Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Bücher, kurz vorgestellt

Erschienen in: Fotogeschichte 108, 2008

  • Peter Pfrunder, Fotostiftung Schweiz (Hg.): Theo Frey. Fotografien – Mit Beiträgen von  Theo Frey, Martin Gasser, Klaus Merz, Sabine Münzenmaier und Peter Pfrunder – Zürich: Limmat Verlag, 2008 – Katalog zur gleichnamigen Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz, Winterthur, 1. März bis 24. August 2008 – 30 x 24 cm, 240 S., 177 Abb. in Duoton, gebunden, 42 Euro.

Ausstellung und Katalog stellen das Gesamtwerk des Schweizer Pressefotografen Theo Frey (1908–1997) vor. Um 1933 macht Frey aus der Fotografie seinen Beruf und arbeitet bald für kleinere und größere Schweizer Zeitungen, u.a. die Zürcher Illustrierte und das Magazin Föhn. 1939 realisierte er ein größeres Projekt für die Schweizerische Landesausstellung, 1939 bis 1945 arbeitet er als Armeefotograf, nach 1945 war er vor allem für Hilfsorganisationen tätig. Sein umfangreiches Archiv – 100.000 Negative, 3.500 Kontaktbögen, 21 Belegbücher – gelangte 2005 in die Fotostiftung Schweiz. Das gelungene Ausstellungsprojekt und der ausgezeichnet gestaltete und gedruckte Katalog zeigen einmal mehr, dass die Fotostiftung Schweiz vorbildliche Erschließungsarbeit in der Schweizerischen Fotografiegeschichte leistet.

  • Louis Zweers: Kurt Lubinski. Fotograaf in Exil, Zutphen, Walburg Pers: 2008 – 27,5 x 21 cm, 96 S., mit zahlreichen Abb. in S/W, kartoniert, 19,95 Euro

Der Katalog des niederländischen Fotohistorikers erschien anlässlich einer Ausstellung im Jüdischen Museum Amsterdam (7. März bis 15. Juni 2008). Der in Vergessenheit geratene Pressefotograf Kurt Lubinski (Berlin 1899 – New York 1969) arbeitete Ende der 1920er Jahre v.a. für die Ullstein-Presse: Berliner Illustrirte Zeitung (BIZ), Die Koralle, Der Querschnitt, Die Dame, Die Grüne Post, Tempo, Berliner Morgenpost u.a. Zwischen 1927 und 1932 lieferte er Fotoreportagen aus Afrika, der Sowjetunion, Amerika und der Türkei. 1933 musste der linke, aus einem jüdischen Elternhaus stammende Fotograf fliehen. Er ging zunächst nach England, dann, 1943, in die USA. Der Großteil der erhaltenen Aufnahmen stammt aus dem Ullstein Bildarchiv, Berlin, und der Sammlung Spaarnestad Photo, Haarlem.

  • Dimitri Soulas: Fotografien 1967–1974, hg. von Ulrich Pohlmann – München: Fotomuseum Münchner Stadtmuseum, 2008 (dt./griechisch) – Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Fotomuseum Münchner Stadtmuseum, 29. April bis 6. Juli 2008 – 27 x 27 cm, 227 S., zahlreiche Abb. in S/W, broschiert

Dimitri Soulas, geboren 1938 in Thessaloniki, kam Anfang der 1960er Jahre nach München. Aufgrund seines Engagements gegen die griechische Militärjunta verlor er seinen Arbeitsplatz. 1967, fast zeitgleich mit dem Sturz des Regimes, beschloss er Fotograf zu werden. Er arbeitete für die Fotoagenturen Associated Press und Magnum und veröffentlichte in Münchner Tageszeitungen sowie in Quick und Stern. Das Fotomuseum München besitzt das gesamte, 10.000 Negative umfassende, Archiv des Fotografen. Ausstellung und Katalog stellen den Fotografen erstmals einem größeren Publikum vor und zeigen die Stadt München in oft skurrilen und ungewohnten Schnappschüssen aus den 1970er Jahren.

