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Evelyn Runge

Die Odysee der Rolleiflex

Katharina Sykora: Willy Maywald. Fotograf und Kosmopolit. Porträts, Mode, Reportagen, Katalog (dt./engl) zur gleichnamigen Ausstellung der Kunstbibliothek – Staatliche Museen zu Berlin, in Zusammenarbeit mit der Association Maywald, im Museum für Fotografie Berlin, 24. April bis 2. August 2015, Bielefeld: Kerber Verlag, 2015, 334 S., 24,5 x 29,5 cm, 225 Abb. in S/W, gebunden, 48 Euro.

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 137, 2015

Ein Farbfleck ziert die Leinwand. Darunter steht in Schreibschrift: „ceci est la couleur de mes rêves.“ – „Das ist die Farbe meiner Träume.“ Am oberen Rand des Gemäldes prangt in großer Schrift ein Wort: „Photo“. Davor ein Mann im Anzug, präziser rechter Seitenscheitel, gepunktete Krawatte, weißes Einstecktuch: Hans Ulrich Gasser, fotografiert von Willy Maywald, etwa 1944 in Zürich. Der Galerist Hans-Ulrich Gasser, ebenso wie sein Bruder Manuel, Chefredakteur der Zeitung Die Weltwoche, halfen Maywald, nach seiner Flucht aus Frankreich in der Schweiz als Fotograf wieder Fuß zu fassen.

Die Geschichte des Fotografen Willy Maywald ist geprägt von Ortswechseln – freiwilligen und unfreiwilligen –, von Freundschaften, eigenwilligem Neuen Sehen, und einer Vielfalt unterschiedlicher Arbeiten. Dennoch ist sein Werk der gegenwärtigen breiteren Öffentlichkeit bislang unbekannt geblieben. Selbst auf Internet-Plattformen wie Flickr findet sich nur eine geringe Zahl von Maywalds Bildern. Willy Maywald. Fotograf und Kosmopolit heißt der umfangreiche Bildband, der anlässlich einer Ausstellung von Porträts, Mode und Reportagen von Maywald im Museum für Fotografie in Berlin (24. April bis 2. August 2015) erschienen ist. Die Ausstellung ist die bislang größte deutsche Retrospektive, das Buch zur Ausstellung die erste Publikation in deutscher und zugleich englischer Sprache.

Der Bildband wird begleitet von einem umfangreichen Text von Katharina Sykora. Die Professorin für Kunstgeschichte an der Hochschule für bildende Künste Braunschweig stellte den Kontakt zwischen der Association Willy Maywald und der Kunstbibliothek her; sie legte zudem das Grundkonzept der Ausstellung vor. 29 Jahre nach der Gründung der Association Willy Maywald, die sein Archiv mit etwa 120.000 Negativen und anderen Dokumenten zu seinem Werk verwaltet, und zum 30. Todestag von Maywald wird nun sein Werk gewürdigt.

Geboren 1907 im Hotel seiner Eltern in Kleve am Niederrhein, zum Studium über Köln, Krefeld und Berlin nach Paris gekommen, fotografiert Maywald höchst unterschiedliche Themen. Genau beobachtete Szenen in der Öffentlichkeit – ein Kleinkind, das neugierig Kontakt mit einer der Straßenziegen 1931 in Paris aufnimmt –, oder im semiprivaten Raum – eine Serie von Concierges in ihren Zimmern – sind für Maywald ebenso wichtig und spannend wie Architekturaufnahmen der Weltausstellung 1937 oder wissenschaftliche Einrichtungen wie ein Atomlabor in Ivry 1939. Herausstechend sind seine Porträts bekannter Künstler in ihren Werkstätten, wie Pablo Picasso, Marc Chagall, Joseph Beuys oder Victor Vasarely. Die Aufnahmen von Models in Roben von Yves Saint Laurent, Elsa Schiaparelli oder Jacques Fath schaffen es, die Damen wie Statuen wirken zu lassen: Abgelichtet in Museen oder vor dem Eiffelturm, kann der Betrachter die Welt der Mode und die Welt der Antike nicht mehr gegeneinander ausspielen.

