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BÜCHER, KURZ VORGESTELLT

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 140, 2016

  • Roland Barthes: Auge in Auge. Kleine Schriften zur Photographie, hg. von Peter Geimer und Bernd Stiegler, Berlin: Suhrkamp Verlag (stw 2155), 2016, 352 S., Abb. in S/W, kartoniert, 20,60 Euro.

Ist Fotografie Kunst? Heute ja, aber in den 1970er Jahren setzte diese Nobilitierung des Mediums erst ein ein. Als Roland Barthes 1979 in einem Interview auf diese  Entwicklung angesprochen wurde, reagierte er aus heutiger Sicht unverständlich. Fotografie als Kunst? „Das ist noch nicht ausgemacht“. Er antwortete so, weil, so Peter Geimer und Bernd Stiegler, für Barthes die Fotografie „eine Kunst außerhalb der Kunst, eine Bildsprache ohne Sprache, ein vergangenes Gegenwärtiges, also eine reale Irrealität“ war. Wir finden diese Überlegungen im ausgezeichneten Nachwort, das die beiden Herausgeber einer Zusammenstellung aller wichtigen Texte zur Fotografie von Roland Barthes angefügt haben. Auge in Auge. Kleine Schriften zur Photographie ist ein wichtiger Band, nicht weil er unbekannte Texte zutage fördert, sondern weil in einer dichten chronologischen und thematischen Zusammenstellung die enorme Spannweite an Annäherungen Barthes’ an die Fotografie zeigt und in diesem Kompendium die Fixierung auf die helle Kammer (1980), den bekanntesten Text zum Thema, aufgebrochen wird. Wenn man die frühesten Texte von Barthes zur Fotografie, die Anfang der 1950er Jahre (1953) mit seinen späten Texten zum Thema vergleicht, meint man oft tatsächlich unterschiedliche Autoren vor sich zu haben. Der Weg von der kulturkritischen Einbettung der Fotografie in den Mythen des Alltags (1957) über die zeichentheoretische Fundierung des Mediums in seinen Studien aus den 1960er und frühen 70er Jahren bis hin zum scheinbar ontologischen Kult der Unmittelbarkeit in der hellen Kammer scheint gewaltig. Bei aller Unterschiedlichkeit im Zugang: Die Fotografie war für Barthes, das zeigen Geimer und Stiegler auf anschauliche Weise, „eine lebenslange Passion, aber auch eine theoretische Herausforderung“. Oder, um es in Barthes’ eigenen Worten aus dem Jahr 1977 zu formulieren: Die Fotografie ist „eine äußerst komplexe Meditiation über den Sinn“.

  • Werner Bischof: Standpunkt. Fotografien, Zeichnungen und Texte von Werner Bischof, hg. von Werner Bischof Estate, Marco Bischof und Tania Samara Kuhn, Zürich: Scheidegger & Spiess 2016. Mit Beiträgen von Marco Bischof, Kristen Lubben und Fred Ritchin, 312 S., 30 x 25 cm, zahlreiche Abb. in Farbe und Duotone, gebunden, 77 Euro.

 2016 wäre der bekannte Schweizer Magnum-Fotograf Werner Bischof (1916–1954) 100 Jahre alt geworden. Im Musée de L’Elysee in Lausanne wurde aus diesem Anlass eine Doppelausstellung mit Bischofs frühen Bildern aus der Schweiz und einer Auswahl seiner Reiseaufnahmen gezeigt, die Zürcher Photobastei zeigte Bischofs Bilder aus Europa. Bei Scheidegger & Spiess erschien zudem das hier angezeigte deutschsprachige Werk Werner Bischof: Standpunkt (in New York bei Aperture erschien zeitgleich eine variierte amerikanische Fassung). Der Band verwebt eine Bildauswahl quer durch Werner Bischofs Lebenswerk – von seinen Reiseaufnahmen durch das kriegszerstörte Europa 1945 bis zu seiner letzten Reise nach Peru – mit privaten Aufzeichnungen, Briefen, Notizen, Tagebüchern und anderen Aufzeichnungen. Neben den Fotos, darunter eine Reihe wenig bekannter Farbbilder, stehen Zeitungsausschnitte und Zeichnungen von Bischof. Was kann dieser Band für Interessierte, die mit Bischof vertraut sind, hinzufügen? Wenig, denn Bischofs ältester Sohn Marco Bischof sorgt seit vielen Jahren dafür, dass das Werk seines Vaters in immer neuen Zusammenstellungen publiziert wird und tritt damit in die Fußstapfen von Manuel Gasser und L. Fritz Gruber, die bereits viel früher mehrere Fotobände zu Bischof herausgegeben hatten. Mit präzisen Informationen, etwa zum Archiv/den Archiven (außer Magnum), in denen die angeführten Korrespondenzen zugänglich sind, geizt der Band. Da ist nur kryptisch von Werner Bischof Estate die Rede. Im Netz gelangt man zur Seite www.WernerBischof.com, die offenbar seit 2003 von Marco Bischof in der Schweiz betrieben wird und die Ausstellungen, Bücher, Prints und DVDS über seinen Vater vermarktet. Viele Details über das Archiv und seine Zugänglichkeit sind nicht zu erfahren.

