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Anton Holzer

Fotografin, Kommunistin, Spionin

Peter Stephan Jungk: Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart. Geschichten eines Lebens, Frankfurt a. M.: Fischer, 2015, 320 S., 20,5 x 22,5 cm, 16 Abb. in S/W, gebunden, 22,99 Euro.

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 138, 2015

Als die österreichisch-britische Fotografin Edith Tudor-Hart 1973 in Brighton starb, wurde das in Österreich öffentlich nicht zur Kenntnis genommen. Und auch in England, wo sie vier Jahrzehnte lang gelebt hatte, hielt sich die Aufmerksamkeit in Grenzen. An der Einäscherung, die am 15. Mai 1973 stattfand, nahmen, so berichtet Peter Stephan Jungk, der jüngst eine Biografie über Tudor-Hart vorgelegt hat, „höchstens zwanzig Trauergäste teil“. Doch ganz in Vergessenheit geraten ist Fotografin nicht, in den 1970er und 80er Jahren wurde sie vor allem in England von einigen linken Forschern und Mitgliedern fortschrittlicher Fotozirkel wiederentdeckt, ihre Fotoarbeiten wurden auszugsweise publiziert und teilweise auch ausgestellt. Dem deutschsprachigen Publikum wurde sie 1987 durch eine schmale englisch-deutsche Publikation im Verlag Dirk Nishen vorgestellt, die in Zusammenarbeit mit ihrem Bruder Wolf Suschitzky (geb. 1912) entstand. In dem Buch wurde ihr dokumentarisches Werk in den Mittelpunkt gestellt, die Hintergründe ihres politischen Engagements als Kommunistin und ihre Rolle im Spionagenetzwerk der Komintern wurden gänzlich ausgeblendet.

Edith Tudor-Hart wäre nach dem Epochenbruch 1989 wohl wieder in Vergessenheit geraten, wenn nicht der lange Zeit in Schottland und inzwischen im Winterthurer Fotomuseum tätige Fotohistoriker Duncan Forbes sich in intensiven und langwierigen Forschungen ihrer Biografie und ihrer fotografischen Arbeiten angenommen hätte. Es gelang ihm, Teile ihres umfangreiches Werks, das nach ihrem Tod bei ihrem Bruder aufbewahrt wurde, zu sichern und in die Fotosammlung der National Galleries of Scotland zu überführen. 2005 stellte er erstmals seine bisherigen Forschungsergebnisse öffentlich vor.[1] 2013, nach weiteren Recherchen, präsentierte Forbes das Werk Tudor Harts in einer breit angelegten Retrospektive, die in Edinburgh (National Galleries of Scotland) und in Wien (Wien Museum) gezeigt wurde und die von einem Katalog in deutscher und englischer Fassung begleitet wurde.[2] Erstmals wurden in dieser Publikation das thematisch breit gefächerte fotografische Werk und auch der politische Kontexte ihrer Arbeit und ihres Engagements ausgeleuchtet.

Edith Tudor Hart, geb. Suschitzky (1908–1973) stammte aus einer sozialdemokratischen Wiener Familie, absolvierte eine Ausbildung als Kindergärtnerin und studierte ab 1929 eine Zeit lang am Bauhaus in Dessau. Ab Mitte der 1920er Jahre fotografierte sie in der Tradition der sozialkritischen Fotografie: Alltagsszenen, das Leben der einfachen Bevölkerung in Wiener Hinterhöfen, in den Arbeitervorstädten, im Prater und an der Donau. Um 1930 erschienen ihre ersten Bilder in der Presse, politisch schloss sie sich in diesen Jahren den Kommunisten an. 1933 wurde sie erstmals verhaftet, im Jahr darauf zog sie zusammen mit ihrem Mann, dem britischen Arzt Alexander Tudor-Hart, nach London, wo sie ihre Sozialreportagen fortsetzte und zeitweise ein Porträtatelier führte. Ihr politisches Engagement auf der Seite der Kommunisten brachte sie immer wieder in Schwierigkeiten. Sie war als Kurierin für die kommunistische Komintern tätig und hielt Kontakt zu Spionen, die teilweise jahrelang in kommunistischem Auftrag tätig waren. Seit den 1930er Jahren wurde sie vom englischen Geheimdienst überwacht, immer wieder vorgeladen und verhört – aber nie unter Anklage gestellt. Unter diesem Druck und angesichts persönlicher Krisen (ihren behinderten Sohn musste sie in Pflege geben, sie selbst litt an Depressionen) gab sie in den 1950er ihre Tätigkeit als Fotografin Jahren auf. Nach diversen Jobs und vielen Wohnungswechseln ließ sie sich schließlich in Brighton nieder, wo sie zuletzt in einem kleinen Geschäft Antiquitäten und Altwaren verkaufte.

