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BÜCHER, KURZ VORGESTELLT

 Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 139, 2016

  • David Oels, Ute Schneider (Hg.): „Der ganze Verlag ist einfach eine Bonbonniere“. Ullstein in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Berlin, München, Boston: Walter de Gruyter, 2015 (Archiv für Geschichte des Buchwesens – Studien, Bd. 10), 433 S., 24 x 17 cm, Abb. in S/W, gebunden, 119,95 Euro

Wer über die Geschichte der deutschen Fotografie im 20. Jahrhundert forscht, kommt am Berliner Verlagshaus Ullstein und insbesondere seinem Fotoarchiv nicht vorbei.  Trotz einer Reihe von wichtigen Einzelstudien, die bestimmte Aspekte dieses lange Zeit marktbeherrschenden Medienkonzerns beleuchteten, gibt es bisher keine umfassende, gut recherchierte Publikation, die die Rolle des Ullstein-Konzern umfassend untersucht. Dies gilt für die Verlagsgeschichte allgemein ebenso wie für die Rolle der Fotografie im Ullstein Verlag. Diesem Manko wird mit der vorliegende Publikation, die sich auf die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts konzentriert, teilweise abgeholfen. Teilweise, weil sie nur einen zeitlichen Ausschnitt der Verlagsgeschichte unter die Lupe nimmt und weil der Sammelband (zwangsläufig) bestimmte Blickwinkel auswählt und daher nicht mit einer monografischen Gesamtdarstellung konkurrieren kann. Dennoch: Der Band ist überaus wichtig, da er zahlreiche fundiert recherchierte Beiträge enthält und wichtige neue Aspekte der Verlagsgeschichte darstellt. Im Bereich der Fotoforschung hat sich in den letzten Jahren die Produktivität der Analyse ausgehend von buch- und zeitungswissenschaftlichen Fragen und Recherchen erwiesen. Wie zuletzt die Publikationen u.a. von Roland Jaeger gezeigt haben, lässt sich die publizierte Fotografie ganz anders kontextualisieren, wenn man ihre mediales Umfeld (von der Zeitung über das Buch bis hin zum Verlag) mit in die Forschung einbezieht. Auf diese Weise konnten einige blinde Flecken der kunsthistorischen Fotoforschung ausgeleuchtet werden. Ein Abschnitt im vorliegenden Band ist dem Ullstein-Fotojournalismus gewidmet, der in einigen Detailaspekten dargestellt wird. Bernd Weise rekonstruiert detailreich und präzise die Geschichte des Ullstein-Fotoarchivs und seiner fotojournalistischen Verwendung. Andere Beiträge thematisieren das (vergleichsweise randständige) „Neue Sehen“ in der Ullstein-Bildpublizistik (Patrick Rössler), die Rolle der Fotografie im Querschnitt (Daniela Gastell) sowie den fotografischen Unterhaltungsjournalismus im Medienkonzern (Maren Tribukait). Schade dass der Band mit fast 120 Euro (!!) Kaufpreis weit überteuert ist und daher vermutlich wohl nur in Bibliotheken zugänglich ist.

 

  • Anja Guttenberger, Bauhaus Archiv/Museum für Gestaltung, Berlin (Hg.): bauhaus.photo. 100 Fotos aus der Sammlung des Bauhaus-Archiv Berlin (dt./engl.), Berlin: Bauhaus Archiv, 2015, 142 S., 23,5 x 14,5 cm, zahlreiche Abb. in S/W und Farbe, kartoniert, 8,90 Euro zzgl. Versandkosten (ISBN: 9783922613466, erhältlich über: http://www.bauhaus-shop.de)