  • Rudi Meisel: Landsleute, 1977–1987, Two Germanys, hg. von Felix Hoffmann, Heidelberg, Berlin: Kehrer Verlag, 2015 (dt./engl.), Texte von Felix Hoffmann und Hans-Michael Koetzle, 132 S., 30 x 24 cm, zahlreiche Abb. in Duotone, gebunden, 39,90 Euro.

Ende der 1970er Jahre reiste Rudi Meisel zusammen mit der aus der DDR stammenden Journalistin Marlies Menge nach Ostdeutschland, um eine Reportage für das ZEITmagazin zusammenzustellen. „Sie war kundig, ich war neugierig – eine wunderbare Kombination“, so erinnert sich Meisel Jahrzehnte später im Gespräch mit Felix Hoffmann. Mit diesem Projekt, das Meisels west- und ostdeutsche Reportagen gegenüberstellt, setzte c/o Berlin seine Entdeckungstour und Präsentation weniger bekannter oder neu entdeckter Werkgruppen fort. Gezeigt wurden bisher u.a. Jerry Bernd (2008), Fred Herzog (2010) oder Lore Krüger (2015). Meisel interessiert sich in seinen Reportagen vor allem für den Alltag, weniger die großen politischen Gesten ist Ost und West. In Doppelseiten, die sorgfältig komponiert sind, stellt er genau beobachtete Details gegenüber: Kinder, die aus der Reihe tanzen, Passanten, Fassaden, Interieurs, Straßenbahnen, Autos und das Leben am Kiosk. Nicht immer ist auf den ersten Blick deutlich, ob die Aufnahmen aus West- oder Ostdeutschland stammen. Eine leere Straße, aufgenommen 1984 in Leipzig mit zwei Alten, die aus dem Fenster blicken, könnte auch irgendwo im Westen entstanden sein, wenn da nicht die bröckelnden Fassaden wären. Die spielenden Kinder auf den Kohlehalden in Essen, die Meisel 1977 fotografierte, passen auch in den deutschen Osten. Es macht die Faszination dieses Bandes aus, dass er vorschnelle Zuschreibungen unterläuft und immer wieder dem (verhaltenen) Humor zum Zuge verhilft – im Osten wie im Westen. Wenn wir aber genau hinblicken, wird die politische Signatur der Teilung in vielen Bildern deutlich, in Schriften, Zeichen und auch in der Mode.

  • Sammlung F.C. Gundlach, hg. von Bruno Brunnet, Contemporary Fine Arts, Berlin, München: Hirmer Verlag 2015, dt./engl., 184 S., 32 x 23,5 cm, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, gebunden, 45 Euro.

F.C. Gundlach, geb. 1926, ist einer der bekanntesten deutschen Förderer der Fotografie. Er war Modefotograf, später Galerist und Sammler, zuletzt Gründungsdirektor des Hauses für Photographie in den Deichtorhallen in Hamburg. Mit seinen Dienstleistungsunternehmen im Fotobereich hatte er so viel Geld verdient, dass er sich großzügige Fotokäufe und kulturelle Aktivitäten leisten konnte. 1976 begann er in Hamburg Fotoausstellungen zu zeigen. Bis 1992, so rechnet er im Interview mit Wilhelm Schürmann und Bruno Brunnet vor, habe er über 100 Ausstellungen präsentiert. Gundlach, das zeigt der vorliegende Band, sammelte nicht nur Fotografie, sondern auch Kunst, etwa von Martin Kippenberger, Sigmar Polke, Günther Förg und Albert Oehlen. Viele dieser Arbeiten greifen das Medium Fotografie auf, kommentieren und bearbeiten es. 2015 gab der immer noch findige Unternehmer bekannt, einen Teil seiner Kunstsammlung zu verkaufen. Aus diesem Anlass hob er die Werke in Form einer Schau und eines üppigen Katalogs ins Licht. Der Bildband ist aber kein toderster Verkaufskatalog, sondern bahnt ohne viele Kommentare und oft augenzwinkernd einen Weg durch die Sammlung und das lange Sammlerleben. Hintergründigen Humor beweist nicht nur Gundlach selbst, der einen Auszug aus der FAZ aus dem Jahr 2015 mit der Ankündigung des Verkaufs der Sammlung einem gefundenen „Zeitungsbild“ von Martin Kippenberger aus den 80er Jahren gegenüberstellt, das wie eine Todesanzeige inszeniert ist: „Hamburgs erster Bürgermeister Hans Ulrich Klose (39)“, heißt es da, „war mit Frau Elke für drei Wochen in Jugoslawien. Mit ihren Fotos hat Familie Klose leider Pech gehabt. Alle Aufnahmen sehen, so aus wie diese (oben).“ Abgebildet ist im Zeitungstext ein schwarzes Stück Film.

