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Bücher, kurz vorgestellt

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 138, 2015

  • Peter Pfrunder (Hg.): Jules Decrauzat. Der erste Fotoreporter der Schweiz, Basel: Echtzeit Verlag, 2015, Katalog zur Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz (2015) und im Fotoforum Pasquart in Biel (2016), 250 S., 24 x 17 cm, zahlreiche Abb. in S/W, geb., 48 SFR, 45 Euro.

Es gibt sie noch, die spektakulären Wiederentdeckungen in der Fotografiegeschichte. Oft sind diese Zufällen geschuldet, oft einem anderen, neugierigeren Blick auf vorhandene Materialien und Dokumente, oft glücklichen Umständen. Ein Beispiel für eine solche Widerentdeckung ist der Fotograf Jules Decrauzat (1879–1960), der jüngst von der Fotostiftung Schweiz in Winterthur als Pionier des Schweizer Fotojournalismus vorgestellt wurde. Obwohl mit 1250 Glasplattennegativen (von ursprünglich 80.000) nur ein Bruchteil seines fotografischen Werkes, das v.a. zwischen 1910 und 1925 entstand, im Archiv der Zürcher Fotoagentur Keystone erhalten ist, handelt es sich um einen außerordentlichen Fund. Decrauzats packende Momentaufnahmen, die die Betrachter sehr nahe an die Ereignisse heranführen, sind vor allem dem Sport und ihrem gesellschaftlichem Umfeld gewidmet: Motorrad- und Autorennen, Tennis, Fechten, Reiten, Fußball, Leichtathletik, Radsport, Boxen, Rudern, Segeln, Skifahren usw. Aber auch Aufnahmen von Ballonfahrten und frühen Schweizer Motoflugevents gibt es in der Sammlung. Peter Pfrunder rekonstruiert die Wiederentdeckung und stellt den Fotografen und sein journalistisches und publizistisches Umfeld vor. Decrauzat hatte seine Jugend in Biel verbracht und in Genf Bildhauerei studiert, bevor er sich ab 1897 einige Jahre in Paris aufhielt, wo er an der Ècole Pathé Kurse belegte, als Bildhauer arbeitete und erstmals mit der Fotografie in Berührung kam. Zurück in Genf, machte er sich ab 1910 als Sportfotograf für die in Genf erscheinende Sportzeitung La Suisse sportive einen Namen. Doch sein Ruhm als Fotograf überdauerte die Zeit nicht, Decrauzat geriet in Vergessenheit. Nun ist sein faszinierendes Werk wieder zugänglich, in Form einer gut recherchierten und schön aufgemachten Publikation.

  • Franz Roh: Magischer Realist. Künstler, Publizist 1890–1965, hg. von Richard Hampe, Text: Armin Zweite, München: Klinkhardt & Biermann, 2015, 72, S., 20,5 x 14 cm, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, geb., 14,50 Euro.

In der Fotografiegeschichte ist Franz Roh vor allem mit seiner 1929 im Umfeld der Stuttgarter Werkbundausstellung „Film und Foto“ entstandenen Publikation Foto-Auge. 76 Fotos der Zeit bekannt geworden. Roh hat sich jahrelang intensiv mit der Fotografie auseinandergesetzt, hat mehrere Fotobücher ediert und in den 1920er und 30er Jahren selbst fotografiert. Nach seinem Tode 1965 blieb er vor allem als Kunsthistoriker, Kritiker und Kurator in Erinnerung, der sich leidenschaftlich für die moderne Kunst einsetzte. Nun ist ein kleines, sorgfältig aufgemachtes Büchlein erschienen, das eine weitere Facette im Werk von Franz Roh beleuchtet, sein künstlerisches Werk, insbesondere seine Collagen, die seit Anfang der 1920er Jahre entstanden waren. Diese künstlerischen Arbeiten schlagen eine Brücke zwischen der Fotografie und der Kunst. Und zwar nicht nur, weil Roh in seinen Collagen zahlreiche Fotografien verarbeitete, sondern auch, weil das Zusammensetzen vorgefundenen Materials Ähnlichkeiten zur Fotografie aufweist. Bereits 1929 (nicht 1927, wie Zweite auf S. 26 schreibt) formulierte Roh in Foto-Auge diesen Zusammenhang folgendermaßen: „Will man unter Kunst nur Manuelles, nur die vom Geist geleiteten Ausdruckserzeugnisse der menschlichen Hand verstehen (...), so kann man für Fotos eine neue Kategorie ansetzten, ohne dass ästhetischer Wert dieser Gebilde dann vermindert wäre. Grober, subjektiver Irrtum ist zu glauben, ästhetisch erfüllte Gebilde entständen nur dann, wenn jeder Einzelstrich aus dem beliebten Schmelztiegel der Seele, d.h. von der geistgeleiteten Hand des Menschen selber hervorgingen.“ Rohs Polemik gegen den „Schmelztiegel der Seele“ öffnete ihm den Blick für moderne, nichthandwerkliche Aspekte der Kunst. Dazu gehören die Montage, die Collage und eben auch die Fotografie.

