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Ulrich Eumann

Die Wiederentdeckung eines sozialdokumentarischen Fotografen

Erich Grisar: Ruhrgebietsfotografien 1928–1933, hg. von Heinrich Theodor Grütter, Stefan Mühlhofer, Stefan Grebe und Andrea Zupancic, Essen: Klartext Verlag 2016, Katalog zur Ausstellung im Ruhrmuseum in Essen, 14.3. bis 28.8.2016 und LWL-Industriemuseum Zeche Zollern Dortmund, 24.2. bis 8.10.2017, 219 S., 24,3 x 30,7 cm, zahlreiche Abb. in S/W, 19,95 Euro.

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 141, 2016

Erich Grisar war Kennern der Ruhrgebietsliteratur als Lyriker und Schriftsteller aus dem Umfeld der Arbeiterbewegung schon lange bekannt. Sein fotografisches Werk ist aber erst vor relativ kurzer Zeit entdeckt worden. Dabei hatte er, der ursprünglich den Beruf des technischen Vorzeichners gelernt hatte, seit 1924 sein Geld als Journalist und Bildreporter verdient. Grisar, 1898 in Dortmund geboren, wuchs als Sohn einer Arbeiterfamilie in ärmlichen Verhältnissen in der westfälischen Industriemetropole auf. Früh entwickelte er ein Interesse an Literatur und Fotografie. Mit 18 Jahren wurde er 1916 zum Krieg eingezogen, wo er in Flandern und Galizien eingesetzt war. Wie viele andere Arbeiter entwickelte er sich durch das Kriegserlebnis zum Pazifisten und Linken, in seinem Fall zum Sozialdemokraten. Durch seine proletarische Herkunft und seine politischen Ideale war die Thematik seiner literarischen und seiner fotografischen Arbeit bereits grundsätzlich vorgegeben: Das Alltagsleben der ‚kleinen Leute‘ im „Ruhrpott“. Sein Ansatz dabei war grundsätzlich eher dokumentarisch als künstlerisch, es gibt aber auch einige experimentelle Fotos von ihm. Bei ihm wie bei vielen anderen Autodidakten der Fotografie wurde aus dem Mangel an formaler und systematischer Ausbildung der Vorzug des individuellen Zugangs zur visuellen Welt.

Grisar starb 1955 in Dortmund und hinterließ ein Werk von 4.350 Aufnahmen aus den Jahren 1928 bis 1933, die im Stadtarchiv Dortmund aufbewahrt werden. Bis auf 100 Abzüge lagen diese Aufnahmen nur als Negative vor und sind vor der Digitalisierung im Jahr 2011 wohl nie systematisch durchgesehen worden. Erst durch die technische Sichtbarmachung wurde man gewahr, welchen Schatz man besaß. Allein 1.500 der Aufnahmen befassen mit dem Ruhrgebiet, insbesondere mit Grisars Heimatstadt Dortmund. Bei einem Teil dieser Aufnahmen handelt es sich um Bildserien für Fotoreportagen. Aus diesem Bestand an Ruhrgebietsfotos wählte eine Arbeitsgruppe des Stadtarchivs etwa 200 Motive für eine Ausstellung aus, darunter 180 unveröffentlichte.

Der Bildteil des Bandes – mit teilweise ganzseitigen Bildtafeln – gliedert sich in die Abschnitte Städtisches Leben, Kindheit und Arbeit und Alltag im industriellen Ballungsraum. Kontextualisiert werden die Bilder durch fundierte und erkenntnisreiche Aufsätze zur Biografie und Arbeitsweise Grisars, zu seiner literarischen Arbeit und zur Struktur des fotografischen und des literarischen Nachlasses Grisars. In dem Text von Walter Gödden über Grisar als Schriftsteller (S. 194-201) finden sich auch Auszüge aus seinen Gedichten. Die Scans der Negative wurden nicht auf das reine Bildmotiv beschnitten. Daher kann man auf schwarzem Hintergrund den Rand der Glasplatte oder des Zelluloidfilms sehen. Die dabei teilweise sichtbaren Spuren der Zeit verleihen den Fotos eine besondere Authentizität. Die Druckqualität ist ausgezeichnet, dadurch erscheinen die Fotos überaus kontrastreich, manchmal gar plastisch.

