Bereich deutlich vom üblichen Quellenmaterial der herkömmlichen Fotoforschung unterscheiden. Insbesondere Roland Jaeger hat mit seinen enormen buchwissenschaftlichen Kenntnissen die Forschung in diesem Bereich vorangetrieben. Seine Recherchen reichen von der Aufarbeitung klassischer Verlagsgeschichten (etwa zum Deutschen Kunstverlag, zum Schweizer Verlag Orell Füssli, zum Verlag Hans Epstein, Brehm, Hermann Reckendorf, zum Münchner Bruckmann Verlag oder zur Reihe „Fotothek“ im Verlag Klinkhardt &Biermann in Berlin, um nur einige zu nennen) über die Analyse von Schutz- und Buchumschlägen bis hin zur Entschlüsselung von Pseudonymen. Ebenfalls lobend erwähnt werden soll, dass die Beiträge ein überaus breites thematisches Spektrum abdecken, das die Highlights der Avantgarde genauso in den Blick nimmt wie Propagandaschriften der Nationalsozialisten oder seltene Privatdrucke. Untersucht werden ausgewählte Einzeltitel, aber auch ganze Buchreihen, Verlagsprofile und politisch-gesellschaftliche Hintergründe einzelner Fotobücher. Dass die Trennung zwischen U und E, zwischen der Unterhaltung und dem ernsten Fach, die in der Fotoforschung viel zum kunstwissenschaftlichen Scheuklappenwesen beigetragen hat, in diesem Projekt kaum eine Rolle spielt, fällt positiv auf.

Manfred Heiting, der einen Gutteil der untersuchten Bilderbücher zusammengetragen hat und Roland Jaeger, der die Kärrnerarbeit der „Autopsie“ verrichtet und einen Gutteil der Texte verfasst hat, haben sich für dieses Projekt in der Szene der deutschen Fotoforschung gut vernetzt und durch zahlreiche Gastbeiträge ( u.a. von Thomas Wiegand, Rainer Stamm, Enno Kaufhold, Rolf Sachsse, Janos Frecot, Patrick Rössler, Ute Brüning, Franziska Schmidt, Hanna Koch, Rudolf Gabathuler, Dorothea Peters u.a.) ein weites Netz nach zusätzlichen Themen und Recherchen ausgeworfen. Insgesamt ist dieses Editionsvorhaben, das mustergültig (fast durchgehend farbig) illustriert und hervorragend gestaltet ist, sehr gelungen. Es hat den Standard der deutschsprachigen Fotobuchforschung deutlich angehoben und gezeigt, welche Erkenntnisse zu gewinnen sind, wenn Fotobücher mit ganz neuem Blick und durchgehend am Original (daher der Titel Autopsie) gesichtet und analysiert werden. Auch dieses zweibändige Werk wird, so wie die europäische Geschichte der Fotografie, wohl kaum von der ersten bis zur letzten Seite gelesen, sondern, im Sinne einer Enzyklopädie, als Nachschlage- und Nachlesewerk verwendet werden. Das umfangreiche, sehr gute Register bietet ein gutes Einstiegswerkzeug. Es listet neben Fotografennamen auch zahlreiche Hinweise auf Autoren, Gestalter, Verleger, Firmen und Vereinigungen auf. Es ist zu hoffen, dass dieses Register, zusammen mit weiteren Informationen, bald in die Website www.fotobuch-autopsie.de  übernommen wird, die derzeit noch im Aufbau ist. Je mehr die Internet-Ressourcen mit dem gedruckten Werk verschränkt werden, desto ergiebiger sind die Recherchen zukünftiger Forscher und Forscherinnen. Es ist beiden hier präsentierten Werken zu wünschen, dass sie in deutschsprachigen und internationalen Fotobibliotheken möglichst flächendeckend Verbreitung finden.

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