  • Klick. Linzer Fotografie der Zwischenkriegszeit. Von Berufsfotografen, Amateuren und Knipsern, hg. von Andrea Bina, Brigitte Reutner, Salzburg: Pustet Verlag 2016, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Nordico Stadtmuseum Linz, 27,5 x 22 cm, zahlreiche Abb.  in Farbe und S/W, gebunden, 29 Euro.

In knapp 200 Bildern gibt das Linzer Stadtmuseum (parallel zur Digitalisierung seiner Bestände) erstmals einen thematischen Einblick in seine rund 60.000 Aufnahmen umfassende Fotosammlung, die seit den späten 1920er Jahren aufgebaut wurde und die in der Bildauswahl bis in die Pionierjahre der Fotografie in den frühen 1840er Jahren zurückreicht. Die ersten Aufnahmen in der Sammlung sind Naturselbstdrucke aus der Zeit um 1840 und Daguerreotypien aus den 1840er und 50er Jahren. Der Katalog greift beispielhaft die Fotoentwicklung der Zwischenkriegszeit heraus und porträtiert bekannte lokale Berufs- und Amateurfotografen (etwa Max Kolar, Otto Kaiser, Josef Scherb, Ernst Fürböck, Michael Neumüller, Heinz Bitzan, Hans Wöhrl oder Helene Clodi-Titze u.a.), aber auch kaum bekannte Knipser sowie Fotosammler. Während die städtische Alltagskultur der 1920er und frühen 1930er Jahre, Land und Leute, Ausflüge ins Linzer Umland, idealisierte Stillleben und Porträts, aber auch die Kultur der Arbeiterbewegung und ihre Niederschlagung 1934 im Band breit dargestellt werden, findet die Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges (1938–1945) auffallend wenig Niederschlag in Texten und Bildern. Warum das so ist, erschließt sich dem Leser nicht. Der Band, der im Aufbau etwas heterogen geraten ist, ergänzt und erweitert aber die Forschungen zur österreichischen Fotografiegeschichte. Hilfreich ist insbesondere ein biografischer Anhang, in dem die präsentierten Fotografen und ihr Werk, aber auch bibliografische Hinweise gesammelt werden.

  • Bruce Gilden: Hey Mister, throw me some beads!, Heidelberg, Berlin: Kehrer Verlag 2015, engl./franz., 110 S., 32 x 24 cm, zahlreiche Abb. in Duotone, gebunden, 44 Euro.

1974 reiste der junge 1946 in Brooklyn geboren Fotograf Bruce Gilden, der später als Magnum-Fotograf bekannt wurde, zum ersten Mal nach New Orleans, um den bekannten Mardi Gras, den Faschingsdienstag, zu dokumentieren. Jenen Tag also, an dem die einheimische Bevölkerung der Stadt und die vielen Besucher in Verkleidungen, Gesten und Auftreten den geheimsten Wünschen und Sehnsüchten folgen. Gilden war von diesem wilden, anarchischen Treiben in der Südstaatenmetropole derart angetan, dass er zwischen 1974 und 1988 insgesamt sieben Mal zum Mardi Gras nach New Orleans zurückkam. Er hielt in seinen Fotos, die nun erstmals in einem Fotoband veröffentlicht werden, die wilde Energie der Karnevalisten fest. Zu sehen sind nicht Umzüge, sondern v.a Nahaufnahmen, Porträts und Schnappschüsse von Szenen, in denen die Teilnehmer mit viel Phantasie und Mut die Schranken von Identität, Geschlecht, ethnischer Zugehörigkeit, Alter, sozialer Schicht und Zugehörigkeit durchbrechen. In seinen Fotos rückt Gilden sehr nahe an die Protagonisten heran. In seinen Porträts verdichtet er nicht nur einen einzigen Tag, ein ein isoliertes Ereignis. Vielmehr porträtiert er in New Orleans viele Facetten der amerikanischen Gesellschaft der 1970er und 80er Jahre. Im Interview mit Sophie Darmaillacq, das dem Band in englischer und französischer Sprache beigegeben wird, bringt der Fotograf diesen Aspekt auf den Punkt: „The celebration of Mardi Gras in New Orleans brings together all types of people who would not normally occupy the same space at the same time.“

  • Lartigue. Das Leben ist bunt, hg. von Martine d’Astier und Martine Ravache, München: Schirmer/Mosel, 2016, 168 S., 22,5 x 22 cm, 100 Abb. in Farbe, gebunden mit Schutzumschlag, 34 Euro.

