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BÜCHER, KURZ VORGESTELLT

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 144, 2017  Auf Facebook teilen

  • Ali Behdad: Camera Orientalis. Reflections on Photography of the Middle East, Chicago, London: The University of Chicago Press, 2016, 208 S., 22,5 x 18 cm, zahlreiche Abb. in S/W und Farbe, kartoniert, 26,49 Euro

Den Eurozentrismus der Fotografiegeschichte kann man daran ermessen, dass in Michel Frizots bekannter Überblicksdarstellung Neue Geschichte der Photographie, die 1994 auf Französisch und 1998 auf Englisch und Deutsch erschien, nur einige wenige Seiten der Reise- und Expeditionsfotografie gewidmet sind. Mit diesem Hinweis beginnt Ali Behdad, Literaturprofessor an der University of  California, Los Angeles, seinen Band zu Fotografie und Orientalismus im Mittleren Osten. Um sogleich hinzuzusetzen, dass sich in den Jahren danach die Forschungslage deutlich gebessert habe. Ali Behdad hat selbst wichtige Publikationen zum Thema beigesteuert. u.a. als Mitherausgeber des Bandes Photography’s Orientalism, 2014, siehe dazu die Rezension in Fotogeschichte, Heft 132, 2014). Sein neuer Band Camera Orientalis, dessen Titel auf Barthes Camera Lucida ebenso wie auf die Pionierstudie Camera Indica zur (kolonialistischen) Fotografie Indiens von Christopher Pinney verweist, ist ein spannend und wichtig, weil es einige lange gültige Grundannahmen der postkolonialistischen Geschichts- und Fotogeschichtsschreibung in Frage stellt: dass der orientalistische (fotografische) Blick ausschließlich im Westen und Norden entwickelt wurde und die Porträtierten eindeutig die Unterdrückten seien. Demgegenüber betont Behdad die engen Austauschbeziehungen im orientalistischen Diskurs, die im simplen Modell von Macht und Ohnmacht nur unzureichend beschrieben sind. Die einheimischen Fotografen, aber auch die lokalen Auftraggeber, Käufer und Händler dieser Bilder verfolgten, in enger Interaktion mit den Vertretern einer europäischen Öffentlichkeit, ihre eigene Agenda. Der Autor weist diese These schlüssig am Beispiel der türkischen und der iranischen Fotografie nach. Letzterer widmet er, ausgehend von seinem iranischen Großvater, der selbst Fotograf war, eine vertiefende Fallstudie.

  • Luke Gartlan: A Career of Japan. Baron Raimund von Stillfried and Early Yokohama Photography, Leiden, Boston: Brill, 2016, 371 S., zahlreiche Abb. in Farbe und S/W, gebunden mit Schutzumschlag, 124 Euro.

Baron Raimund von Stillfried (1839–1911) ist kein Unbekannter in der Fotogeschichte. Insbesondere sein umfangreiches fotografisches Werk, das in den 1870er und 80er Jahren in Japan entstand, wurde immer wieder (meist in kleinen Ausschnitten) in Ausstellungen gezeigt. Sein Werk findet sich in den bekanntesten Fotosammlungen weltweit. Und dennoch sind die zwei Jahrzehnte, die der österreichische, aus Böhmen stammende Fotograf ab 1871 fast durchgehend in Japan zubrachte, noch nicht umfassend untersucht. In seinem gründlich recherchierten, gut geschriebenen und aufwändig illustrierten Buch schließt Luke Gartlan nun diese Lücke. Gartlan verortet das umfangreiche Werk des Fotografen nicht nur in dessen von zahlreichen großen Reisen und vielen Aufbrüchen geprägter Biografie. Er zeigt auch, wie und auf welche Weise Stillfried Zugang zu höchsten japanischen Kreisen (bis hin zum Kaiser) erlangte, wie die kolorierte Fotografie aus seinem Atelier zur Inszenierung der japanischen Gesellschaft beitrug, welche Rolle er bei der Popularisierung der Japan-Bilder in Europa spielte und wie er als Fotohändler und international agierender Geschäftsmann agierte. Beleuchtet wird auch das Verhältnis zu Felice Beato, dessen Fotoatelier er 1877 übernahm. Auf der Basis dieser umfassenden Recherchen wäre es nun spannend, auch die vielen weiteren Foto-Reisen Stillfrieds, die den unermüdlichen Globetrotter in den Jahren nach seiner Rückkehr nach Wien im Jahr 1883 u.a. in die Länder des Balkans, nach Griechenland und an zahlreiche weitere Orte führten, genauer zu untersuchen und auch dieses Material in einer gründlichen Publikation aufzubereiten. Der Abschluss wäre dann eine groß angelegte Stillfried-Ausstellung, die sich nicht mit der Präsentation ausgewählter exotischer Highlights begnügte.

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