Duncan Forbes hat, wissenschaftlich fundiert und quellenmäßig gut abgesichert, Tudor-Harts fotografisches Werk sowie ihre politische Lebensgeschichte in das Zentrum seiner Publikationen gestellt. Peter Stephan Jungk, der Autor des jüngsten Werkes über Edith Tudor-Hart, wählt einen ganz anderen Zugang. Der Band, der vom Autor als „höchst unkonventionelle Biographie im Schatten der Diktaturen“ vorgestellt wird und der, dem Verlag zufolge, „eine lebendige Biographie (...) einer der wichtigsten österreichisch-britischen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts“ beinhaltet, ist als tatsächlich ein unkonventionelles Werk. Der Autor, der mehrere Romane und Biografien geschrieben hat und sich als Übersetzer und Dokumentarfilmer einen Namen gemacht, nähert sich der Fotografin auf sehr persönliche Weise. Einer der Gründe dafür ist gewiss auch, dass der Robert Stephan Jungk verwandtschaftlich mit Tudor-Hart und einem Teil ihrer Familie verbunden ist: Sie war seine Großtante. Die Biografie ist gut und flott geschrieben, der subjektive Blick des Autors, der immer wieder auch seinen Rechercheprozess mit einfließen lässt, trägt dazu bei, ein einfühlsames und dichtes Porträt der Fotografin zu entwerfen. Auf diese Weise wird Edith Tudor-Hart nicht nur als professionelle Fotografin und als zeitgeschichtliche Persönlichkeit vorgestellt, sondern auch als Person in all ihren – oft auch widersprüchlichen – psychologischen und familiären Facetten.

Dennoch: Mich hat bei der Lektüre dieses Buches ein seltsames Unbehagen beschlichen. Die Gründe dafür sind mehrschichtig. Peter Stephan Jungk geht in seiner biografischen Einfühlung sehr weit, mitunter zu weit. Wenn er etwa in aller Ausführlichkeit Edith Tudor-Harts (die er konsequent mit Vornamen nennt) Liebesleben auffächert, fragt man sich: wozu das Ganze? Jedenfalls lässt der Autor in diesen und vielen anderen Passagen seiner Fantasie freien, sehr freien Lauf. Da heißt es etwa: „Sie hatte es in den ersten Jahren ihrer Beziehung genossen, mit Alex [Alexander Tudor-Hart, ihrem Mann] zu schlafen, zu toben, und es gelang ihm nahezu immer, sie zu Höhepunkten zu treiben.“ Bedenkenlos mischt der Autor dokumentarisches Quellenmaterial, etwa Briefe, Aufzeichnungen, Archivmaterial etc. mit fiktiven Dialogen, die er aber an keiner Stelle als solche kennzeichnet. Dadurch bewegt sich die Biografie immer wieder in Richtung einer fiktiven Beschreibung, einer Art Romanbiografie. Allerdings ist diese erfindende „Freiheit“,  die sich der Autor nimmt, nirgendwo schlüssig begründet.

Schwerer noch wiegt die Tatsache, dass Jungk auch bei den dokumentarischen Passagen die Quellen seiner Erkenntnisse nicht anführt. Zitate aus Briefen, historischen Dokumenten und Aufzeichnungen werden nirgendwo nachgewiesen. Teilweise werden nicht einmal die Archive genannt, aus denen die Informationen stammen. Akkurates Quellen- und Literaturverzeichnis am Ende des Buches suchen wir ebenfalls vergeblich. Das alles hat gravierende Konsequenzen: Die Quellenbasis des gesamten Bandes bleibt völlig im Dunkeln, man kann die Einschätzung des Autors teilen oder auch nicht, aber nachprüfen kann man sie nicht. Auch weitere Recherchen zu Tudor-Hart, sind, ausgehend von diesem Band unmöglich.

