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Charles Delius: Schwebefähre in Marseille, um 1920 (Leemage/Delius, Paris)

Nathalie Neumann

Pionier der Fotovermarktung

Charles Delius (1877–1962) und sein Fotoarchiv

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 142, 2016

Der erste Professionalisierungsschub der Pressefotografie fand in der Zeit um 1900 statt, als Karl Ferdinand Delius (1877–1962) mit der „Berliner Illustrationsgesellschaft“ eine der ersten und erfolgreichsten Agenturen für Pressefotos gründete.[1] In diesen Jahren Dank emanzipierte sich die Fotografie dank ihrer rasanten technischen Entwicklung und Vervielfältigung sowie neuartiger Modelle in der Verbreitung und Vermarktung der Bilder emanzipierte sich die Fotografie in dieser Anfangszeit schnell von den bisherigen Illustrationsformen in den Druckmedien.[2] Drei Jahrzehnte nach dem deutsch-französischen Krieg und noch vor dem Ersten Weltkrieg expandierte das Medium Fotografie in der illustrierten Presse in ganz Europa. Delius erkannte die Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit und eröffnete 1908 die erste deutsche Presseagentur in Paris. Hier überlebte das gesamte Fotoarchiv der Agentur Delius trotz politischer Umbrüche und Kriegsereignisse bis heute. Für die Forschung stellt dieses Archiv eine wichtige Quelle dar. Neben dem Dokumentationswert der Aufnahmen lässt sich entlang dieser Sammlung die Entwicklung einer professionellen Presseagentur zu Beginn des 20. Jahrhunderts rekonstruieren.

Schon vor einigen Jahren wurden, Dank der Recherchen von Diethard Kerbs und Norbert Moos zu Willy Römer (1887–1979), einem Schüler von Delius, erste biografische Details zu Karl Ferdinand Delius sowie seinem Geschäftspartner Walter Bernstein (1890–1938) publiziert.[3] Da sich das umfangreiche Archiv heute in Familienbesitz in Paris befindet, konnte es damals aber noch nicht eingehend wissenschaftlich untersucht werden. Die öffentliche Würdigung des Werkes von Karl/Charles Delius und das seiner drei Söhne im Rahmen einer Ausstellung stehen noch aus. Nach anfänglichen Recherchen im Pariser Familienarchiv, konnte ich meine Forschung letztes Jahr mit und bei dem Adoptivsohn von Karl Delius in Nizza fortsetzen.

Karl Ferdinand Delius wurde 1877 in Berlin geboren, und studierte zunächst Malerei und Fotografie an der Berliner Kunstakademie.[4] Nach dem Tod des Vaters brach er 1896 sein Studium ab und gründete im Jahr 1900 mit zwei Schulfreunden die Firma „Berliner Illustrations-Gesellschaft“ (B.I.G.), und damit eine der ersten professionellen Pressagenturen in Berlin. Angesiedelt in der Königgrätzer Straße 62 (heute Stresemannstraße) befasste diese sich erstmals ausschließlich mit der Herstellung und dem Vertrieb von Pressefotos. Die Gründer der Agentur waren neben Karl (Charles) Delius als künstlerischem Leiter, Heinrich Sanden (Berlin 1877–1946 Biesdorf/Berlin) als kaufmännischer Leiter, sowie Martin Gordan, Sohn eines wohlhabenden jüdischen Schuhhändlers, der heiraten wollte und seinen Schwiegereltern eine eigene „Existenz“ nachweisen musste. [5] Ihn traf Delius Ende der 1920er Jahre im südfranzösischen Nizza wieder.