  • Ralf Georg Czapla: Die ungleichen Geschwister. Der Unternehmer Friedrich Baur und die Tänzerin Claire Bauroff. Biografie. München: Piper Verlag, 2015, 423 S., 23 x 15 cm, geb. mit SU, 28 Euro.

Das Bauprinzip dieser Doppelbiografie ist im Titel des Buches bereits angedeutet: Die ungleichen Geschwister. Der Bruder auf der einen Seite: ein hart kalkulierender Unternehmer, der ab 1925 ein rasch expandierendes Schuhversandhaus (das vor 20 Jahren in der Otto-Gruppe aufgegangen ist). Die Schwester auf der anderen Seite: Die Künstlerin und (Nackt-)Tänzerin Claire Bauroff. Im Dialog zwischen diesen beiden mit einander verschränkten Lebensgeschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten, entwirft Czapla, der als Germanist an der Universität Heidelberg lehrt, ein faszinierendes kulturhistorisches Panorama Deutschlands in der Zwischen- und Nachkriegszeit. Da Bauroff über Jahre eng mit Fotografen und Fotografinnen (u.a. Trude Fleischmann in Wien) zusammenarbeitete, bietet das Buch en passant auch interessante, sehr gut recherchierte und teilweise kaum bekannte Details zur deutschen und österreichischen Tanzfotografie der 1920er und 30er Jahre (inklusive einiger teils wenig bekannter Abbildungen). Die Lebensgeschichte von Claire Bauroff ist naturgemäß um einiges spannender und abwechslungsreicher als die ihres Bruders. Daraus ergibt sich ein gewisses Ungleichgewicht in den Erzählungen über die beiden Protagonisten. Man merkt es dem Text an: das Herzblut des Autors liegt nicht beim Kaufmann, sondern bei der Künstlerin, die sich über die Tabus ihrer Zeit hinwegsetzte. Aber ohne den Schuhfabrikanten schien dieses umfangreiche biografische Unternehmen nicht machbar zu sein, zumindest finanziell nicht: denn der Band und wohl auch die Forschungsarbeit des Autors wurden von der finanzkräftigen Friedrich-Baur-Stiftung in München gefördert, die auch eine Sonderausgabe des Buches in Auftrag gab.

  • Juliet Hacking: Hinter der Kamera. Das Leben der großen Fotografen. Aus dem Englischen von Tracey Evans, Matthias Wolf und Ursula Wulfekamp, München: Sieveking Verlag, 2015, 304 S., 15,5 x 19,5 cm, geb. mit SU, 39,90 Euro.

