Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Oskar Verant

Die Bewegungsdarstellung in der Fotografie des 19. Jahrhunderts – von der wissenschaftlichen Analyse zum künstlerischen Ausdruck

Diplomarbeit – Universität Innsbruck, Institut für Kunstgeschichte, Ao.- Univ.- Prof. Dr. Christoph Bertsch – Beginn: November 2008 – Art der Finanzierung: privat – Kontaktadresse: info(at)kontrast.it - www.kontrast.it

Erschienen in: Fotogeschichte 116, 2010

Die rasante Entwicklung der Fotografie im 19. Jahrhundert ist vor allem auf die unermüdliche Arbeit einiger Fotopioniere zurückzuführen, die oft nicht nur ihr Vermögen, sondern, im Umgang mit den giftigen Chemikalien, auch ihre Gesundheit in den Dienst der Wissenschaft stellten. Ein Hauptaugenmerk der Forschungen wurde dabei auf die Verkürzung der Belichtungszeit gelegt, da dies für die fotografische Aufnahme von bewegten Objekten unabdingbar war. Inhalt dieser Diplomarbeit ist es, die Entwicklung der verschiedenen Bewegungsstudien aufzuzeigen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen ihnen zu analysieren um schließlich den Einfluss der wissenschaftlichen Bewegungsstudien auf die Kunst im Allgemeinen und die Fotografie des 20. und 21. Jahrhunderts im Speziellen aufzuzeigen.

Stellvertretend für den wissenschaftlichen Zugang zur Bewegungsfotografie werden unter anderem Eadweard Muybridge in den USA, Ètienne Jules Marey in Frankreich und das Ehepaar Gilbreth in England genannt. Während sich Muybridge anfangs vor allem den Bewegungsabläufen von Rennpferden widmete, beschäftigte sich in Frankreich Marey mit der fotografischen Aufzeichnung menschlicher Bewegungen. In England wiederum versuchte das Frank und Lilian Gilbreth die Effektivität der industriellen Produktion zu steigern, indem sie die zur Fertigung nötigen Handbewegungen fotografisch aufzeichneten und analysierten. Aus dieser wissenschaftlichen Analyse der Bewegungsabläufe sollten Vorteile für die Pferdezucht gewonnen, die Rentabilität der Arbeitskräfte gesteigert, oder genauere Daten zur Produktion von medizinischen Prothesen evaluiert werden; ein künstlerischer Zugang wird ihnen dabei kaum zugestanden.

Das rege Interesse an der Chronofotografie, die in mehreren Zeitschriften veröffentlicht wurde, erklärt sich u.a. dadurch, dass es gelungen war, Bewegungen sichtbar zu machen, die mit bloßem Auge nicht wahrnehmbar waren. Die Zeit der industriellen Revolution hat nicht nur gesellschaftliche und wirtschaftliche Veränderungen mit sich gebracht; die Menschen wurden mit einer Reihe von neuen Impulsen konfrontiert, die die bisher gewohnte Wahrnehmungsweise grundlegend veränderten. Die Eisenbahn, die gläserne Architektur des Chrystal Palace und die Entwicklung der Fotografie zum Massenmedium stehen in der Abfolge einer allgemeinen Veränderung der Wahrnehmung in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts. Genauso wie die Eisenbahn das Zeitgefühl und die Glasarchitektur das Raumgefühl der Menschen veränderte, so veränderte die Moment- und Chronofotografie die Kunstrezeption der Menschen.

Zur Jahrhundertwende wurde die Langzeitbelichtung erstmals als künstlerische Ausdrucksform verwendet. Die Tänzerin Loie Fuller ließ sich während ihrer Tanzaufführungen unter anderem von Eugène Druet, fotografieren. In seinen Fotografien stand nicht mehr die absolut scharfe Abbildung des Menschen im Vordergrund, sondern die Darstellung eines Bewegungsablaufes, die großteils aus Unschärfe besteht und einen gespenstischen Eindruck des Menschen vermittelt. Passend zu dem okkulten Weltbild der Jahrhundertwende. Die italienischen Brüder Anton Giulio und Arturo Bragaglia wehrten sich zwar dagegen, ihren „Fotodynamismus“ in einem Atemzug mit Mareys Arbeit zu nennen; aufnahmetechnische Parallelen sind allerdings ersichtlich. Sie bedienten sich der Langzeitbelichtung um eine Bewegung in all ihren verschiedenen Momenten zu zeigen und nicht, wie Marey, einen kontinuierlichen Bewegungsfluss darzustellen. Und schließlich kannte auch Marcel Duchamp die Bewegungsstudien von Marey und wahrscheinlich auch die „fliegenden Pferde“ Muybridges, als er 1911/1912 das Bild „Akt, eine Treppe herabsteigend Nr. 2“ malte. Die fotografische Bewegungsdarstellung ist nicht nur als wichtiger Bestandteil der Wahrnehmungsveränderung im ausgehenden 19. Jahrhunderts zu sehen, sondern ist auch für viele Fotografen Ausgangspunkt für eine künstlerische Ausdrucksweise geworden.

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