Die Fotografie am Bauhaus ist inzwischen gut erforscht. Mehrmals wurden umfassende Gesamtdarstellungen vorgelegt, etwa 1993 von Jeannine Fiedler in ihrem Band Fotografie am Bauhaus oder 2004 von Lutz Schöbe mit der Publikation Bauhaus-Fotografie aus der Sammlung der Stiftung Bauhaus Dessau. Die vorliegende Publikation setzt sich nicht zum Ziel, neue Forschungsergebnisse vorzustellen, sondern einen kompakten Überblick über Bauhaus-Fotografen und -fotografinnen sowie die Rolle des Mediums Fotografie am Bauhaus zu geben. Das Buch begleitete eine Wanderausstellung, die Ende 2015 in Tel Aviv Station machte. Anja Guttenberger macht in ihrer Einleitung darauf aufmerksam, dass die Fotografie, die erst relativ spät, nämlich ab 1928, in den Bauhaus-Zeitschriften auftauchte, das Image dieser legendären Institution bis heute nachhaltig geprägt haben. Das liegt gewiss an der visuellen Faszination der Bilder selbst, die alle Spielarten des Neuen Sehens und der Neuen Sachlichkeit durchspielen. Es liegt aber auch, wie Rolf Sachsse es einmal formuliert hat, an ihrem „feuilletonistischen Charme“, mit dem das Leben und Arbeiten am Bauhaus beschrieben wurde: „Das Studium ein einziges Fest, davor etwas Gymnastik, dazwischen ein wenig Rohkost, und in den Pausen immer auf einem Balkon mit den Professoren (...)“. Natürlich, diese Balkonbilder kommen im Band auch vor. Guttenberger vermittelt aber auch andere Einblicke in den studentischen Alltag und stellt neben den bekannten Protagonisten der Bauhausfotografie wie etwa Lucia Moholy, Umbo (Otto Umbehr), László Moholy-Nagy, Andreas Feininger, Josef Albers oder dem bekannten Bauhaus-Fotolehrer Walter Peterhans auch einige weniger bekannte Bauhaus-Fotografen und -fotografinnen vor, etwa Etel Mittag-Fodor, Ivana Meller-Tomljenović, Hinnerk Scheper, Grit Kallin-Fischer, Lotte Beese, Elsa Thiemann oder Irene Bayer. Das Bild des Bauhaus wurde immer wieder auch von Besuchern festgehalten. Unter ihnen waren Bildjournalisten und Fotoagenturen der 1920er und 30er Jahre, die über das Experiment Bauhaus und seine architektonischen Schöpfungen berichteten. Schließlich werden auch zahlreiche Aufnahmen aus dem Bauhaus-Archiv vorgestellt, deren Urheber sich nicht (oder noch nicht) namentlich zuordnen lassen. Das Thema Bauhaus-Fotografie ist also noch nicht am Ende, es gibt noch genug zum Recherchieren.

 

  • Andreas Groll. Wiens erster moderner Fotograf, hg. von Monika Faber, Photoinstitut Bonartes und Wien Museum, Wien, Salzburg: Fotohof edition 2015, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Wien Museum, mit Beiträgen von Elke Doppler, Monika Faber, Andreas Nierhaus und Petra Trnkova, 21. Oktober 2015 bis 10. Januar 2016, 272 S., 27,5 x 23,5 cm, zahlreiche Abb. in Farbe, kartoniert, 39 Euro.