  • Hans Petschar: Anschluss – „Ich hole Euch heim“. Der „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich. Fotografie und Wochenschau im Dienst der NS-Propaganda. Eine Bildchronologie – Wien: Christian Brandstätter Verlag, 2008 – 27 x 22,7 cm, 207 S., 250 Abb. in S/W, Broschiert – 29,90 Euro

Der Band dokumentiert in Fotografien und Filmbildern die Ereignisse rund um den sog. „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich, der im Frühjahr 1938 stattfand. Das Faszinierende an diesem Band sind die bisher kaum bekannten Bilder. Die Fotografien stammen zum Gutteil aus den Beständen des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek. Der Autor zeigt, dass die „Heimholung“ 1938 eine längere Vorgeschichte hat und dass der einheimische Nationalsozialismus rechtzeitig den Boden für die propagandistisch aufbereitete Staatsaktion bereitet hat. Gejubelt haben 1938 nicht nur Pressefotografen mit ausgeprägten NS-Sympathien wie Lothar Rübelt, sondern auch private Knipser wie etwa der Forstmeister Herbert Glöckler aus Neuberg an der Mürz, der am 15. März 1938 mit seiner Familie nach Wien reiste, um Hitler zuzujubeln – und um diesen „großen Tag“ fotografisch festzuhalten.

  • Das Hitler-Bild. Die Erinnerungen des Fotografen Heinrich Hoffman. Aufgezeichnet und aus dem Nachlass von Joe J. Heydecker. Mit einem Nachwort von Georg Seeßlen. Bildauswahl und Bildkommentare von Milena Greif – St. Pölten: Residenz Verlag, 2008 – 20,5 x 12,5 cm, 247 S., Abb. in S/W, Gebunden mit Schutzumschlag, 22 Euro

Joe J. Heydecker (1916–1997), der sich u.a. als Fotograf des Warschauer Ghetto und als Autor zeit- und kulturgeschichtlicher Bücher einen Namen gemacht hat, traf Heinrich Hoffmann, den Hitler-Fotografen, in den fünfziger Jahren zu mehreren längeren Gesprächen. Diese wurden, ohne Nennung des Namens Heydecker, ab November 1954 als Fortsetzungsserie in der Münchner Illustrierten veröffentlicht. 1974 erschienen die Gespräche – bearbeitet und ohne Zustimmung Heydeckers – unter dem Titel Heinrich Hoffmann – Hitler, wie ich ihn sah in Buchform. Nun erscheinen sie ein zweites Mal, diesmal unter Nennung des wirklichen „Autors“. Hoffmann tischt darin Fakten und Märchen auf, Legenden mischen sich mit Halbwahrem. Eine unappetitliche Lektüre, wenn da nicht das gescheite Nachwort von Georg Seeßlen wäre, das Fragen stellt, die Hoffmann nicht einmal in den Sinn gekommen wären.

  • Joakim Eskildsen: Die Romareisen – Mit einem Vorwort von Günther Grass und einer Einleitung von Cia Rinne und Joakim Eskildsen – Göttingen: Steidl, 2007 – 26,6 x 23,3 cm, 416 S., 326 farbige Tafeln, mit einer CD, Gebunden – 60 Euro.