Willy Maywalds Aufnahmen erschienen in der Zeitungs-, Mode- und Kunstwelt. Trotz dieser Vielfalt ist die visuelle Konstanz außergewöhnlich: Sein Blick – auf das Kind auf der Straße bis zur Diva auf der Modenschau – ist grafisch-avantgardistisch geprägt. Er arbeitet mit dem vertikalen Zentrum seiner zumeist mit einer Mittelformatkamera aufgenommenen Fotografien, und setzt den Horizont sehr niedrig: Die Motive wirken dadurch hochdynamisch. Trotz der vordergründig vor allem auf die Schönheit der Weiblichkeit und der Mode abzielenden Aufnahmen kommt auch der Zweite Weltkrieg in Maywalds Arbeiten vor: Er war Chronist von Flucht und Vertreibung, und erzählte diese vornehmlich über Porträts, die er von Freunden und Helfern machte. Fotos von Zerstörungen wie die Ruinen des elterlichen Hotels sind die Ausnahme. Maywald selbst war gefährdet: „Die Nazis wussten über mein Pariser Leben genauestens Bescheid […] sie hatten dort Spitzel. Sie wussten genau, dass Emigranten und Juden zu mir kamen und dass ich sie unterstützte. […] Aber allein die Tatsache, nicht rechtzeitig nach Deutschland zurückgekehrt zu sein, um mich beim Militär zu melden, hätte genügt, um in ein Konzentrationslager zu kommen.“ In Cagnes-sur-Mer baute er mit anderen Flüchtlingen eine Produktion von Accessoires aus Bast auf – Sandalen, Taschen und selbst die Arbeitsschritte fotografierte er wie für einen Modekatalog.

Der Opulenz der Kostüme besonders in Maywalds Haute-Couture-Aufnahmen entspricht die Opulenz der Bildbeschreibungen: Sykoras Text erleichtert dem Leser, ihren persönlichen Blick auf Maywalds Fotografien im Einzelnen nachzuvollziehen. Auch gelingt es ihr, Maywalds Wirken und sein beeindruckendes Netzwerk durch ganz Europa darzustellen, ebenso wie die Arbeits- und Produktionsketten der Mode-Häuser, der Designer, Models und Fotografen sowie der Verwertungen der Fotografien in populären Zeitschriften wie Vogue und Elegante Welt. Manchmal legt ihr Text allerdings Spuren, die rätselhaft bleiben, da die Autorin sie nicht auflöst. So schreibt Sykora, dass Maywald seine Kamera Ende September 1942 im Schließfach des Bahnhofs in Annecy zurücklassen musste, als er mit Charlotte Hockenheimer in die Schweiz floh. Vier Jahre später, zurück in Paris, begann Maiwald wieder zu fotografieren, Künstler, Modisten, Models. Sykora schreibt: „Das Glück hat ihm seine Rolleiflex wieder zugeführt, die am Grenzbahnhof in Annecy bei der Flucht in die Schweiz deponieren musste.“ Wie es zur Rückgabe der Kamera kam, bleibt ein Geheimnis. Mag sein, dass dies ein unwichtiges Detail ist, aber da die meisten der mehr als 200 im Bildband veröffentlichten Aufnahmen dem Mittelformat entsprechen, und Maywald seine Kamera offenbar am Herzen lag, wäre die Auflösung der Odyssee der Rolleiflex für den Leser ein schönes Detail gewesen. Eine Formulierung wirkt vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und Maywalds jahrelanges Driften durch Frankreich und die Schweiz deplatziert – der Beschreibung der Eröffnung des neuen Salons von Christian Dior und der Präsentation der ersten Kollektion 1946/47 folgt der Satz: „Sie [die Präsentation] schlug wie eine Bombe in die Modewelt ein.“ Insgesamt aber ist Sykoras Text detailreich, anregend und macht Lust, sich intensiver mit Maywalds Werk und seiner Zeit auseinander zu setzen.

Das Gemälde, vor dem Maywald seinen Freund Gasser porträtierte, stammt von Joan Mirò – einem Bekannten Maywalds – aus dem Jahr 1925: „Durch die optische Einbettung des Porträtierten in das Gemälde erweist Maywald dem Freund und Förderer seine Reverenz. Zugleich bringt er über die Medien Fotografie, Malerei und Schrift Ulrich Gasser als Kunsthändler und sich als Fotograf buchstäblich ins Gespräch.“ Vor allem aber treffen die Worte auf der Leinwand die fotografischen Möglichkeiten, die Maywald so gut beherrschte: die Inszenierung, die Verbindung des eigenen Inneren mit dem sichtbaren Äußeren, die Verbildlichung von Trauminhalten – das Optisch-Unbewusste weniger in Walter Benjamins Sinne der Zeitlupen und Vergrößerungen als technischer Sichtbarmachung, als vielmehr im Sinne Sigmund Freuds über das Seelisch-Unbewusste: „Photo. ceci est la couleur de mes rêves“.

Wäre eine Karriere wie Willy Maywalds heute möglich? Eine, in der das Sowohl-als-auch nicht nur möglich ist, sondern sogar gefeiert und geliebt wird? In der ein Fotograf oder eine Fotografin selbstbewusst ihrer Modefotografie eine individuelle Bildsprache verleiht und zugleich meisterlich die Menschen auf der Straße porträtiert? Der Markt der Bilder in der Gegenwart ist ausdifferenzierter denn je – und legt damit Fotografen fest auf möglichst eine Sparte, sofern sie mit der Fotografie ihren Lebensunterhalt sichern wollen.

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