Die über 1200 Fotografie, die heute von Andreas Groll (1812–1872) bekannt sind, stellen nur einen kleinen Teil seines umfangreichen Werks dar, das zwischen 1842 und seinem Todesjahr 1872 entstanden sind. Obwohl Groll in den 1850er und 1860er Jahren zu den bekanntesten professionellen Fotografen Österreichs zählte, waren die Spuren seines Werkes weitgehend verwischt. Seine erhaltenen Bilder liegen heute in zahlreichen Sammlungen, vor allem im Wien und Prag. Über sein Leben war lange Zeit wenig bekannt. Nun hat es die Wiener Fotohistorikerin Monika Faber unternommen, all diese verstreuten Spuren zu sichern, zusammenzuführen und zu einer fundierten Publikation über eine „Schlüsselfigur (...) der frühen Berufsfotografie der Habsburger Monarchie“ zusammenzufassen. Der Katalog, der die umfangreichen Recherchen zusammenfasst, ist nicht nur eine umfassende Monografie zu Groll, sondern en passant auch eine dichte, differenzierte Einführung in die ersten Jahrzehnte der österreichischen Fotografie. Faber zeichnet Grolls Lebensgeschichte und sein gesellschaftliches Umfeld detailliert nach. Der Fotograf kam aus einfachen Wiener Verhältnissen, arbeitete jahrelang als Hausknecht am Polytechnischen Institut (der Vorläuferinstitution der Technischen Hochschule) und machte sich erst 1853 – er war damals bereits über 40 – als Fotograf selbständig. Fotografisch wandte sich Groll vor allem Außenräumen zu. Auf seinen Bilder spielen – abgesehen einiger Porträts aus frühen Jahren sowie ethnografischen Aufnahmen – Menschen kaum eine Rolle. Wir sehen sie oft als huschende Schatten im Vordergrund. Stets war er an festen, unbeweglichen Strukturen interessiert. Er fotografierte, oft im Auftrag von Firmen, Architekten, Denkmalpflegern u.a., Bauwerke und ihre Details, Baustellen, Maschinen, Industrieanlagen, Kirchen, aber auch Kunstwerke. Bald reichte sein kommerzieller Radius weit über Wien hinaus, er war auch in Graz, Krakau, Prag und Salzburg aktiv. Grolls professionelle Karriere, die sich auf knapp zwei Jahrzehnte erstreckte ist, so zeigt Faber, keine unaufhaltsame Aufstiegs- und Erfolgsgeschichte. Als Groll 1853 als kommerzieller Fotograf begann, gab es nur rund zehn Ateliers in Wien. 1860 Hatte sich ihre Zahl mehr als verzehnfacht. Groll konnte mit der wachsenden Konkurrenz nicht mithalten, er verpasste technische Neuerungen und geriet in den 1860er Jahren mehr und mehr ins Hintertreffen. 1872 starb er mit 60 Jahren an Typhus.

 

  • Bernd Hüppauf: Fotografie im Krieg, Paderborn: Fink Verlag, 2015, 372 S., 21,5 x 15 cm, zahlreiche Abb. in S/W, kartoniert, 29,50 Euro.

Wer einen guten – vor allem theoretischen – Überblick über die Geschichte der Kriegsfotografie vom 19. bis ins 21. Jahrhundert sucht, der findet ihn in diesem Buch. Der Autor, der schon seit Jahren zum Thema forscht und publiziert, hat hier die Summe seiner Erkenntnisse zusammengefasst. Der Band beschränkt sich bewusst nicht auf eine Chronologie der medialen Umbrüche in der fotografischen Kriegsberichterstattung. Er stellt auch nicht die großen Protagonisten ins Licht. Vielmehr räumt Hüppauf den Fragen der Wahrnehmung und der Konstruktion von Wirklichkeit in den Bildern der Gewalt großen Platz ein. Hüppauf eröffnet den Band mit einer „kleinen Theorie der Kriegsfotografie“, in der er die Rolle der Kriegsfotografie in der Kultur der Moderne diskutiert. Anschließend lässt er „Stationen der Kriegsfotografie“ Revue passieren und widmet sich im abschließenden Kapitel gegenwärtigen Aspekten des Thema. Er beschäftigt sich in diesem Schlussabschnitt u.a. mit dem „Selfie“ in der aktuellen Kriegsfotografie ebenso wie – leider etwas zu knapp – den gravierenden Veränderungen der visuellen Kriegsberichte im digitalen Zeitalter. Dem stark theoretischen Zuschnitt des Bandes ist es geschuldet, dass das Anschauungsmaterial etwas zu kurz kommt. Meist haben die wenigen und relativ kleinen Bilder nur illustrierenden Charakter. Die in den Text eingeschobene Fotoessays, die den Sinn hätten, ein Thema visuell etwas breiter darzustellen, begnügen sich mit meist nur einem einzigen Bild. Auch die Qualität der Abbildungen lässt leider zu wünschen übrig. Es wäre spannend gewesen, Aspekte, die auf der theoretischen Ebene angesprochen werden, etwa die umfassende mediale Verankerung von Kriegsbildern oder die Verquickung der Kriegsfotografie mit moralischen Ansprüchen anhand ganz konkreter medialer Kontexte zu analysieren. Dazu wäre es notwendig gewesen, die Medien nicht nur allgemein zu thematisieren, sondern anhand beispielhafter Analysen zu zeigen wie der Zusammenhang zwischen Massenmedien und (Kriegs-)Fotografie genau beschaffen war und ist. Dennoch: trotz dieser Einwände ist der Band eine überaus anregende Lektüre, dem eine breite Leserschaft zu wünschen ist. Eines ist Hüppauf in jedem Fall hoch anzurechnen: Er entgeht der Versuchung, die Kriegsfotografie und ihre Heroen ein zweites Mal unhinterfragt auf das mythologische Podest zu stellen. Seine Arbeit an der Geschichte der Bilder ist geprägt vom Wunsch, den Legenden der Vergangenheit und der Gegenwart einen nüchternen analytischen Blick entgegenzusetzen. Das ist nicht wenig.

