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Kathrin Schönegg

Peter Keetman: Vom Volkswagenwerk zu kalligrafischen Schwarz-Weiß-Rätseln

Peter Keetman: Gestaltete Welt, Ausstellungskatalog, hg. vom Museum Folkwang, Essen und Stiftung F.C. Gundlach, Hamburg, Göttingen: Steidl, 2016, 29 x 24 cm, 304 Seiten, zahlreiche S/W-Abbildungen, Leineneinband, 48 Euro.

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 142, 2016

Den 100. Geburtstag des Wuppertaler Fotografen Peter Keetman haben jüngst das Museum Folkwang, Essen, und die Stiftung F.C. Gundlach, Hamburg, zum Anlass genommen, seinem fotografischen Lebenswerk einen opulent bebilderten Katalog zu widmen. Beide Häuser teilen sich den Nachlass des Fotografen, der sechs Jahrzehnte deutscher Fotogeschichte umspannt und in unterschiedlicher Materialität vorliegt, darunter Klein-, Mittel- und Großformatnegative, Ausstellungsprints und Studienabzüge. Der Bildband Peter Keetman: Gestaltete Welt präsentiert nun erstmals einen umfassenden Querschnitt durch Keetmans schwarz-weißes Œuvre.

Keetman (1916–2005), der an der Bayrischen Staatslehranstalt für Lichtbildwesen in München seine fotografische Grundausbildung absolvierte, Meisterkurse unter anderem bei Adolf Lazi in Stuttgart durchlief und sowohl im Industrie- als auch im Portraitfach Arbeitserfahrungen sammelte, gilt Manchem heute als „der gefeierteste Protagonist von Gruppe und Programm [...] der ‚fotoform‘“[1]. Als Gründungsmitglied der zunächst als „freie Arbeitsgemeinschaft junger Fotografen“ betitelten Gruppierung um Wolfgang Reisewitz, Ludwig Windstosser, Toni Schneiders, Otto Steinert und Siegfried Lauterwasser, die 1949 zusammentrat, noch im selben Jahr auf der ersten photokina für Aufsehen sorgte und in den frühen 1950er Jahren unter dem Label der subjektiven fotografie zu internationalem Ruhm gelangte, ist Keetman ebenso bekannt wie als Auftragsfotograf im Werbebereich: als bedeutendste Fotostrecke gelten hier die 1953 entstandenen Aufnahmen im Volkswagenwerk.[2] Es ist ein ausgesprochenes Verdienst der nun vorliegenden Publikation beiden Bereichen, der autonom-künstlerischen und der angewandten Fotografie Keetmans, Rechnung zu tragen und zwischen den vordergründig so gegensätzlichen Kontexten explizite Verbindungen aufzudecken. Wegweisend ist hier der Beitrag von Petra Steinhardt.

Rückblick: Um 1950 stand das Fotoschaffen im Zeichen eines Neuanfangs. Die Mitglieder, die als Gruppe fotoform zusammentraten, waren von den Kriegserfahrungen geprägt. Keetman selbst kehrte als Invalide von der Front zurück. Entgegen der dokumentarischen und propagandistischen Verwendung der Fotografie während dieser Jahre zielte man nun auf die „Gewinnung technisch reiner und gestalterisch dichter Bilder, in denen die Sichtmöglichkeiten unserer Zeit prägnante Form“[3] finden – so die Ziele, die der Theoretiker J.A. Schmoll gen. Eisenwerth in einem der ersten Beiträge über fotoform stellvertretend für die Mitglieder formulierte. Obschon fotoform als Gruppe kein explizites Programm verfolgte, ging es der subjektiven fotografie, wie sie Steinert in seinen Ausstellungen und dazugehörigen Katalogen in bauhäuslerischer Kleinschrift bewarb,[4] um eine politisch unbelastete Bildsprache, die formal- und produktionsästhetisch an die künstlerischen und technischen Errungenschaften der Avantgarde, an Fotogramm und kameralose Fotografie, an Solarisation, Mehrfachbelichtung, extreme Perspektiven und (Bewegungs-)Unschärfen anschloss. Konzeptuell standen allerdings keine politischen oder gesellschaftlichen Umwälzungen mehr zur Disposition. Es ging vielmehr um das einzelne Subjekt, um eine „persönliche Photogestaltung“, die „ganz absichtlich den realistischen Blickpunkt, Umraum oder Zusammenhang“ verlässt, um „den alten Glauben an die objektive Realität des bisherigen Fotobildes zu zersetzen.“[5] ‚Subjektiv‘ wurde zur Voraussetzung für kreativ-schöpferisches Arbeiten; ‚darstellende‘ und ‚absolute fotografische Gestaltung‘ zu den Prämissen für eine autonome, zweckfreie, ästhetische Fotografie, die ihre Legitimation durch eine Absetzung von der gebrauchsorientierten Verwendung des Mediums gewann: Subjektive Fotografie, so Steinert, stand „im Gegensatz zur ‚angewandten‘ Gebrauchs- und Dokumentarfotografie“[6].