Zudem wurden in der B.I.G. Berliner Pressefotografen ausgebildet und angestellt, von denen sich einige später höchst erfolgreich selbständig machten.[6] Delius war ab 1903 der Lehrmeister des erst 15jährigen Willy Römers, seines Schwagers Walter Bernstein (1906 heiratete Delius dessen Schwester Mélina (1885–?), sowie seiner drei Söhne Rolf (*1907–?), Marcel (1909–1990?) und René (*1927–?),[7] die er wiederum für Fotoreportagen durch ganz Europa und den Mittelmeerraum schickte. Römer und Bernstein waren auch seine Mitarbeiter bzw. Partner, als er 1908 in Paris die Zweigstelle der Agentur „Agence de reportage photographique Charles Delius“, 31 rue Trudaine, gründete. Allerdings wurde Delius 1914 als Deutscher mit seiner Familie aus Frankreich ausgewiesen und kehrte zunächst nach Berlin zurück, wo er während des Ersten Weltkrieges als Chauffeur seinen Wehrdienst leistete. Allein während des Ersten Weltkrieges vertrieb die Agentur B.I.G. mehrere tausend Bilder, die sich bisher nur in französischen Bildarchiven erhalten zu haben scheinen.[8] 1919 wurde die Berliner Agentur eingestellt und unter den drei Teilhabern aufgeteilt. Gordan führte die B.I.G. bis zu ihrer Schließung 1934 durch die Nationalsozialisten weiter. Sanden betrieb seinen Part als Presseagentur unter dem Namen „Atlantic“, während Walter Bernstein mit Willy Römer die Agentur „Photothek“ übernahm. Doch auch diese Agentur wurde von den Nationalsozialisten geschlossen und Bernstein als Jude verfolgt. In der Agentur „Atlantic“ fand er bis zu seinem frühen Tod 1938 ein kleines Auskommen. Sowohl Sanden als auch Gordan und Bernstein waren während der Weimarer Republik und der Blütezeit der illustrierten Presse in den einschlägigen Gremien zur Fotografie aktiv.[9] Doch Delius verließ Berlin 1920 erneut und ließ sich mit Familie und Archiv in Nervi bei Genua nieder. Dort wurde er 1927 aufgrund eines als Mussolini kompromittierendes Foto in deutschen Zeitungen für mehrere Monate verhaftet. Seine Agentur in Paris hatten seine beiden ältesten Söhne in den frühen zwanziger Jahren wiedereröffnet. 1928 zog er schließlich nach Nizza, wo er weiter fotografiert und eine Zweigstelle seiner Pariser Agentur führte. Als er 1946 mit Margarete Weingarten eine zweite Ehe einging, übergab er seine Rechte an den Agenturen sowie das Bildarchiv seinen drei Söhnen, von denen allein Marcel Delius professioneller Fotograf wurde und u.a. für die französische Gewerkschaft C.G.T. arbeitete. Nach seiner Pensionierung in den 1970er Jahren kehrte Marcel Delius nach Berlin zurück, wo er in zweiter Ehe Willy Römers Tochter Ursula heiratete.[10] Wie ihre Familien sind auch die Bildarchive der Fotografen Delius, Bernstein und Römer über mehrere Generationen eng verschränkt.

