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Michael Schmidt: „Bln.36, Leuschner-Ecke Bethaniendamm“, 1979

Christin Müller

Intensität und Leidenschaft

Die „Werkstatt für Photographie“ in Berlin-Kreuzberg – Michael Schmidt und seine Schüler. Interview mit Thomas Weski

Erschienen in: Fotogeschichte 137, 2015

Die „Werkstatt für Photographie“, 1976 an der Volkshochschule Berlin-Kreuzberg gegründet, gehörte Mitte der 1970er Jahre zu den wenigen Orten für künstlerische Fotografie in Deutschland. Der Berliner Fotograf Michael Schmidt hat von Beginn an das Programm der Werkstatt mitgestaltet und diese geleitet. Thomas Weski war einer seiner Hörer und Besucher von Wochenendseminaren und Workshops an der „Werkstatt für Photographie“. Er ist heute als Professor für „Kulturen des Kuratorischen“ an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig tätig. Zusammen mit Felix Hoffmann wird Weski Ende 2016 eine Ausstellung zur „Werkstatt für Photographie“ bei C/O Berlin kuratieren. Das Interview mit Thomas Weski fand am 23. Februar 2015 in Berlin statt.

Christin Müller: Der Fotohistoriker Enno Kaufhold spricht in Zusammenhang mit der Gründung der „Werkstatt für Photographie“ 1976 in Berlin-Kreuzberg von einem Ereignis „mit unvergleichbarer Wirkung“[1]. Worin bestand diese außergewöhnliche Bedeutung der Werkstatt?

Thomas Weski: Man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, dass erst Mitte der 1970er Jahre überhaupt eine Infrastruktur für künstlerische Fotografie in Deutschland entstand. 1975 hat die Photogalerie Spectrum in Hannover eine Umfrage dazu durchgeführt, wie viele Ausstellungsorte für Fotografie europaweit existieren. Sie sind damals lediglich auf 41 Ausstellungsorte gekommen – so unterschiedliche Einrichtungen wie das Oxford Museum of Modern Art, die Bibliothèque nationale de France in Paris oder das Fotoforum an der Kunsthochschule in Kassel. In Deutschland gab es insgesamt nur acht Orte. Die Galerie Wilde in Köln und die Galerie Lichttropfen von Rudolf Kicken und Wilhelm Schürmann waren die einzigen kommerziellen Galerien. In den Museen war die Fotografie noch nicht wie heute als gleichberechtigte künstlerische Ausdrucksform akzeptiert und kein einziges Kunstmuseum verfügte über eine fotografische Sammlung. In der fotografischen Ausbildung dominierte an den Fachhochschulen ein technisches Verständnis. Das war 1976 die Ausgangssituation, als die „Werkstatt für Photographie“ von dem Berliner Fotografen Michael Schmidt gegründet wurde und zeitgleich Bernd Becher mit seiner Klasse in der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf begann. An den Volkshochschulen – Einrichtungen für Erwachsenenbildung –  wurden üblicherweise nur Kurse technischer Natur angeboten. Es ging darum, wie man überhaupt fotografiert, einen Film entwickelt, einen eigenen Abzug herstellt, also Fototechnik im eigentlichen Sinne.

Die „Werkstatt für Photographie“ an der Volkshochschule Kreuzberg hatte eine „unvergleichbare Wirkung“, weil sie als Ort singulär war: Dort hat man die inhaltliche Auseinandersetzung  in den Vordergrund gestellt; dort konnte man Bilder der Teilnehmer sehen und diskutieren; es wurden Ausstellungen gemacht; die Fotografen waren anwesend und haben öffentliche Vorträge gehalten, nicht immer nur über ihre eigenen Arbeiten, sondern auch über Arbeiten von Kollegen. Und damit war die Werkstatt eine Art Informationszentrum für eine bestimmte Haltung in der Fotografie. Die wurde dort als Ausdrucksmittel verstanden, mit dem man persönliche Themen in Form einer dokumentarischen Sprache behandeln konnte. Heute würde man sagen, dass die Werkstatt ein Ort fotografischer Kulturproduktion war.

