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Ulrich Eumann

Eine Wiederentdeckung:

Forograf im Spanischen Bürgerkrieg und in Mexiko

Alfonso Morales (Hg.):  Juan Guzmán, Mexiko-Stadt/Barcelona: Editorial RM, 2014, 28,7 × 32,8 cm, 432 S., 950 Abb. in S/W, gebunden, 55 Euro (Spanien)

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 137, 2015

Der Spanische Bürgerkrieg gilt als Geburtsstunde der modernen Kriegsreportage. Die Liste der außerhalb der Fachwelt bekannten Protagonisten dieser kleinen kulturellen Revolution ist überschaubar: Robert Capa, vielleicht noch Gerda Taro und Albert-Louis Deschamps. David Seymour kennt, wer die Wiederentdeckung des „Mexican Suitcase“ verfolgt hat. Den Essener Hans Namuth und seinen Freund Georg Reisner aus Breslau kennt im deutschsprachigen Raum noch kaum jemand, ganz zu schweigen von nichtdeutschen oder spanischen Bürgerkriegsfotografen wie Kati Horna, Vera Elkan (vgl. Fotogeschichte, Heft 134, 2014) oder Albero y Segovia, Agustí Centelles und Alfonso Sánchez Portela.

Außerhalb seiner zweiten Heimat Mexiko weitgehend in Vergessenheit geraten ist auch der Fotograf Hans Gutmann alias Juan Guzmán, dem aber jetzt die mexikanische Stiftung Televisa ein würdiges Denkmal gesetzt hat. Gutmann, 1911 in Köln geboren, lebte seit 1929 in Berlin und war dort als Filmtechniker und Kameramann tätig – sein Einstieg in die Welt der visuellen Vermittlung. 1933 ging er mit jüdischen Kollegen ins französische Exil, wo er auf Grund der beschränkten Arbeitsmöglichkeiten nicht als Kameramann und nur selten als Filmvorführer arbeiten konnte. Er schlug sich daher als Fotoreporter durch, obwohl er vorher nur privat fotografiert hatte.

1935 wurde Hans Gutmann als unerwünschter Ausländer aus Frankreich abgeschoben. Er ging nach Spanien und trat dort der kommunistischen Partei bei. Seit April 1936 hielt er sich in Barcelona auf, wo er die Wettbewerbe der Olimpiada Popular (Volksolympiade) fotografieren wollte. Diese Gegenveranstaltung der spanischen Regierung zu den Olympischen Spielen im nationalsozialistischen Berlin sollte am 19. Juli eröffnet werden. Am frühen Morgen dieses Tages rückten auch in Barcelona meuternde Truppen aus ihren Kasernen aus, um die Schaltstellen der Macht einzunehmen, nachdem am 17. Juli der Militäraufstand in Marokko begonnen hatte. Am Mittag des folgenden Tages war der Spuk in der katalanischen Hauptstadt aber schon beendet, Hans Gutmann hatte endgültig seine Aufgabe gefunden.

Noch in den Tagen nach der Niederschlagung des Militäraufstands in Barcelona machte Gutmann das Foto, das ihm fast 70 Jahre später eine gewisse Berühmtheit verschaffte: sein Porträt der 17-jährigen Jungkommunistin Marina Ginestà, den Karabiner auf dem Rücken, auf dem Dach des Hotels Colón. Es ist heute nicht weniger eine Ikone des Spanischen Bürgerkriegs als etwa Capas „Fallender Soldat“ und vielleicht die authentischste Verkörperung der Stimmung nach der Niederschlagung des Aufstands.

In den folgenden zweieinviertel Jahren war Hans Gutmann – der sich seit seiner Hochzeit mit einer Spanierin 1937 Juan Guzmán nannte – als Mitglied einer Miliz und ab Oktober 1936 als Mitglied der Internationalen Brigaden an den verschiedenen Fronten des Spanischen Bürgerkriegs unterwegs: Aragón, Madrid und Ebro. Seine Bilder verkaufte er an Zeitschriften der Internationalen Brigaden und der Armee wie Milicias de Cultura oder 1a Línea oder an republikanische Zeitungen wie Ahora. Im Februar 1939 ging Gutmann mit 450.000 Flüchtlingen über die französische Grenze, dort erhielt er einen spanischen Personalausweis, mit dem er Ende Juni 1939 mit seiner Ehefrau nach Mexiko ausreisen konnte.

In den 1940er-Jahren konnte sich Juan Guzmán recht schnell in Mexiko als Fotoreporter etablieren. Er belieferte mexikanische Zeitschriften wie Así, Hoy, Mañana, Sucesos para Todos und Tiempo und war seit 1946 auch für die US-Magazine Life und Time tätig. Am 6. November 1982 starb Hans Gutmann alias Juan Guzmán in Mexiko-Stadt. Er hinterließ ein Oeuvre von 135.000 Bildern, das die Fundación Televisa, die Kulturstiftung des größten lateinamerikanischen Medienunternehmens, 1980 kaufte.