Dieses Buch ist fast zeitgleich im renommierten englischen Verlag Thames & Hudson in London und auf Deutsch im noch jungen, erst 2013 gegründeten Kunstbuchverlag Sieveking Verlag in München erschienen. Diesen Verlag wird man sich künftig in der Kunst- und Fotoszene merken müssen. Innerhalb kürzester Zeit ist es ihm gelungen, ein anspruchsvolles, hochwertig aufgemachtes Buchprogramm aufzubauen. Dazu gehören wunderbare Ausstellungskataloge wie etwa der kürzlich erschienene Band Die Grimmwelt, der anlässlich des im September 2015 eröffneten gleichnamigen Museums in Kassel erschien. Und auch die Fotografie wird nun in diesem Verlag gepflegt. Der Band von Juliet Hacking wendet sich bewusst an ein breites Publikum und stellt international bedeutende Fotografen und Fotografinnen auf jeweils mehreren Seiten vor. Der geografische Schwerpunkt der Auswahl liegt bei Lichtbildnern aus England, den USA, Frankreichs und Deutschlands, das allerdings mit Albert Renger-Patzsch, August Sander und Hannah Höch nur drei Künstler beisteuert. Diese Beschränkung ist allein ist schon ein Manko. Dazu kommt, und dieser Einwand ist gewichtiger, dass der Band für Interessierte oder gar Kenner der Fotogeschichte kaum Neues oder gar Überraschungen bereithält. Die Überblickstexte fassen weithin Bekanntes zusammen. Der Anspruch, der im Titel Hinter der Kamera anklingt, wird leider nicht wirklich eingelöst. Die Autorin, die als Leiterin der Abteilung Fotografie bei Sotheby’s in London tätig ist, fasst bestenfalls enzyklopädisches Wissen gut lesbar zusammen und reichert es um einige schöne Bilder an. Es wäre überzeugender gewesen, hätte der Verlag für den Einstieg ins Fotobuchprogramm eine etwas anspruchsvollere Publikation ausgewählt.

  • Sepp Werkmeister: New York 60s, hg. von Ulrich Pohlmann, Josef Dachsel und Annelie Knoblauch, Katalog zur Ausstellung im Münchner Stadtmuseum, Sammlung Fotografie, Texte von Fritz J. Raddatz und Ulrich Pohlmann, München: Hirmer Verlag, 2015, 128 S., 24,5 x 16,5 cm, geb., 25,60 Euro.

Auf einer der hinteren Seiten dieses Bandes sehen wir den Fotografen Sepp Werkmeister am Fuß eines verglasten New Yorker Hochhauses stehen, auf Bauchhöhe hält er seine Rolleiflex, der Blick ist in eine zweite Kamera gerichtet. Es ist ein Selbstporträt, das 1967 entstand. Werkmeister, der mit seinen Fotografien aus der internationalen Jazzszene bekannt wurde, hat auch noch ein ganz anderes wenig bekanntes fotografisches Œvre hinterlassen: Porträts, Stadt- und Straßenaufnahmen sowie Alltagszenen im New York der 1960er und 70er Jahre. Der Band stellt nun eine Auswahl dieser New York- Aufnahmen vor. Werkmeister war nicht nur an den schicken Vierteln Manhattans interessiert, er fotografierte auch in der Bronx und in der Bowery, wo die Armut und das Elend unübersehbar waren. In seinen (teils farbigen) Bildern zeichnet er ein ungeschminktes Porträt der Stadt und seiner Bewohner. Werkmeister, 1931 in München geboren, musste nicht von der Fotografie leben. 1954 gründete er in Deutschland eine Reprofirma, die im Auftrag von Zeitschriften Druckvorlagen lieferte. Zu seinen Kunden gehörten Magazine wie Quick, Rolling Stone und twen. 1965 reiste er zum ersten mal in die USA, nach New York, später auch nach Chicago und New Orleans. Fast jedes Jahre hielt er sich längere Zeit in den USA auf. Dabei entstanden, neben den bekannten Porträts aus der Jazz-Welt, auch beeindruckende Beispiele der Street Photography. Nun sind diese Bilder wieder zugänglich. Es ist schade, dass die Texte des Buches das politische, gesellschaftliche und ästhetische Umfeld, in dem die Fotos entstanden, nur ganz kurz anreißen. Etwas mehr Hintergrund und Kontext hätte dem Band gut getan.

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