Ein weiterer Punkt war die Ausgangslage: In West-Berlin bestand damals mit dem Amerika-Haus ein besonderer Partner, der die Reisen der amerikanischen Fotografen bezahlt hat. Der Senator für Wissenschaft und Kulturelle Angelegenheiten und der später gegründete Freundeskreis haben auch finanziell unterstützt. Das waren die Gründe, warum die Organisatoren der Werkstatt so schnell Gäste einladen und ein dermaßen anspruchsvolles Programm umsetzen konnten. Michael Schmidt war zu Beginn seiner Karriere im Verband der deutschen Amateurfotografen, um ein Diskussionsforum zu finden. Es wurden dort immer Themen ausgegeben, die eher nach äußerlichen Kriterien abgearbeitet wurden. Er hat sich von diesem technischen oder vielmehr oberflächlichen Verständnis für Fotografie schnell gelöst. Daher muss man die Einrichtung dieser Werkstatt auch als eine Art Instrument für seine eigene Entwicklung als Künstler verstehen. Er hat die Institution sehr geschickt genutzt, um Kontakte herzustellen und sich ein Forum aufzubauen.

Die Werkstatt für Photographie galt ihm also als eigene Ausbildungsstätte, um sich selber fortzubilden...

Ja. Das galt aber für alle Beteiligten.

Welche Lücke hat die „Werkstatt für Photographie“ – in diesem anfangs doch sehr übersichtlichen Kreis an Fotoschulen – geschlossen? In West-Berlin gab es nichts vergleichbares, in West-Deutschland gab es lediglich Fotozentren in Essen (Folkwangschule) und Kassel (FotoForum) in Fach- bzw. Kunsthochschulen. War somit auch Nährboden gegeben für die Einrichtung einer solchen Institution?

An der Kreuzberger Volkshochschule stand die Technikvermittlung im Vordergrund und auch in der Werkstatt wurde sie während ihres zehnjährigen Bestehens immer weiter als Grundlage gelehrt. Durch einen Direktorenwechsel konnte Michael Schmidt, der dort schon tätig war, dann 1976 seine Idee einer Einrichtung durchsetzen, in der eine inhaltliche Vermittlung im Vordergrund stand. Ich glaube, dass diese Art der Auseinandersetzung an den meisten Fach- und Kunsthochschulen nicht stattfand. Viele der Fotografen, die Michael Schmidt und seine Mitorganisatoren, vorstellten, wurden damals gar nicht von den Lehrenden im Westen beachtet. Michael Schmidt sagte das auch in einem Interview in der Zeitschrift camera. Ich lese das mal vor: „Von Anfang an war geplant, mit der Werkstatt eine Alternative zur traditionellen Ausbildungsstätte für Photographie zu schaffen. Der Eintritt ist ohne Qualifikation hinsichtlich der Schulbildung und des Alters möglich. Jeder, der die Photographie ernsthaft als Ausdrucksmittel seiner Persönlichkeit erlernen will, kann Kurse belegen.“[2] Hier sieht man schon den Bildungsauftrag und -anspruch der Werkstatt, in der ja wirklich ganz unterschiedliche gesellschaftliche Schichten für den Unterricht zusammen kamen. „Wir orientieren uns in der Hauptsache an internationaler Photographie von den klassischen Europäern und bis hin zur amerikanischen Avantgarde, was leider in den meisten deutschen Ausbildungsstätten für Photographie und Design nicht geschieht. Dort wird ganz im Gegenteil moderne amerikanische Photographie mit provinzieller Überheblichkeit totgeschwiegen oder aus Unverstand nicht für voll genommen. [...] Aufgabe und Ziele der Werkstatt: Wir bemühen uns, dem Schüler zu helfen, seine  Persönlichkeit zu erkennen beziehungsweise zu finden, wobei zwangsläufig die Photographie hinsichtlich ihrer kommerziellen Verwertbarkeit unerheblich wird. Wir gehen aber davon aus, dass jeder Schüler sich im Laufe der Zeit seiner Persönlichkeit bewusst wird und dieses neu gewonnene Bewusstsein vielschichtig einsetzen und verwerten kann; egal, ob er als Photograph oder auf einem anderen Gebiet arbeitet. Der Mensch als Persönlichkeit ist für uns das Wesentliche, durch ihn erst kann Photographie entstehen und niemals umgekehrt. Viele Photographen gehen den falschen Weg und setzen das Medium an die wichtigste Stelle in ihrem Leben. Sie lassen sich von einer Sache beherrschen, anstatt sie zu verstehen. Verständnis erreicht man aber nur, indem man sich selbst erkennen lernt. Deshalb ist »Selbsterkenntnis« für uns ein Schwergewicht unserer Arbeit, ohne dabei in gruppentherapeutisches »Psychologisieren« abzugleiten.“ [3] Es ging also von Anfang darum, Fotografie als persönliche Ausdrucksform zu begreifen und das in einer dokumentarischen Sprache, was auf den ersten Blick paradox wirkt.

