Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

BÜCHER, KURZ VORGESTELLT

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 143, 2017

  • John Berger: Der Augenblick der Fotografie. Essays, herausgegeben und mit einer Einleitung von Geoff Dyer, München: Hanser Verlag, Edition Akzente, 2016, 272, S., zahlreiche Abb. in S/W, kartoniert, 22,00 Euro.

John Bergers letzter Essayband zur Fotografie erschien auf Deutsch im Herbst 2016. Wenig später, am 2. Januar 2017, starb er mit knapp über 90 Jahren. Unversehens ist aus dem Buch, das auf Englisch bereits 2013 herauskam, eine Art Vermächtnis geworden. Obwohl viele der Texte bekannt sind, gibt es auch einige Beiträge, die erstmals ins Deutsche übertragen wurden, etwa Essays über die Fotografen Chris Killip, Ahlam Shibli, Marc Trivier. So leichtfüßig diese jüngeren Texte auch formuliert sind, sie reichen nicht an die Klarheit und Prägnanz der klassischen Beiträge der 1970er und 80er Jahre heran, die Berger zu Recht berühmt machten. Der Band dokumentiert nebenbei den langen Weg, den Berger als Schriftsteller und Intellektueller zurücklegte. Der ausgebildete Maler begann in den frühen 1950er Jahren als Kunstkritiker für den linken englischen New Statesman zu schreiben. Und er wäre wohl ein Journalist geblieben, wenn er nicht 1972 mit seinem Roman G überraschend den renommierten Booker-Preis gewonnen hätte. Einen Teil seines Preisgeldes spendete der bekennende Linke der Black Panther Party in den USA – was einen Skandal hervorrief und eine wichtige Weggabelung in seiner Biografie öffnete. Er verließ England und zog 1973 in ein entlegenes Bergdorf in Frankreich, eine Entscheidung, die sich als  folgenreich auch für seine Themen und Texte erweisen sollte. Berger, der mühelos zwischen den literarischen Genres pendelte, ließ nun die tagespolitischen journalistischen Interventionen weitgehend hinter sich. Er wurde kontemplativer und beschäftigte sich immer stärker mit Fragen der Wahrnehmung, des Sehens, der Kunst. „Erscheinungen“ lautet der Titel seines wohl wichtigsten Essays zur Fotografie, der 1982 erschien. Dieser immer noch faszinierende Text, der Susan Sontag ebenso viel verdankt wie Roland Barthes, trägt den Untertitel: „Die Vieldeutigkeit der Fotografie“. Ein Diktum, das viele seiner Fotoessays seit den 1970er Jahren charakterisieren könnte.

  • Annette Vowinckel: Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert, Göttingen: Wallstein Verlag, 2016, 480 S., 23,5 x 17 cm, zahlreiche Abb. in S/W und Farbe, gebunden, 34,90 Euro

Lange Zeit näherte sich die kunsthistorisch inspirierte Fotografiegeschichte dem Fotojournalismus auf ziemlich einseitige Weise: entweder wurden Kollektionen von Bildern als wertvolle Vintage Prints großer Fotografen wiederentdeckt. Der andere Weg führte über die Aufwertung der Fotografen selbst. Aus ehemals weitgehend unbekannten Zuarbeitern der Medienindustrie wurden nicht selten Starfotografen stilisiert, deren Werk es wert ist monografisch und im Kontext der Kunst vorgestellt zu werden. Beide Wege haben sich, zumindest in dieser Ausschließlichkeit, als Sackgasse erwiesen, vor allem dann, wenn es darum geht, die medienhistorischen und kommerziellen Mechanismen der fotojournalistischen Arbeit in der Praxis genauer zu untersuchen. Annette Vowinckel, Historikerin für Mediengeschichte am Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam, hat mit ihrem Band Agenten der Bilder einen wichtigen Beitrag zur Mediengeschichte des Fotojournalismus vorgelegt. Ihre Recherchen und Ergebnisse tragen viel dazu bei, einen bisher wenig bekannten Blick hinter die Kulissen der Pressefotografie und ihrer Veröffentlichungspraktiken zu werfen. Die Autorin beleuchtet den Fotojournalismus weniger unter dem Aspekt der Kunst als vielmehr jenem der professionellen Netzwerke, die in der Praxis mit den Bildern agierten. Besonders interessant sind ihre Ausführungen zu den Fotoagenturen und zu den bisher wenig bekannten Bildredakteuren, die mehr noch als die oft überschätzten Fotografen wesentliche Entscheidungen am Schnittpunkt zwischen Bildermachen und Bilder veröffentlichen trafen. Schade, dass das gedruckte Endergebnis des Fotojournalismus, die Zeitungen und Magazine, ihre Aufmachung, ästhetische Anmutung, aber auch ihre kommerzielle Verankerung in Verlagen und Medienhäusern, nur gestreift wird. Die abgebildeten Bilder haben über weite Strecken illustrierenden Charakter, es wäre spannend gewesen, den Blick hinter die Kulissen der Medienstrukturen öfter mit konkreten Bildanalysen zu verbinden.

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