Das Fotoarchiv Delius umfasst rund 30.000 Fotos, Negative samt Glasplatten und Zeitungsartikel aus dem Zeitraum von 1900 bis 1960. Es befindet sich in Privathand und wird von der Bildagentur „Leemage“ digitalisiert und vertrieben, und ist derzeit noch nicht für die Forschung zugänglich. Die Aufnahmen dokumentieren eindrucksvoll Europa und seine nordafrikanischen Kolonien, seine Städte und Landschaften, Persönlichkeiten aus Politik und Kultur, sowie historische Ereignisse ebenso wie den Alltag in den Jahren 1900 bis 1960. Sie sind professionell komponiert und ästhetisch ausdrucksstark. Die Rückseiten verfügen über dreisprachige Bildlegenden. Meist sind die Motive aus aller Welt als Serien angelegt und nach Stichworten sortiert: Brücken, Schulen, etc. Damit konnten Zeitungen und Zeitschriften zunächst in Berlin und später in Europa zu verschiedenen Themen umfassend beliefert werden. Die Urheberrechte sind nicht eindeutig festzustellen, da der interne rückseitige Stempel zwar den Operateur angibt, allerdings als Abkürzung verschlüsselt ist. Zur weiteren Recherche dienen auch jene Abzüge dieser Fotos, die sich nach ihrem Versand in verschiedenen Pressebildarchiven erhalten haben. Dort befindet sich auf den Bildrückseiten jedoch jeweils nur der Agenturstempel „Delius“ neben den zeitungsinternen Angaben zu Größe, Titel und Ausgabe der Zeitschrift. Neben dem Delius Archiv in Paris, das sich mit dem Archiv der B.I.G. teilweise überschneidet, haben sich an die Presse verschickte Abzüge aus dem Bestand der B.I.G. in mehreren Archiven erhalten, entsprechend an dem Stempel der B.I.G. erkennbar. Vereinzelt tauchen Fotografien von Delius auch im Handel auf, wobei nicht geklärt werden konnte, wie diese Fotos in den Handel gelangten. Das einzige Museum, das Fotos von Delius ankaufte, ist das „Musée des civilisations de l’Europe et de la Méditerranée MUCEM“ in Marseille. Im Berliner Ullstein-Bildarchiv befinden sich vor allem aus den Jahren 1920 bis 1933 Beiträge und Fotos von Delius. Viele von ihnen waren in der Ullstein-Presse veröffentlicht worden, etwa in Zeitbild, Weltkalender, der Berliner Illustrirten Zeitung (BIZ) sowie in Bild, Signal, Mode, Tempo, Koralle oder Sport Morgenpost.[11] Auch in der Zeitschrift Querschnitt lassen sich Fotografien von Delius finden. In der Bilddatenbank der Staatlichen Museen zu Berlin der bpk - Bildagentur für Kunst, Kultur und Geschichte (Stiftung Preussischer Kulturbesitz) befinden sich mehrere hunderte Fotos aus dem früheren Bestand der B.I.G., die noch nicht detailliert gesichtet wurden, da der Bestand thematisch eingegliedert wurde. So gelangten einige der Fotos von Kostümdarstellungen aus der B.I.G. bei der Neuordnung u.a. auch in das Bildarchiv der Lipperheidschen Kostümbibliothek. Einen kleinen Eindruck zum Delius Archiv in Paris erhält man dank der etwa 5000 digitalisierten Fotos, die die Bildagentur „Leemage“ (Paris) vertreibt, und die seit kurzem mit der deutschen Agentur Imago kooperiert. [12]


[1] Diethard Kerbs: Annäherungen an einen unbekannten Fotografen, in: Fotogeschichte, Heft 17, 1985, S. 51.

[2] Bernd Weise: Pressefotografie - III. Das Geschäft mit dem aktuellen Foto: Fotografen, Bildagenturen, Interessenverbände, Arbeitstechnik - die Entwicklung in Deutschland bis 1914, in: Fotogeschichte, Heft 37, 1990, S. 17.

[3] Diethart Kerbs: Auf den Straßen von Berlin. Der Fotograf Willy Römer 1887–1979, Bönen 2004.

[4] Bodo von Dewitz, Robert Lebeck (Hg.): Kiosk. Eine Geschichte der Fotoreportage. 1839–1973. A History of Photojournalism, Göttingen 2001.

[5] Ebenda.

[6] Diethart Kerbs, Walter Uka, Brigitte Walz-Richter (Hg) : Zur Geschichte der Pressefotografie 1930–36: Die Gleichschaltung der Bilder, Berlin, 1983. S. 34; Delius wird als Lehrer angeführt in: Der Photograph, Nr. 16, 1933, S. 62-63.

[7] Archives départementales, Nizza, Dossier Ferdinand Delius.

[8] Nathalie Neumann: Der „Kriegsphotograph“. Deutsche Pressfotografie in einem Archiv in Frankreich, in: Ludger Derenthal, Stefanie Klamm (Hg.): Fotografie im Ersten Weltkrieg, Ausstellungskatalog Museum für Fotografie, SMPK Berlin, Leipzig, 2014, S. 42-51.

[9] Ludwig Boedecker: Pressephotographie und Bildberichterstattung. Ein Handbuch für Pressephotographen, Bunzlau, 1926. S. 54; Kommissionsmitglieder des Central-Verbandes Deutscher Photographen-Vereine und -innungen.

[10]Kerbs, (Anm. 1), S. 35.

[11] Herzlichen Dank für seine großzügige Unterstützung an Ulrich Ramershoven, Leiter des Ullstein Bildarchivs, in dem sich etwa 400 mit „Delius“ gestempelte Abzüge befinden. Diese konnte ich einsehen.

[12] Die Autorin dankt der Agentur „Leemage“ herzlich für ihre Unterstützung.

 

 

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