Roma, Sinti, Cale und weitere ethnische Gruppen, die man gemeinhin unter dem Begriff „Zigeuner“ zusammenfasst, bilden die größte Minderheit Europas. Sie leben völlig verstreut – jede Gruppe in ihrer speziellen Situation, mit ihrer eigenen Sprache und Kultur. Die schwedische Schriftstellerin Cia Rinne und der dänische Fotograf Joakim Eskildsen gingen zwischen 2000 und 2006 auf Reisen, um Roma in sieben verschiedenen Ländern aufzusuchen. Sie blieben häufig für längere Zeit als Gäste bei Familien und tauchten tief in die Lebenswelt dieser Menschen ein. „Die Romareisen“ ist ein sehr persönliches Dokument dieser Begegnungen. Das hervorragend gedruckte und aufgemachte Buch verweigert sich einer simplen folkloristischen Ethnonostalgie. Die Roma, das zeigt dieser Band, leben nicht außerhalb der Zeit. Die Autorin und der Fotograf dokumentieren eine Welt im Umbruch, in der Trainingsanzüge von Nike, moderne Verkehrsmittel und Satelliten-TV selbstverständlich Platz neben archaischen Strukturen haben. Ein schönes, faszinierendes Buch.

  • Jörn Glasenapp: Die deutsche Nachkriegsfotografie. Eine Mentalitätsgeschichte in Bildern – München, Paderborn: Wilhelm Fink Verlag, 2008 – 23 x 16 cm, 413 S. 167 Abb. in S/W, gebunden mit Schutzumschlag, 49,90 Euro

Ausgezeichnete Publikation, die in Form vertiefender Fallstudien einen Überblick über die deutsche Fotografieentwicklung nach 1945 gibt. Fotografiegeschichte ist hier konsequent Kultur- und Gesellschaftsgeschichte. Der Autor liefert eine längst fällige Auseinandersetzung mit manchen Leerstellen und Mythen, etwa in den Kapiteln zu Karl Pawek, Otto Steinert und Leni Riefenstahl. Empfehlenswert!

  • Michael Ponstingl: Wien im Bild. Fotobildbände des 20. Jahrhunderts – Wien: Christian Brandstätter Verlag, 2008 – 21,5 x 21 cm, 204 S., 199 Abb. in Farbe und S/W, kartoniert, 19,90 Euro.

Fotobücher als Gesellschaftsgeschichte – der Autor bietet einen fundierten Überblick am Beispiel Wien.  Und er zeigt eindrucksvoll, wie der Kampf um die visuelle Deutungshoheit der Stadt sich im Medium Bildband niederschlägt. Schade, dass die Abbildungen teilweise ein wenig klein geraten sind. Gute Bibliografie.

  • Herbert Molderings: Die Moderne der Fotografie – Hamburg: Philo Fine Arts/EVA Europäische Verlagsanstalt, 2008 – 23,5 x 18 cm, 447 S., zahlreiche Abb. in S/W, gebunden mit Schutzumschlag, 48 Euro.

Essays und Aufsätze des Autors aus den Jahren 1976 bis 2005 ergeben ein beeindruckendes Panorama zur Fotografie der Moderne. Gemeinsam ist den Texten, dass sie fundierte Material- bzw. Quellenstudien mit theoretischer Analyse verbinden. Ein wichtiges Buch, das auf Jahre hin zum Grundgerüst der Fotohistoriker gehören wird.

  • Jewegeni Chaldej: Der bedeutende Augenblick, hg. von Ernst Volland und Heinz Krimmer – Mit Texten von David Shneer, Peter Jahn, Jewgeni Chaldej, Ernst Volland und Bernd Hüppauf – Leipzig: Neuer Europa Verlag, 2008 – Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin, 9. Mai bis 28. Juli 2008 – 26 x 22 cm, 208 S., zahlreiche Abb. in S/W, gebunden, 29,90 Euro.

Mitte der 1990er Jahre, kurz vor seinem Tod, war Jwegeni Chaldej (1916-1997) zum ersten Mal im Westen entdeckt worden – als bekanntester sowjetischer Kriegsfotograf des Zweiten Weltkriegs. Nun, 15 Jahre später, werfen Ausstellung und Katalog einen neuen Blick auf seine Bilder und zeigen auch neue, bisher nicht gezeigte Fotos. Merkwürdig, dass seine monumentalen  Propagandabilder (Immer wieder Stalin) der Jahre nach 1945 nicht stärker politisch kontextualisiert werden.