Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Anton Holzer

Editorial, Heft 107, 2008

Reportage, Mode, Propaganda
Pressefotografie in der Zwischenkriegszeit

Erschienen in Fotogeschichte 107, 2008

Die Pressefotografie ist in den letzten Jahren im Kunstmuseum angekommen. Eine ganze Reihe von Fotografen (u.a. UMBO, Robert Capa, Weegee, Martin Munkacsi, Erich Salomon und viele andere mehr) werden mittlerweile als Künstlerstars ausgestellt. Ihre Abzüge, die einst dutzendfach als billige Bildware an die Redaktionen gingen, sind mittlerweile teuere Sammlerstücke. Man vergisst allzu leicht, dass die heutigen Stars zu ihrer Zeit einfache Handwerker waren. Ihr Einkommen fiel oft weit hinter jenes der schreibenden Kollegen zurück. Noch in der Zwischenkriegszeit, als die großen Illustrierten, wie etwa die Berliner Illustrirte Zeitung (BIZ), ihre ersten Starfotografen kultivierte, wäre noch niemand auf die Idee gekommen, die Pressefotografie als Kunst zu sehen.

Das vorliegende Themenheft versucht sich dem Taumel des wild gewordenen Kunstmarkts zu entziehen, indem es den schwammigen retrospektiven Elogen konkrete historische Untersuchungen entgegensetzt. Wir haben wir einen schmalen, aber entscheidenden Zeitraum der deutschsprachigen Pressefotografie ausgewählt, die Jahre der späten 1920er und frühen 30er Jahre, um einige Hypothesen und gängige Meinungen in Nahaufnahmen zu überprüfen. Um etwa 1927/28 begann – vor allem in der Pressemetropole Berlin – eine nie da gewesene Blütezeit für den deutschen Fotojournalismus. Sie dauerte freilich nur kurz. Der Machtantritt der Nazis Anfang 1933 läutete das Ende der liberalen und linken Bildpresse ein.

Herbert Molderings blickt in seinem Beitrag hinter die Kulissen der wohl innovativsten Fotoagentur dieser Jahre, der Ende 1928 von Simon Guttmann gegründeten "Dephot" (später Degephot), die u.a. Otto Umbehr (UMBO), Felix H. Man (und für kurze Zeit auch Endre Friedman alias Robert Capa) unter Vertrag hatte. Er rekonstruiert anhand von nicht oder kaum bekanntem Material (u.a. auch Interviewauszügen ehemaligen Mitarbeitern der Agentur, die er vor Jahren geführt hat), ihre Gründungsgeschichte. Er beschreibt sehr plastisch ihre Arbeitsweise und revidiert nebenbei eine Reihe von falschen Annahmen, die über "Dephot" zirkulierten. Randy Kaufman ergänzt diesen Beitrag mit einer Bibliografie aller Dephot-Beiträge in der Berliner Illustrirten Zeitung zwischen 1929 und 1934. Ulrich Keller zeigt, welche konkreten inhaltlichen und ästhetischen Folgen das Jahr 1933 in der deutschen Bildpresse hatte. Er kommt zum Schluss, dass in der Bildsprache der Illustrierten keineswegs, wie oft angenommen, ein abrupter Bruch erfolgte. In einer genauen Lektüre der parteieigenen Presse (Illustrierter Beobachter) und der (ehemals) liberalen Bildpresse kann er nachweisen, dass der Weg von der freien zur angepassten und unterdrückten Berichterstattung weit komplexer und widersprüchlicher ist als bisher angenommen. Auch Adelheid Rasche konstatiert in ihrem Beitrag zur Modefotografie in der illustrierten Presse der 1930er Jahre die enorme ästhetische und inhaltliche Bandbreite der Bildberichte. Vertreibung und Gewalt gingen, so argumentiert sie, mit einem Mode- und Freizeitdiskurs einher, der durchaus Anleihen der Moderne aufgriff, umformte und integrierte.