Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Nathalie Neumann

Fotografie im Krieg – eine Perspektive aus Kanada  

Ann Thomas, Anthony Petiteau: The Great War: The Persuasive Power of Photography. Ottawa: 5 Continents Editions, 2014, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung der National Gallery Ottawa, 27. Juni bis 16. November 2014, 142 S., 29,5 x 3,2 x 29,8 cm, zweisprachig (englisch und französisch), 23 Abb. (S/W und in Farbe) im Textteil und 50 Abbildungen im Katalogteil, geb., 39 Euro.

Thierry Gervais u.a.: DISPATCH: War Photographs in Print, 1854–2008,Toronto: Ryerson Image Centre editions, 2014, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, 17. September bis 7. Dezember 2014, Main Gallery, Ryerson Image Centre, Ryerson University Toronto, 96 S., 22,5 x 0,7 x 16,5 cm, 39 Abb. in S/W und Farbe, kartoniert.

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 137, 2015

Auch in Kanada wurden 2014 anlässlich des 100 jährigen Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges Fotoausstellungen erarbeitet, von denen hier zwei Kataloge vorgestellt werden. Während die National Gallery in Ottawa sich unter der Ägide ihrer erfahrenen Fotokuratorin Ann Thomas für Fotografie auf den Ersten Weltkrieg und seine fotografischen Bildformen konzentrierte, spannte Thierry Gervais, der Leiter des Forschungszentrums Bild der Ryerson University in Toronto, mit drei Co-autoren den Bogen der Kriegsfotografie exemplarisch von 1854 bis 2008.

Ann Thomas entwickelte ihre Ausstellung um die Figur des kanado-britischen Pressemagnaten und Offiziers Max Aitken, dem späteren Lord Beaverbrook (1879–1964), Eigentümer des Daily Express in London und 1916 Gründer des War Records Office, der auf Seiten der Alliierten die zentrale Bedeutung der Fotografie für die Darstellung des Kriegsgeschehens erkannte, formulierte, im Kriegswesen institutionalisierte und für die Presse anzuwenden wusste. Dafür standen ihr umfassende Mittel zur Verfügung, keine Selbstverständlichkeit für Kanada, das auf Bundesebene die Gelder für Kulturprojekte seit Jahren drastisch reduziert. Ein identitätsstiftendes Thema wie der Erste Weltkrieg jedoch wichtig genug, um ein nationales Museum zu unterstützen. Die Ausstellungsstücke, von denen etwa zwei Drittel im Katalog publiziert werden, wurden vor allem aus den einschlägigen Archiven in Kanada, aus London und Australien entliehen und illustrieren die gesamte Bandbreite fotografischer Produktion und Funktionen der Fotografie während des Ersten Weltkrieges. Die Leihgaben aus dem französischen Archiv médiatheque de l’architecture et du patrimoine werden von dem Gastautor Anthony Petiteau, Projektleiter am Pariser Armeemuseum, in seinem Aufsatz über die Stereoskopie in Frankreich 1914 bis 1930 in ihrem kulturhistorischen und technischen Kontext eingehend erläutert.

Steht zu Beginn des Katalogs und auch der Ausstellung der private Aspekt und damit die Porträtfotografie im Vordergrund, präsentieren die verstärkt der Landschaftsfotografie angenäherten Aufnahmen von Schlachtfeldern und Kriegsschauplätzen das Frontgeschehen. Die Genese der Pressebilder von der fotografischen Aufnahme samt ihrer technischen Bedingtheit wird eingehend in Teilschritten vom Handbuch für den Pressefotografen bis zum publizierten Artikel dargestellt, und damit die Wirkmächtigkeit der Fotografie in Zusammenhang mit Textinformation und Druck veranschaulicht. Ähnlich wie in der Berliner Ausstellung Fotografie im Ersten Weltkrieg im Museum für Fotografie (November 2014 bis März 2015) wurden die technischen Errungenschaften der Fotografie und ihr Nutzen für die Militärstrategien in Form von Panoramafotos und Luftaufnahmen gezeigt. Der eindrucksvollste Teil der Ausstellung ist die Reproduktion der monumentalen Fotografien, die ursprünglich für die jährliche Ausstellung in den Grafton Galleries London konzipiert waren. Überdimensionierte Fotografien und damit der Historienmalerei verwandt, sollten den Besucher zu Spenden für die Kriegsparteien bewegen.