Vor diesem Hintergrund richtet der nun erschienene Katalog Peter Keetman: Gestaltete Welt eine aufregend-neue Perspektive auf die Anwendungskontexte der stark grafischen und abstrahierten Bilder des Wuppertaler Fotografen. Er rückt eine bislang kaum verfolgte Paradoxie zwischen der insbesondere von Steinert postulierten Programmatik der zweckfreien Fotografie und der existenziellen Lebensrealität der zeitgenössischen Fotoschaffenden in den Blick, die sich gewinnbringend auch in breiterem Kontext weiterverfolgen ließe. Der Band weist nach, dass berühmte Aufnahmen des fotokünstlerischen Bereichs, wie die Schwingungsfiguren und Pendelbilder, von denen Keetman ab 1948/1949 über 2000 Varianten anfertigte und die er oftmals im fotoform-Umfeld ausstellte, gleichfalls prominent im Kontext der Werbung Anwendung fanden: In den 1950er Jahren waren diese Motive in so unterschiedlichen Kampagnen wie Unternehmensreportagen, Anzeigen für das Radio, Werbung für Lackfirmen, für die Pharmazie und Textil- und Fotochemiefabrikation zu finden. Keetmans verschiedenorts eingesetzte Bilder, wie diese von Franz Roh als „kalligraphische [...] Schwarz-Weiß-Rätsel“[7] bezeichneten Schwingungsfiguren, stellen die dichotome Unterscheidung von freier und anwendungsbezogener Fotografie insgesamt in Frage. Damit werfen sie auch ein neues Licht auf die bislang vorliegenden Erzählungen der Geschichte der abstrakten Fotografie, die fotografische Bilder äquivalent zu Gemälden in teleologische Narrative einer zunehmenden Autonomisierung der Kunst eingespannt haben. Hingegen zeichnet sich im vorliegenden Band ab, dass abstrakte Motive auch jenseits des engeren kunstfotografischen Rahmens angewendet und erdacht wurden, dass abstrakte Fotografien also nicht genuin in den Diskursen der abstrakten Kunst aufgehen, sondern in einem weiteren, heterogen, eben auch und gerade im angewandten Bereich beheimatet sind.

Der sorgsam aufgearbeitete Band ist im Steidl-Verlag erschienen. Er eröffnet und schließt mit Bilderstrecken vor dem Schmutzpapier und nach dem Impressum. Ein eingelegtes Poster beinhaltet das Abbildungsverzeichnis und erlaubt es so, die Titel parallel zur Bildbetrachtung zu lesen. Sieben Textbeiträge loten Keetmans Schaffensphasen systematisch aus. Sie spannen den Bogen über den skizzierten Rahmen von fotoform und Volkswagenwerk hinaus und beziehen sowohl Keetmans frühe Jahre vor dem Krieg als auch spätere Arbeiten der 1970er und 80er Jahre mit ein. Der Katalog entspricht damit den Erwartungen, die man an eine Publikation zu einer Retrospektive richten darf, die aus so reichem Fundus schöpfen kann, wie er in den beiden Sammlungen beherbergt wird: Unbekanntes steht neben bekanntem Material, prominente Motive, wie die Schwingungsfiguren, wurden um eine repräsentative Anzahl von ungesehenen Variationen bereichert. Auch Verfahrenstechniken, wie Montagen aus multiplen, gespiegelten Abzügen, die Keetman von Natur- und Technikaufnahmen anfertigte, wurden erstmals zugänglich gemacht. Wie das Ausstellungsdisplay in Essen präsentiert sich auch der Katalog auf der Höhe der Zeit: Die Abzüge wurden nicht nur als Bilder, sondern als Objekte verstanden und teilweise beidseitig abgedruckt. Diese Technik ist gerade für das vorliegende Material informativ, war es unter den fotoform-Mitgliedern doch gängige Praxis, die Abzüge des jeweils Anderen rückseitig zu kommentierten. Einzig mit dem Spätwerk hätte man sich einen konziseren Umgang gewünscht: Während das Gros der abgedruckten Werke aus den 1980er Jahren augenscheinlich hinter der produktivsten und prägendsten Phase des Fotografen zurückbleibt, haben die letzten zwei Dekaden aus Keetmans Leben keinen Eingang in den Katalog gefunden. Es hätte dem Band gut getan, diese visuelle Lücke textuell zu füllen und den Leser über die Hintergründe der Aussparung aufzuklären. So bleibt nur zu vermuten, dass Keetmans späte Jahre jenem farbigen Œuvre zuzurechnen sind, das sich dieser schwarz-weiße Band für folgende Forschungen vorbehält. Obschon die Beschaffenheit seines Spätwerks wenig konturiert bleibt, gibt die nun vorliegende Publikation für Keetman aufregende neue Deutungen vor. Damit setzt sie auch für die Fotografie der 1950er Jahre insgesamt neue Impulse.