Haupthema in allen drei Abschnitten ist letztlich das Thema Arbeit und die mit ihm verbundenen Lebensbereiche; es wird quasi von drei verschiedenen Seiten beleuchtet. Das Leben in der Stadt hängt ab vom Wohl und Wehe der Montanindustrie. Die Konsequenzen der Massenarbeitslosigkeit sind etwa am Beispiel der langen Warteschlange beim Freibankfleischverkauf eindrucksvoll nachgezeichnet. Zu sehen ist auch, wie die Dortmunder Kinder in den Straßen einer Stadt spielten, die von Bergbau und Stahlindustrie geprägt war. Sie spielten mit jenen Materialien, die sie auf der Straße fanden. Manche Kinder arbeiteten entweder selbst schon, um die Familie während der Weltwirtschaftskrise durchzubringen, oder sie ahmten die Erwachsenen nach und spielten Arbeit. Zu den Besonderheiten der Szenerie der späten 1920er-Jahre zählen die vielen Kriegsinvaliden, denen sich der Pazifist Grisar immer wieder eindringlich widmet, aber auch die zahlreichen ambulanten Händler, die sich mit dem Verkauf von Trockenblumen, Teppichen oder Bürsten durchzuschlagen versuchten. Die Arbeitswelt des Ruhrgebiets in dieser krisenhaften Zeit wird durch die kluge Bilderauswahl der Kuratoren in allen Facetten dargestellt.

Die Fotos werden durch faksimilierte Zeitungsausschnitte von Grisars Fotoreportagen ergänzt. Gezeigt wird etwa eine Doppelseite aus der Volksblatt-Illustrierten vom 7. Dezember 1929 mit dem Titel „Spielende Proletarierkinder in der Großstadt“, auf der sieben Fotos zu sehen sind (S. 92). Oder zwei Fotoreportagen über arbeitende Kinder in Volk und Zeit vom April 1929 (S. 108) und in der Volksblatt-Illustrierten vom 4. Mai 1929 (S. 109). Aber Grisar hat mit seinen Fotografien nicht nur die Ruhrgebietspresse beliefert. Georg Schwarz‘ 1931 bei der Büchergilde Gutenberg erschienenes Buch Kohlenpott. Ein Buch von der Ruhr enthielt zahlreiche Fotos von Erich Grisar.

Mir persönlich – Sohn von Arbeiterkindern, die zu Grisars Zeit in einem Dortmunder Nachbarort aufwuchsen – ist diese Ruhrgebietswelt aus manchmal verklärenden Erzählungen und einer Handvoll alter Fotos durchaus vertraut. Daher hat die Durchsicht des Bildbandes bei mir manchmal nostalgische Gefühle ausgelöst, liefern Grisars Bilder mir doch quasi die Abbildungen zu den alten Familiengeschichten. Insgesamt kann man aber nur froh über die sozialen und wirtschaftlichen Fortschritte sein, die seitdem erreicht wurden, auch wenn Kinder sogar unter den schlimmen sozialen Bedingungen während der Weltwirtschaftskrise anscheinend freier und unbekümmerter aufwuchsen, als in heutigen Zeiten des Wohlstands.

Insgesamt liegt mit Erich Grisars Ruhrgebietsfotografien 1928–1933 ein sehr schönes Porträt einer Ruhrgebietsstadt im letzten Jahrfünft der Weimarer Republik vor. Zugleich lernen wir einen einfühlsamen und technisch versierten Kenner des Dortmunder Alltags kennen. Man sieht – trotz der gerade einmal acht Jahrzehnte, die uns von ihr trennen – eine untergegangene, in vieler Hinsicht fremde Welt von ganz eigener Faszination, die Grisar mit leichter Hand einfängt.

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