Das Buch von Peter Stephan Jungk ist, nicht zuletzt dank seiner geschickten Dramaturgie, spannend geschrieben. Spannend ist es aber auch, weil der Autor eine Seite seiner Heldin, ihre politische Verwicklung in die kommunistischen Spionagenetzwerke, sehr stark in den Vordergrund rückt. Er macht sie, ohne detaillierte Quellen zu nennen, zu einer wichtigen Hauptperson, die hochrangige englische Spione wie Kim Philby und andere, die jahrelang für die Sowjetunion tätig waren, rekrutiert und betreut habe. Vor dem Hintergrund der sachlichen Recherchen Duncan Forbes zu diesem Themenkomplex (der alle seine Quellen offenlegte) kann man diese Einschätzung durchaus hinterfragen. Tudor-Hart war nachweislich als Kurierin und Ansprechperson in das kommunistische Spionagenetzwerk involviert, aber, so scheint es, eher im unteren Bereich. Die Tatsache, dass sie Philby gekannt und fotografiert hat, bedeutet noch keineswegs, dass sie, wie das Jungk suggeriert, die Hauptrolle bei seiner Rekrutierung und Betreuung gespielt hat. Nicht Tudor-Hart, sondern der aus Wien stammende Arnold Deutsch, mit dem Tudor-Hart befreundet war, war in dieser Spionageaktion die zentrale Figur der sowjetischen Propaganda in England. Es hat ein wenig den Anschein, als ob hier das Wunschdenken des Autors, seine Großtante wichtiger zu machen als sie war, eine gewisse Rolle gespielt hat.

Der Autor rückt Tudor-Harts Rolle im englischen Spionagekrieg in den Mittelpunkt seines Buches. Das hat auch zur Folge, dass ihre Geschichte als Fotografin deutlich zu kurz kommt. Außer einigen biografischen Details steuert Jungk kaum Neues zu den fotografischen Arbeiten Tudor-Harts bei. Und auch hier ist in Details Vorsicht geboten. Ihre Arbeit als Porträtfotografin in London, wo sie (zeitweise gemeinsam mit Vera Elkan) ein Atelier führte, wird nur nebenbei erwähnt. Im Buch sind nur einen Handvoll Fotos, teilweise mit sehr schwammigen Bildtexten, abgebildet. Dabei wäre es höchst spannend gewesen, Tudor-Harts wichtigen Beitrag zur Herausbildung einer sozialkritischen dokumentarischen Fotografie in England genauer zu beleuchten. Wer mehr zu diesem Thema wissen will, ist auf die Recherchen von Duncan Forbes angewiesen. Dieser zeigt sehr anschaulich, in welchem kulturellen Spannungsverhältnis (zwischen Österreich und England) ihre fotografische Ästhetik und ihr Werk steht. Er berichtet aber auch ausführlich darüber, woran ihre Karriere als Fotografien letztlich gescheitert ist.

Besonders ärgerlich an dem Buch von Peter Stephan Jungk ist, dass es neben Ungenauigkeiten auch eklatante Fehler enthält, die leicht hätten vermieden werden können. So behauptet Jungk etwa, Tudor-Hart (die damals noch Suschitzky hieß) habe in Österreich Anfang der 1930er Jahre bei den „beiden linksgerichteten Illustrierten Lilliput und Der Kuckuck“ mitgewirkt. Und weiter: „Der aus Ungarn stammende Fotograf und Kameramann Stefan Lorant hatte diese beiden frühen Fotomagazine gegründet (...).“ Hier geraten die historischen Tatsachen wild durcheinander: Lilliput war keine österreichische Illustrierte, sondern ein englisches Satiremagazin, das Lorant erst 1937, einige Jahre nach seiner Emigration nach England, gegründet hatte. Lorant hat auch nicht den Kuckuck gegründet, eine österreichische sozialdemokratische Wochenzeitschrift, die zwischen 1929 und 1934 erschien, ganz einfach deshalb, weil Lorant in diesen Jahren nicht in Wien lebte und arbeitete, sondern in München und Berlin. All diese Tatsachen hätte man in der reichlichen Literatur zu Lorant (und sogar im Internet) nachlesen können. Angesichts derart gravierender Fehler taucht natürlich die Frage auf, wie zuverlässig andere Passagen wohl sind, für die es, neben den Angaben Jungks, keine unabhängige Quellenlage gibt.

Als Fazit gilt es festzuhalten: Wer ein spannendes halbdokumentarisches Buch über eine schillernde Persönlichkeit im Wirbel der politischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts lesen will, greife zu den Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart. Wer hingegen fundierte Informationen über Lebensgeschichte, fotografisches Werk und kulturelle Hintergründe einer herausragenden sozialdokumentarischen Fotografin des 20. Jahrhunderts sucht, schlage lieber in den Publikationen von Duncan Forbes nach.


[1] Duncan Forbes: Politics, Photography and Exile in the Life of Edith Tudor-Hart (1908–1973), in: Shulamith Behr, Marian Malet (Hg.) Arts in Exile in Britain 1933–1945: Politics and Cultural Identity, Bd. 6: The Yearbook of the Research Centre for German and Austrian Exile Studies, Amsterdam, New York 2005, S. 45–87.

[2] Duncan Forbes (Hg.): Edith Tudor-Hart. Im Schatten der Diktaturen, Ostfildern: Hatje Cantz, 2013.

 

 

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