 

  • Rolf H. Krauss: Das Lachen und die Kamera. Eine andere Geschichte der Fotografie, Bielefeld: Kerber Verlag, 2015, 252 S., 22,5 x 22,5 cm, zahlreiche Abb. in S/W und Farbe, geb., 34,90 Euro.

Als 1839 das neue Medium Fotografie erstmals öffentlich vorgestellt wurde, rief es nicht nur Staunen und Verwunderung hervor, auch kritische, ironische Stimmen waren zu hören. Honoré Daumier etwa hat sich in zahlreichen bissigen Zeichnungen zum Thema geäußert. Rolf H. Krauss, ein ausgezeichneter Kenner der frühen Fotografie, hat in jahrelanger Arbeit den Niederschlag der Fotografie in Karikatur und Zeichnung dokumentiert und, kenntnisreich kommentiert, in einem wunderbaren Buch zugänglich gemacht. In einer längeren Einleitung geht er anhand interessanter Beispiele den zahlreichen Querverbindungen von Fotografie und Lachen nach. Anschließend werden – in etwa chronologisch geordnet – wichtige Protagonisten, die sich zeichnerisch, aber auch schreibend auf ironische Weise mit der Fotografie beschäftigt haben, vorgestellt. Dabei wird eine breite Palette an Themen und Motive aus dem 19. Jahrhundert aufgeblättert. Der letzte Eintrag ist dem Dramatiker Carl Sternheim gewidmet, der 1912 in seiner Komödie Die Kassette u. a. die Rolle des Fotografen thematisiert. Die im Band vorgestellten – durchweg ausgezeichnet und häufig in Farbe – gedruckten Beispiele werden von Krauss in kurzen oder längeren Einführungen kultur- und medienhistorisch eingeordnet. Vorgestellt werden u.a. französische Zeichner und Künstler wie Théodore Maurisset, Félix Valloton, André Gill, George Meunier, Émile Marcelin, Jules Champfleury, aber auch deutsche Grafiker wie C. Rheinhardt oder Wilhelm Scholz kommen vor, ebenso Autoren und Zeichner in Personalunion wie Wilhelm Busch, der der Fotografie einige seiner Arbeiten gewidmet hat. Wenn man die ironische Distanzierung vom Medium im Laufe des 19. Jahrhunderts Revue passieren lässt, fällt auf, dass sich die Stoßrichtung der Kritik deutlich verschoben hat. Wurde in den ersten Jahren des neuen Mediums beispielsweise das massenhafte Porträtieren (das spätestens mit dem Boom der Visitkartenfotografie einsetzte) und die Eitelkeit vor der Kamera aufs Korn genommen, so wandte sich um 1900 die Häme der Zeichner neuen Massenphänomenen zu, etwa der beginnenden Knipserfotografie. Aber auch neue Moden, etwa die Geisterfotografie, die in den letzten Jahren des 19. Und in den ersten den 20. Jahrhunderts beliebt war, geriet nun in die Kritik. Eines fällt auf: ein Großteil der Zeichnungen stammen aus Frankreich und teilweise aus England. Ist das ein Zufall? Wohl kaum. Offenbar hatten in diesen Ländern die augenzwinkernden Karikaturisten die Nase vorne. Die schönsten Blätter stammen, das wird bei der Lektüre dieses Bandes schnell klar, aus Frankreich und nicht aus Deutschland.

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