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Anton Holzer

Bauhaus in Amerika

Neue Publikationen zum Black Mountain College

Eugen Blume, Matilda Felix, Gabriele Knapstein, Cathrine Nichols (Hg.): Black Mountain. An interdisciplinary experiment 1933–1957, Ausstellungskatalog Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof, Leipzig: Spector Books, 2015, 463 S., 24 x 19 cm, zahlreiche Abb. in S/W und Farbe, kartoniert, dt. und engl. Ausgabe, 38 Euro.

Helen Molesworth, with Ruth Erickson: Leap before you look. Black Mountain College 1933–1957, New Haven, London, Yale University Press, 2015; Katalog zur Ausstellung am Institute of Contemporary Art, Boston, 10. Oktober 2015 bis 24. Januar 2016. Die Ausstellung wird 2016 im Hammer Museum, University of California, Los Angeles, und 2016/2017 im Wexner Center oft he Arts, The Ohio State University, Columbus, gezeigt; 400 S., 32 x 25 cm, 318 Abb. in Farbe, 175 Abb. in S/W, gebunden mit Schutzumschlag, 75 Dollar

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 139, 2016

Im Jahr 1933 musste das Bauhaus, das zuletzt in Berlin beheimatet war, schließen. Wenige Monate später, im Herbst 1933, eröffnete das Black Mountain College in North Carolina, USA. Die beiden Ereignisse sind nicht unmittelbar miteinander verbunden. Und dennoch gibt es zwischen dem Bauhaus und Black Mountain enge Verbindungslinien. Der erste Leiter des Art Departments am neuen College war der aus dem Bauhaus stammende Josef Albers. Ab 1933 kamen zahlreiche „Bauhäusler“, die meisten von ihnen waren, so wie Albers, vor dem  NS-Terror geflüchtet, nach Black Mountain und trugen wesentlich zum raschen Erfolg des jungen College bei.

Ende der 1940er Jahre nahm der Einfluss der Emigranten langsam ab, 1949 verließ Josef Albers Black Mountain. Das College wurde in den 1950er Jahren mehr und mehr zur inneramerikanischen Drehscheibe eines modernen, innovativen Kunstdiskurses. 1957 musste die Institution aus finanziellen Gründen schließen. Damit war zwar die Ausbildungsinstitution Black Mountain am Ende, nicht aber ihre intellektuelle und künstlerische Strahlkraft. Bekannte Künstler wie Willem de Koonig, John Cage, Robert Creeley, Merce Cunnigham oder Cy Twombly, die alle in Black Mountain studiert hatten, bauten auf die künstlerischen Anregungen ihrer Collegerfahrungen auf. Black Mountain wurde auf diese Weise noch viele Jahre nach seiner Schließung zu einer Art Kunst-Markenzeichen, in manchen Darstellungen wurde das College zu einem geradezu mythischen Ort intellektueller und künstlerischer Neugier hochstilisiert. Helen Molesworth, die Herausgeberin eines neuen Bandes zur Geschichte und Ästhetik von Black Mountain, kommt daher nicht zufällig am Ende ihres einleitenden Beitrags auf den Begriff des „gossip“, also des Klatsches, zu sprechen, um die Legendenbildungen rund um Black Mountain zu beschreiben.