Am Ende der Ausstellung zeigte Ann Thomas auch eine Auswahl von Abbildungen aus dem 1924 vom Pazifisten Ernst Friedrich herausgegebenen Buch Krieg dem Kriege, das u.a. Fotografien kriegsverstümmelter Soldaten zeigte und als Antikriegspropaganda weltberühmt wurde. Allerdings wurden diese Bilder nicht in den Ausstellungskatalog aufgenommen. Auch die „feindliche“ Armee, also die des deutschen Reiches, ist in einer kleinen Auswahl von zehn Fotos in der Ausstellung vertreten. Erstmals weltweit werden in Ottawa auch Aufnahmen des deutsch-jüdischen Fotografen Max Pohly ausgestellt. Leider werden nur zwei seiner Fotografien im Katalog abgebildet und nicht weiter besprochen. Das mag daran liegen, dass nur wenig über ihn bekannt ist. 1888 in Göttingen geboren, lebte er in Wolfenbüttel bis er 1942 mit seiner Familie nach Warschau deportiert und in Auschwitz ermordet wurde. Als Pressefotograf für die Berliner Agentur Mauritius, die spätere Black Star Agency in New York tätig, gelangte sein umfangreiches Archiv von 5.000 Fotografien größtenteils aus dem Ersten Weltkrieg, in das Archiv der Ryerson University nach Toronto[1], woher diese Leihgaben stammen. Auch der Katalog der Ausstellung in Toronto reproduziert zwei der Fotos von Max Pohly, auch hier nur mit den Bildunterschriften, so dass sie stellvertretend für die Fotografie im Ersten Weltkrieg den Auftakt dieses kleinen Bändchens illustrieren.

Die Ausstellung DISPATCH: War Photographs in Print, 1854–2008 und ihr Katalog untersuchten exemplarisch die Produktion von Kriegsfotografien, die Rolle der Fotojournalisten und die Zusammenarbeit mit den Fotoeditoren. Der Titel ist intelligent gewählt und konzentriert in seiner Mehrdeutigkeit das Anliegen seines Herausgebers, Thierry Gervais, der exemplarisch auf frühere Themen seiner wissenschaftlichen Arbeit zurückgreift, u.a. aus seiner Promotion (2008) bei André Gunthert zur Geschichte der fotografisch illustrierten Presse des 19. und 20. Jahrhunderts. Für seine Ausstellung wählte er vor allem Fotografien aus dem eigenen Bestand des universitären Bildarchivs, das seit 2009 über das Archiv von Black Star verfügt, jener Bildagentur, die eng mit dem Life Magazin zusammenarbeitete. In seinem einführenden Beitrag betont Gervais die ästhetische Dimension auch der Kriegsfotografie und rekurrierend auf die Theorien Roland Barthes, wendet er diesen Ansatz auf über 150 Jahre Fotografie von Kriegsschauplätzen an. Interessant ist der Exkurs zu den Fotografien des Kanadiers Louie Palu, der sich bei seinen Aufnahmen in Afghanistan bewusst auf Kompositionsformen der klassischen Malerei beruft, um seinen künstlerischen Anspruch zu betonen.

Gervais wählt für die beiden Kurzaufsätze zwei weitere Autoren der Ryerson University: Kate Addleman-Frankel, Doktorandin an der RIC, beschreibt Fotogravuren und deren Druck während des amerikanischen Bürgerkrieges (1861–1865), während Gaelle Morel weitere zeitgenössische Fotografien aus den kriegerischen Auseinandersetzungen in Afghanistan beleuchtet und zeigt, wie der Stil der Kriegsfotografen für eine Publikation im gedruckten Medium von der für die Vermarktung im Kunstbetrieb variiert.

Der Anspruch von Katalog und Ausstellung ist hoch, doch der Rahmen der Möglichkeiten beschränkt. Schließlich waren und sind die ausgestellten Fotografen (mit Ausnahme Pohly’s) vor allem für die „Visual Culture“ des nordamerikanischen Kontextes und dessen Strukturen von Bildproduktion und Markt tätig. Ihre fotografischen Arbeiten unterliegen vergleichbaren Bildstrategien, sind ähnlichen Eingriffen der jeweiligen Herausgeber unterworfen, die für das gleiche englischsprachige Publikum produzieren. So wird Gervais Ausstellung zwar in der überregionalen Presse als mutig und herausfordernd gewürdigt,[2] sein eigentliches Anliegen, die Bedingtheit der Kriegsfotografie von ihrem jeweiligen historischen und kulturellen visuellen Kontext her zu definieren, überzeugt nur bedingt, die entsprechende Fachliteratur zu Kriegsfotografie aus Europa wird gänzlich ignoriert.[3]

Es bleibt zu wünschen, dass in künftigen Auseinandersetzungen mit dem Thema neben der historischen Bedingtheit der Fotografien stärker auch die erhaltenen Fotoarchive thematisiert werden und dass ein jüdischer Fotograf wie Max Pohly, von dem immerhin 1.200 Bilder aus dem Ersten Weltkrieg existieren, vor Ablauf der Hundertjahrfeiern 2018 endlich die ihm gebührende Würdigung seines Werkes erhält, ohne dass seine Fotografien nur zu illustrativen Zwecken herangezogen werden.


[1] Die Schenkung des Fotoarchivs Black Star Agency mit 292.000 Fotos an die Ryerson University in Toronto erfolgte 2005. Vgl. den Bericht von Sara Angel in: MacLean’s, 27. September 2012: www.macleans.ca/economy/business/the-world-as-it-was.

[3] Es fehlen Verweise u.a. auf die Autoren Michel Frizot, Anton Holzer oder Ulrich Keller.

 

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