Aber trotzdem wollte Michael Schmidt sich mit der „Werkstatt für Photographie“ abgrenzen zu den anderen Zentren oder vielmehr eine Alternative bieten. Gab es eine flächendeckend gemeinsame Haltung?

Eine berufsqualifizierende Alternative konnte er nicht bieten, weil die Werkstatt ja keine fotografische Ausbildungsstätte, keine Fachhochschule oder ähnliches war und man an der Werkstatt auch keinen Abschluss machen konnte.  Die Fachhochschulen haben ihrem Auftrag entsprechend angewandte Fotografie gelehrt, die Kunsthochschulen standen im Bereich der Fotografie erst am Anfang. Eine flächendeckende Haltung zur Fotografie gab es also nicht.

Ein weiteres Feld, welches Michael Schmidt mit der „Werkstatt für Photographie“ in West-Berlin eröffnet hat, war die Erweiterung von Repräsentationsformen für Fotografen. Es wurden diverse Ausstellungen initiiert, insbesondere mit amerikanischen Fotografen, die darüber hinaus auch Vorträge über ihre und andere Arbeiten hielten. Es ging nicht darum, Theorien in jedweder Weise durchzupauken, sondern um Kommunikation und Austausch.

An dem Programm ist abzulesen, dass es darum ging, das Spektrum der Fotografie abzubilden. Ganz am Anfang des Programms 1976 stand eine Ausstellung mit Stern-Fotoreportern, „110 Fotografien aus dem Stern-Archiv“, aus Anlass der Gründung der Werkstatt. Dann folgte eine Ausstellung mit Heinrich Riebesehls Serie „Situationen und Objekte“, eine Arbeit, die sehr in der Tradition der „Subjektiven Fotografie“ verankert ist, die fast die Umsetzung von Otto Steinerts Bildphilosophie ist. Zudem gab es immer wieder Ausstellungen von „Hörern und Dozenten“, später wurden diese noch differenziert zu „Hörern, Dozenten und Schülern“. Die Werkstatt war aber nicht nur ein Ausstellungsort, sondern hat auch immer über sich selbst Bericht erstattet, immer wieder wurde gezeigt, wo die Teilnehmer und damit die Werkstatt selber standen. Dies wurde auch publiziert und das war natürlich damals etwas ganz Besonderes. Das Programm war zeitweilig in der Wahrnehmung dann stark von amerikanischen Fotografen dominiert. Michael Schmidt hat die Leitung nach wenigen Jahren abgegeben. Danach gab es andere Teams in unterschiedlichen Zusammensetzungen, die auch ihre Interessen durchgesetzt und das Programm bestimmt haben.

(....)

Das gesamte Interview lesen Sie in der Zeitschrift Fotogeschichte, Heft 137, 2015. Bestellung


[1] Enno Kaufhold, Die Sprache des Bildes lernen. Die "Werkstatt für Photographie" der VHS Kreuzberg: Vor 25 Jahren gegründet, heute vergessen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Berliner Seiten, Nr. 282, 4.12.2001, S. BS 3.

[2] Michael Schmidt: Gedanken zu meiner Arbeitsweise, in: camera, 58. Jg., Nr. 3 (März), 1979, S. 11.

[3] Ebenda.

 

 

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