Die Kunstgeschichtsschreibung hat das Black Mountain College schon wenige Jahre nach seiner Schließung wiederentdeckt. Zu nennen sind insbesondere die zahlreichen Publikationen von Mary Emma Harris, die seit den frühen 1970er Jahren zu Black Mountain forscht sowie die Publikationen von Martin Duberman. Später haben sich u.a. auch Vincent Katz und Eva Diaz mit Black Mountain beschäftigt, Diaz hat jüngst (2014) eine Studie zum Design am Black Mountain College veröffentlicht.[1] Trotz dieser jahrlangen Aufmerksamkeit fällt auf, dass sich das Interesse an Black Mountain in letzter Zeit noch einmal deutlich erhöht hat. Zwei jüngst erschienene Publikationen bezeugen dies, sie sollen hier vorgestellt werden. Leap before you look – der Titel ist einem Gedicht von W. H. Auden entlehnt – ist ein überaus anspruchsvoller Ausstellungskatalog, der von Helene Molesworth und Ruth Erickson in Zusammenarbeit mit dem Institute of Contemporary Art in Boston erarbeitet wurde. Er begleitet eine umfangreiche Ausstellung, die bis 2015/2016 im Institute of Contemporary Art in Boston zu sehen war und die anschließend bis 2017 an weiteren Orten in den USA gezeigt wird. Im Mittelpunkt des sorgfältig recherchierten sowie grafisch hervorragend gestalteten und gedruckten Katalogs stehen die Personen, die in Black Mountain begonnen haben und die später als Künstler bekannt geworden sind. Die Geschichte der Institution bleibt hingegen eher im Hintergrund. Allerdings beschränkt sich der Katalog nicht nur auf ein best of hervorragender Künstler, sondern bietet über die biografischen Informationen hinaus detaillierte Hintergrundinformationen und vor allem ausgezeichnet gedruckte Bildbeispiele.

Wer sich für die Fotografie in Black Mountain interessiert, muss in diesem Katalog einige Umwege in Kauf nehmen. Zwar finden sich zahlreiche fotografische Abbildungen, die das Leben und Arbeiten am College dokumentieren, doch die Rolle der Fotografie in Black Mountain bleibt seltsam unterbelichtet. Das hat gewiss nicht nur damit zu tun, dass dieses Medium in den ersten Jahren der Ausbildungsstätte zwar von vielen Lehrern und Studenten praktiziert, aber nicht explizit unterrichtet wurde. Es hat aber vermutlich auch damit zu tun, dass die künstlerischen Karrieren der Black Mountain-Fotografen weniger glorreich verlaufen sind als jene der bildenden Künstler. Nur einige wenige Künstler aus Black Mountain arbeiteten mit fotografischen Mitteln. Zu ihnen gehört Robert Rauschenberg, der um 1950 in Black Mountain mit Solarisationen und großformatigen (Akt-) Fotogrammen experimentierte, von denen im Katalog einige Beispiele zu sehen sind. Oder Xanti (Alexander) Schawinsky (1904–1979), ein aus der Schweiz stammender Künstler und Bühnenbildner, der seine am Bauhaus begonnenen avantgardistischen Bühnenbild-Inszenierungen in Black Mountain weiterführte und mit Hilfe von Fotocollagen visualisierte.

Dennoch bietet der Band einige interessante Hinweise zu Black Mountain-Fotografen. Alice Sebrell, die sich seit Jahren mit der Rolle der Fotografen im Black Mountain College beschäftigt, stellt  in einem eigenen Beitrag Hazel Larsen Archer (1921–2001) vor, die 1944 erstmals nach Black Mountain kam und ab 1945 neun Jahre dort tätig war, zuerst als Studentin, später als Fotolehrerin. Obwohl Larsen Archer bereits 1949 eine Soloausstellung in den Räumen der amerikanischen Photo League hatte und in Black Mountain faszinierende Stillleben, Porträts und Tanzfotos (etwa von Merce Cunnigham, 1952/53) aufnahm, machte sie sich vor allem einen Namen als Foto-Vermittlerin und als Pädagogin. Sie lud u.a. Aaron Siskind und Arthur Siegel nach Black Mountain ein, die im Katalog in zwei kurzen Beiträgen vorgestellt werden.