[1]    Rolf Sachsse: Fotografie nach 1945. Die Krise der Repräsentation, in: Kunsthistorische Arbeitsblätter. Zeitschrift für Studium und Hochschulkontakt, Bd. 5, 2002, S. 25-34, hier S. 28.

[2]    Zu dieser Bildstrecke, die zunächst nicht als Auftragsarbeit angelegt war, liegen zwei Publikationen vor: Vgl. Rolf Sachsse (Hg.): Peter Keetman. Eine Woche im Volkswagenwerk. Fotografien aus dem April 1953, Berlin 1985 und Peter Keetman – Volkswagenwerk 1953 (Ausstellungskatalog Kunstmuseum Wolfsburg 2003/2004), Bielefeld 2003.

[3]    J.A. Schmoll gen. Eisenwerth: Fotoform, in: Camera. Internationale Monatsschrift für Photographie & Film, 1950, XXIX. Jahrgang, Nr. 3, März 1950, S. 77-82, hier S. 77.

[4]    Als Ausstellungsorganisator etablierte Steinert die formalen und konzeptuellen Ansätze der Fotoform-Gruppierung auf internationalem Boden – wenn auch für eine vergleichsweise kurze Zeitspanne. Die von ihm zusammengestellten Ausstellungen subjektive fotografie und subjektive fotografie 2 fanden in Saarbrücken 1951 und 1954 statt, auf der photokina 1958 wurde eine dritte Präsentation gezeigt, die allerdings nicht mehr durch einen umfassenden Katalog begleitet wurde. Stattdessen widmete die Schweizer Zeitschrift Camera der Ausstellung einen kurzen, aber recht ausführlich bebilderten Artikel. Vgl. Otto Toussaint: subjektive fotografie. Nach einem Gespräch mit Otto Steinert, in: Camera. Internationale Zeitschrift für Photographie und Film, Bd. 38, Luzern 1959, S. 5-18. Vgl. zu den ersten beiden Ausstellungen die Kataloge Otto Steinert (Hg.): subjektive fotografie. Ein Bildband moderner europäischer Fotografie, Bonn 1952 und Otto Steinert (Hg.): subjektive fotografie 2. Ein Bildband moderner Fotografie, München 1955.

[5]    J.A. Schmoll gen. Eisenwerth: Vom Sinn der Fotografie, in: Otto Steinert (Hg.): Subjektive Fotografie 2 (Anm. 4), S. 25-40, hier S. 38 und 40.

[6]    Otto Steinert: Zur Idee dieses Buches, in: Otto Steinert (Hg.): Subjektive Fotografie, (Anm. 4), Bonn 1952, S. 6-7, hier S. 6.

[7]    Franz Roh: Lichtbildkunst auf neuen Wegen. Zu Fotos von Peter Keetman, in: Die Kunst und das schöne Heim, Heft Nr. 4, 1951, S. 135-139, hier S. 135. Auch dieser kaum bekannte Text von Roh wurde in voller Länge in der Publikation faksimiliert und reproduziert.

 

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