Berühmt wurde Jacques Henri Lartigue (1894–1986) mit einem Foto, das einen verzerrt dargestellten Rennwagen in hoher Geschwindigkeit zeigt. Diese Szene, die er 1912 im Alter von 18 Jahren aufgenommen hatte, blieb aber jahrzehntelang in der Schublade, ehe sie 1963 von John Szarkowski in der ersten großen amerikanischen Einzelausstellung im MoMA gezeigt wurde. Der Fotograf wurde daraufhin mit einem Schlag international bekannt. Obwohl über Lartigue immer wieder Fotobände und Publikationen erschienen (auch auf deutsch), blieb sein Farbwerk, das als Teil seines fotografischen Œvres seit 1979 im Besitz des französischen Staates ist, bis heute praktisch unbekannt. Es ist der Konjunktur der Farbfotografie in den letzten Jahren zu verdanken, dass nun Lartigues Farbaufnahmen erstmals umfassend vorgestellt und mit Tagebuchauszügen des Fotografen kombiniert werden. Der Spross aus reichem Hause konnte sich schon vor dem Ersten Weltkrieg die teure Autochrome-Technik leisten. Seine frühen Bilder sind ganz im Geist der gutbürgerlichen, künstlerisch angehauchten Amateurfotografie komponiert: idealisierte Landschaften, Stillleben, der großbürgerliche Alltag, Reisen. Die schnellen Sportbilder nahm er hingegen in Schwarz-Weiß auf. Lartigue blieb auch in den 1950er und 60er Jahren der Farbfotografie treu, die nun, da sie serienmäßig verfügbar war, weitaus einfacher zu handhaben war. Auch seine Aufnahmen aus der Nachkriegszeit zeichnen ein beschauliches Leben: sogfältig eingerichtete Porträts, Naturaufnahmen, Stillleben, Akte. Lediglich in einigen Kinderbildern und einer Reportage aus Lourdes fing er Ende der 1950er und in den 1960er Jahren ein lebendigeres, realistischeres Bild der Gesellschaft ein.

  • Arbeit/Le Travail. Fotografien aus der Schweiz, Zürich: Limmat Verlag 2015, Katalog zur Ausstellung im Landesmuseum Zürich, mit Beiträgen von Markus Schürpf, Ricabeth Steiger, Fabian Müller, Mario Donati, Daniela Nowakowski, Daniel Strassberg, Max Küng und einem Gespräch mit Anita Keller und Franz Schultheis, 224 S., 26,5 x 20,5 cm, zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, gebunden, 52 Euro.

150 Jahre Arbeitsleben in der Schweiz, dargestellt in hunderten von Fotografien aus der Fotosammlung des Landesmuseums Zürich, aber auch aus zahlreichen anderen Schweizer Archiven und Sammlungen: das ist das Thema dieses Bandes. Die Bandbreite des präsentierten Materials ist breit. Da sind Aufnahmen aus Unternehmensarchiven, Familienalben, Fotoagenturen und Bildern von Atelierfotografen zu sehen, daneben aber auch private Knipserbilder und Bildpostkarten, da mischen sich Bildserien mit Einzelbildern, Dias mit Zeitungsbildern. Ein heterogenes Ganzes also, zusammengemischt in einen einzigen Band? Der Balanceakt gelingt, denn eingestreut in die kundig kommentierten Bilderstrecken sind Kurzbeiträge mehrerer Autorinnen und Autoren, die das Bildmaterial im Kontext der Mediengeschichte und der Gesellschaftspolitik verorten. Markus Schürpf etwa zeigt auf, wie sehr das Schweizer Bild der „Schaffensfreude“, das sich in vielen offiziellen Bildern niederschlägt, mit den zeithistorischen Konjunkturen, etwa der nationalen Einigelung im Ersten oder Zweiten Weltkrieg, aber auch mit Expansionsschüben nach diesen Krisen zu tun hat. Daniela Nowakowski wiederum geht der Frage nach der Inszenierung von Frauen in der bis heute ikonografisch oft männlich dominierten Arbeitswelt nach. Eine nützliche Auswahlbibliografie beschließt den Band. Es wäre schön gewesen, wenn auch noch für ein biografisches Fotografenverzeichnis und ein Register Platz gewesen wäre, dann wäre das Werk auch ein Ausgangspunkt für weitere Forschungen.

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