Einen ganz anderen Zugang wählt ein Katalog, der 2015 zu einer Ausstellung im Hamburger Bahnhof in Berlin erschienen ist und der nicht so sehr einzelne Künstler als vielmehr das breite künstlerische Netzwerk, das in Black Mountain zwischen 1933 und 1957 (dem Ende des College) geknüpft wurde, vorstellt. Der Katalog, der weitaus weniger aufwendig produziert und weniger hochwertig gedruckt ist als der amerikanische Katalog, ist aber ebenfalls hervorragend recherchiert. Einzelne Aspekte der Geschichte von Black Mountain sind hier sogar differenzierter rekonstruiert. Diese Publikation rückt u.a. auch die Beziehungen zwischen der Tradition des deutschen Bauhauses und dessen Einflüssen in Black Mountain in den Mittelpunkt der Betrachtung. Damit schließt der Band auch eine wichtige Forschungslücke. Denn während die Verbindungen zwischen Bauhaus und dem Chicagoer New Bauhaus vergleichsweise gut untersucht sind, ist die bedeutende Rolle des Black Mountain College als intellektuelle Drehscheibe zwischen der europäischen und der amerikanischen Kunstszene, zumindest im deutschsprachigen Raum, noch unterbelichtet.

Obwohl Josef Albers, wie erwähnt, in Black Mountain anfangs keine eigene Fotoklasse einrichtete, war er am Medium sehr wohl interessiert. Er und seine Frau Anni Albers fotografierten selbst. Albers besaß eine Leica und lud immer wieder Fotolehrer nach Black Mountain ein. Ebenso war der Mitbegründer des College, Theodore Dreier, an der Fotografie interessiert und machte selbst Bilder. Auch eine Reihe anderer Lehrer in Black Mountain experimentierten mit der Fotografie.

Alice Sebrell arbeitet in ihrem Beitrag im Katalog Black Mountain. An interdisciplinary experiment 1933–1957 das fotografische Netzwerk heraus, das sich im College traf. Der 1938 aus Wien geflüchtete Robert Haas war im Frühjahr 1940 einer der ersten, die Fotografie unterrichteten. Später lehrten Emigranten wie Fritz Goro, Clemens Kalischer und Josef Breitenbach in Black Mountain, aber auch amerikanische Fotografen, u.a. Barbara Morgan, Helen Post, Aaron Siskind, Arthur Siegel und zuletzt Charles Olsen. Auch Beaumont und Nancy Newhall waren mehrere Jahre lang als Fotolehrer in Black Mountain zu Gast. Nicht zufällig stammt das Umschlagfoto des Berliner Katalogs von Beaumont Newhall.

Wer künftig zu Black Mountain recherchiert, kommt an beiden Publikation nicht vorbei. Während Black Mountain. An interdisciplinary experiment 1933–1957 stärker an der Geschichte der Institution und seiner kollektiven Prozesse interessiert ist, wählt die Bostoner Publikation einen eher künstlerisch-monografischen Zugang. Es ist vermutlich ein Zufall, dass sich die beiden Bände auch beim Thema Fotografie gut ergänzen. Während der Berliner Band zahlreiche Details und Hintergrundinformationen zu Fotografen und Fotoausbildung in Black Mountain bietet, finden sich im Bostoner Katalog ausgezeichnet gedruckte Bildbeispiele von Black Mountain-Fotografen, etwa von Siskind oder Siegel, aber auch von Dina Woelffer oder Robert Rauschenberg. Und schließlich findet sich in letzterem Band auch eine schöne Fotoserie von Beaumont Newhall, die Nancy Newhall beim Fotografieren in Black Mountain zeigt sowie Beispiele ihrer eigenen Landschaftsbilder, die in der Umgebung des College entstanden. In diesen Aufnahmen zeigt sich einmal mehr, dass die Frau, die stets im Schatten ihres Mannes Beaumont Newhall stand, ganz eigene, teilweise noch zu entdeckende, Beiträge zur Fotografie geleistet hat.


[1] Eva Diaz: The Experimenters. Chance and Design at Black Mountain College, University of Chicago Press, 2014.

 

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