Das Buch selbst beginnt etwas textlastig, im Verlauf wird aber der Anteil des fast durchgängig schwarzweißen Bildmaterials an den einzelnen Abschnitten immer größer. Der Text beginnt mit einer biografischen Einleitung. An deren Ende finden wir eine über vier Seiten gestreckte schöne Panorama-Montage aus Fotos von Gutmanns erstem Labor in Mexiko-Stadt. Die nächsten beiden Kapitel befassen sich mit seiner Vorgeschichte als in Europa reisender Amateurfotograf und mit seiner Arbeit während des Spanischen Bürgerkriegs. Mit dem Ende des dazu gehörenden Bildteils auf Seite 73 ist der europäische Teil des Bandes abgeschlossen. Es folgen zwei Fotos von Lázaro Cárdenas von 1961, der 1936 bis 1939 als mexikanischer Präsident die spanische Republik unterstützt hatte und nach dem Sieg Francos dafür sorgte, dass republikanische Flüchtlinge wie Juan Guzmán aufgenommen wurden. Ein von Cárdenas gegründetes Hilfskomitee für die Exilanten hat dem Fotografen Guzmán die Einrichtung seines ersten Labors finanziert.

Die Texte ab dem dritten Abschnitt befassen sich sehr stark mit der mexikanischen Zeitgeschichte – wie es bei einem Buch für den dortigen Markt wohl angebracht ist. Gutmanns Biografie spielt nun keine besondere Rolle mehr. Wir erfahren also nicht, was zum Beispiel aus seinen politischen Ideen geworden ist, ob er und wie lange er dem Kommunismus treu blieb.[1]

Die folgenden 13 Abschnitte sind teils chronologisch, teils einigermaßen systematisch aufgebaut. „Quiosco“ (Kiosk) befasst sich mit Guzmáns Einstieg in die mexikanische Pressefotografie. Neben Fotografien lokaler Prominenz findet sich hier auch ein Bild von Leo Trotzkij. Im Abschnitt „Urnas“ (Wahlurnen) geht es um Wahlkämpfe und Politiker. „Patria“ (Vaterland) zeigt vor allem Aufnahmen von Ausgrabungen indianischer Kultstätten. Im Abschnitt „Américas“ geht es um gute Nachbarschaft mit den USA. Hier finden sich auch zahlreiche Fotos von Hollywoodprominenz zu Besuch in Mexiko. „Metrópoli“ befasst sich mit dem Leben in Mexiko-Stadt: Verkehrsprobleme, die moderne Frau, Skurrilitäten, Alltagskultur. Hier findet sich als Faksimile-Beiheftung ein längerer Bericht Guzmáns aus dem Jahr 1952 über „Venecia, DF“ (Venedig im Hauptstadtbezirk), in dem es um die Folgen sintflutartiger Regenfälle geht.

Der Abschnitt „Andamios“ (Gerüste) präsentiert Fotos von Bauarbeiten etwa von der neuen Stierkampfarena in Mexiko-Stadt. „Musas“ (Musen) zeigt unter anderem den Maler David Alfaro Siqueiros bei der Arbeit sowie Porträts und Werke von Diego Rivera und Frida Kahlo. Das Kapitel „Farándula“ (Wanderbühne) versammelt Aufnahmen aus Stierkampfarenen, Theatern, Tanzsälen und Sportstätten. In „Glamour“ geht es vor allem um Mode, der Abschnitt „Magazín“ versammelt Aufnahmen aus verschiedenen Bereichen. Der Abschnitt „Engranes“ (Zahnräder) präsentiert Fotos aus der Industrie, aber auch von der Arbeit der Vaqueros (Rinderhirten). In „Bitácoras“ (Bordbücher) geht es um Reisen vor allem zu indianischen Völkern indianische Kultur und schließlich in „Montaña“ (Gebirge) um Aufnahmen von Bergen in Mexiko und der Schweiz.

Bei Guzmáns mexikanischen Fotos handelt es sich überwiegend um solide, dennoch recht konventionelle Pressefotografien. Ein besonderer Stil des Fotografen ist nicht zu erkennen. Die eintausend Bilder versammeln ein Panorama einer bei aller Modernität des Großstadtlebens mitunter doch sehr exotischen Welt. Es ist sehr erfreulich, dass die Fundación Televisa sich dieses sehr umfangreiche und hervorragend ausgestattete Werk als Ehrung des deutsch-spanisch-mexikanischen Fotografen geleistet hat. Aus der Sicht des Rezensenten wäre allerdings weniger mehr gewesen, einzelne Fotos gehen in der Menge etwas unter. Eine eingängige Studie zur Arbeitsweise Gutmanns ist leider auch nicht enthalten. Insgesamt handelt es sich um einen opulenten, repräsentativen Bildband über einen nun nicht mehr ganz so unbekannten Fotografen.


[1]    Eine detaillierte Biografie Gutmanns wird demnächst in Mexiko erscheinen. Cecilia Absalón, eine Mitautorin des Bildbands, hat sein Leben und sein Werk als Thema ihrer Doktorarbeit gewählt.

 

 

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